Unfruchtbarkeit

Von , Biologin
Dr. Nicole Wendler

Nicole Wendler ist promovierte Biologin aus dem Bereich Onkologie und Immunologie. Als Medizinredakteurin, Autorin und Lektorin ist sie für verschiedene Verlage tätig, für die sie komplizierte und umfangreiche medizinische Sachverhalte einfach, prägnant und logisch darstellt.

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Die Diagnose Unfruchtbarkeit (Sterilität) ist für die meisten Paare ein Schock. Dabei kann es gleichermaßen an der Frau wie auch am Mann liegen, wenn es mit dem Kinderkriegen nicht klappt. Manchmal - allerdings nicht immer - hilft eine Sterilitätsbehandlung. Lesen Sie hier, welche Ursachen für Unfruchtbarkeit es gibt und wie sie sich möglicherweise beheben lassen.

Unfruchtbarkeit

Schwangerschaft: Komplexer Vorgang

Die Verhütung abgesetzt, regelmäßig Sex gehabt und trotzdem noch nicht schwanger? Nicht immer ist dabei sofort an Unfruchtbarkeit zu denken, denn Schwangerwerden ist ein komplexer Vorgang:

Zuerst muss eine Eizelle heranreifen und dann mit einer zeugungsfähigen Samenzelle zusammentreffen. Verschmelzen beide erfolgreich miteinander, wandert die befruchtete Eizelle (Zygote) durch den Eileiter zur Gebärmutter (Uterus) und entwickelt sich auf diesem Weg im Normalfall zur Blastozyste, um sich zu guter Letzt stabil in der Uterusschleimhaut (Endometrium) einzunisten. Alle diese Schritte gelingen aber nur, wenn zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Hormone ausgeschüttet werden, die befruchtete Eizelle gesund ist, und anatomisch bei beiden Partnern alles funktioniert.

Da eine Samenzelle maximal fünf Tage im Körper der Frau überlebt, und die Eizelle selbst nur 24 Stunden befruchtungsfähig ist, bleiben dem Paar nur wenige Tage im Monat für ihren Versuch. Die fruchtbaren Tage zu kennen, ist daher durchaus hilfreich, wenn man schwanger werden möchte.

Erst wenn es innerhalb eines Jahres trotz regelmäßigen Geschlechtsverkehrs ohne Verhütung mit dem Kinderzeugen nicht klappt, könnte eine Unfruchtbarkeit vorliegen. Ärztliche Untersuchungen können den Verdacht abklären.

Häufigkeit von Sterilität

In Deutschland gelten je nach Quelle etwa sieben bis 15 Prozent aller Paare als ungewollt kinderlos – das heißt, dass sie innerhalb eines Jahres trotz intensiver Bemühungen (zwei Mal die Woche Geschlechtsverkehr) kein Kind zeugen konnten. Offen gesprochen wird darüber aber eher selten. Scham, Schuldgefühle und sozialer Druck sorgen dafür, dass Unfruchtbarkeit noch immer ein Tabuthema ist. Es ist deshalb davon auszugehen, dass in Wirklichkeit weitaus mehr Paare betroffen sind.

Formen von Unfruchtbarkeit

Unfruchtbarkeit ist nicht gleich Unfruchtbarkeit. Mediziner unterscheiden bei einer Fruchtbarkeitsstörung zunächst zwischen primärer und sekundärer Sterilität. Danaben gibt es noch die idiopatschische Sterilität. Auch der Begriff Infertilität taucht im Rahmen von ungewollter Kinderlosigkeit immer wieder auf. Es ist wichtig, die verschiedenen Begriffe richtig zu verstehen.

Primäre Sterilität

Bei der primären Sterilität ist trotz ungeschützten Geschlechtsverkehrs bisher kein Kind entstanden. Entweder ist die Frau noch nie schwanger geworden oder der Mann hat noch nie ein Kind gezeugt. Aber es ist ein eindeutiger Grund für die Kinderlosigkeit auszumachen.

Sekundäre Sterilität

Eine sekundäre Sterilität betrifft Frauen oder Männer, die bereits einmal Eltern geworden sind, es aber nicht erneut schaffen. Solch eine sekundäre Sterilität kann beispielsweise durch zwischenzeitliche Infektionen oder Operationen entstehen.

Idiopathische Sterilität

Lässt sich keine eindeutige Ursache für die Kinderlosigkeit ausmachen, sprechen Mediziner von einer idiopathischen Sterilität. Je nach Quelle sind bei bis zu 30 Prozent der Paare keine Auslöser für die Unfruchtbarkeit festzustellen.

Infertilität

Ein weiterer wichtiger Begriff in diesem Zusammenhang ist die Infertilität. Hier gelingt zwar die Zeugung, die Schwangerschaft endet aber immer mit einer Fehlgeburt oder einem Schwangerschaftsabbruch.

