Interstitielle Zystitis (Interstitielle Cystitis , Chronisches Blasenschmerz-Syndrom, IC, BPS)

Interstitielle Zystitis
Die Ursachen für IC sind noch weitgehend unbekannt. (RyanKing999 / iStockphoto)

Die interstitielle Zystitis ist eine nicht-infektiöse Harnblasenerkrankung, die mit Schmerzen, häufigem Wasserlassen und starkem Harndrang einhergeht. Die Ursachen sind weitgehend unbekannt. Dennoch gibt es verschiedene Behandlungsmethoden, um die Beschwerden zu lindern.

Kurzfassung:

  •  Die interstitielle Zystitis ist eine nicht-infektiöse chronische Erkrankung der Harnblase.
  • Typische Symptome sind Schmerz, häufiges Wasserlassen und Harndrang.
  • Im Gegensatz zu einer Harnblasenentzündung können keine Bakterien, Viren oder Pilze als Krankheitsursache nachgewiesen werden.
  • Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer.
  • IC ist eine schwer zu diagnostizierende und daher auch selten diagnostizierte Erkrankung, die Dunkelziffer ist unbekannt.
  • Die Behandlung einer IC muss individuell auf den jeweiligen Patienten abgestimmt werden.

Was ist eine interstitielle Zystitis?

Die interstitielle Zystitis ist definiert als eine nicht-infektiöse chronische Harnblasenerkrankung, die mit Schmerzen, häufigem Wasserlassen und starkem Harndrang einhergeht.

Der Krankheitsprozess spielt sich in der Harnblasenwand ab: In einer gesunden Harnblasenwand ist die oberste Zellschicht (Urothel) von einer Schutzschicht (Glykosaminoglykan-Schicht, GAG-Schicht) bedeckt. Diese verhindert das Eindringen aggressiver Urinsubstanzen in tiefere Schichten und ist gleichzeitig wasserabstoßend.

Bei der IC ist diese Schutzschicht aus bisher unbekannten Gründen verletzt oder gänzlich zerstört. Zudem ist eine Veränderung des Urothels nachweisbar. Reizende Substanzen können daher in tiefere Schichten der Harnblasenwand vordringen und dort Entzündungsreaktionen hervorrufen. Durch die Stimulation der Nervenbahnen in der Harnblase kommt es zu Schmerzen (sensorische Nerven) und einer Kontraktion der Harnblasenwand (motorische Nerven) mit einer in der Folge eingeschränkten Blasenkapazität.

Die Ursachen sind noch weitgehend unbekannt. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass ein initial vorliegender Immun- oder Barrieredefekt in der Schleimhaut der Harnblase ausschlaggebend für die Entstehung einer IC ist. Dieser Schleimhautdefekt verändert die Barrierefunktion und führt letztlich zu einer chronischen Entzündung, die allmählich alle Schichten der Harnblasenwand betreffen kann.

Wer ist betroffen?

Grundsätzlich können Frauen und Männer jeden Alters betroffen sein, 90% aller IC-Patienten sind jedoch weiblich. Die Zahl der Erkrankten wird auf ca. 60/100.000 Frauen geschätzt. Am häufigsten tritt die Erkrankung bei Personen mittleren Alters auf – die meisten Patienten sind beim Auftreten der ersten Symptome zwischen 30 und 50 Jahre alt. Dennoch können auch Kleinkinder und Jugendliche an IC erkranken.

Welche Symptome können auftreten?

Die Schwere der Symptome führt bei vielen Patienten zu einem enormen Leidensdruck. Betroffene sind in ihrer Lebensqualität oft stark eingeschränkt, soziale Isolation bis hin zur Erwerbsunfähigkeit können die Folge sein.

  • Blasen- und Unterbauchschmerz
  • Plötzlicher heftiger Harndrang
  • Häufige (bis zu 60) Toilettengänge am Tag (Pollakisurie) und in der Nacht (Nykturie)
  • Geringe Harnmenge pro Toilettengang
  • Häufige Begleiterkrankungen: Reizdarmsyndrom, Fibromyalgie, allgemeine Erschöpfung, funktionelles somatisches Syndrom, neurologische, rheumatologische und mentale Erkrankungen

Wie stellt der Arzt die Diagnose?

Eine interstitielle Zystitis ist schwer zu diagnostizieren und bleibt in vielen Fällen über Jahre oder sogar Jahrzehnte unerkannt. Das liegt vor allem daran, dass eine IC insbesondere am Beginn der Erkrankung wie eine akute, später wie eine chronische Harnblasenentzündung erscheint. Da in vielen Fällen tatsächlich zusätzlich eine „normale“ Harnblasenentzündung (Superinfektion) vorliegt, verschleiert diese die eigentliche Erkrankung. Zusätzlich hat die IC einen geringen Bekanntheitsgrad.

Die Diagnostik einer IC ist aufwendig und beruht auf mehreren Säulen:

  • Erhebung der Krankengeschichte (Anamnese)
  • Analyse des Miktions- und Schmerztagebuchs
  • Körperliche Untersuchung
  • Andere Erkrankungen, die ähnliche Symptome hervorrufen, müssen ausgeschlossen werden (z.B. Blasenkrebs wie Carcinoma in situ, chronische Prostatitis ).
  • Urinuntersuchung: fehlender Nachweis von Bakterien, Viren oder Pilzen; Harnzytologie
  • Restharnmessung
  • Harnblasenspiegelung (Zystoskopie): Abwesenheit klassischer Entzündungszeichen. Eindeutige Veränderungen der Harnblasenwand sind zu Beginn der Erkrankung oft noch nicht nachweisbar. Sternförmige, im Zentrum intensiv rote, teils blutige Flecken treten erst im weiteren Verlauf der Erkrankung auf (sog. „Hunner’sche“ Läsionen).
  • Harnblasendehnungstest in Narkose (Distension, Blasenfüllung < 250 ml)
  • Untersuchung von Scheide/Prostata
  • Ultraschall der ableitenden Harnwege

In manchen Fällen zusätzlich notwendig:

  • Kaliumchlorid-Test
  • Biopsie aus der Harnblasenwand
  • Harnblasendruckmessung (Zystomanometrie)

+++ Mehr zum Thema: Behandlung der interstitiellen Zystitis +++

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Autoren:

Medizinisches Review:
Dr. Sebastian Lenart
Redaktionelle Bearbeitung:
Mag. Julia Wild

Stand der medizinischen Information:
Quellen

Patientenleitlinie „Diagnostik und Therapie der Interstitiellen Zystitis (IC/BPS)“, Stand 15.09.2018; https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/043-050p_S2k_Diagnostik_Therapie_Interstitielle_Cystitis_2018-10.pdf (letzter Zugriff am 08.05.2019)

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