Nitrofurantoin

Von , Apotheker, Arzt
und , Apotheker und Pharmazie-Journalist
Benjamin Clanner-Engelshofen

Benjamin Clanner-Engelshofen ist freier Autor in der NetDoktor-Medizinredaktion. Er studierte Biochemie und Pharmazie in München und Cambridge/Boston (USA) und merkte dabei früh, dass ihm die Schnittstelle zwischen Medizin und Naturwissenschaft besonders viel Spaß macht. Deshalb schloss er noch ein Studium der Humanmedizin an.

Mag. pharm. Christopher Waxenegger

Christopher Waxenegger studierte Pharmazie an der Universität Wien. Es folgten die erfolgreiche Fachprüfung für den Apothekerberuf sowie die freie Mitarbeit in einer Arztpraxis mit dem Schwerpunkt Medikationsanalyse. Seit 2020 widmet er sich dem Fachjournalismus und verfasst Sachtexte zu verschiedenen Gesundheitsthemen. Im Urlaub erkundet Christopher gerne die schottischen Highlands und genießt die Ruhe der Natur.

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Nitrofurantoin ist ein Antibiotikum und wird zur Behandlung von bakteriellen Harnwegsinfekten angewendet. Obwohl es früher nur als Antibiotikum der zweiten Wahl eingesetzt wurde, ist es seit 2011 laut der aktuellen Therapieleitlinien wieder ein Mittel der ersten Wahl. Hier lesen Sie mehr über die Wirkung und Anwendung von Nitrofurantoin, Nebenwirkungen und sonstige wichtige Informationen.

So wirkt Nitrofurantoin

Das Antibiotikum Nitrofurantoin ist ein sogenanntes Prodrug. Es wird erst am Wirkort (in den Harnwegen) in seine aktive Form umgewandelt. Die Umwandlung geschieht durch bakterielle Enzyme, nachdem der Wirkstoff aus dem Darm ins Blut aufgenommen wurde und über die Nieren in den Urin gelangt.

Nitrofurantoin dringt in die bei einem Harnwegsinfekt hier befindlichen Bakterien ein. Im Inneren der Bakterienzellen wandeln bestimmte Enzyme (Nitroreduktasen), die so im Menschen nicht vorkommen, Nitrofurantoin in die aktive, wirksame Form um. Diese greift das bakterielle Erbgut an und zerstückelt es, wirkt aber auch gezielt zerstörend auf weitere für die Zelle lebensnotwendige Stoffwechselenzyme.

Weil die aktive Form von Nitrofurantoin viele verschiedene Angriffspunkte in der Bakterienzelle hat, ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Bakterien Resistenzen gegen das Antibiotikum entwickeln, recht gering.

Die niedrige Resistenzrate ist der Grund für die Empfehlung als Mittel der ersten Wahl bei akuten unkomplizierten Harnwegsinfektionen.

Das Antibiotikum hemmt nicht nur das Wachstum der Bakterien, sondern tötet sie auch selektiv ab, weshalb man bei Nitrofurantoin von einem „bakteriziden Antibiotikum“ spricht. Sein Wirkoptimum liegt im sauren Bereich.

Aufnahme, Abbau und Ausscheidung

Über den Darm resorbiertes Nitrofurantoin erreicht im Blut nur sehr geringe Konzentrationen. Die höchsten Urinspiegel werden etwa vier bis fünf Stunden nach der Einnahme erreicht.

Etwa die Hälfte des eingenommenen Wirkstoffs wird zu unwirksamen Stoffwechselprodukten abgebaut. Diese werden ebenfalls über den Urin ausgeschieden und können zu einer unbedenklichen Braunfärbung des Harns führen.

Wann wird Nitrofurantoin eingesetzt?

Nitrofurantoin wird zur Behandlung der akuten, unkomplizierten Blasenentzündung angewendet. „Unkompliziert“ meint dabei, dass keine Symptome auftreten, die für schlimmere Krankheiten oder Krankheitsverläufe sprechen– wie etwa Fieber, Übelkeit, Erbrechen, Nieren-, Rücken- oder Flankenschmerzen, vaginaler Juckreiz oder Ausfluss.

In bestimmten Fällen wie bei einer angeborenen oder erworbenen Verengung der ableitenden Harnwege oder wiederholten, chronischen Harnwegsinfekten, kann auch eine vorbeugende Behandlung mit Nitrofurantoin in Frage kommen.

Bei einem akuten Infekt beträgt die Anwendungsdauer von Nitrofurantoin meist fünf bis sieben Tage. Zur Vorbeugung kann sie – jedoch in niedrigerer Dosierung – bis maximal sechs Monate umfassen.

So wird Nitrofurantoin angewendet

Nitrofurantoin wird üblicherweise über den Tag verteilt in drei bis vier Einzeldosen zu 100 Milligramm eingenommen. Bei Kapseln mit verzögerter Wirkstofffreisetzung (sogenannten „Retardkapseln“) ist die Dosierung auf zwei bis drei Kapseln zu 100 Milligramm reduziert. Die Einnahme erfolgt im Abstand von sechs bis acht Stunden nach einer Mahlzeit mit einem Glas Wasser.

Das Antibiotikum sollte bei einer akuten Infektion so lange, wie vom Arzt verordnet, eingenommen werden - auch wenn sich die Beschwerden schon vorher bessern.

Bei der verbeugenden Einnahme werden niedrigere Dosierungen gewählt, meist eine Tablette am Abend nach dem letzten Wasserlassen. 

Welche Nebenwirkungen hat Nitrofurantoin?

