Astrozytom

Von , Ärztin
Dr. med. R. Schwarz

Dr. Schwarz studierte Medizin in Würzburg, wo sie auch ihre Promotion abschloss. Nach sehr vielseitigen Aufgaben während der medizinischen praktischen Ausbildung (PJ) u.a. in der Inneren Medizin und Chirurgie ist sie nun als Fachärztin für Radiologie tätig.

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Das Astrozytom gehört zu den Hirntumoren vom Typ Gliom. Es gibt gutartige bis hochbösartige Astrozytome, die in vier Schweregrade unterteilt sind. Als Behandlung dieser Tumoren kommt eine Operation, Bestrahlung und/oder eine Chemotherapie infrage. Die Prognose ist abhängig vom jeweiligen Schweregrad, wobei ein Astrozytom vom WHO-Grad 1 oft heilbar ist. Die Prognose bei Astrozytomen vom WHO-Grad 4 ist meist schlecht. Hier lesen Sie alles Wichtige über das Astrozytom.

Frau mit Kopfschmerzen

Kurzübersicht

  • Abstufungen: Unter Astrozytomen gibt es gutartige und wenig bösartige (WHO-Grad 1 und 2) sowie bösartige (WHO-Grad 3) bis hin zu hochbösartigen Formen (WHO-Grad 4). Gutartige Formen wachsen oft langsam oder sind gut abgegrenzt. Bösartige Varianten wachsen meist schnell und kehren nach Behandlung wieder (Rezidiv).
  • Behandlung: Die Therapiemöglichkeiten umfassen eine Operation, Bestrahlung und/oder Chemotherapie.
  • Prognose: Ein Astrozytom vom WHO-Grad 1 ist in der Regel operabel und langfristig heilbar. Je bösartiger ein Astrozytom (WHO-Grad 3 bis 4), desto schlechter sind die Heilungschancen.
  • Ursachen: Die Auslöser der zugrundeliegenden genetischen Veränderungen der Gliazellen sind weitgehend unbekannt. Vermutlich liegt eine Veranlagung für die Entwicklung von Tumoren vor, da beispielsweise Erbkrankheiten wie die Neurofibromatose Typ 1 ein erhöhtes Risiko bergen. Ebenso birgt starke Strahlung ein erhöhtes Risiko.
  • Symptome: Die Anzeichen für ein Astrozytom gleichen grossteils denen von anderen Hirntumoren wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Abgeschlagenheit und neurologische Störungen. Je nach Lage des Tumors sind Seh-, Bewegungs- und Hormonstörungen möglich. Letztere äussern sich u.a. durch Stimmungsschwankungen und Schlafstörungen.
  • Diagnose: Neben der körperlichen Untersuchung erfolgt die Diagnose mithilfe von Ultraschall, Magnetresonanztomografie (MRT), Computertomografie (CT), Gewebeuntersuchungen (Biopsie) sowie Blut- und Hormonuntersuchungen.

Was ist ein Astrozytom?

Bei einem Astrozytom handelt es sich um einen Hirntumor, der den Gliomen angehört und wie diese aus Stützgewebe des Nervensystems (Gliazellen) hervorgeht. Der Name "Astrozytom" geht auf die Astrozyten zurück, diejenigen Gliazellen, aus denen sich ein Astrozytom entwickelt. Diese Hirntumoren sind mit einem Anteil von über 60 Prozent die häufigste Form von Gliomen und zählen mit etwa 40 Prozent zu den bei Kindern im Alter von fünf bis neun Jahren am häufigsten diagnostizierten Hirntumoren.

Welche Formen oder Abstufungen gibt es?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterteilt die Astrozytome in zwei Formen und vier Schweregrade:

1. Gutartige bis niedrigmaligne (wenig bösartige) Astrozytome:

  • WHO-Grad 1: Pilozystisches Astrozytom
  • WHO-Grad 2: Diffuses Astrozytom

2. Hochmaligne (bösartige) Astrozytome:

  • WHO-Grad 3: Anaplastisches Astrozytom
  • WHO-Grad 4: Glioblastom

Sowohl die Behandlung als auch die Prognose orientieren sich an dieser Einordnung. Das Glioblastom ist mit jährlich drei Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner die häufigste Form von Astrozytom. Es ist sechsmal häufiger als das diffuse und etwa zehnmal häufiger als ein anaplastisches oder ein pilozystisches Astrozytom.

