Carbamazepin

Von Lisa Hein
Aktualisiert am
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Carbamazepin gehört zu den wichtigsten Mitteln gegen Epilepsie. Es wird jedoch auch bei anderen Krankheitsbildern wie neuropathischen Schmerzen eingesetzt. Carbamazepin kann mit vielen anderen Medikamenten in Wechselwirkung treten. Deshalb müssen Patienten während der Behandlung sehr gut durch Arzt und Apotheker betreut werden. Hier lesen Sie alles Wichtige über Carbamazepin!

So wirkt Carbamazepin

Carbamazepin senkt als Antiepileptikum die Übererregbarkeit der Nervenzellen, indem es bestimmte Ionenkanäle in den Zellmembranen blockiert. Das senkt die Gefahr eines epileptischen Anfalls.

Das menschliche Nervensystem wird durch bestimmte Botenstoffe (Neurotransmitter) aktiviert oder gehemmt. Normalerweise werden diese Botenstoffe entsprechend der äusseren Umstände ausgeschüttet und gewährleisten so eine angemessene Reaktion des Körpers auf verschiedene Situationen wie Verletzungen, Stress oder Ruhe.

Bei Erkrankungen des Nervensystems kann dieses kontrollierte Gleichgewicht gestört sein. So können durch eine genetische Veranlagung oder auch durch Verletzungen des Gehirns die Erregung verstärkt oder die Hemmung vermindert sein. Die Folge: Das Nervensystem des Gehirns ist übererregbar - es kann zu epileptischen Krampfanfällen kommen.

Übererregbare (geschädigte) Nerven sind auch die Ursache von neuropathischen Schmerzen (Nervenschmerzen) wie der Trigeminusneuralgie. Auch hier wirkt sich die Blockade der Ionenkanäle durch Carbamazepin positiv aus.

Aufnahme, Abbau und Ausscheidung

Carbamazepin wird relativ langsam, aber vollständig aus dem Darm ins Blut aufgenommen. Die Wirkung tritt nach vier bis 16 Stunden ein. Daraufhin erfolgen der Abbau in der Leber und die Ausscheidung über die Niere (mit dem Urin) und den Darm (mit dem Stuhl). Nach etwa 16 bis 24 Stunden hat die Hälfte der aufgenommenen Carbamazepin-Dosis den Körper wieder verlassen.

Wann wird Carbamazepin eingesetzt?

Die Anwendungsgebiete (Indikationen) von Carbamazepin sind:

  • Krampfanfälle (Epilepsie) diverser Genese
  • Nervenschädigung bei Zuckerkrankheit (diabetische Neuropathie)
  • Trigeminusneuralgie (starke, einseitige Gesichtsschmerzen)
  • Genuine Glossopharyngeus-Neuralgie (heftige Schmerzattacken im Innervationsgebiet des IX. und X. Hirnnervs)
  • Nicht-epileptische Anfälle bei Multipler Sklerose
  • Anfallverhütung beim Alkoholentzugs-Syndrom
  • Vorbeugung manisch-depressiver Phasen bei bipolarer Störung, wenn Lithium unzureichend wirkt

So wird Carbamazepin angewendet

Carbamazepin wird in Form von Tabletten, Tabletten mit verzögerter Wirkstofffreisetzung (Retard-Tabletten) und Säften angewendet. Das Medikament wird normalerweise mit viel Flüssigkeit (am besten einem grossen Glas Wasser) zu oder nach dem Essen eingenommen.

Die Dosierung wird individuell für jeden Patienten festgelegt. In der Regel beginnt man mit 200 Milligramm täglich. In der Folge kann die Dosis langsam auf bis zu 1200 Milligramm gesteigert werden. Kinder, Jugendliche, ältere Patienten, Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und solche mit  Nieren- oder Leberfunktionsstörungen erhalten eine niedrigere Dosis.

Der Arzt sollte gerade in der Anfangsphase den Behandlungserfolg intensiv kontrollieren, um mit dem Patienten gemeinsam die passende Dosis zu finden. Gerade zu Beginn der Therapie können dafür häufigere Serumspiegel-Kontrollen notwendig sein.

Patienten sollten vor einer Carbamazepin-Behandlung einen Gentest durchführen lassen, da es zahlreiche Hinweise darauf gibt, dass bestimmte Nebenwirkungen gehäuft bei bestimmten genetischen Veränderungen auftreten. Wenn diese vorher ausgeschlossen wurden, liegt das Risiko für manche Nebenwirkungen deutlich niedriger.

Welche Nebenwirkungen hat Carbamazepin?

Sehr häufig, das heisst bei mehr als zehn Prozent der Behandelten, kann Carbamazepin Nebenwirkungen in Form von Schwindel und Müdigkeit auslösen. Häufig (bei einem bis zehn Prozent der Patienten) kommt es zu allergischen Reaktionen, Veränderungen des Blutbildes und der Leberfunktion, Verringerung der Blutsalze und Magen-Darm-Problemen.

Gelegentlich, also bei weniger als einem Prozent der Behandelten, ruft Carbamazepin unwillkürliche Bewegungen, Nieren- oder Herzfunktionsstörungen, Kopfschmerzen und Verwirrtheit hervor. Noch seltener entwickeln sich Sehstörungen und Sprechstörungen.

Was ist bei der Einnahme von Carbamazepin zu beachten?