Ursachen für Unfruchtbarkeit

Eine Fruchtbarkeitsstörung kann viele Ursachen haben und trifft beide Geschlechter gleichermaßen: Etwa zu 30 Prozent liegt der Grund bei den Männern, zu 30 Prozent bei den Frauen und zu weiteren 30 Prozent bei beiden gemeinsam. Bei den restlichen zehn Prozent finden die Ärzte keine Ursache für die "sterile Partnerschaft".

Grundsätzlich kann Unfruchtbarkeit anatomische Gründe haben, die von Erkrankungen (z.B. Infektionen, Erbkrankheiten), angeborenen Fehlbildungen, Verletzungen oder Operationen herrühren. Diese manifestieren sich bei Mann und Frau unterschiedlich.

Unfruchtbarkeit bei der Frau

Was genau bei einer Frau zu einem unerfüllten Kinderwunsch führen kann, erfahren Sie im Beitrag Unfruchtbarkeit bei der Frau.

Unfruchtbarkeit beim Mann

Verschiedene Faktoren können dafür sorgen, dass "Mann" keine Kinder zeugen kann. Mehr dazu lesen Sie im Beitrag Unfruchtbarkeit beim Mann.

Risikofaktoren für Unfruchtbarkeit

Folgende Risikofaktoren, die das Schwangerwerden erschweren, betreffen beide Geschlechter:

  • Alter: Bei Frauen sinkt die Fruchtbarkeit ab 30 Jahren; beim Mann verschlechtert sich die Qualität der Spermien ab dem 40. Lebensjahr, Erektionsstörungen nehmen zu.
  • Über- und Untergewicht: Bei starkem Untergewicht setzt der Monatszyklus oder Eisprung aus. Bei Übergewicht sinkt die Fruchtbarkeit durch östrogenproduzierende Fettzellen, die Spermienqualität nimmt ab.
  • Medikamente: Psychopharmaka, Medikamente gegen Epilepsie (Antiepileptika) oder Bluthochdruck (Antihypotensiva) beeinträchtigen die Fruchtbarkeit.
  • Nikotin: Rauchen geht mit weniger und langsameren Spermien, geringerer Empfängnisrate und höhere Fehlgeburtsrate einher.
  • Alkohol und Drogen: Sie können Zyklusstörungen, Impotenz sowie eingeschränkte Spermienproduktion und -beweglichkeit zur Folge haben.
  • Umwelteinflüsse: Schadstoffe und Umweltgifte fördern fruchtbarkeitsschädigende Prozesse, greifen in den Hormonhaushalt ein und verändern diesen.
  • Psyche: Seelische Konflikte, Sexualstörungen, Stress und Schlafmangel sind ebenfalls Risikofaktoren für Unfruchtbarkeit.
  • Leistungssport: Intensives Training kann zu Hormonstörungen führen - der Eisprung bleibt aus, die Spermienproduktion wird gedrosselt.

Unfruchtbarkeit: Symptome

Typische Symptome außer der Kinderlosigkeit, die auf eine Sterilität hinweisen, sind eher selten. Bei Frauen kann sich eine Unfruchtbarkeit durch Unterbauchschmerzen und Zyklusbeschwerden bemerkbar machen. Bei Männern ist es meist noch schwerer: Manchmal sind eine Gewichtszunahme, eine Schwellung der Hoden oder Schmerzen beim Urinieren mögliche Anzeichen für eine drohende Unfruchtbarkeit.

Unfruchtbarkeit: Ursachen finden

Bevor Sie vorschnell bei sich eine Sterilität vermuten, müssen Sie es eine Weile erfolglos mit dem ungeschützten Sex probiert haben. Wenn Sie dann den Verdacht auf Unfruchtbarkeit hegen, wenden Sie sich an einen Frauenarzt beziehungsweise einen Urologen oder Andrologen (Facharzt für Männerheilkunde). Dieser kann Sie nach einer eingehenden Untersuchung gegebenenfalls an ein reproduktionsmedizinisches Zentrum überweisen.

Die Diagnostik bei vermuteter Unfruchtbarkeit kann beinhalten:

  • Intensives Gespräch über frühere Krankheiten, Infektionen, Operationen, Zyklusstörungen, Fehlgeburten, Schwangerschaftsabbrüche, Lebensumstände, Partnerbeziehung
  • Frau: Gynäkologische Untersuchung, Ultraschall, Hormonuntersuchung, Eisprungkontrolle (Basaltemperaturkurve, Zyklusmonitoring), Gebärmutterspiegelung (Hysteroskopie) und Bauchspiegelung (Laparoskopie)
  • Mann: Spermiogramm, körperliche Untersuchung der Geschlechtsorgane (Fokus auf mögliche Hodenfehlbildung, Entzündung, Varikozele), Behaarung und Körperbau, Hormonuntersuchung, Hodenbiopsie

Unfruchtbarkeit: Therapie

Körperliche Bewegung, ausgewogene Ernährung, Verzicht auf Alkohol und Nikotin sowie Entspannung und lustvoller Sex wirken sich positiv auf die Fruchtbarkeit von Mann und Frau aus und erhöhen die Erfolgsaussichten auf eine Schwangerschaft. Gelingt es dennoch nicht, ein Kind zu zeugen, können reproduktionsmedizinische Maßnahmen weiterhelfen.

