Diabetes bei Kindern

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und , Biologin und Medizinredakteurin
und , Medizinredakteurin und Biologin
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Dr. med. Julia Schwarz

Dr. med. Julia Schwarz ist freie Autorin in der NetDoktor-Medizinredaktion.

Dr. Monique Amey-Özel

Dr. Monique Amey-Özel hat Biologie an der Universität Bonn studiert und in den Neurowissenschaften promoviert. Sie war mehrere Jahre in der Forschung und als Lehrbeauftragte u.a. im Fach Anatomie an medizinischen Ausbildungseinrichtungen tätig. Sie beriet als Pharmareferentin Ärzte in verschiedenen Indikationen und ist nun als Medizinredakteurin verantwortlich für die Erstellung medizinischer Texte sowohl für Fachkreise als auch interessierte Laien.

Martina Feichter

Martina Feichter hat in Innsbruck Biologie mit Wahlfach Pharmazie studiert und sich dabei auch in die Welt der Heilpflanzen vertieft. Von dort war es nicht weit zu anderen medizinischen Themen, die sie bis heute fesseln. Sie ließ sich an der Axel Springer Akademie in Hamburg zur Journalistin ausbilden und arbeitet seit 2007 für NetDoktor - zuerst als Redakteurin und seit 2012 als freie Autorin.

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Diabetes bei Kindern ist meist ein Diabetes vom Typ 1. Er bedarf zeitlebens einer regelmässigen Behandlung mit Insulininjektionen. Manchmal haben Kinder allerdings auch einen Diabetes Typ 2, der sonst hauptsächlich bei älteren Erwachsenen auftritt. Andere Diabetesformen sind sehr selten. Lesen Sie hier alles Wichtige zum Diabetes bei Kindern!

Diabetes bei Kindern

Kurzübersicht

  • Symptome: Starker Durst, vermehrter Harndrang, Heisshunger, Gewichtsverlust, Müdigkeit, Leistungsschwäche, Konzentrationsschwäche, Bauchschmerzen, ggf. Acetongeruch der Ausatemluft
  • Behandlung: Bei Typ-1-Diabetes Insulintherapie, bei Typ-2-Diabetes Lebensstiländerung (ausgewogene Ernährung, mehr Bewegung), ggf. orale Diabetes-Medikamente, ggf. Insulintherapie, Diabetes-Schulung
  • Verlauf und Prognose: Nur bedingt heilbar, Symptome bei erfolgreicher Therapie deutlich linderbar; unbehandelt sind Komplikationen wie Unterzuckerung oder diabetische Ketoazidose möglich, und die Lebenserwartung ist gemindert
  • Untersuchungen und Diagnose: Arztgespräch, körperliche Untersuchung, Bestimmung des Nüchtern- sowie Langzeit-Blutzuckers (HbA1c), ggf. oraler Glukosetoleranztest, Antikörpertest, Blut- und Urinuntersuchung
  • Ursachen und Risikofaktoren: Bei Typ-1-Diabetes nicht eindeutig, wahrscheinlich eine Autoimmunreaktion, genetische Faktoren oder Infektionen, möglicherweise kurze Stillzeiten; bei Diabetes Typ 2 oder MODY ein ungesunder Lebensstil und Bewegungsmangel sowie genetische Faktoren, selten Substanzen wie Medikamente oder Chemikalien
  • Vorbeugung: Typ-1-Diabetes in der Regel nicht vermeidbar; bei Typ-2-Diabetes verringert oft ein gesunder Lebensstil und ausreichende Bewegung das Risiko einer Erkrankung

Wie äussert sich Diabetes bei Kindern?

Die weitaus häufigste Form von Diabetes bei Kleinkindern, Kindern und Jugendlichen ist der Diabetes Typ 1. Experten schätzen, dass die Inzidenz des Diabetes mellitus Typ 1 bei Kindern unter 15 Jahren in der Schweiz bei etwa 13,1 liegt. Prognosen zufolge werden diese Zahlen in den nächsten Jahren noch weiter ansteigen. Typ-1-Diabetiker sind lebenslang auf das blutzuckersenkende Hormon Insulin angewiesen, da bei ihnen die Insulin-produzierenden Zellen vom Immunsystem zerstört wurden.