Während der Therapie mit Nitrofurantoin treten bei mehr als zehn Prozent der Behandelten Nebenwirkungen wie Schwindel, Störungen der Bewegungskoordination, Augenzittern, allergische Reaktionen wie Juckreiz, Rötung, Hautausschlag und Wasseransammlungen im Gewebe auf. Beim Auftreten von allergischen Reaktionen sollte ein Arzt informiert werden.

Weitere Nebenwirkungen bei einem von zehn bis hundert Patienten sind Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Lungenentzündungen, Husten und Brustkorbschmerz.

Was ist bei der Einnahme von Nitrofurantoin zu beachten?

Gegenanzeigen

Nitrofurantoin darf nicht eingenommen werden bei:

  • Eingeschränkter Nierenfunktion
  • Geringer oder fehlender Harnausscheidung
  • Lebererkrankungen mit krankhaft erhöhten Leberwerten
  • Glukose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel
  • Nervenerkrankungen (wie Polyneuropathien)
  • Schwangerschaft im letzten Trimenon

Wechselwirkungen

Generell bestehen zwischen Nitrofurantoin und anderen Wirkstoffen relativ wenige Wechselwirkungen, da der Arzneistoff erst im Urin aktiviert wird und wirkt. Jedoch können einige Wirkstoffe die Aufnahme des Antibiotikums aus dem Darm behindern so etwa Mittel gegen Sodbrennen (wie Magnesium- oder Aluminiumsalze) und Mittel gegen Übelkeit (wie Metoclopramid).

Mittel, die das parasympathische Nervensystem dämpfen (wie Atropin oder Propanthelin), verzögern die Aufnahme von Nitrofurantoin im Darm sowie die Ausscheidung in den Urin, was jedoch prinzipiell nicht von Nachteil ist.

Arzneistoffe und Nahrungsmittel, die den Harn basisch machen (wie etwa viele Gemüsearten, Zitrusfrüchte oder Milch), hemmen die Nitrofurantoin-Ausscheidung. Den Harn ansäuernde Stoffe (wie Fleisch) fördern dagegen die Ausscheidung.

Da die Anwendung von Nitrofurantoin zu Erbrechen und Durchfall führen kann, ist eventuell die Sicherheit von oralen Wirkstoffen zur Empfängnisverhütung nicht ausreichend gegeben. Im betroffenen Zyklus sollten zusätzlich weitere empfängnisverhütende Massnahmen getroffen werden.

Altersbeschränkung

Säuglinge sollten den Wirkstoff in entsprechend reduzierter Dosierung frühestens nach dem dritten Lebensmonat erhalten. Auch bei Kindern und Jugendlichen ist eine Verringerung der Dosis notwendig.

Schwangerschaft und Stillzeit

Bei Schwangeren und Stillenden sollte Nitrofurantoin vorsichtshalber nicht zur Anwendung kommen, da es besser untersuchte und verträgliche Alternativen gibt. Die Anwendung in den ersten zwei Schwangerschaftsmonaten ist jedoch grundsätzlich möglich.

Nitrofurantoin geht nur gering in die Muttermilch über, so dass nicht mit nennenswerten Symptomen beim gestillten Kind zu rechnen ist. Sollte eine Behandlung mit dem Wirkstoff notwendig sein, kann auch gestillt werden.

So erhalten Sie Medikamente mit Nitrofurantoin

Medikamente mit dem Wirkstoff Nitrofurantoin erhalten Sie in Deutschland, Österreich und der Schweiz nach ärztlicher Verschreibung in der Apotheke.

Seit wann ist Nitrofurantoin bekannt?

Bereits seit den 1940er Jahren machte man sich auf die Suche nach chemisch herzustellenden Antibiotika vom Nitrofuran-Typ. Dies führte zur Entdeckung von Nitrofurantoin, das zwar nur ausreichende Konzentrationen im Urin erreichte, aber gerade deshalb ab Mitte der 1950er Jahre für Harnwegsinfekte zum Einsatz kam.

Autoren- & Quelleninformationen

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Autoren:
Benjamin Clanner-Engelshofen
Benjamin Clanner-Engelshofen

Benjamin Clanner-Engelshofen ist freier Autor in der NetDoktor-Medizinredaktion. Er studierte Biochemie und Pharmazie in München und Cambridge/Boston (USA) und merkte dabei früh, dass ihm die Schnittstelle zwischen Medizin und Naturwissenschaft besonders viel Spaß macht. Deshalb schloss er noch ein Studium der Humanmedizin an.

Christopher Waxenegger
Mag. pharm.  Christopher Waxenegger

Christopher Waxenegger studierte Pharmazie an der Universität Wien. Es folgten die erfolgreiche Fachprüfung für den Apothekerberuf sowie die freie Mitarbeit in einer Arztpraxis mit dem Schwerpunkt Medikationsanalyse. Seit 2020 widmet er sich dem Fachjournalismus und verfasst Sachtexte zu verschiedenen Gesundheitsthemen. Im Urlaub erkundet Christopher gerne die schottischen Highlands und genießt die Ruhe der Natur.

Quellen:
  • Aktories, K. et al.: Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie, 12. Auflage, Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH, 2017.
  • Geisslinger, G. et al.: Mutschler Arzneimittelwirkungen - Pharmakologie, Klinische Pharmakologie, Toxikologie, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart, 11. Auflage, 2020.
  • Pharmakovigilanz und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie der Charité-Universitätsmedizin Berlin: Nitrofurantoin, unter: www.embryotox.de (Abruf: 02.12.2021).
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