Bandscheibenvorfall

Von , Medizinredakteurin und Biologin
Martina Feichter

Martina Feichter hat in Innsbruck Biologie mit Wahlfach Pharmazie studiert und sich dabei auch in die Welt der Heilpflanzen vertieft. Von dort war es nicht weit zu anderen medizinischen Themen, die sie bis heute fesseln. Sie ließ sich an der Axel Springer Akademie in Hamburg zur Journalistin ausbilden und arbeitet seit 2007 für NetDoktor - zuerst als Redakteurin und seit 2012 als freie Autorin.

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Ein Bandscheibenvorfall (Diskusprolaps, Bandscheibenprolaps) tritt am häufigsten bei Menschen zwischen 30 und 50 Jahren auf. Oft verursacht er keine Beschwerden. In einigen Fällen löst er aber starke Rückenschmerzen, Gefühlsstörungen und sogar Lähmungen aus – dann ist schnelles Handeln wichtig. Lesen Sie hier alles über Symptome, Untersuchungen und Therapie des Bandscheibenvorfalls!

Bandscheibenvorfall illustriert

Kurzübersicht

  • Symptome: Abhängig von Höhe und Ausmass des Vorfalls z.B. Rückenschmerzen, die in ein Bein oder einen Arm ausstrahlen, Empfindungsstörungen (Ameisenlaufen, Kribbeln, Taubheitsgefühle) oder Lähmungen im betreffenden Bein oder Arm, Störungen der Blasen- und Darmentleerung
  • Ursachen und Risikofaktoren: Meist alters- und belastungsbedingte Abnutzung, ausserdem Bewegungsmangel und Übergewicht; seltener Verletzungen, angeborene Fehlstellungen der Wirbelsäule oder angeborene Bindegewebsschwäche
  • Behandlung: Konservative Massnahmen (wie leichte bis mässige Bewegung, Sport, Entspannungsübungen, Wärmeanwendungen, Medikamente) oder Operation
  • Verlauf und Prognose: Symptome verschwinden meist von allein oder mithilfe konservativer Therapie; Operation nicht immer erfolgreich, ausserdem Komplikationen und Rückfälle möglich

Was ist ein Bandscheibenvorfall?

Ein Bandscheibenvorfall ist eine Erkrankung der Wirbelsäule, bei der der weiche Kern (Nucleus pulposus) aus der Bandscheibe, die sich zwischen zwei benachbarten Wirbeln befindet, hervortritt. Er liegt normalerweise im Inneren eines festen Faserrings (Anulus fibrosus), der bei einem Bandscheibenvorfall beschädigt oder instabil ist. Dadurch wölbt sich der Kern aus der Bandscheibe hervor oder tritt gar durch den Ring hindurch.

Rutschen abgelöste Teile des Gallertkerns in den Wirbelkanal, lautet die Diagnose „sequestrierter Bandscheibenvorfall“. Tritt der Kern aus der Bandscheibe hervor, führt das häufig dazu, dass die zwischen den Wirbeln austretenden Nerven (Spinalnerven) oder das im Wirbelkanal liegende Rückenmark zusammengedrückt werden. Es kommt zu Schmerzen und Funktionsstörungen des Rückenmarks.

Anatomie des Bandscheibenvorfalls
Anatomie des Bandscheibenvorfalls
Bei einem Bandscheibenvorfall drückt die verrutschte Bandscheibe auf die am Rückenmark entspringenden Nerven (Spinalnerven) und kann so Beschwerden verursachen.

Vom Bandscheibenvorfall (Bandscheibenprolaps) ist die Bandscheibenvorwölbung (Diskusprotrusion) zu unterscheiden. Hier verlagert sich das innere Bandscheibengewebe nach aussen, ohne dass der Faserring der Bandscheibe zerreisst. Trotzdem treten unter Umständen Beschwerden wie Schmerzen und Empfindungsstörungen auf. Bekanntes Beispiel ist der Hexenschuss (Lumbago): Darunter versteht man akut einschiessende, heftige Schmerzen im Lendenwirbelbereich.

Woran erkennt man einen Bandscheibenvorfall?

Ein Bandscheibenvorfall ist in erster Linie durch Schmerzen und neurologische Erscheinungen zu erkennen. Bei manchen Patienten löst ein Bandscheibenvorfall Anzeichen wie brennende Schmerzen, ein Kribbeln oder Ameisenlaufen in Armen oder Beinen, Taubheitsgefühle oder sogar Lähmungen in den Extremitäten aus.

Nicht jeder Bandscheibenvorfall löst die typischen Symptome wie Schmerzen oder Lähmungen aus. Er wird dann oft nur durch Zufall im Rahmen einer Untersuchung entdeckt.

Symptome bei Druck auf Nervenwurzeln

Welche Anzeichen eines Bandscheibenvorfalls bei Druck auf eine Nervenwurzel auftreten, hängt davon ab, auf welcher Höhe der Wirbelsäule die betroffene Nervenwurzel sitzt – im Bereich der Hals-, Brust- oder Lendenwirbelsäule.

Wirbelsäulensegmente
Wirbelsäulensegmente
Die Wirbelsäule besteht aus sieben Halswirbeln, zwölf Brustwirbeln, fünf Lendenwirbeln sowie dem Kreuzbein und dem Steissbein.

Bandscheibenvorfall der Halswirbelsäule:

Gelegentlich entsteht ein Bandscheibenvorfall im Halswirbelbereich (zervikaler Bandscheibenvorfall oder Bandscheibenvorfall HWS). Er betrifft bevorzugt die Bandscheibe zwischen dem fünften und sechsten oder dem sechsten und siebten Halswirbelkörper. Mediziner benutzen dafür die Kürzel HWK 5/6 beziehungsweise HWK 6/7.

Symptome bei einem Bandscheibenvorfall im Halswirbelbereich sind etwa in den Arm ausstrahlende Schmerzen. Auch Missempfindungen (Parästhesien) und Ausfallerscheinungen (Muskellähmungen) im Ausbreitungsgebiet der betroffenen Nervenwurzel sind mögliche Anzeichen.

Lesen Sie mehr im Artikel Bandscheibenvorfall der HWS.

Bandscheibenvorfall der Brustwirbelsäule:

An der Brustwirbelsäule ist ein Bandscheibenvorfall sehr selten und betrifft in den meisten Fällen den achten Brustwirbel bis zwölften Brustwirbel (Th8 bis Th12). Aber auch bei den weiteren Brustwirbeln bis hin zum ersten Lendenwirbel (Th13 bis L1) ist ein Bandscheibenvorfall möglich. Die Diagnose lautet "thorakaler Bandscheibenvorfall" (oder kurz: Bandscheibenvorfall BWS).

