Aripiprazol

Von Lisa Hein
und , Apotheker und Pharmazie-Journalist
Mag. pharm. Christopher Waxenegger

Christopher Waxenegger studierte Pharmazie an der Universität Wien. Es folgten die erfolgreiche Fachprüfung für den Apothekerberuf sowie die freie Mitarbeit in einer Arztpraxis mit dem Schwerpunkt Medikationsanalyse. Seit 2020 widmet er sich dem Fachjournalismus und verfasst Sachtexte zu verschiedenen Gesundheitsthemen. Im Urlaub erkundet Christopher gerne die schottischen Highlands und genießt die Ruhe der Natur.

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Aripiprazol gehört zu den wichtigsten Medikamenten bei Schizophrenie und Manie. Er wurde im Jahr 2004 zugelassen und wird inzwischen häufig eingesetzt. Als atypisches Antipsychotikum ist Aripiprazol besser verträglich als die älteren, klassischen Antipsychotika. Hier lesen Sie alles Wichtige über Aripiprazol: Wirkung, Anwendung und Nebenwirkungen!

So wirkt Aripiprazol

Aripiprazol gehört zur Gruppe der atypischen Antipsychotika (auch Antipsychotika der zweiten Generation). Es unterscheidet sich sowohl in seinem Wirkungsmechanismus als auch seiner chemischen Struktur von den klassischen Antipsychotika der ersten Generation.

Im Gehirn und Rückenmark (Zentrales Nervensystem) sorgt das Zusammenspiel verschiedener Botenstoffe dafür, dass man sich ausgeglichen fühlt und angemessen auf bestimmte Situationen (wie Aufregung, Freude, Angst etc.) reagieren kann. Dazu werden die verschiedenen Botenstoffe (Neurotransmitter) je nach Bedarf von Nervenzellen ausgeschüttet und später wieder aufgenommen und gespeichert.

Dieses Gleichgewicht der Botenstoffe ist bei Menschen, die unter Schizophrenie oder bipolarer Störung leiden, gestört. Die Gedanken und Wahrnehmungen der Betroffenen sind stark verändert. Durch gestörte Selbstwahrnehmung und andersartiges Verhalten ist es praktisch nicht möglich, den Alltag ohne fremde Hilfe zu meistern.

Aripiprazol bindet an Andockstellen (Rezeptoren) von Dopamin und gleichzeitig von Serotonin. Dabei wirkt es an manchen Rezeptor-Typen aktivierend, an anderen desaktivierend und an wieder anderen übt es beide Funktionen aus. Die Wiederherstellung des Botenstoff-Gleichgewichts führt schlussendlich zu Ausgeglichenheit und Stimmungsaufhellung.

Aufnahme, Abbau und Ausscheidung

Der Wirkstoff wird in der Regel über den Mund verabreicht und daraufhin fast vollständig aus dem Darm ins Blut aufgenommen. Der Abbau erfolgt in der Leber unter Beteiligung der Enzyme CYP3A4 und CYP2D6.

Weil sich der Wirkstoff im Körpergewebe anreichert, dauert es rund 75 Stunden, bis Aripiprazol zur Hälfte aus dem Körper ausgeschieden wurde.

Wann wird Aripiprazol eingesetzt?

Zu den Anwendungsgebieten (Indikationen) von Aripiprazol gehören:

  • Schizophrenie
  • Behandlung und Vorbeugung von manischen Phasen bei einer sogenannten bipolaren Störung

Der Wirkstoff wird darüber hinaus bei einer Reihe von weiteren Erkrankungen ausserhalb seiner Zulassung ("Off-Label-Use") eingesetzt.

So wird Aripiprazol angewendet

Normalerweise wird Aripiprazol in Form von Tabletten, Schmelztabletten oder Lösungen zur Aufnahme über den Mund (per oral) angewendet. In akuten Fällen kann es aber auch direkt in den Muskel gespritzt werden.

Ebenfalls möglich ist eine monatliche Depot-Injektion in den Muskel, wodurch die tägliche Tabletteneinnahme wegfällt. Die Injektion wird einmal monatlich von einem Arzt verabreicht.

Die Dosierung beträgt bei Erwachsenen 10 bis 30 Milligramm pro Tag, wobei die Dosierung für jeden Patienten individuell bestimmt werden muss. Bei Kindern und Jugendlichen entsprechend weniger.

Welche Nebenwirkungen hat Aripiprazol?

Häufig, das heisst bei einem bis zehn Prozent der Behandelten, ruft Aripiprazol Nebenwirkungen wie Unruhe, Schlafstörungen, Schwindel, Magen-Darm-Beschwerden, Benommenheit und verschwommenes Sehen hervor. Ausserdem kann es zu sogenannten „extrapyramidalen Störungen“ mit Symptomen wie Zittern, Trippeln beim Gehen, motorischer Unruhe und Muskelschwäche führen.

Gelegentlich (bei weniger als einem Prozent der Behandelten) treten beschleunigter Puls und erniedrigter Blutdruck auf. Auch kann es gelegentlich zu einer Gewichtszunahme kommen, wenngleich deutlich seltener verglichen mit anderen Antipsychotika.

Was ist bei der Einnahme von Aripiprazol zu beachten?

Patienten mit Herz-Kreislauferkrankungen und Krampfneigung (Epilepsie) sollten Aripiprazol nur mit Vorsicht einnehmen.