Gegenanzeigen

Carbamazepin darf nicht eingenommen werden bei:

  • Überempfindlichkeit gegenüber dem Wirkstoff oder einen der anderen Bestandteile des Medikaments
  • Knochenmarksschädigung
  • bestimmter Herzrhythmusstörung (AV-Block)
  • bestimmter Blutbildstörung (akute intermittierende Porphyrie)
  • gleichzeitiger Einnahme von Voriconazol (gegen Pilzerkrankungen) oder MAO-Hemmern (gegen Parkinson oder Depressionen)

Carbamazepin darf nur nach strenger Nutzen-Risiko-Abwägung angewendet werden, wenn Blutbildungsstörungen, ein gestörter Natrium-Stoffwechsel oder Herz-, Nieren- oder Leberfunktionsstörungen vorliegen.

Wechselwirkungen

Carbamazepin ist sehr anfällig für Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten. Es ist ein intensiver Induktor von CYP3A4 - fördert also stark die Bildung dieses Enzyms, das an der Verstoffwechslung zahlreicher Arzneistoffe beteiligt ist.

Do kann das Carbamazepin die Wirkung von unter anderem folgenden Medikamenten vermindert:

  • anderen Antiepileptika
  • Benzodiazepine (bei Schlafstörungen)
  • Tetrazykline (Antibiotika)
  • Indinavir (gegen HIV-Infektionen)
  • blutverdünnende Mittel (wie Warfarin, Phenprocoumon)
  • Theophyllin (bei Atemwegserkrankungen)
  • Digoxin (bei Funktionsstörungen des Herzens)
  • Schilddrüsenhormone (L-Thyroxin)

Umgekehrt verringern einige Medikamente die Wirkung von Carbamazepin. Dazu gehören zum Beispiel:

  • Theophyllin
  • Doxorubicin und Cisplatin (bei Krebserkrankungen)

Wirkungen und Nebenwirkungen von Carbamazepin werden beispielsweise durch folgende Stoffe verstärkt:

Aufgrund der vielfältigen möglichen Wechselwirkungen empfiehlt sich einerseits in regelmässigen Abständen eine Serumspiegel-Kontrolle von Carbamazepin, andererseits sollte die Wirksamkeit anderer Medikamente gut beobachtet werden, da diese womöglich durch Carbamazepin reduziert wird.

Verkehrstüchtigkeit und Bedienen von Maschinen

Carbamazepin kann Nebenwirkungen wie Schwindel, Benommenheit und Müdigkeit auslösen. Deshalb raten Experten zu Beginn der Therapie davon ab, aktiv am Strassenverkehr teilzunehmen oder schwere Maschinen zu bedienen. Dies gilt insbesondere in Kombination mit Alkohol, da Carbamazepin die Alkoholtoleranz vermindert. 

Altersbeschränkungen

Bei Kindern unter sechs Jahren darf der Wirkstoff Carbamazepin nur nach strenger Nutzen-Risiko-Abwägung eingesetzt werden.

Schwangerschaft und Stillzeit

Carbamazepin kann dem Ungeborenen schaden, weshalb schwangere Frauen mit Epilepsie möglichst auf ein anderes Antiepileptikum (z.B. Lamotrigin) umgestellt werden sollten. Wenn eine sichere Umstellung nicht möglich ist, sollte die Carbamazepin-Dosierung während der Schwangerschaft so niedrig wie möglich gewählt und der Wirkstoff als Monotherapie (nicht in Kombination mit weiteren Antiepileptika) eingenommen werden.

In der Stillzeit ist die Anwendung von Carbamazepin grundsätzlich möglich. Der Säugling sollte bezüglich des Auftretens unerwünschter Nebenwirkungen beobachtet werden (wie Gewichtszunahme, allergische Hautreaktionen, Schläfrigkeit etc.). Das Risiko einer erneuten Schwangerschaft ist ebenfalls zu berücksichtigen.

So erhalten Sie Medikamente mit Carbamazepin

Carbamazepin unterliegt in Deutschland, Österreich und der Schweiz der Rezeptpflicht. Es kann also nur nach Vorlage eines ärztlichen Rezepts in der Apotheke erworben werden.

Seit wann ist Carbamazepin bekannt?

Carbamazepin ist bereits seit sehr langer Zeit bekannt. Mittlerweile wurde der Arzneistoff chemisch optimiert - der Abkömmling trägt den Namen Oxcarbazepin. Dieses Carbamazepin-Analogon neigt weniger zu Wechselwirkungen und Nebenwirkungen als Carbamazepin. Es ist allerdings nur für die Mono- oder Zusatztherapie bei fokalen Anfällen - einer bestimmten Form von epileptischen Anfällen - zugelassen.

Autoren- & Quelleninformationen

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Quellen:
  • Geisslinger, G. et al.: Mutschler Arzneimittelwirkungen - Pharmakologie, Klinische Pharmakologie, Toxikologie, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart, 11. Auflage, 2020.
  • Karow, T. et Lang-Roth, R.: Allgemeine und Spezielle Pharmakologie und Toxikologie, Thomas Karow Verlag, 29. Auflage, 2021.
  • Pharmakovigilanz und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie der Charité-Universitätsmedizin Berlin: Carbamazepin, unter: www.embryotox.de (Abruf: 21.02.2022).
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