Symptome sind beispielsweise Rückenschmerzen, die meist auf den betroffenen Wirbelsäulenabschnitt begrenzt sind. Insbesondere bei Druck auf die jeweiligen Nervenwurzeln strahlen die Schmerzen ins Versorgungsgebiet des komprimierten Nervs aus.

Bandscheibenvorfall der Lendenwirbelsäule:

Symptome eines Bandscheibenvorfalls gehen fast immer von der Lendenwirbelsäule aus, weil das Körpergewicht hier einen besonders starken Druck auf die Wirbel und Bandscheiben ausübt. Mediziner sprechen vom lumbalen Bandscheibenvorfall oder „Bandscheibenvorfall LWS“. Symptome entstehen meist durch Bandscheibenvorfälle zwischen dem vierten und fünften Lendenwirbel (L4/L5) oder zwischen dem fünften Lendenwirbel und dem ersten Steissbeinwirbel (L5/S1).

Der Druck auf Nervenwurzeln in der Lendenwirbelsäule löst teils heftige Schmerzen im unteren Rückenbereich aus, die mitunter bis in das Bein ausstrahlen (entlang des Versorgungsgebiets der betreffenden Nervenwurzel). Auch neurologische Ausfälle wie Empfindungsstörungen (etwa das Gefühl von Ameisenlaufen, Kribbeln, Taubheitsgefühle) sowie Lähmungen in diesem Bereich sind möglich.

Besonders unangenehm ist es, wenn der Ischiasnerv von dem lumbalen Bandscheibenvorfall betroffen ist. Das ist der dickste Nerv des Körpers. Er setzt sich zusammen aus den vierten und fünften Nervenwurzeln der Lendenwirbelsäule und den beiden ersten Nervenwurzeln des Kreuzbeins.

Die Schmerzen, die beim Einklemmen des Ischiasnervs entstehen, werden von Patienten oft als einschiessend oder elektrisierend beschrieben. Sie verlaufen vom Gesäss über die Rückseite des Oberschenkels bis hinunter in den Fuss. Die Beschwerden verstärken sich oft durch Husten, Niesen oder bei Bewegung. Mediziner bezeichnen dieses Beschwerdebild als Ischialgie.

Symptome bei Druck auf das Rückenmark

Das Rückenmark erstreckt sich vom hinteren Ende des Hirnstamms – anatomisch ist das der unterste Teil des Gehirns – bis zum ersten oder zweiten Lendenwirbel. Drückt eine Bandscheibe auf das Rückenmark, treten wie bei der Quetschung der Nervenwurzeln häufig intensive Schmerzen in einem Bein oder Arm sowie Gefühlsstörungen (Ameisenlaufen, Kribbelgefühl, Taubheit) auf. Auch eine zunehmende Schwäche beider Arme und/oder Beine sind mögliche Folgen eines Bandscheibenvorfalls.

Weitere Anzeichen dafür, dass die Bandscheibe direkt auf das Rückenmark drückt, sind Funktionsstörungen der Schliessmuskeln von Blase und Darm. Sie werden von einer Taubheit im Anal- und Genitalbereich begleitet und gelten als Notfall – der Patient muss sofort ins Krankenhaus!

Symptome bei Druck auf den Pferdeschweif

Das Rückenmark setzt sich am unteren Ende im Lendenbereich in einem Nervenfaserbündel fort, dem Pferdeschweif (Cauda equina). Es erstreckt sich bis zum Kreuzbein. Das ist der Teil der Wirbelsäule, der beide Beckenknochen miteinander verbindet.

Druck gegen den Pferdeschweif (Caudasyndrom) zieht möglicherweise Störungen beim Wasserlassen und Stuhlgang nach sich. Ausserdem haben die Betroffenen kein Gefühl mehr im Bereich von After und Genitalien sowie an der Innenseite der Oberschenkel. Manchmal sind die Beine gelähmt. Bei solchen Symptomen sollten Patienten ebenfalls sofort das Krankenhaus aufsuchen.

Vermeintliche Bandscheibenvorfall-Symptome

Nicht immer löst ein Bandscheibenvorfall Symptome wie Rückenschmerzen aus – selbst, wenn das Röntgenbild einen Vorfall zeigt. Manchmal sind Verspannungen, Wirbelsäulenveränderungen (etwa durch Abnutzung, Entzündungen) oder neurologische Erkrankungen Ursache vermeintlicher Bandscheibenvorfall-Symptome. Auch Schmerzen im Bein sind kein eindeutiges Anzeichen – ein Bandscheibenvorfall mit Druck auf eine Nervenwurzel ist hier nur eine von mehreren möglichen Erklärungen. Manchmal steckt eine Blockade des Gelenks zwischen Kreuzbein und Becken (Iliosakralgelenksblockade) dahinter. Meist lassen sich Beinschmerzen bei Rückenbeschwerden keiner Nervenwurzel zuordnen.

Was sind Ursachen und Risikofaktoren?

Die Ursache eines Bandscheibenvorfalls ist meist ein alters- und belastungsbedingter Verschleiss (Degeneration) des Bindegewebsrings der Bandscheibe: Er verliert seine stabilisierende Funktion und reisst bei grosser Belastung ein. Der Gallertkern tritt teilweise aus und drückt dabei auf eine Nervenwurzel oder das Rückenmark.

Die eingedrückten Rückenmarksnerven (Spinalnerven) werden dadurch stark gereizt und vermitteln vermehrt Schmerzsignale an das Gehirn. Bei einer massiven Quetschung ist die Reizweiterleitung unter Umständen so stark gestört, dass es zu Lähmungserscheinungen kommt.

Bandscheibenvorfall - die verschiedenen Formen
Verschiedenen Formen des Bandscheibenvorfall
Abhängig von der Ausprägung und dem Sitz des Bandscheibenvorfalls unterscheidet man verschiedene Formen.

Die Häufigkeit der Bandscheibenvorfälle nimmt ab dem 50. Lebensjahr wieder ab, weil der Bandscheibenkern mit fortschreitendem Alter an Flüssigkeit verliert und deshalb seltener austritt.

Darüber hinaus sind Bewegungsmangel und Übergewicht bedeutende Risikofaktoren für Bandscheibenvorfälle. Typischerweise sind dann zusätzlich die Bauch- und Rückenmuskeln schwach. Eine solche Instabilität des Körpers fördert eine Fehlbelastung der Bandscheiben, da nur eine starke Rumpfmuskulatur die Wirbelsäule entlastet.