Anhängig von der Ursache der Unfruchtbarkeit sind folgende Sterilitätsbehandlungen möglich:

Vor Beginn jeder Behandlung ist ein psychotherapeutisches Gespräch wichtig. Es steigert die Erfolgsaussichten.

Unfruchtbarkeit: Prognose

Trotz moderner medizinischer Möglichkeiten bringt nicht jede Sterilitätsbehandlung den erwünschten Erfolg. Nur rund 10 Prozent der sterilen Paare können neun Monate später tatsächlich ein Baby in den Händen halten.

Komplikationen bei Unfruchtbarkeit

Diverse Probleme können im Rahmen einer Sterilitätsbehandlung auftreten. Insbesondere die für die Behandlung notwendige hormonelle Stimulation der Frau ist für diese körperlich enorm anstrengend und birgt die Gefahr eines lebensgefährlichen Überstimulationssyndroms. Auch eine Fehl- oder Frühgeburt, eine Eileiter- oder Mehrlingsschwangerschaft sind nicht selten. Des Weiteren kann es bei jedem operativen Eingriff zu Komplikationen kommen. So ist beispielsweise infolge einer Eizellentnahme eine Infektion oder eine Verletzung von umgebenden Gefäßen oder anderen Organen möglich.

Unfruchtbarkeit: Emotionale Belastung

Neben der körperlichen Belastung durch zahlreiche Untersuchungen oder eine langwierige Sterilitätsbehandlung ist die emotionale Anspannung bei Mann und Frau groß. Bleibt ein Paar ungewollt kinderlos, stellt dies jede Beziehung auf eine harte Probe. Jeder Zyklus besteht schnell nur noch aus Hoffen und Bangen, und jeder weitere Fehlversuch erhöht den Erfolgsdruck. Die Sexualität wird zunehmend instrumentalisiert und dient nur noch der Fortpflanzung, sodass ein unbeschwerter Austausch von Zärtlichkeiten vielfach kaum noch möglich ist. Insbesondere wenn sich keine körperlichen Ursachen feststellen lassen, steigt der Druck. Scham, Schuldgefühle oder -zuweisungen, gestörtes Selbstwertgefühl, soziale Isolation oder gar Depressionen sind oftmals die Folge.

Betrifft die Unfruchtbarkeit nur einen Partner, sollten Sie dennoch als Paar gemeinsam an einem Strang ziehen. Verständnis und offene Gespräche können helfen, die Situation zu entspannen. Scheuen Sie sich auch nicht, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Informationen über Beratungsstellen vor Ort gibt das Informationsportal Kinderwunsch des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Bei mehreren vergeblichen Versuchen sollten Sie sich Behandlungspausen gönnen. Nicht selten gelingt Paaren gerade in diesen Phasen die Zeugung.

Unfruchtbarkeit: Gibt es Alternativen?

Nach der Diagnose Unfruchtbarkeit schöpfen die meisten Paare erst einmal alle Therapiemöglichkeiten aus. Stellt sich allerdings trotz zahlreicher Bemühungen und intensiver Sterilitätsbehandlung keine Schwangerschaft ein, sollten Sie sich als Paar überlegen, ob Sie gemeinsam auch kinderlos ein glückliches und lebenswertes Leben führen können. Ist der Wunsch nach einer Familie trotz Unfruchtbarkeit groß, kann es ebenso erfüllend sein, ein Kind zu adoptieren oder ein Pflegekind aufzunehmen und ihm ein neues Zuhause zu schenken. 

Autoren- & Quelleninformationen

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Vorlage:
Martina Feichter
Autor:
Dr. Nicole Wendler
Dr.  Nicole Wendler

Nicole Wendler ist promovierte Biologin aus dem Bereich Onkologie und Immunologie. Als Medizinredakteurin, Autorin und Lektorin ist sie für verschiedene Verlage tätig, für die sie komplizierte und umfangreiche medizinische Sachverhalte einfach, prägnant und logisch darstellt.

Quellen:
  • Broschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: "Wenn ein Traum nicht in Erfüllung geht - Kinderwunsch und Unfruchtbarkeit" (Stand: Februar 2017), unter: www.bzga.de
  • Bundesverband der Frauenärzte e.V.: "Ungewollt kinderlos & Fruchtbarkeitsstörungen" unter: www.frauenaerzte-im-netz.de (Abruf: 14.01.2021)
  • Infoportal der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: "Professionelle Hilfe" unter: www.familienplanung.de (Abruf: 14.01.2021)
  • S2k-Leitlinie: Psychosomatisch orientierte Diagnostik und Therapie bei Fertilitätsstörungen (Stand 2019)
  • Weyerstahl, T. & Stauber, M.: Duale Reihe – Gynäkologie und Geburtshilfe, Georg Thieme Verlag, 4. Auflage, 2013
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