Pilozystisches Astrozytom

Dieser Tumortyp ist der häufigste Gehirntumor bei Kindern, tritt aber auch bei jungen Erwachsen auf. Meistens wächst es im Bereich der vorderen Sehbahn, des Hypothalamus oder im Kleinhirn. Es grenzt sich gut vom gesunden Hirngewebe ab und wächst nur langsam. So gilt dieser Tumortyp als gutartig – extrem selten geht er in eine bösartige Geschwulst über.

Diffuses Astrozytom

Dieser Tumortyp tritt vor allem bei Erwachsenen zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr auf. Er findet sich meist im Marklager des Grosshirns, der weissen Substanz, und wächst unregelmässig in das benachbarte Gewebe ein. Allerdings vergrössert er sich ebenfalls nur langsam.

Das diffuse Astrozytom gilt als eingeschränkt gutartig oder niedriggradig bösartig, obwohl es fast nie heilbar ist. Es ist möglich, dass es im Laufe der Zeit in den anaplastischen Typ oder in ein Glioblastom übergeht.

Anaplastisches Astrozytom

Ein anaplastisches Astrozytom betrifft meist Erwachsene zwischen 35 und 45 Jahren. Es besteht aus entarteten (anaplastischen) Zellen, die häufig relativ schnell wachsen. Dieser Tumor geht entweder aus dem diffusen Typ hervor oder entsteht auf direktem Weg. Meistens entartet er nach einigen Monaten bis Jahren weiter und geht in ein Glioblastom über.

Glioblastom

Das Glioblastom, der häufigste Astrozytom-Typ, geht entweder aus einem anderen Astrozytom hervor – dann liegt der Altersgipfel der Betroffenen zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr. Oder es entwickelt sich ein primäres „de novo“-Glioblastom. Dieses betrifft vorwiegend ältere Menschen im sechsten bis siebten Lebensjahrzehnt. 

Weitere Informationen erhalten Sie im Beitrag Glioblastom.

Therapie eines Astrozytoms

Generell lässt sich diese Form von Hirntumor operieren, bestrahlen und mit speziellen Medikamenten (Chemotherapeutika) behandeln. Liegt ein pilozystisches Astrozytom vor, genügt meist eine Operation. Weitere Behandlungsoptionen kommen nur dann zum Einsatz, wenn es nicht möglich ist, den Tumor vollständig zu entfernen. Ein diffuses Astrozytom hingegen lässt sich fast nie durch eine Operation vollständig entfernen. Beginnen zurückgebliebene Tumorreste wieder zu wachsen, ist es oft erforderlich, den Tumor zu bestrahlen.

Bei umschriebenen Tumoren kommt mitunter eine Brachytherapie infrage. Dazu pflanzt der Arzt kleine radioaktive Körnchen (Seeds) in die betroffene Körperregion ein. Der Vorteil dieser Bestrahlungsform ist, dass sie den Tumor sehr gezielt trifft und weniger gesundes Gewebe schädigt.

Vergrössert sich das Astrozytom unter einer Bestrahlung weiter, kommt eine Chemotherapie in Betracht. Bei einem anaplastischen Astrozytom bestrahlt der Arzt das Tumorgewebe meistens nach einer Operation sofort oder wendet Chemotherapeutika an.

Neben diesen Therapiemassnahmen gibt es zahlreiche weitere Behandlungsmassnahmen, die zwar nicht den Tumor selbst, aber die Symptome bekämpfen. So verabreichen Ärzte beispielsweise verschiedene Medikamente gegen Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Ausserdem gehört meist eine professionelle Psychotherapie zum Behandlungsplan. Einige Betroffene nehmen eine Seelsorge in Anspruch.

Genauere Informationen zu Untersuchung und Behandlung finden Sie im Beitrag Hirntumor.

Wie sieht der Krankheitsverlauf bei einem Astrozytom aus?

Krankheitsverlauf und Prognose hängen im Wesentlichen von der konkrete Form des Astrozytoms ab.