Weitere mögliche Auslöser eines Bandscheibenvorfalls sind Haltungsfehler, ruckartige Bewegungen sowie Sportarten, bei denen die Wirbelsäule erschüttert (Reiten, Mountainbiking) oder in sich verdreht wird (Tennis, Squash). Das Gleiche gilt für schwere körperliche Arbeit wie das Heben schwerer Lasten. Allerdings verursacht dies allein keinen Bandscheibenprolaps. Das passiert nur, wenn eine Bandscheibe bereits Abnutzungserscheinungen aufweist.

Seltener sind Verletzungen (etwa durch einen Treppensturz oder Verkehrsunfall) sowie angeborene Fehlstellungen der Wirbelsäule die Ursache eines Bandscheibenvorfalls.

In einigen Fällen begünstigen eine genetisch bedingte Bindegewebsschwäche, Stress und eine einseitige beziehungsweise falsche Ernährung die Entstehung eines Bandscheibenprolaps.

Was hilft bei einem Bandscheibenvorfall?

Die meisten Patienten interessiert vor allem, was bei einem Bandscheibenvorfall hilft. Die Antwort darauf hängt hauptsächlich von den Symptomen ab. Bei mehr als 90 Prozent der Patienten genügt eine konservative Bandscheibenvorfall-Behandlung, also eine Therapie ohne Operation. Das gilt vor allem dann, wenn der Bandscheibenvorfall Schmerzen oder eine leichte Muskelschwäche verursacht, aber keine weiteren/schwerwiegenderen Symptome.

Zu den schwerwiegenderen Symptomen zählen vor allem Lähmungen und Störungen der Blasen- oder Enddarmfunktion. In solchen Fällen wird meistens operiert. Auch bei anhaltenden Beschwerden trotz konservativer Behandlung über mindestens drei Monate wird unter Umständen ein chirurgischer Eingriff erwogen.

Behandlung ohne Operation

Im Rahmen der konservativen Bandscheibenvorfall-Behandlung empfiehlt der Arzt heute nur noch selten Ruhigstellung oder Bettruhe. Bei einem zervikalen Bandscheibenvorfall ist aber möglicherweise eine Ruhigstellung der Halswirbelsäule mittels Halskrause notwendig. Bei heftigen Schmerzen aufgrund eines Bandscheibenvorfalls der Lendenwirbelsäule ist mitunter kurzfristig eine Stufenbettlagerung hilfreich.

In den meisten Fällen umfasst die konservative Bandscheibenvorfall-Therapie leichte bis mässige Bewegung. Normale Alltagsaktivitäten sind – soweit es die Schmerzen zulassen – also durchaus empfehlenswert. Viele Patienten erhalten eine Physiotherapie als Bestandteil einer ambulanten oder stationären Rehabilitation. Dabei übt der Therapeut mit dem Patienten zum Beispiel schmerzarme Bewegungsmuster ein und gibt Tipps für Aktivitäten im Alltag.

Auch langfristig betrachtet ist regelmässige Bewegung sehr wichtig bei einem Bandscheibenvorfall: Zum einen fördert der Wechsel zwischen Be- und Entlastung der Bandscheiben deren Ernährung. Zum anderen stärkt körperliche Aktivität die Rumpfmuskulatur, was die Bandscheiben entlastet. Deshalb sind bei Bandscheibenvorfall Übungen zur Stärkung der Rücken- und Bauchmuskulatur sehr zu empfehlen. Physiotherapeuten zeigen Patienten im Rahmen einer Rückenschule diese Übungen. Anschliessend sollten die Patienten regelmässig selbst trainieren.

Darüber hinaus darf und sollte man bei Bandscheibenvorfall Sport treiben, sofern er bandscheibenfreundlich ist. Das gilt zum Beispiel für Aerobic, Laufen, Rückenschwimmen, Skilanglauf und Tanzen. Weniger gut für die Bandscheiben sind etwa Tennis, Skiabfahrtslauf, Fussball, Handball und Volleyball, Golf, Eishockey, Judo, Karate, Turnen, Kanufahren, Kegeln, Ringen, Rudern und Squash.

Wer auf eine bandscheibenschädliche Sportart nicht verzichten will, sollte zum Ausgleich ein Bewegungs- und Krafttraining durchführen, also zum Beispiel regelmässig Laufen, Radfahren oder Schwimmen. Bei Unsicherheit sollten Patienten Art und Umfang der sportlichen Aktivitäten mit dem Arzt oder Physiotherapeuten besprechen.

Viele Menschen mit Rückenschmerzen aufgrund eines Bandscheibenvorfalls (oder aus anderen Gründen) profitieren von Entspannungsübungen. Diese helfen etwa, schmerzbedingte Muskelverspannungen zu lösen.

Den gleichen Effekt haben Wärmeanwendungen. Deshalb sind sie ebenfalls oft Teil der konservativen Behandlung bei Bandscheibenvorfall.

Bei Bedarf werden Medikamente eingesetzt. Dazu gehören vor allem Schmerzmittel wie nicht-steroidale Antiphlogistika (Ibuprofen, Diclofenac et cetera). Sie besitzen neben einer schmerzlindernden auch eine entzündungshemmende und abschwellende Wirkung. Eventuell kommen weitere Wirkstoffe zum Einsatz, beispielsweise COX-2-Hemmer (Cyclooxygenase-2-Hemmer) und Kortison. Sie wirken ebenfalls entzündungshemmend und schmerzlindernd. Bei sehr starken Schmerzen verordnet der Arzt kurzzeitig Opiate.

Die Schmerztherapie bei Bandscheibenvorfall wird vom Arzt genau überwacht, um schwerwiegende Nebenwirkungen zu vermeiden. Patienten halten sich bei der Anwendung der Schmerzmittel am besten an die Anweisungen des Arztes.

In manchen Fällen wird der Arzt muskelentspannende Medikamente (Muskelrelaxantien) verschreiben, weil sich die Muskulatur schmerzbedingt und durch eine eventuelle Schonhaltung verspannt und verhärtet. Manchmal sind Antidepressiva sinnvoll, etwa bei starken beziehungsweise chronischen Schmerzen.

Physiotherapie bei Bandscheibenvorfall
Physiotherapie bei Bandscheibenvorfall
Eine Physiotherapie unterstützt die Genesung bei einem Bandscheibenvorfall.

Wann muss operiert werden?

