Schallwellen gegen das Zittern

Ultraschall gegen Tremor
Behandlung des ersten Tremor-Patienten mit dem deutschlandweit ersten Gerät für Magnetresonanz gesteuerten, hoch fokussierten Ultraschall innerhalb des Schädels. (© Neurologie / UK Bonn)

Ein Leben ohne Zittern – für Tremorpatienten ein scheinbar unerreichbarer Traum – soll nun Dank neuer Technologie möglich werden.

Eine handschriftliche Unterschrift, ein Löffelchen Zucker in den Tee oder einfach wieder einmal eine Weste ohne Probleme zuknöpfeln können: Für Patienten mit schwerem therapieresistenten Tremor werden diese Alltäglichkeiten zu unerreichbaren Zielen, denn ihre Hände zittern zu stark.

MR-gesteuerter Ultraschall

Eine neue Methode, die am Universitätsklinikum Bonn entwickelt wurde, schenkt nun Hoffnung. Hier wurde kürzlich ein System zur Anwendung von Magnetresonanz-gesteuertem, hoch fokussiertem Ultraschall im Gehirn in Betrieb genommen. Die Bonner Ärzte nutzen das deutschlandweit erste Gerät dieser Art bei schwerem, nicht-therapierbarem essentiellem Tremor und Parkinson Tremor – gezielt und ohne den Schädel zu öffnen. Und das mit ausgezeichneten Ergebnissen.

Punkt für Punkt gegen das Zittern

Was passiert genau in der "Röhre"?

  • Die Behandlung dauert etwa drei Stunden.
  • Der Patient ist während des Eingriffs wach; er trägt eine Art Helm mit integrierter Wasserkühlung für das Schädeldach.
  • Hochintensive Schallwellen schalten von außen jene Areale im Gehirn ab, die das Zittern verantworten.
  • Von 1.024 Positionen aus werden Ultraschallwellen – jede für sich ungefährlich für das Hirngewebe – punktgenau auf den Zielpunkt gesendet und dort wie bei einem Brennglas gebündelt.
  • Für die dafür notwendige hochpräzise Lokalisation sorgt die mit Hilfe der Magnetresonanztomografie (MRT) gesteuerte Neuronavigation, damit nur der gewünschte Bereich in der Tiefe des Gehirns inaktiviert wird.

+++ Mehr zum Thema: Was hilft bei Panik in der MR-Röhre? +++

"Wo der ideale Zielpunkt ist, können wir durch MR-kontrollierte Energiesteigerung bei der Behandlung gefahrlos testen", erklärt Prof. Dr. Ullrich Wüllner, Leiter der Sektion Bewegungsstörungen an der Klinik für Neurologie des Universitätsklinikum Bonn. So tastet sich das Team aus Neurologen, Radiologen und Neurochirurgen Schritt für Schritt vor und prüft, ob der Tremor wie gewünscht abnimmt. Ist ein Zielpunkt gefunden, wird die Temperatur bis auf etwa 55 bis 60 Grad Celsius gesteigert. Nur dort wird das Hirngewebe zerstört. 

Vielversprechend, aber nicht ohne Risiko

Die Vorteile des neuen Verfahrens:

  • Durch die Kombination aus fokussierten Ultraschall und MR-Steuerung lässt sich während des Eingriffs an einer Kopfhälfte das Händezittern auf der entgegengesetzten Körperseite signifikant verbessern. 
  • Der Schädel muss nicht wie bei der Tiefen Hirnstimulation zur Implantation von Elektroden geöffnet werden. 
  • Das ist insbesondere wichtig bei Patienten mit erhöhtem OP-Risiko oder für diejenigen, die eine Tiefenhirnstimulation aufgrund des dafür erforderlichen chirurgischen Eingriffs ablehnen.

Die Nachteile:

  • Anders als bei der Tiefenhirnstimulation ist die Inaktivierung des Hirngewebes  nicht reversibel.
  • Eine beidseitige Behandlung des Tremors mit MRgFUS könnte nach derzeitigen Erkenntnissen möglicherweise mit einem erhöhten Risiko für Sprechstörungen verbunden sein.

Fallstudie: Wieder mehr Selbständigkeit im Alltag

Seit etwa 30 Jahren litt Klaus J. unter starkem Zittern der Hände, des Kopfs und der Stimme. Die Bewegungsstörung liegt bei dem 70-Jährigen in der Familie. Neben starken beruflichen Einschränkungen zog er sich im Privatleben – trotz Versuche soziale Kontakte aufrechtzuerhalten – immer mehr zurück. Denn er konnte beispielsweise nur mit Schwierigkeiten essen, trinken war nur mit einem Strohhalm möglich. Allein an ein Essen im Restaurant war nicht zu denken. "Aber meine Frau und ich hatten uns trotzdem gut eingerichtet. Den Eingriff habe ich für meine Kinder gewagt. Ich wollte ihnen für den Fall X zeigen: Es gibt eine greifbare Lösung", sagt der Familienvater von zwei Kindern und vier Enkelkindern.

Jetzt erfreut er sich an seiner zurückgewonnen Lebensqualität – gerade auch bei den vermeintlich kleinen Dingen wie der morgendlichen Nassrasur.

"In 25 Jahren Neurologie habe ich es noch nicht erlebt, wie eine so starke Bewegungsstörung so deutlich gebessert werden kann. Ich halte die Methode für bahnbrechend und glaube, dass man vielen Betroffenen damit grundsätzlich helfen kann, aber auch viel über die Entstehung des essentiellen Tremors lernen wird", sagt der klinische Studienleiter Prof. Wüllner.

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Redaktionelle Bearbeitung:
Nicole Kolisch, Silke Brenner

Stand der Information: Juli 2018
Quellen

Universitätsklinikum Bonn, https://www.uni-bonn.de/neues/200-2018

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