Cyclophosphamid

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Benjamin Clanner-Engelshofen

Benjamin Clanner-Engelshofen ist freier Autor in der NetDoktor-Medizinredaktion. Er studierte Biochemie und Pharmazie in München und Cambridge/Boston (USA) und merkte dabei früh, dass ihm die Schnittstelle zwischen Medizin und Naturwissenschaft besonders viel Spaß macht. Deshalb schloss er noch ein Studium der Humanmedizin an.

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Cyclophosphamid ist ein Zytostatikum und wird zur Behandlung von Krebs und schweren Autoimmunerkrankungen eingesetzt. Es soll helfen, diese schweren Erkrankungen schnell in den Griff zu bekommen, wird aber im weiteren Verlauf oft wegen seiner eigenen Giftigkeit durch andere Wirkstoffe ersetzt. Lesen Sie mehr zu Wirkung und Anwendung von Cyclophosphamid, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen!

So wirkt Cyclophosphamid

Cyclophosphamid ist ein sogenanntes "Prodrug": Es wird erst im Körper in die wirksame Form umgebaut, hauptsächlich in der Leber. Diese wirksame Form wird dann über das Blut durch den Körper transportiert und erreicht so die verschiedenen Gewebe.

Je nach Art des Gewebes und seiner Enzym-Ausstattung wirkt Cyclophosphamid mehr oder weniger giftig auf die Zellen. Im Weichteilgewebe, Nervengewebe und in Blutvorläuferzellen wird es weniger gut entgiftet und kann somit gegen das ungehemmte Wachstum, wie es bei Krebserkrankungen auftritt, wirken.

Es dringt in die Zellen ein und zerfällt dann zu zwei sehr giftigen Zerfallsprodukten, welche die Enzyme der Zelle und vor allem auch das Erbgut angreifen und schädigen. Das so veränderte Erbgut kann nicht mehr korrekt abgelesen und kopiert werden, was die Zellteilung erschwert oder bestenfalls verhindert. Dies betrifft natürlich besonders sich schnell teilende Zellen wie Krebszellen.

In niedriger Dosierung hat Cyclophosphamid immunsuppressive Eigenschaften, kann also Immunreaktionen unterdrücken. Das wird zur Behandlung von zahlreichen Autoimmunerkrankungen ausgenutzt, wenn diese auf besser verträgliche Medikamente nicht ansprechen.

Cyclophosphamid ist verwandt mit dem chemischen Kampfstoff Senfgas.

Aufnahme, Abbau und Ausscheidung

Über den Mund eingenommenes Cyclophosphamid wird vollständig über den Darm in die Blutbahn aufgenommen. In der Leber wird es aktiviert - so wie auch als Injektion oder Infusion verabreichtes Cyclophosphamid - und anschliessend wieder ins Blut abgegeben, über das es zu seinem Wirkort gelangt.

Der Wirkstoff wird hauptsächlich über die Nieren mit dem Urin ausgeschieden. Rund sieben Stunden (Erwachsene) bzw. vier Stunden (Kinder) nach der Verabreichung ist er etwa zur Hälfte wieder ausgeschieden (Halbwertszeit).

Wann wird Cyclophosphamid eingesetzt?

Präparate mit dem Wirkstoff Cyclophosphamid sind zugelassen für:

  • verschiedene Krebserkrankungen wie Leukämie ("Blutkrebs"), Brustkrebs, Eierstockkrebs, Lungenkrebs, Knochenkrebs sowie Krebserkrankungen des Lymphsystems und des zentralen Nervensystems
  • die Vorbereitung einer Knochenmarkstransplantation
  • die Behandlung von bestimmten Autoimmunerkrankungen (wie Lupus erythematodes, Vaskulitis, Sklerodermie)

Aufgrund der Nebenwirkungen wird die Therapie so kurz wie möglich gehalten.

So wird Cyclophosphamid angewendet

Cyclophosphamid wird üblicherweise direkt als Infusion oder Injektion verabreicht. Die Infusionsdauer beträgt etwa eine halbe bis zwei Stunden. Bei einigen wenigen Therapie-Schemata kann der Wirkstoff auch in Form von Tabletten gegeben werden. Diese werden morgens mit viel Flüssigkeit eingenommen.

Bei jeder Krebsbehandlung mittels Chemotherapie ist es wichtig, dass sich der Patient sehr genau an den vom Arzt erstellten Therapieplan hält.

Besprechen Sie die Einnahme weiterer Medikamente, auch von Nahrungsergänzungsmitteln, Vitaminen und pflanzlichen Präparaten, stets mit Ihrem behandelnden Arzt, wenn Sie Zytostatika wie Cyclophosphamid erhalten!

Welche Nebenwirkungen hat Cyclophosphamid?

Wie alle Zytostatika hat Cyclophosphamid zahlreiche Nebenwirkungen, die meist dosisabhängig stärker oder schwächer ausgeprägt sind.

Bei mehr als zehn Prozent der mit Cyclophosphamid behandelten Patienten wird die Blutbildung im Knochenmark unterdrückt. Die Anzahl der Blutzellen ist dadurch vermindert, das Immunsystem unterdrückt (erhöhte Infektanfälligkeit!). Ausserdem kommt es oftmals zu Haarausfall, Blasenentzündung, Blut im Urin und Fieber.

Häufige Nebenwirkungen sind auch Infektionen, Appetitlosigkeit, Entzündungen der Mundschleimhaut, Durchfall, Erbrechen, Übelkeit, Verstopfung, Leberfunktionsstörungen, Störung der Spermienbildung in den Hoden, Schüttelfrost, Schwäche, Müdigkeit und Unwohlsein.