Immer häufiger stellen Ärzte (neben Typ-1-Diabetes) bei Kindern und Jugendlichen aber auch den Diabetes Typ 2 fest. Dieser tritt sonst bevorzugt nach dem 40. Lebensjahr auf. Allerdings weisen heute viele Sprösslinge das typische Risikoprofil dieser Erkrankung auf: Bewegungsmangel, Übergewicht und eine sehr zucker- und fetthaltige Ernährung. Pro Jahr erkranken deshalb schätzungsweise immer mehr Kinder zwischen zwölf und 19 Jahren an Typ-2-Diabetes – Tendenz steigend.

Bei manchen Kindern und Jugendlichen treten seltene Diabetesformen auf. Dazu zählt zum Beispiel MODY ("maturity onset diabetes in the young"). Zur Häufigkeit von solchen seltenen Formen von Diabetes bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen gibt es wenig gesicherte Daten.

Welche Symptome deuten auf ein Diabetes bei Kindern hin?

Ein Typ-1-Diabetes bei Kindern zeigt sich oftmals erst mit Symptomen, wenn bereits mehr als 80 Prozent der Insulin-produzierenden Beta-Zellen in der Bauchspeicheldrüse zerstört sind. Vorher reicht die Insulin-Restmenge aus, um eine völlige Entgleisung des Zuckerstoffwechsels zu verhindern.

Die Beschwerden eines Diabetes Typ 1 bei Kindern entwickeln sich mitunter jedoch innerhalb weniger Wochen. Dazu gehören:

  • Grosse Urinmengen, nächtliches Wasserlassen oder Einnässen
  • Extremes Durstgefühl und Trinkmengen von mehreren Litern pro Tag
  • Mattheit und Leistungsschwäche
  • Gewichtsverlust bei ständigem Heisshunger (Kinder mit Diabetes Typ 1 sind meist schlank)
  • Starke Bauchschmerzen
  • Ein typischer Acetongeruch der Ausatemluft im fortgeschrittenen Stadium (wie "Nagellackentferner")

Die Symptome des weitaus selteneren Diabetes Typ 2 bei Kindern entwickeln sich dagegen langsam. Sie sind ähnlich wie beim Typ-1-Diabetes. Allerdings haben die betroffenen Kinder meist ein deutliches Übergewicht (Fettleibigkeit = Adipositas).

Diabetes bei Kindern behandeln

Unmittelbar nach der Diagnose eines Diabetes erhalten die Kinder und ihre Eltern eine spezielle Diabetes-Schulung. Sie erfahren darin mehr über die Erkrankung, ihre Entstehung, ihren Verlauf und die Behandlungsmöglichkeiten.

In der Schulung lernen sie unter anderem auch, welche Kohlenhydratmenge in verschiedenen Lebensmitteln steckt und wie viel Insulin der Körper zu welcher Tageszeit für welche Nahrungsmittel benötigt. Die Schulung vermittelt ausserdem den richtigen Umgang mit möglichen Komplikationen der Diabetes-Erkrankung (wie Über- und Unterzuckerung).

Behandlung von Typ-1-Diabetes

Typ-1-Diabetes erfordert das lebenslange Spritzen von Insulin (meist mit einem Insulin-Pen), da die Bauchspeicheldrüse selbst kein Insulin mehr herstellt. In der Regel erhalten Betroffene das Insulin im Rahmen einer intensivierten Insulintherapie verabreicht. Vielen Kindern und Jugendlichen setzen Ärzte aber auch eine Insulinpumpe ein, die sich flexibel und schnell ansteuern lässt.

Wann der Körper wie viel Insulin benötigt, lernen Typ-1-Diabetes-Kinder in der Schulung. Dosis und Zeitpunkt sind nämlich sehr wichtig, um lebensgefährliche Unterzuckerungen (Hypoglykämien) beziehungsweise zu hohe Blutzuckerspiegel (Hyperglykämien) zu verhindern. In der Diabetes-Schulung erlernen die Patienten ausserdem, wie sie sich Insulininjektionen richtig verabreichen und worauf dabei zu achten ist.

Die Art der Diabetes-Therapie sowie die Therapieziele (wie Höhe des Blutzuckerspiegels und HbA1c-Wertes) sind individuell festgelegt. Beim HbA1c sind beispielsweise Werte unter 7,5 Prozent das Ziel.