Ein pilozystisches Astrozytom ist bei einer vollständigen operativen Entfernung langfristig heilbar. Liegt der Tumor in der Nähe von wichtigen Hirnstrukturen wie beispielsweise der Sehbahn, ist nicht immer eine Operation möglich. Die Prognose einer alternativ durchgeführten Strahlen- oder Chemotherapie ist etwas schlechter. Insgesamt leben fünf Jahre nach der Diagnose aber noch 94 Prozent aller Betroffenen mit diesem Tumortyp.

Im Unterschied dazu hat ein Astrozytom mit WHO-Grad 2 oder 3 eine deutlich schlechtere Prognose. Zweit- und drittgradige Astrozytome sind zwar meistens operabel, kehren aber oft wieder zurück (Rezidive). In einigen Fällen entarten Tumoren beider Formen bösartig und gehen in ein Glioblastom (WHO-Grad 4) über. Dieses hat die schlechteste Prognose: Fünf Jahre nach der Diagnose leben nur noch fünf Prozent der Betroffenen.

Dank guter unterstützender therapeutischer Massnahmen hat sich die Lebensqualität von Erkrankten mit einem Astrozytom verbessert.

Was verursacht ein Astrozytom?

Ein Astrozytom geht aus sogenannten Astrozyten hervor. Diese Zellen bilden den grössten Anteil der Stützzellen (Gliazellen) im zentralen Nervensystem. Sie grenzen das Nervengewebe gegenüber der Hirnoberfläche und den Blutgefässen ab. Genau wie andere Zellen im Körper werden Astrozyten regelmässig erneuert. Dabei treten in einigen Fällen Fehler auf, die zu einem unkontrollierten Zellwachstum und schliesslich zu einem Tumor führen.

Warum ein Astrozytom entsteht, ist bislang nicht ausreichend geklärt. Der einzige gesicherte Risikofaktor sind ionisierende Strahlen. Menschen sind aber meistens nur im Rahmen einer Strahlentherapie schädigenden Strahlendosen ausgesetzt.

Ausserdem tritt diese Form von Hirntumor bei bestimmten Grunderkrankungen gehäuft auf, die in der Regel vererbt wurden. Dazu gehören die Neurofibromatose vom Typ I (Morbus von Recklinghausen) und Typ II, die tuberöse Sklerose (Morbus Bournville-Pringle), das Li-Fraumeni-Syndrom und das Turcot-Syndrom. Diese Erkrankungen sind sehr selten und gehen meistens mit typischen Veränderungen der Haut einher.

Was sind typische Anzeichen?

Welche Symptome ein Astrozytom verursacht, hängt von seiner genauen Lokalisation im Gehirn und seiner Grösse ab. Ein pilozystisches Astrozytom wächst häufig entlang der Sehbahn und verursacht Sehstörungen. Beschädigt es hingegen den Thalamus, treten meist hormonelle Störungen auf. Befindet sich der Tumor im Kleinhirn, kommt es zum Beispiel zu Koordinationsproblemen, einer veränderten Sprache und Händezittern.

Schnell wachsende Tumoren verdrängen nicht nur einzelne Hirnstrukturen, sondern erhöhen zudem den Hirndruck. Dadurch haben Betroffene meist Kopfschmerzen und leiden unter Übelkeit und Erbrechen. Prinzipiell ruft ein Astrozytom ähnliche Symptome wie andere Hirntumoren hervor.

Weitere Informationen zu Beschwerden bei einem Hirntumor lesen Sie im Beitrag Hirntumor – Symptome.

Diagnose eines Astrozytoms

Der richtige Ansprechpartner bei Verdacht auf ein Astrozytom ist der Neurologe. Er fragt den Betroffenen genau nach seinen Beschwerden, eventuellen Vor- und Grunderkrankungen sowie seinen Lebensumständen (Erhebung der Krankengeschichte, Anamnese). Im Anschluss leitet er die weiteren diagnostischen Schritte und Untersuchungen ein.