Ob eine Bandscheibenvorfall-Operation durchgeführt wird, entscheiden Arzt und Patient gemeinsam. Die Kriterien für eine Bandscheiben-Operation sind:

  • Symptome, die auf Druck gegen das Rückenmark hinweisen (baldige oder sofortige Operation)
  • Schwere Lähmung oder zunehmende Lähmung (sofortige Operation)
  • Symptome, die auf Druck gegen den Pferdeschweif (Cauda equina) hindeuten (sofortige Operation)
  • Nachlassende Schmerzen und zunehmende Lähmung (rasche Operation, weil die Gefahr besteht, dass die Nervenwurzeln bereits absterben)

Es gibt verschiedene Techniken zur operativen Behandlung bei Bandscheibenvorfall. Standard sind heute mikrochirurgische Verfahren. Sie reduzieren das Risiko einer Narbenbildung. Alternativ kommen in bestimmten Fällen minimal-invasive Verfahren bei einer Bandscheibenvorfall-Operation infrage.

Operation: Mikrochirurgische Diskektomie

Die am weitesten verbreitete Technik bei der operativen Bandscheibenvorfall-Behandlung ist die mikrochirurgische Diskektomie (Diskus = Bandscheibe, Ektomie = Entfernung). Dabei wird mithilfe eines Operationsmikroskops und kleinster Spezialinstrumente die betroffene Bandscheibe entfernt. Das soll jene Rückenmarksnerven (Spinalnerven) entlasten, die durch den Bandscheibenvorfall eingeengt sind und Beschwerden verursachen.

Zum Einführen der Operationsinstrumente sind nur kleine Hautschnitte nötig. Deshalb zählt die mikrochirurgische Operationstechnik zu den minimal-invasiven Verfahren.

Durch die mikrochirurgische Diskektomie lassen sich alle Bandscheibenvorfälle entfernen – egal, in welche Richtung der Bandscheibenteil gerutscht ist. Zudem sieht der Operateur direkt, ob der bedrängte Spinalnerv von jeglichem Druck befreit wurde.

Ablauf der Diskektomie

Die mikrochirurgische Diskektomie wird unter Vollnarkose durchgeführt. Der Patient befindet sich in einer knienden Position, wobei der Oberkörper auf einem höheren Niveau auf dem Operationstisch liegt. Das vergrössert den Abstand zwischen den Wirbelbögen und erleichtert das Eröffnen des Wirbelkanals.

Zu Beginn setzt der Chirurg einen kleinen Hautschnitt über dem erkrankten Bandscheibenbereich. Dann schiebt er die Rückenmuskulatur vorsichtig zur Seite und schneidet das gelbliche Band (Ligamentum flavum), das die Wirbelkörper verbindet, teilweise (so wenig wie nötig) ein. So hat der Operateur die Möglichkeit, mit dem Mikroskop direkt in den Wirbelkanal zu sehen. Manchmal muss er ein kleines Stück Knochen aus dem Wirbelbogen entfernen, um die Sicht zu verbessern.

Mit speziellen Instrumenten löst er jetzt das vorgefallene Bandscheibengewebe unter Sichtkontrolle des Spinalnervs und entfernt es mit einer Fasszange. Grössere Defekte im Faserring der Bandscheibe lassen sich mikrochirurgisch nähen. Auch in den Wirbelkanal gerutschte Bandscheibenteile (Sequester) werden so entfernt. Im letzten Schritt der Bandscheiben-Operation verschliesst der Operateur die Haut mit einigen wenigen Nähten.

Mögliche Komplikationen

Bei der mikrochirurgischen Bandscheiben-Operation ist es möglich, dass der Nerv verletzt wird, der entlastet werden soll. Mögliche Folgen sind Gefühls- und Bewegungsstörungen der Beine, Funktionsstörungen von Blase und Darm sowie sexuelle Störungen. Solche Komplikationen sind aber selten.

Wie bei jeder Operation besteht bei dieser Bandscheiben-Operation ein gewisses Narkoserisiko sowie die Gefahr von Infektionen, Wundheilungsstörungen und Nachblutungen.

Ein Teil der Patienten verspürt auch bei optimaler Bandscheiben-Operation und Vorfallentfernung nach Wochen bis Monaten erneut ziehende Beinschmerzen oder zum Beispiel ein Kribbeln. Man nennt diese Spätfolge „Failed back surgery syndrome“.

Nach der Operation

Wie bei jeder Operation unter Narkose muss manchmal die Blase am ersten Tag nach der Operation mit einem Katheter entleert werden. Nach kürzester Zeit normalisieren sich aber die Blasen- und Darmfunktion. Meist ist der Patient schon am Abend des Operationstages in der Lage aufzustehen.

Am ersten Tag nach dem Eingriff beginnt der Bandscheibenvorfall-Patient mit krankengymnastischen Übungen. Das soll seinen Muskel- und Bandapparat wieder kräftigen. Auch Psychologen, Ernährungsberater und Ergotherapeuten arbeiten als Fachleute in der Rehabilitation nach einer Bandscheibenvorfall-OP.

Der Krankenhausaufenthalt dauert in der Regel nur wenige Tage. Sechs beziehungsweise zwölf Monate nach der mikrochirurgischen Diskektomie wird der langfristige Erfolg der Bandscheiben-Operation überprüft. Dabei helfen bildgebende Verfahren.

Operation: Offene Diskektomie

Vor Einführung des Operationsmikroskops wurden Bandscheibenvorfälle oft mit der herkömmlichen offenen Technik unter einem grösseren Zugang (grössere Schnitte) operiert. Heute wird die offene Diskektomie nur noch selten durchgeführt, etwa bei Fehlbildungen der Wirbelsäule. Ihre Ergebnisse sind zwar vergleichbar mit jenen der mikrochirurgischen Diskektomie. Allerdings kommt es häufiger zu schweren Komplikationen.

Ablauf der Operation

Die offene Diskektomie läuft im Wesentlichen so ab wie die mikrochirurgische Bandscheibenvorfall-Operation, allerdings werden grössere Schnitte gesetzt und das Operationsgebiet nicht mit einer Mikro-Optik, sondern von aussen beurteilt.

Mögliche Komplikationen

Die möglichen Komplikationen der offenen Diskektomie sind vergleichbar mit denen der mikrochirurgischen Diskektomie, treten aber häufiger auf.

Nach der Operation

Manchmal muss am ersten Tag nach der offenen Bandscheiben-Operation die Blase mit einem Katheter entleert werden. Innerhalb kürzester Zeit normalisieren sich die Blasen- und Darmfunktion aber wieder.

Der Patient darf meist schon am Abend des Operationstages wieder aufstehen. Am nächsten Tag beginnt er in der Regel mit krankengymnastischen Übungen, um den Muskel- und Bandapparat des Rückens wieder zu kräftigen. Der Patient bleibt meist nur wenige Tage im Krankenhaus.