Intensivierte Insulintherapie (Basis-Bolus-Prinzip)

Hierbei spritzen sich die Patienten ein- bis zweimal täglich ein langwirksames Insulin, um den Grundbedarf an Insulin auszugleichen (Basis). Vor jeder Mahlzeit messen die Diabetes-Kinder den aktuellen Blutzuckerspiegel und spritzen sich daraufhin noch ein normal- oder kurzwirksames Insulin dazu (Bolus). Die benötigte Bolusmenge ist dabei von der Tageszeit und der Zusammensetzung der geplanten Mahlzeit abhängig.

Insulinpumpe

Die Insulinpumpe ist besonders bei Kindern dazu geeignet, die Lebensqualität trotz Diabetes zu erhalten. Dabei implantiert der Arzt eine feine Nadel ins Bauchfett, die über einen kleinen Schlauch mit der Insulinpumpe verbunden ist. Dabei handelt es sich um ein kleines, programmierbares, batteriebetriebenes Gerät mit einem Insulinreservoir. Die Pumpe lässt sich am Gürtel befestigen oder in einer kleinen Tasche tragen, die sich Patienten mithilfe eines Gurtes um den Hals hängen und unter dem Hemd oder Shirt verstauen. So ist sie nicht von aussen sichtbar.

Die Insulinpumpe gibt über den Tag verteilt festgelegte Mengen an Insulin in das Fettgewebe ab, wo es über kleinste Blutgefässe in den gesamten Körper gelangt. Diese Insulinmenge deckt den Grundbedarf ab. Zu den Mahlzeiten verabreichen sich Patienten per Knopfdruck meist zusätzliches Insulin, das die Verwertung der geplanten Speisen gewährleistet.

Den Betroffenen verschafft die Insulinpumpe viel Freiheit. Sie entlastet die Kinder mit Diabetes zudem deutlich, weil die täglichen schmerzhaften Insulininjektionen entfallen. Die Insulinpumpe bleibt immer am Körper, auch beim Sport oder beim Spielen. Bei Bedarf – zum Beispiel zum Schwimmen – lässt sich die Pumpe jedoch kurzzeitig abkoppeln.

Die Einstellung der Insulinpumpe erfolgt individuell in einer spezialisierten Diabetes-Praxis oder Klinik. Es ist notwendig, das Insulinreservoir (Kartusche) regelmässig auszutauschen oder aufzufüllen.

Behandlung von Typ-2-Diabetes

Wie beim Typ-1-Diabetes werden Therapie-Plan und Therapieziele individuell festgelegt.

Die Basis der Behandlung bilden regelmässige körperliche Aktivität und Sport sowie eine Ernährungsumstellung (abwechslungsreiche, ausgewogene Kost mit viel Ballaststoffen, Obst und Gemüse). Das hilft den Patienten, überschüssige Kilos los zu werden und den erhöhten Blutzucker zu senken. Ausserdem verringert es Risikofaktoren für Begleit- und Folgeerkrankungen (Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck et cetera). In der Diabetes-Schulung erhalten die Kinder und Jugendlichen mit Diabetes Tipps und Hilfe bei ihrem Bewegungsprogramm und eine individuelle Ernährungsberatung.

Mehr Bewegung, die Diabetes-Diät und eine resultierende Gewichtsabnahme reichen bei manchen Patienten aus, den Typ-2-Diabetes in den Griff zu bekommen. Allerdings ist es nötig, die Blutzuckerwerte auch dann weiter im Auge zu behalten, da die Neigung zu Diabetes weiterhin besteht.

Lässt sich der Blutzucker mit einer Lebensstiländerung nicht ausreichend senken oder lässt sich der junge Patient nicht zu mehr Bewegung und einer gesünderen Ernährung motivieren, verschreibt der Arzt zusätzlich Diabetes-Medikamente (Antidiabetika). Zuerst versucht er es mit einem oralen Antidiabetikum (meist Metformin-Tabletten). Wenn diese nach drei bis sechs Monaten nicht den gewünschten Erfolg bringen, bekommt der Patient Insulin.

Wichtiger Bestandteil der Therapie ist auch die Behandlung von bereits bestehenden Begleit- und Folgeerkrankungen.