Das wichtigste diagnostische Verfahren bei einem Astrozytom ist die Magnetresonanztomografie (MRT) – ein bildgebendes Verfahren, das mithilfe von Magnetfeldern und elektromagnetischen Wellen genaue Schnittbilder des Körperinneren erzeugt. Oft erhalten Betroffene vor der Untersuchung ein Kontrastmittel in eine Vene gespritzt. Astrozytome nehmen das Kontrastmittel unterschiedlich stark auf.

Im Bild entsteht dadurch ein leuchtendes Areal. Ein pilozystisches Astrozytom leuchtet stark und gleichmässig auf, ein diffuses oder anaplastisches Astrozytom nimmt hingegen meistens kein oder wenig Kontrastmittel auf und erscheint eher dunkel. Ein Glioblastom formt mit Kontrastmittel eine charakteristische ringförmige Struktur.

Wenn aus verschiedenen Gründen keine MRT möglich ist, setzt der Arzt alternativ eine Computertomografie (CT) an.

Bei einem Astrozytom vom WHO-Grad 2 oder höher entnimmt der Arzt eine Gewebeprobe und untersucht diese im Labor. Im Einzelfall sind weitere Untersuchungen angezeigt. So entnimmt und analysiert der Arzt in manchen Fällen zusätzlich Hirn- und Rückenmarksflüssigkeit (Liquordiagnostik) oder führt eine Messung der elektrischen Hirnströme (EEG) durch.

Insgesamt fallen bei einem Astrozytom die gleichen ärztlichen und apparativen Untersuchungen an wie bei anderen Hirntumoren. 

Lässt sich einem Astrozytom vorbeugen?

Da die Ursachen bislang nicht eindeutig geklärt sind, gibt es keine gesicherten Massnahmen, mit denen sich ein Astrozytom vorbeugen lässt. Mediziner empfehlen, dass Personen, die Risikogruppen angehören, möglichst regelmässig Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen. Gibt es beispielsweise bei mehreren Personen in der Familie eine risikosteigernde Erbkrankheit, lassen sich so Anzeichen für einen Hirntumor frühzeitig ausmachen und eine gegebenenfalls notwendige Behandlung einleiten.

Autoren- & Quelleninformationen

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Autor:
Dr. med. R. Schwarz
Dr. med.  R. Schwarz

Dr. Schwarz studierte Medizin in Würzburg, wo sie auch ihre Promotion abschloss. Nach sehr vielseitigen Aufgaben während der medizinischen praktischen Ausbildung (PJ) u.a. in der Inneren Medizin und Chirurgie ist sie nun als Fachärztin für Radiologie tätig.

ICD-Codes:
D43C71D33
ICD-Codes sind international gültige Verschlüsselungen für medizinische Diagnosen. Sie finden sich z.B. in Arztbriefen oder auf Arbeitsunfähigkeits­bescheinigungen.
Quellen:
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  • Deutsche Krebsgesellschaft (DKG): www.krebsgesellschaft.de (Abruf: 01.11.2014)
  • Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ): www.krebsinformationsdienst.de (Abruf: 01.11.2014)
  • Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie (GPOH): Hochmaligne Gliome, unter: www.gpoh.de (Abrufdatum: 06.12.2021)
  • Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie (GPOH): Niedriggradig maligne Gliome, unter: www.gpoh.de (Abrufdatum: 06.12.2021)
  • Louis, D.N., et al.: The 2016 World Health Organization classification of tumors of the central nervous system: A summary, in: Acta Neuropathol 2016; 131(6): 803-820
  • Louis, D.N., et al.: The 2021 WHO Classification of Tumors of the Central Nervous System: a summary, in: Neuro Oncol 2021; 23(8): 1231-1251
  • Pschyrembel online: Astrozytom, unter: www.pschyrembel.de (Abrufdatum: 06.12.2021)
  • Robert Koch-Institut (RKI): Krebs in Deutschland für 2017/2018, unter: www.krebsdaten.de (Abrufdatum: 06.12.2021)
  • Roche Lexikon Medizin, Urban & Fischer, 5. Auflage, 2003
  • S2k-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN): Gliome (Stand: Februar 2021), unter: www.awmf.org
  • Wen, P.Y. et Packer, R.J.: The 2021 WHO Classification of Tumors of the Central Nervous System: clinical implications, in: Neuro Oncol 2021; 23(8): 1215-1217
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