Operation: Endoskopische Diskektomie

Zu den minimal-invasiven Techniken einer Bandscheiben-Operation zählen neben der mikrochirurgischen Methode auch sogenannte perkutane endoskopische Methoden. Die Entfernung der Bandscheibe erfolgt hier mithilfe von Endoskopen, Videosystemen und Mikroinstrumenten (teils motorgetrieben), die über kleine Hautschnitte eingeführt werden. Der Patient befindet sich meist in einem halbwachen Zustand und unter lokaler Betäubung. Somit ist er in der Lage, mit dem Operateur zu kommunizieren.

Die endoskopische Bandscheibenvorfall-OP ist nicht bei jedem Patienten durchführbar. Sie ist zum Beispiel ungeeignet, wenn sich Teile der Bandscheibe abgelöst haben (sequestrierter Bandscheibenvorfall) und im Wirbelkanal nach oben oder unten gerutscht sind. Auch bei Bandscheibenvorfällen im Übergangsbereich zwischen Lendenwirbelsäule und Kreuzbein ist eine endoskopische Diskektomie nicht immer anwendbar. Denn hier versperrt der Beckenkamm den Instrumenten den Weg.

Übrigens: Mit endoskopischen Methoden lässt sich nicht nur die gesamte Bandscheibe entfernen (Diskektomie), sondern gegebenenfalls auch nur Teile des Gallertkerns (Nukleus). Dann sprechen Ärzte von perkutaner endoskopischer Nukleotomie.

Ablauf der Operation

Der Patient liegt während der endoskopischen Bandscheiben-Operation auf dem Bauch. Die Haut über dem betroffenen Wirbelsäulenabschnitt wird desinfiziert und lokal betäubt.

Über ein bis zwei kleine Einschnitte werden unter Röntgenkontrolle ein bis zwei kleine Metallröhrchen in den Bandscheibenraum vorgeschoben. Dabei handelt es sich um Arbeitshülsen mit drei bis acht Millimetern Durchmesser. Durch sie lassen sich Instrumente wie kleine Fasszangen und ein Endoskop in den Bandscheibenraum einführen. Letzteres verfügt über eine spezielle Beleuchtung und Optik. Die Bilder aus dem Operationsgebiet im Körperinneren werden auf einen Videomonitor projiziert, wo sie der operierende Arzt sieht.

Der Chirurg entfernt jetzt gezielt Bandscheibengewebe, das auf einen Nerv drückt. Nach der endoskopischen Bandscheiben-Operation vernäht er die Einschnitte mit ein oder zwei Stichen beziehungsweise versorgt sie mit speziellen Pflastern.

Mögliche Komplikationen

Die Komplikationsrate ist bei der endoskopischen Bandscheiben-Operation relativ niedrig. Trotzdem besteht ein gewisses Risiko, Nerven zu verletzen. Mögliche Folgen sind Gefühls- und Bewegungsstörungen in den Beinen sowie Funktionsstörungen von Blase und Darm.

Daneben besteht – wie bei jeder Operation – das Risiko von Infektionen, Wundheilungsstörungen und Nachblutungen.

Im Vergleich zur mikrochirurgischen Diskektomie ist die Rückfallquote (Rezidivrate) bei der endoskopischen Bandscheiben-OP höher.

Nach der Operation

Ist die endoskopische Bandscheiben-Operation komplikationslos verlaufen, ist der Patient innerhalb von drei Stunden in der Lage, aufzustehen und noch am gleichen Tag oder am nächsten Morgen das Krankenhaus zu verlassen. Mit krankengymnastischen Übungen wird in der Regel bereits am Tag nach der Operation begonnen.

Bandscheiben-Operation bei intaktem Faserring

Wenn jemand nur einen leichten Bandscheibenvorfall hat, bei dem der Faserring noch intakt ist, besteht manchmal die Möglichkeit, die betroffene Bandscheibe im Bereich des Gallertkerns durch einen minimal-invasiven Eingriff zu verkleinern oder zu schrumpfen. Das lindert den Druck auf Nervenwurzeln beziehungsweise Rückenmark. Diese Technik kommt auch bei Bandscheibenvorwölbungen infrage (hier ist der Faserring immer intakt).

Der Vorteil von minimal-invasiven Eingriffen ist, dass sie nur kleine Hautschnitte erfordern, risikoärmer sind als etwa eine offene Operation und meist ambulant durchgeführt werden. Allerdings kommen sie nur bei einer kleinen Anzahl von Patienten infrage.

Ablauf der Operation

Bei dieser minimal-invasiven Bandscheiben-Operation wird zuerst die Haut über dem betroffenen Wirbelsäulenabschnitt desinfiziert und lokal betäubt. Manchmal wird der Patient auch in einen Dämmerschlaf versetzt. Nun sticht der Arzt unter Bildkontrolle vorsichtig eine Hohlnadel (Kanüle) in die Mitte der betroffenen Bandscheibe. Über den hohlen Kanal führt er Arbeitsinstrumente ein, um das Gewebe des Gallertkerns zu verkleinern oder zu schrumpfen:

Dazu benutzt er etwa einen Laser, der den Gallertkern im Inneren der Bandscheibe durch einzelne Lichtblitze verdampfen lässt (Laserdiskusdekompression). Der Gallertkern besteht nämlich zu über 90 Prozent aus Wasser. Durch das Verdampfen von Gewebe wird das Volumen des Kerns reduziert. Zudem zerstört die Hitze "Schmerzrezeptoren" (Nozizeptoren).

Bei der Thermoläsion schiebt der Chirurg einen Thermokatheter unter Röntgenkontrolle bis ins Innere der Bandscheibe vor. Der Katheter wird bis auf 90 Grad Celsius erhitzt, sodass ein Teil des Bandscheibengewebes verkocht. Gleichzeitig soll sich der äussere Faserring durch die Hitze verfestigen. Auch ein Teil der schmerzleitenden Nerven wird zerstört.

Bei der sogenannten Nukleoplastie verwendet der Arzt Radiofrequenzen, um Wärme zu erzeugen und das Gewebe zu verdampfen.

Alternativ führt der Arzt einen Dekompressor über die Kanüle in das Bandscheibeninnere ein. An dessen Spitze sitzt ein sich schnell drehendes Spiralgewinde. Es schneidet in das Gewebe ein und saugt gleichzeitig bis zu einem Gramm der Gallertmasse heraus.