Lebenserwartung bei Kindern mit Diabetes

Der Krankheitsverlauf und die mögliche Lebenserwartung ist bei den betroffenen Kindern und Jugendlichen sehr unterschiedlich. Beides hängt im Wesentlichen vom Diabetes-Typ ab und wie gut dieser therapiert ist. Ausserdem beeinflusst der Allgemeinzustand des Patienten die Prognose. Eine Heilung ist grundsätzlich nicht möglich, da Diabetes mellitus – abgesehen vom Schwangerschaftsdiabetes – eine chronische Erkrankung ist. Die Beschwerden sind aber gut kontrollierbar.

Beim Diabetes Typ 2 hängt der Krankheitsverlauf entscheidend davon ab, ob die Patienten ihren Lebensstil ändern. Durch mehr Bewegung, eine individuell angepasste Ernährung und Gewichtsabnahme ist ein Typ-2-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen manchmal schon sehr gut behandelbar, wodurch das jeweilige Kind absolut symptomfrei ist und ein langes, beschwerdefreies Leben in Aussicht hat.

Der Typ-1-Diabetes bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ist in der Regel zwar aufwendiger zu behandeln, aber auch hier lassen sich die Beschwerden gut kontrollieren. Eine regelmässig aufzufrischende Schulung und medizinische Überwachung sind hierbei unverzichtbar. Das Hauptziel ist es, mittels Insulintherapie möglichst konstante Blutzuckerwerte zu erreichen, um Folgeerkrankungen zu vermeiden. Prinzipiell gilt: Je jünger die Patienten zu Erkrankungsbeginn sind, desto höher ist das Risiko für auftretende Folgeschäden im Laufe des Lebens.

Akute Komplikationen, die in unterschiedlicher Häufigkeit bei Typ-1- und Typ-2-Diabetes auftreten, sind Unterzuckerung (Hypoglykämie) und Überzuckerung (Hyperglykämie). Letztere führt in schweren Fällen unter Umständen zu einer diabetischen Ketoazidose (vor allem bei Typ-1-Diabetes). Oft sind es auftretende Folgeerkrankungen, die letztlich die Lebenserwartung verringern.

Akute Komplikationen

Hypoglykämie

Die Unterzuckerung (Hypoglykämie) ist eine der häufigsten und zugleich gefährlichsten akuten Komplikationen, die bei Diabetes bei Kindern unter Insulintherapie vorkommt. Sie entsteht oft dadurch, dass sich der Patient versehentlich zu viel Insulin spritzt. Auch eine ungewöhnlich starke körperliche Belastung oder zu viel Sport führt bei gleichbleibender Insulindosis häufiger zur Unterzuckerung.

Weitere mögliche Ursachen sind zum Beispiel eine Überdosierung von blutzuckersenkenden Tabletten (bei Typ-2-Diabetes), das Auslassen einer geplanten Mahlzeit bei gleichbleibender Insulin- oder Tablettendosis sowie übermässiger Alkoholkonsum (vor allem in Verbindung mit Sport oder sonstiger körperlicher Aktivität). Wobei starker Alkoholkonsum in der Regel nur bei Jugendlichen und Erwachsenen eine Gefahr darstellt und selten bei Kindern.

Mögliche Symptome einer Unterzuckerung sind zum Beispiel Schwitzen, Schwindel, zitternde Hände, Herzklopfen und ein ausgeprägtes Schwächegefühl. In schweren Fällen kommen Konzentrations- und Sehstörungen, Krämpfe sowie Bewusstseinsstörungen bis hin zur Bewusstlosigkeit hinzu.

Ärzte raten besonders insulinpflichtigen Diabetikern, immer etwas Traubenzucker bei sich zu haben, damit sich im Falle einer leichten Hypoglykämie ihr Blutzucker schnell anheben lässt. Schwerere Fälle hingegen erfordern meist eine medizinische Behandlung.

Diabetische Ketoazidose

Der absolute Insulinmangel bei Diabetes-Typ-1-Kindern führt dazu, dass die Zellen den Zucker (Glukose) nicht mehr aus dem Blut aufnehmen. Wenn der Körper von aussen zu wenig oder gar kein Insulin erhält, steigt der Blutzucker immer weiter an.

Eine solche Überzuckerung (Hyperglykämie) entsteht bei insulinpflichtigen Diabetikern oft auch während einer akuten Infektion wie Lungenentzündung oder Harnwegsinfekt. Der Körper braucht dann nämlich mehr Insulin als normalerweise, auch wenn der Patient vielleicht wenig isst. Die normale Insulindosis reicht dann nicht aus, und der Blutzucker steigt in der Folge übermässig an.