Wechselwirkungen

Bei gleichzeitiger Einnahme von anderen Medikamenten, die ebenfalls über CYP3A4 oder CYP2D6 verstoffwechselt werden und/oder diese Enzyme induzieren beziehungsweise hemmen, kann es zu Wechselwirkungen kommen.

Aripiprazol verstärkt die Wirkung von Mitteln gegen Bluthochdruck und von zentral wirksamen Medikamenten (wie Mittel gegen Depressionen oder starke Schmerzmittel). Dies gilt insbesondere in Kombination mit Alkohol.

Manche Medikamente verstärken die Aripiprazol-Wirkung, weshalb eine Dosisreduktion notwendig sein kann. Hierzu zählen:

  • Chinidin (bei Herzrhythmusstörungen)
  • Ketoconazol und Itraconazol (bei Pilzerkrankungen)
  • Fluoxetin,  Paroxetin und Escitalopram (bei Depressionen)
  • Mittel gegen HIV (wie Indinavir, Ritonavir, Atazanavir oder Lopinavir)
  • Diltiazem (bei koronarer Herzkrankheit, Herzrhythmusstörungen oder Blutdruck)

Folgende Substanzen verringern bei gleichzeitiger Gabe die Aripiprazol-Wirkung:

  • Carbamazepin, Phenytoin, Phenobarbital und Primidon (gegen Krampfanfälle)
  • Rifampicin, Rifabutin (Antibiotika)
  • Efavirenz, Nevirapin (bei HIV)
  • Johanniskraut (bei leichten depressiven Verstimmungen)

Verkehrstüchtigkeit und Bedienen von Maschinen

Durch die zentrale Wirkung von Aripiprazol kann es bei den Behandelten zu einem verlangsamten Reaktionsvermögen kommen. Deshalb sollte gerade zu Beginn der Therapie auf die individuelle Verträglichkeit geachtet und zunächst nicht aktiv am Strassenverkehr teilgenommen werden.

Altersbeschränkungen

Aripiprazol ist bei Kindern und Jugendlichen mit Schizophrenie ab einem Alter von 15 Jahren zugelassen. Kinder und Jugendliche mit einer bipolaren Störungen können bereits ab einem Alter von 13 Jahren mit Aripiprazol behandelt werden.

Schwangerschaft und Stillzeit

Der Erfahrungsumfang zur Anwendung von Aripiprazol in Schwangerschaft und Stillzeit ist nicht sehr hoch. Studien zu rund 2000 Schwangerschaftsverläufen haben keinen Hinweis auf Teratogenität ergeben.

Bei der Einnahme im zweiten und dritten Schwangerschaftsdrittel sind beim Neugeborenen Anpassungstörungen möglich. Diese können auch erst einige Tage nach der Geburt auftreten.

Aripiprazol tritt in die Muttermilch über. Die Datenlage zu gestillten Kindern ist sehr dürftig. Bisherige Daten berichten fallweise über Schläfrigkeit beim Neugeborenen und verminderter Milchproduktion der Mutter.

Ihr Arzt wird den Nutzen einer Therapie mit Aripiprazol in der Schwangerschaft und Stillzeit gegen das Risiko für Sie und Ihr Kind streng abwägen.

So erhalten Sie Medikamente mit Aripiprazol

Medikamente mit Aripiprazol sind in Deutschland, Österreich und der Schweiz verschreibungspflichtig und deshalb nur mit einem ärztlichen Rezept in der Apotheke erhältlich.

Seit wann ist Aripiprazol bekannt?

Aripiprazol entstammt der neuen Generation von Wirkstoffen gegen Psychosen (atypische Antipsychotika). Diese löst im Vergleich zur älteren Generation weniger häufig eine extrapyramidal-motorische Störung aus.

Weiterhin scheinen bei der neueren Generation - im Gegensatz zu den älteren Medikamenten - die sogenannten Negativsymptome der Schizophrenie (wie veränderte Selbstwahrnehmung, Depression und verlangsamte Motorik) verbessert zu werden.

Autoren- & Quelleninformationen

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Autoren:
Lisa Hein
Christopher Waxenegger
Mag. pharm.  Christopher Waxenegger

Christopher Waxenegger studierte Pharmazie an der Universität Wien. Es folgten die erfolgreiche Fachprüfung für den Apothekerberuf sowie die freie Mitarbeit in einer Arztpraxis mit dem Schwerpunkt Medikationsanalyse. Seit 2020 widmet er sich dem Fachjournalismus und verfasst Sachtexte zu verschiedenen Gesundheitsthemen. Im Urlaub erkundet Christopher gerne die schottischen Highlands und genießt die Ruhe der Natur.

Quellen:
  • Geisslinger, G. et al.: Mutschler Arzneimittelwirkungen - Pharmakologie, Klinische Pharmakologie, Toxikologie, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart, 11. Auflage, 2020.
  • Gerlach, M. et al. Neuro-/Psychopharmaka im Kindes- und Jugendalter: Grundlagen und Therapie, Springer Verlag GmbH, Berlin-Heidelberg, 3. Auflage, 2016.
  • Gründer, G. et Benkert, O.: Handbuch der Psychopharmakotherapie, Springer Verlag GmbH, Berlin-Heidelberg, 2. Auflage, 2012.
  • Herdegen, T.: Kurzlehrbuch Pharmakologie und Toxikologie, Georg Thieme Verlag, 4. Auflage, 2019.
  • Pharmakovigilanz und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie der Charité-Universitätsmedizin Berlin: Wirkstoff, unter: www.embryotox.de (Abruf: 09.08.2021).
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