Bei der Chemonukleolyse wird das Enzym Chymopapain eingespritzt, das den Gallertkern im Inneren der Bandscheibe chemisch verflüssigt. Nach einer bestimmten Wartezeit wird die verflüssigte Kernmasse über die Kanüle abgesaugt. Es ist hier sehr wichtig, dass der Faserring der betreffenden Bandscheibe völlig intakt ist. Andernfalls besteht das Risiko, dass aggressives Enzym austritt und im umliegenden Gewebe (wie Nervengewebe) schwere Schäden anrichtet.

Mögliche Komplikationen

Zu den möglichen Komplikationen bei minimal-invasiven Bandscheiben-Operationen zählt die bakterielle Bandscheibenentzündung (Spondylodiszitis). Sie greift unter Umständen auf den gesamten Wirbelkörper über. Deshalb bekommt der Patient meist vorbeugend ein Antibiotikum.

Nach der Operation

In den ersten Wochen nach einer minimal-invasiven Bandscheiben-Operation sollte sich der Patient körperlich schonen. Manchmal wird dem Patienten für diesen Zeitraum ein Korsett (elastisches Mieder) zur Entlastung verordnet.

Operation: Implantate

Im Rahmen der operativen Bandscheibenvorfall-Behandlung wird die abgenutzte Bandscheibe manchmal durch eine Prothese ersetzt, um die Beweglichkeit der Wirbelsäule zu bewahren. Das Bandscheibenimplantat soll den Abstand zwischen den Wirbeln sowie deren normale Beweglichkeit erhalten und die Schmerzen lindern.

Bisher ist unklar, welche Patienten von einem Bandscheibenimplantat profitieren und wie die Langzeiterfolge aussehen. Laufende Studien erbrachten bisher durchaus positive Resultate. Es fehlen aber noch echte Langzeitergebnisse, zumal die meisten Patienten zum Zeitpunkt der Bandscheiben-Operation im mittleren Lebensalter sind, also in der Regel noch einiges an Lebenszeit vor sich haben.

Nucleus-pulposus-Ersatz

Im frühen Stadium des Bandscheibenverschleisses (Bandscheibendegeneration) ist es möglich, den Gallertkern der Bandscheibe (Nucleus pulposus) zu ersetzen beziehungsweise zu unterstützen. Dabei verwenden Ärzte in der Regel Hydrogelkissen als eine Art künstlichen Gallertkern. Dieses Gel kommt den biochemischen und mechanischen Eigenschaften des natürlichen Gallertkerns sehr nahe, weil es in der Lage ist, Flüssigkeit aufzunehmen. Wie die Bandscheibe saugt es bei Entlastung Wasser auf und gibt es bei Belastung wieder ab.

Je nach Ausmass des Befundes und je nach Verfahren genügen bei dieser Bandscheiben-Operation oft eine lokale Betäubung oder eine Kurznarkose. Meist wird das Hydrogel per Hohlnadel eingeführt (unter Röntgen-Sicht). Betroffene sind oft noch am gleichen Tag in der Lage aufzustehen und bewegen sich bereits am Folgetag frei. Das Verfahren wird weltweit in klinischen Studien weiterentwickelt und beobachtet. Über Langzeitergebnisse ist bisher wenig bekannt.

Bandscheiben-Totalersatz

Beim Bandscheiben-Totalersatz entfernt der Arzt die Bandscheibe und Teile der Grund- und Deckplatten der angrenzenden Wirbel. Der Bandscheibenersatz besteht bei den meisten Modellen aus titanbeschichteten Grund- und Deckplatten und einem Polyethylen-Inlay (ähnlich wie gängige Hüftprothesen).

Zum Ablauf der Bandscheiben-Operation: Die alte Bandscheibe wird entfernt; zusätzlich wird ein Teil des Knorpels an den Grund- und Deckplatten der angrenzenden Wirbel weggeraspelt. Mithilfe von Röntgendurchleuchtung lässt sich die Bandscheibengrösse bestimmen und ein passendes Implantat auswählen. In die Grund- und Deckplatte der angrenzenden Wirbel meisselt der Operateur nun je nach Modell einen kleinen, senkrechten Schlitz. Er dient der Verankerung der Prothese. Dann bringt der Chirurg den Bandscheibenersatz ein. Der Druck der Wirbelsäule stabilisiert das Implantat. Innerhalb von drei bis sechs Monaten wächst Knochenmaterial in die speziell beschichteten Grund- und Deckplatten der Bandscheiben-Vollprothese ein.

Schon am ersten Tag nach der Operation ist der Patient in der Lage aufzustehen. In den ersten Wochen darf er keine schweren Lasten heben und muss Extrembewegungen vermeiden. Zur Stabilisierung dient ein elastisches Mieder, das der Patient selbst anlegt.

Für Patienten, die an Osteoporose (Knochenschwund) leiden oder bei denen der zu behandelnde Wirbel bewegungsinstabil ist, ist der Bandscheiben-Totalersatz nicht geeignet.

Untersuchungen und Diagnose

Bei unklaren Rückenschmerzen suchen Sie zunächst Ihren Hausarzt auf. Bei Verdacht auf einen Bandscheibenvorfall überweist er Sie an einen Facharzt, etwa einen Neurologen, Neurochirurgen oder Orthopäden.

Um einen Bandscheibenvorfall festzustellen, erfolgt meist eine Befragung des Patienten (Anamnese) sowie eine gründliche körperliche und neurologische Untersuchung. Nur in bestimmten Fällen sind bildgebende Verfahren wie Magnetresonanztomografie (MRT) notwendig.

Arzt-Patienten-Gespräch

Um den Verdacht auf einen Bandscheibenvorfall abzuklären, erhebt der Arzt zuerst im Gespräch mit dem Patienten dessen Krankengeschichte (Anamnese). Dazu fragt er zum Beispiel:

  • Welche Beschwerden haben Sie? Wo genau treten sie auf?
  • Seit wann bestehen die Beschwerden und was hat sie ausgelöst?
  • Verstärken sich die Schmerzen, wenn Sie husten, niesen oder sich bewegen?
  • Haben Sie Probleme beim Wasserlassen oder Stuhlgang?

Die Informationen helfen dem Arzt, die Ursache der Beschwerden näher einzugrenzen und abzuschätzen, von welcher Stelle der Wirbelsäule sie möglicherweise ausgehen.

Körperliche und neurologische Untersuchung

Im nächsten Schritt folgen körperliche und neurologische Untersuchungen. Der Arzt führt im Bereich von Wirbelsäule und Rückenmuskulatur Tast-, Klopf- und Druckuntersuchungen durch, um Auffälligkeiten oder Schmerzpunkte zu entdecken. Er testet auch den Bewegungsumfang der Wirbelsäule. Ausserdem werden Muskelkraft, Gefühl in den betroffenen Armen oder Beinen sowie die Reflexe geprüft. Art und Lokalisation der Beschwerden geben dem Arzt oft schon einen Hinweis, auf welcher Höhe der Wirbelsäule ein Bandscheibenvorfall vorliegt.