Während bei einer Überzuckerung im Blut also deutlich zu viel Glukose vorhanden ist, herrscht in den Zellen ein Glukosemangel und damit ein Energiemangel. Vor allem im Gehirn wirkt sich das fatal aus, da es besonders viel Energie benötigt und auf die Energiegewinnung durch Glukose angewiesen ist. Um das Energiedefizit auszugleichen, beginnt der Körper, vermehrt Fett abzubauen. Dabei entstehen sogenannte Ketonkörper. Sie säuern das Blut an (diabetische Ketoazidose).

Typische Symptome sind der fruchtige Acetongeruch der ausgeatmeten Luft und eine sehr tiefe Atmung (Kussmaul-Atmung). Den zu hohen Blutzuckerspiegel versucht der Körper abzubauen, indem er Zucker zusammen mit viel Flüssigkeit ausscheidet. Das führt zu einer gesteigerten Urinausscheidung und in weiterer Folge zu Austrocknung (Dehydrierung). Die Patienten sind müde und schwach und fallen im Extremfall in einen komatösen Zustand (ketoazidotisches Koma). Dieses Koma bedeutet Lebensgefahr! Es ist sofort der Notarzt zu alarmieren.

In milder Form tritt eine diabetische Ketoazidose manchmal auch bei Typ-2-Diabetes auf.

Folgeerkrankungen

Zu den häufigsten Folgeerkrankungen von Diabetes mellitus (unabhängig vom Typ) zählen zum Beispiel Nierenerkrankung (diabetische Nephropathie), Netzhauterkrankung (diabetische Retinopathie) und Nervenschäden (diabetische Polyneuropathie). Die Nervenschäden lösen zusammen mit Gefässschäden, die ebenfalls eine Folge des zu hohen Blutzuckers sind, das sogenannte diabetischer Fuss-Syndrom aus.

Auch Herzinfarkt und Schlaganfall sind mögliche Spätfolgen eines schlecht eingestellten oder unbehandelten Diabetes bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.

Mehr über mögliche Komplikationen und Folgeschäden lesen Sie im Beitrag Diabetes mellitus.

Diabetes bei Kindern feststellen

Der richtige Ansprechpartner bei Verdacht auf einen Diabetes bei Kindern ist ein Facharzt für Kinderheilkunde oder ein Facharzt für Innere Medizin und Endokrinologie. Er stellt Ihnen im ersten Gespräch Fragen wie:

  • Ist Ihr Kind in letzter Zeit oftmals auffallend müde gewesen?
  • Muss es häufig Wasser lassen oder nässt es nachts ein?
  • Trinkt es in letzter Zeit vermehrt oder klagt oft über Durst?
  • Klagt es über Bauchschmerzen?
  • Ist Ihnen ein fruchtiger Geruch (wie "Nagellackentferner") der Atems aufgefallen?
  • Ist ein anderes Familienmitglied an einem Diabetes erkrankt?

Körperliche Untersuchung und Nüchtern-Blutzucker

Anschliessend untersucht der Arzt das Kind und vereinbart in der Regel einen weiteren Termin zur (morgendlichen) Blutentnahme. Für diese muss das Kind nüchtern sein, also mindestens acht Stunden nichts mehr gegessen und keine zuckerhaltigen Getränke konsumiert haben. Nur so lässt sich der Nüchtern-Blutzuckerwert zuverlässig bestimmen.

Eine einmalige Messung reicht für die Diagnose "Diabetes bei Kindern" aber nicht aus. Um Messfehler und Schwankungen auszuschliessen, sind wiederholte Messungen des Nüchtern-Blutzuckers nötig (mindestens zweimal). Liegt das Ergebnis mehrmals über 126 mg/dl, spricht das für einen Diabetes.

Langzeit-Blutzuckerwert (HbA1c)

Der HbA1c-Wert gibt an, wie hoch der Blutzuckerspiegel in den letzten zwei bis drei Monaten im Durchschnitt war: Wenn die Blutzuckerwerte wiederholt oder anhaltend zu hoch sind, lagern sich im Blut zirkulierende Zuckermoleküle an den roten Blutfarbstoff (Hämoglobin) an – es entsteht "angezuckertes" (glykosyliertes) Hämoglobin. Dessen Anteil am Gesamthämoglobin lässt sich im Labor bestimmen und wird als HbA1c-Wert in Prozent angegeben. Beträgt er mehr als 6,5 Prozent, liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Diabetes vor.