Ausserdem ist die Wundheilung während der Therapie eingeschränkt.

Bei einem kleinen Prozentsatz der behandelten Patienten entwickelt sich ein sogenanntes sekundäres Malignom - ein Tumor aufgrund der Behandlung mit Cyclophosphamid.

Cyclophosphamid schädigt auch die Zellen der Keimbahn (Eizellen und Spermien) massiv. Vor der Therapie sollte daher erwogen werden, Keimzellen für einen eventuellen späteren Kinderwunsch entnehmen zu lassen.

Einige Nebenwirkungen wie die Übelkeit lassen sich mit der Einnahme spezifischer Wirkstoffe abmildern oder sogar ganz verhindern.

Was ist bei der Behandlung mit Cyclophosphamid zu beachten?

Gegenanzeigen

Cyclophosphamid darf nicht eingesetzt werden bei:

  • bekannter Überempfindlichkeit gegenüber dem Wirkstoff oder einem der anderen Bestandteile des Medikaments
  • schwerer Beeinträchtigung der Knochenmarkfunktion
  • Blasenentzündung
  • Harnabflussbehinderungen
  • bestehenden Infektionen

Wechselwirkungen

Cyclophosphamid kann mit vielen anderen Arzneistoffen in Wechselwirkung treten - besonders mit solchen, die in der Leber ab- oder umgebaut werden und damit die Aktivierung von Cyclophosphamid beeinflussen können. Beispiele:

Bestimmte Medikamente können die Aktivierung von Cyclophosphamid hemmen und so dessen Wirksamkeit vermindern. Zu diesen Medikamenten zählen zum Beispiel Mittel gegen Pilzinfektionen (wie Fluconazol, Itraconazol), manche Antibiotika (wie Chloramphenicol, Ciprofloxacin, Sulfamethoxazol) und andere Zytostatika (wie Busulfan, Thiotepa).

Umgekehrt gibt es auch Medikamente, welche die Aktivierung von Cyclophosphamid steigern und dadurch das Risiko für Nebenwirkungen erhöhen. Beispiele für solche Arzneistoffe sind Mittel gegen Epilepsie und Krampfanfälle (wie Phenobarbital, Carbamazepin, Phenytoin), HIV-Medikamente (Protease-Hemmer wie Ritonavir), das Gicht-Mittel Allopurinol, Cimetidin (Mittel gegen Sodbrennen) und das Schlafmittel Chloralhydrat.

Die Kombination von Cyclophosphamid mit Bluthochdruckmitteln (ACE-Hemmer wie Ramipril, Enalapril) und Entwässerungsmitteln (wie Hydrochlorothiazid, HCT) kann das blutbildende System und das Immunsystem stark schädigen.

Altersbeschränkung

Nach strenger Nutzen-Risiko-Abwägung durch den Arzt können auch Kinder, Jugendliche, Patienten mit Nieren- oder Leberfunktionsstörung sowie ältere Patienten mit Cyclophosphamid in entsprechend reduzierter Dosierung behandelt werden.

Schwangerschaft und Stillzeit

Während der Therapie und bei Männern auch bis zu sechs Monate danach muss strikt für eine sichere Empfängnisverhütung gesorgt werden, da Cyclophosphamid zu Erbgutschäden der Keimzellen führt. Diese können Fehlgeburten und Geburtsdefekte nach sich ziehen.

Aus dem gleichen Grund dürfen Schwangere und Stillende nicht mit Cyclophosphamid behandelt werden. Ausgenommen hiervon sind im Einzelfall akut lebensbedrohliche Zustände, die ein sofortiges medizinisches Eingreifen erfordern.

Der Einsatz von Cyclophosphamid ist in der Schwangerschaft und Stillzeit ist generell Spezialisten vorbehalten.

So erhalten Sie Medikamente mit Cyclophosphamid

Die Injektionen und Infusionen werden direkt von einem Arzt im Krankenhaus verabreicht. Die für die ambulante Therapie benötigten Cyclophosphamid-Tabletten können in Deutschland, Österreich und der Schweiz rezeptpflichtig über die Apotheke bezogen werden.

Seit wann ist Cyclophosphamid bekannt?

Cyclophosphamid wurde in den 1950er Jahren entwickelt - auf der Suche nach Abkömmlingen des Senfgases. Das 1962 erteilte Patent ist inzwischen ausgelaufen, jedoch wird der Wirkstoff Cyclophosphamid nach wie vor nur von einem pharmazeutischen Anbieter hergestellt.

Autoren- & Quelleninformationen

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Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Autor:
Benjamin Clanner-Engelshofen
Benjamin Clanner-Engelshofen

Benjamin Clanner-Engelshofen ist freier Autor in der NetDoktor-Medizinredaktion. Er studierte Biochemie und Pharmazie in München und Cambridge/Boston (USA) und merkte dabei früh, dass ihm die Schnittstelle zwischen Medizin und Naturwissenschaft besonders viel Spaß macht. Deshalb schloss er noch ein Studium der Humanmedizin an.

Quellen:
  • Aktories, K. et al.: Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie, 11. Auflage, Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH, 2013.
  • Karow, T. et Lang-Roth, R.: Allgemeine und Spezielle Pharmakologie und Toxikologie, Thomas Karow Verlag, 29. Auflage, 2021.
  • Pharmakovigilanz und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie der Charité-Universitätsmedizin Berlin: Cyclophosphamid, unter: www.embryotox.de (Abruf: 29.12.2021).
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