Bildgebende Verfahren

Eine Computertomografie (CT) sowie eine Magnetresonanztomografie (MRT) machen einen Bandscheibenvorfall sichtbar. Der Arzt erkennt dann zum Beispiel das Ausmass des Vorfalls und in welche Richtung er erfolgt ist: In den meisten Fällen liegt ein mediolateraler Bandscheibenvorfall vor. Dabei ist der ausgetretene Gallertkern zwischen die Zwischenwirbellöcher und den Rückenmarkskanal gerutscht.

Ein lateraler Bandscheibenvorfall ist daran erkennbar, dass der Gallertkern seitlich weggerutscht ist und in die Zwischenwirbellöcher austritt. Wenn er dabei auf die Nervenwurzel der betreffenden Seite drückt, resultieren einseitige Beschwerden.

Seltener liegt ein medialer Bandscheibenvorfall vor: Die gallertartige Masse des Bandscheibenkerns tritt hier mittig nach hinten in Richtung Spinalkanal (Rückenmarkskanal) aus und drückt unter Umständen direkt auf das Rückenmark.

Wann sind bildgebende Verfahren bei Bandscheibenvorfall nötig?

Eine CT oder MRT ist nur dann notwendig, wenn Arztgespräch oder körperliche Untersuchung einen Hinweis auf einen klinisch bedeutsamen Bandscheibenvorfall ergeben haben. Das ist etwa der Fall, wenn in einem Bein oder in beiden Beinen eine Lähmung auftritt, die Blasen- oder Darmfunktion gestört ist oder trotz Behandlung über Wochen anhaltende starke Beschwerden bestehen. Dabei ist die MRT in der Regel die erste Wahl.

Eine Bildgebung ist auch nötig, wenn Rückenschmerzen mit Symptomen einhergehen, die auf einen möglichen Tumor hindeuten (Fieber, nächtliches Schwitzen oder Gewichtsverlust). In diesen seltenen Fällen ist eine Darstellung des Raumes zwischen Rückenmark und Rückenmarkssack (Duralraum) mit einem Röntgenkontrastmittel notwendig (Myelografie oder Myelo-CT).

Eine normale Röntgenuntersuchung ist bei Verdacht auf einen Bandscheibenvorfall meist nicht sinnvoll, da sie nur Knochen, aber nicht weiche Gewebestrukturen wie Bandscheiben und Nervengewebe zeigt.

Nicht immer sind bildgebende Verfahren hilfreich

Auch wenn in der MRT oder CT ein Bandscheibenprolaps entdeckt wird, muss dieser nicht die Ursache der Beschwerden sein, die den Patienten zum Arztbesuch veranlasst haben. In vielen Fällen verläuft ein Bandscheibenvorfall nämlich ohne Beschwerden (asymptomatisch).

Darüber hinaus tragen bildgebende Verfahren mitunter dazu bei, dass die Schmerzen des Patienten chronisch werden. Denn der Blick auf eine Abbildung des eigenen Rückgrats hat offenbar in einigen Fällen eine negative psychologische Wirkung, wie Studien zeigen. Vor allem bei diffusen Rückenschmerzen ohne neurologische Symptome (wie Empfindungsstörungen oder Lähmungen) empfiehlt es sich daher, erst einmal abzuwarten. Erst wenn sich die Beschwerden nach sechs bis acht Wochen nicht bessern, ist eine bildgebende Untersuchung angezeigt.

Aufschlussreiche Bilder von der Wirbelsäule
MRT des Rückens
Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT) dienen der Abklärung eines Bandscheibenvorfalls.

Messung der Muskel- und Nervenaktivität

Wenn in Armen oder Beinen eine Lähmung oder Gefühlsstörung auftritt und unklar ist, ob diese die direkte Folge eines Bandscheibenvorfalls ist, bringt möglicherweise die Elektromyografie (EMG) oder die Elektroneurografie (ENG) Gewissheit. Mit dem EMG misst der behandelnde Arzt über eine Nadel die elektrische Aktivität einzelner Muskeln. Die ENG deckt in Zweifelsfällen auf, welche Nervenwurzeln genau von dem Bandscheibenvorfall gequetscht werden oder ob eine andere Nervenerkrankung vorliegt, zum Beispiel eine Polyneuropathie.

Laboruntersuchungen

In seltenen Fällen rufen bestimmte Infektionskrankheiten wie Borreliose oder Herpes Zoster (Gürtelrose) ähnliche Beschwerden wie ein Bandscheibenvorfall hervor. Wenn die Bildgebung keinen Befund zeigt, hat der Arzt deshalb die Möglichkeit, dem Patienten eine Blutprobe und eventuell eine Probe der Hirn-Rückenmarksflüssigkeit (Liquor cerebrospinalis) zu entnehmen. Diese Proben werden im Labor auf Infektionserreger wie Borrelien oder Herpes-Zoster-Viren untersucht.

Der Arzt veranlasst falls nötig die Bestimmung allgemeiner Parameter im Blut. Dazu zählen unter anderem Entzündungswerte wie die Anzahl der Leukozyten und das C-reaktive Protein (CRP). Diese sind zum Beispiel wichtig, wenn die Beschwerden möglicherweise von einer Entzündung der Bandscheibe und angrenzender Wirbelkörper (Spondylodiszitis) herrühren.

Bandscheibenvorfall HWS

Die altersbedingte Abnutzung von Wirbelgelenken und Bandscheiben ist der Hauptgrund, warum häufig vor allem bei älteren Menschen die Halswirbelsäule einen Bandscheibenvorfall aufweist: Die Wirbelgelenke lockern und verändern sich mit den Jahren, die Bandscheiben zermürben zunehmend.

Die Auswirkungen eines Bandscheibenvorfalls in der Halswirbelsäule betreffen meist Schultern, Arme sowie den Brustbereich, weil die versorgenden Nerven in dieser Höhe das Rückenmark verlassen.

Wenn jüngere Menschen einen Bandscheibenvorfall HWS erleiden, ist die Ursache oft eine Verletzung oder ein Unfall. Zum Beispiel sorgt eine abrupte Drehbewegung des Kopfes mitunter dazu, dass eine Bandscheibe zwischen den Halswirbeln vorfällt.

Mehr über Ursachen, Symptome und Behandlung eines zervikalen Bandscheibenprolaps lesen Sie im Beitrag Bandscheibenvorfall HWS.