Bei Verdacht auf Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen führt der Arzt die HbA1c-Bestimmung meist nur in Zweifelsfällen durch.

Der HbA1c-Wert ist auch bei bereits bekannter Diabetes-Erkrankung wichtig. Ihn messen Ärzte regelmässig, um den Erfolg der Diabetes-Behandlung zu überprüfen.

Antikörper-Suchtest

Wenn sich ein Diabetes bei Kindern nicht eindeutig dem Typ 1 zuordnen lässt, bringt ein Antikörper-Suchtest Klarheit. Dabei untersucht der Arzt eine Blutprobe des Patienten auf Autoantikörper, die bei Diabetes Typ 1 typisch sind. Bei Diabetes Typ 2 lassen sich keine solchen Autoantikörper nachweisen.

Ein Antikörper-Suchtest erlaubt eine sehr frühe Diagnose von Typ-1-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen, da die Autoantikörper sich bereits Jahre vor Ausbruch der Erkrankung im Blut finden lassen. Diabetes Typ 1 macht sich ansonsten erst mit Symptomen bemerkbar, wenn schon rund 80 Prozent der Beta-Zellen zerstört sind.

Oraler Glukosetoleranztest (oGTT)

Den oralen Glukosetoleranztest (oGTT) bezeichnen Fachleute auch als Zuckerbelastungstest. Er prüft, wie gut der Körper Zucker verwertet. Dazu erfolgt zuerst die Bestimmung des Nüchtern-Blutzucker. Dann trinkt der Patient eine definierte Zuckerlösung (75 Gramm gelöster Zucker). Jeweils nach einer und nach zwei Stunden misst der Arzt den Blutzuckerspiegel erneut.

Wenn Nüchtern-Blutzucker sowie die beiden Blutzuckerwerte ein und zwei Stunden nach dem Trinken der Zuckerlösung bestimmte Grenzwerte überschreiten, spricht das für eine Diabetes-Erkrankung.

Zur Diagnose von Typ-1-Diabetes bei Kindern führen Ärzte den oGTT meist nur in Zweifelsfällen durch. Bei Verdacht auf Typ-2-Diabetes dagegen gehört er zur Routine-Diagnostik. Für ein gesichertes Ergebnis kommt er meist zweimal zum Einsatz.

Urinuntersuchung

Zur Abklärung von Diabetes bei Kindern ist ergänzend eine Urinuntersuchung auf Zucker (Glukose) sinnvoll. Normalerweise transportieren bestimmte Zellen im Nierenmark den in die Harn-Vorstufe (Primärharn) gelangten Zucker wieder zurück ins Blut. Im gesunden Urin lässt sich also kein oder kaum Zucker nachweisen.

Steigt der Blutzucker aber deutlich über die Normalwerte an, ist die Niere oft nicht in der Lage, diese Rückresorption zu leisten. Dann scheidet der Körper vermehrt Zucker mit dem Urin aus (Glukosurie) – ein Hinweis auf eine gestörte Glukosetoleranz beziehungsweise manifesten Diabetes.

Es gibt schon seit vielen Jahren spezielle Teststreifen für den Haus- und einfachen Praxisgebrauch, mit denen sich eine Glukosurie nachweisen lässt. Das dauert nur wenige Minuten.

Bei dauerhaft zu hohen Blutzuckerspiegeln schädigen die Zuckermoleküle das Nierengewebe mit der Zeit (diabetische Nephropathie). Ein Hinweis darauf ist ein bestimmtes Eiweiss im Urin, das Albumin. Diese sogenannte Albuminurie lässt sich ebenfalls mit einem Urinteststreifen nachweisen.

Sonstige Untersuchungen

Stellt der Arzt einen Typ-2-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen fest, sind weitere Untersuchungen nötig. Sie dienen dazu, eventuelle Begleiterkrankungen zu erfassen, zum Beispiel Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen (wie erhöhtes Cholesterin) oder diabetes-bedingte Augenerkrankung (diabetische Retinopathie). Zum Zeitpunkt der Diagnose von Typ-2-Diabetes hat der erhöhte Blutzucker nämlich schon bei vielen Patienten solche Folgeschäden verursacht.