Krankheitsverlauf und Prognose

Bei etwa 90 von 100 Patienten lassen die Schmerzen und Bewegungseinschränkungen, die ein akuter Bandscheibenvorfall verursacht, innerhalb von sechs Wochen von allein nach. Vermutlich wird das verschobene oder ausgetretene Bandscheibengewebe vom Körper beseitigt oder verschiebt sich, sodass der Druck auf Nerven oder Rückenmark nachlässt.

Falls eine Behandlung notwendig wird, genügen meist konservative Massnahmen. Sie sind deshalb vielfach die Therapie der Wahl bei einem Bandscheibenvorfall. Die Dauer der Regeneration und Heilungschancen hängen vom Schweregrad des Bandscheibenvorfalls ab.

Auch nach einer erfolgreichen Behandlung besteht die Möglichkeit, dass es an der gleichen Bandscheibe oder zwischen anderen Wirbelkörpern zu einem neuen Vorfall kommt. Daher empfiehlt es sich, nach einem überstandenen Bandscheibenvorfall die Rumpfmuskulatur regelmässig zu trainieren und weitere Ratschläge zu beherzigen, mit denen sich ein Bandscheibenvorfall vorbeugen lässt (siehe unten).

Nach einer Operation

Eine Operation bei Bandscheibenvorfall sollte sorgfältig überdacht werden. Oftmals verläuft sie zwar erfolgreich, aber es gibt auch immer wieder Patienten, bei denen der Eingriff langfristig nicht die gewünschte Schmerzfreiheit bringt.

Mediziner sprechen dann vom Failed-back-surgery-Syndrom oder Postdiskektomie-Syndrom. Es entsteht dadurch, dass der Eingriff die eigentliche Ursache für die Schmerzen nicht beseitigt hat oder neue Schmerzursachen geschaffen hat. Dazu zählen zum Beispiel Entzündungen und Narbenbildung im Operationsgebiet.

Eine weitere mögliche Komplikation einer Bandscheiben-Operation ist die Schädigung von Nerven und Gefässe beim Eingriff.

Fühlt sich ein Patient nach einer Bandscheibenoperation unter Umständen schlechter als vorher, gibt es dafür also verschiedene mögliche Ursachen. Zudem sind manchmal Folgeoperationen notwendig. Das ist auch der Fall, wenn bei operierten Patienten später erneute Bandscheibenvorfälle auftreten.

Ein Bandscheibenvorfall sollte deshalb nur dann operiert werden, wenn es dringend notwendig ist, etwa weil er Lähmungen verursacht. Ausserdem sollte der zu erwartende Nutzen deutlich grösser sein als die Risiken. Um die Ergebnisse zu verbessern, schliessen sich bei vielen Patienten nach der Operation Aufenthalte in Reha-Kliniken an.

Bisher gibt es noch keine Möglichkeit, im Vorfeld sicher herauszufinden, welche Patienten mit Bandscheibenvorfall von einer Bandscheiben-OP am meisten profitieren.

Lässt sich einem Bandscheibenvorfall vorbeugen?

Eine gesunde, starke Rumpfmuskulatur ist die Voraussetzung dafür, dass der Körper die alltäglichen Herausforderungen meistert. Vorbeugende Massnahmen sind unter anderem:

  • Achten Sie auf Ihr Körpergewicht: Übergewicht belastet den Rücken und begünstigt einen Bandscheibenvorfall.
  • Treiben Sie regelmässig Sport: Besonders günstig für den Rücken sind Wandern, Jogging, Skilanglauf, Kraulen und Rückenschwimmen, Tanzen, Wassergymnastik und andere Arten von Gymnastik, welche die Rückenmuskulatur stärken.
  • Bestimmte Entspannungstechniken wie Yoga, Tai Chi und Pilates fördern ebenfalls eine gute Körperhaltung und helfen, Rumpf und Rücken zu stärken.
  • Sitzen Sie nach Möglichkeit aufrecht und auf einem normal hohen Stuhl. Wechseln Sie häufig die Sitzposition. Ein begleitendes Krafttraining stabilisiert die Rumpfmuskulatur.
  • Positionieren Sie Gegenstände, die Sie oft verwenden, in einer gut erreichbaren Höhe: Augen und Arme werden entlastet und Sie verhindern, dass Sie die Halswirbelsäule überlasten. Das ist auch bei einem rückenfreundlichen Arbeitsplatz wichtig.
  • Meiden Sie tiefe und weiche Sitzmöbel; empfehlenswert ist ein keilförmiges Sitzkissen.
  • Arbeiten im Stehen: Der Arbeitsplatz muss so hoch sein, dass Sie (dauerhaft) in der Lage sind, aufrecht zu stehen.
  • Heben Sie sehr schwere Gegenstände nie mit gestreckten Beinen und gebeugter Wirbelsäule: Gehen Sie stattdessen in die Knie, lassen Sie die Wirbelsäule gestreckt und heben die Last "aus den Beinen heraus".
  • Verteilen Sie die Last in beide Hände, damit die Wirbelsäule gleichmässig belastet wird.
  • Winkeln Sie die Wirbelsäule nicht zur Gegenseite hin ab, wenn Sie Lasten tragen.
  • Halten Sie die Arme beim Tragen von Lasten dicht am Körper: Verlagern Sie dabei das Gewicht des Körpers nicht nach hinten und vermeiden Sie ein Hohlkreuz.
  • Sorgen Sie dafür, dass die Wirbelsäule auch beim Schlafen nicht abknickt. Sinnvoll ist eine gute Matratze (die Härte sollte dem Körpergewicht entsprechen) plus Lattenrost sowie eventuell ein kleines Kissen zur Unterstützung der natürlichen Wirbelsäulenform.

Diese Ratschläge richten sich besonders auch an Menschen, die bereits einen Bandscheibenvorfall hatten.

Autoren- & Quelleninformationen

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Vorlage:
Priv.-Doz. Dr. med. Thomas Wallny
Autor:
Martina Feichter
Martina Feichter

Martina Feichter hat in Innsbruck Biologie mit Wahlfach Pharmazie studiert und sich dabei auch in die Welt der Heilpflanzen vertieft. Von dort war es nicht weit zu anderen medizinischen Themen, die sie bis heute fesseln. Sie ließ sich an der Axel Springer Akademie in Hamburg zur Journalistin ausbilden und arbeitet seit 2007 für NetDoktor - zuerst als Redakteurin und seit 2012 als freie Autorin.

ICD-Codes:
G55M50M51
ICD-Codes sind international gültige Verschlüsselungen für medizinische Diagnosen. Sie finden sich z.B. in Arztbriefen oder auf Arbeitsunfähigkeits­bescheinigungen.
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