Warum bekommen Kindern Diabetes?

Die Ursachen von Diabetes bei Kindern (und Erwachsenen) hängen von der Form der Zuckerkrankheit ab.

Typ-1-Diabetes bei Kindern

Der Typ-1-Diabetes ist eine Autoimmunerkrankung. Es greifen hier Antikörper die insulin-produzierenden Beta-Zellen in der Bauchspeicheldrüse an und zerstören sie. Der Körper ist dadurch nicht mehr in der Lage, genug Insulin herzustellen (absoluter Insulinmangel).

Mittlerweile kennen Experten verschiedene solcher Autoantikörper, die bei Typ-1-Diabetes vorkommen. Dazu zählen zum Beispiel Autoantikörper gegen zytoplasmatische Inselzellbestandteile (ICA) und gegen Insulin (IAA).

Warum das Immunsystem der Patienten gegen eigenes Gewebe vorgeht, ist unklar. Genetische Faktoren scheinen dabei eine Rolle zu spielen, weil Typ-1-Diabetes manchmal bei mehreren Mitgliedern einer Familie auftritt. Forscher haben mittlerweile mehrere Genveränderungen identifiziert, die offenbar im Zusammenhang mit Typ-1-Diabetes stehen.

Darüber hinaus stehen weitere Faktoren im Verdacht, an der Entstehung der autoimmunbedingten Form von Zuckerkrankheit beteiligt zu sein. Dazu zählen zum Beispiel Infektionen wie Mumps, Masern und Röteln. Wissenschaftler diskutieren auch über einen möglichen Einfluss einer zu kurzen Stillzeit nach der Geburt oder einer zu frühen Gabe von Kuhmilch und glutenhaltiger Kost an Kinder. Diese vermuteten Zusammenhänge sind aber noch Bestandteil der Forschung.

Oft tritt Diabetes Typ 1 zusammen mit anderen Autoimmunerkrankungen auf, etwa mit Zöliakie oder Morbus Addison.

Typ-2-Diabetes bei Kindern

Typ-2-Diabetes entwickelt sich über Jahre: Die Körperzellen reagieren zunehmend unempfindlich auf das blutzuckersenkende Hormon Insulin. Diese Insulinresistenz führt zu einem relativen Insulinmangel: Der Körper der Patienten produziert zunächst meist noch ausreichend Insulin, aber dessen Wirksamkeit an den Zellen nimmt mit der Zeit ab.

Zum Ausgleich steigert die Bauchspeicheldrüse die Insulinproduktion. Irgendwann erschöpft sie aber aufgrund der Überbelastung. Dann nimmt die Insulinproduktion ab. In fortgeschrittenen Krankheitsstadien kommt es unter Umständen zu einem absoluten Insulinmangel.

Die genauen Ursachen von Typ-2-Diabetes sind unbekannt. Allerdings fördert – sowohl bei Kindern als auch Erwachsenen – vor allem ein ungesunder Lebensstil mit einer zu energiereichen Ernährung, Bewegungsmangel und Übergewicht die Entwicklung der Insulinresistenz. Dazu kommen genetische Faktoren, die bei der Entstehung der Krankheit mitspielen.

Sonderformen von Diabetes bei Kindern

Der Begriff MODY ("maturity onset diabetes of the young") umfasst verschiedene Formen von Erwachsenendiabetes, die schon bei Minderjährigen auftreten. Sie alle beruhen auf genetischen Defekten der insulin-produzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse. MODY wird auch als "Diabetes Typ 3a" bezeichnet.

Daneben gibt es weitere seltene Diabetesformen mit unterschiedlichen Ursachen (Chemikalien, Medikamente, Viren et cetera).

Lässt sich einem Diabetes bei Kindern vorbeugen?

Ist die Ursache genetischer Natur, lässt sich einem Diabetes nicht vorbeugen. Das ist besonders beim Diabetes Typ 1 der Fall. Um die Entstehung eines Diabetes Typ 2 zu verhindern, ist es wichtig, bereits im frühen Kindesalter auf einen gesunden Lebensstil und ausreichend Bewegung zu achten.

Seltenere Formen, die zum Beispiel auf der Einwirkung von Chemikalien oder Medikamenten beruhen, sind ebenfalls schwer zu verhindern. Der Diabetes entwickelt sich meist über längere Zeit unbemerkt, weshalb zum Beispiel ein Absetzen der Medikamente den Diabetes nicht mehr verhindert.

Mit frühzeitiger Diagnose und Therapie lässt sich aber möglichen Komplikationen und Folgeerkrankungen vorbeugen.

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Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

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Dr. med. Ingo Röhrig
Autoren:
Dr. med.  Julia Schwarz

Dr. med. Julia Schwarz ist freie Autorin in der NetDoktor-Medizinredaktion.

Dr. rer. nat. Monique Amey-Özel
Dr.  Monique Amey-Özel

Dr. Monique Amey-Özel hat Biologie an der Universität Bonn studiert und in den Neurowissenschaften promoviert. Sie war mehrere Jahre in der Forschung und als Lehrbeauftragte u.a. im Fach Anatomie an medizinischen Ausbildungseinrichtungen tätig. Sie beriet als Pharmareferentin Ärzte in verschiedenen Indikationen und ist nun als Medizinredakteurin verantwortlich für die Erstellung medizinischer Texte sowohl für Fachkreise als auch interessierte Laien.

Martina Feichter
Martina Feichter

Martina Feichter hat in Innsbruck Biologie mit Wahlfach Pharmazie studiert und sich dabei auch in die Welt der Heilpflanzen vertieft. Von dort war es nicht weit zu anderen medizinischen Themen, die sie bis heute fesseln. Sie ließ sich an der Axel Springer Akademie in Hamburg zur Journalistin ausbilden und arbeitet seit 2007 für NetDoktor - zuerst als Redakteurin und seit 2012 als freie Autorin.

Quellen:
  • Baenkler, H.-W. et al.: Kurzlehrbuch Innere Medizin. Georg Thieme Verlag, 4. Auflage, 2021
  • Baumgartner-Parzer, S.: MODY-Diabetes, in: J Klin Endokrinol Stoffw 2019;12:165-169
  • Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e. V. (BVKJ): Aufklärungskampagne zur Diabetes-Früherkennung: Im Lockdown steigt bei Kindern das Risiko einer Stoffwechselentgleisung, unter: www.kinderaerzte-im-netz.de (Abrufdatum: 11.05.2022)
  • Deutsches Zentrum für Diabetesforschung (DZD), Deutsches Diabetes-Zentrum (DDZ) & Helmholtz Zentrum München: Typ-1-Diabetes – Was ist das?, unter: www.diabinfo.de (Abrufdatum: 16.05.2022)
  • Greten, H. et al.: Innere Medizin. Georg Thieme Verlag, 13. Auflage, 2010
  • Herold, G.: Innere Medizin. Selbstverlag 2022
  • Kamrath, C. et al.: Early versus delayed insulin pump therapy in children with newly diagnosed type 1 diabetes: results from the multicentre, prospective diabetes follow-up DPV registry, in: Lancet Child Adolesc Health 2021;5(1):17-25
  • Pressemitteilung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG): Autoimmunerkrankung Diabetes Typ 1: immer mehr Kinder erkranken, unter: www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de (Abrufdatum: 16.05.2022)
  • Robert Koch-Institut (RKI): Diabetes in Deutschland – Kinder und Jugendliche, unter: www.diaburv.rki.de (Abrufdatum: 16.05.2022)
  • Rosenbauer, J. et al.: Diabetestypen sind nicht auf Altersgruppen beschränkt: Typ-1-Diabetes bei Erwachsenen und Typ-2-Diabetes bei Kindern und Jugendlichen, in: Journal of Health Monitoring 2019;4:31-53
  • S3-Leitlinie der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und der Arbeitsgemeinschaft für pädiatrische Diabetologie (AGPD): Diagnostik, Therapie und Verlaufskontrolle des Diabetes mellitus im Kindes- und Jugendalter (Stand: 23.10.2015, in Überarbeitung), unter: www.awmf.org
  • Ziegler, R. & Neu, A.: Diabetes mellitus im Kindes- und Jugendalter – Leitliniengerechte Diagnostik, Therapie und Langzeitbetreuung, in: Dtsch Arztebl Int 2018;115: 146-56
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