Furosemid

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Benjamin Clanner-Engelshofen

Benjamin Clanner-Engelshofen ist freier Autor in der NetDoktor-Medizinredaktion. Er studierte Biochemie und Pharmazie in München und Cambridge/Boston (USA) und merkte dabei früh, dass ihm die Schnittstelle zwischen Medizin und Naturwissenschaft besonders viel Spaß macht. Deshalb schloss er noch ein Studium der Humanmedizin an.

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Furosemid gehört zur Gruppe der Schleifendiuretika, ist also ein harntreibendes Mittel. Es wird bei Bluthochdruck, Bauchwassersucht und Wasseransammlungen im Gewebe eingesetzt, um die überschüssige Flüssigkeit aus dem Körper zu entfernen. Furosemid kam bereits 1962 auf den Markt. Hier lesen Sie alles Wichtige zu Wirkung und Anwendung von Furosemid, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen!

So wirkt Furosemid

Furosemid ist wie alle Schleifendiuretika ein sogenanntes "High-Ceiling-Diuretikum". Bei solchen Diuretika kann die Wasserausscheidung über einen grossen Dosisbereich proportional zur Dosis gesteigert werden. Bei anderen Diuretika (z.B. Thiaziden) ist dies nicht möglich. Hier stellt sich ab einer gewissen Dosis ein Maximaleffekt ein, der durch weitere Dosissteigerung nicht intensivierbar ist.

In der Niere wird das Blut filtriert. Dabei werden Abfallprodukte, Schadstoffe und auch einige Medikamente herausfiltriert und letztendlich über den Urin ausgeschieden. Die kleinste funktionelle Einheit in der Niere ist das Nephron, das aus dem Nierenkörperchen und einem Nierenkanälchen besteht.

Nephrone filtern kleine Moleküle aus dem Blut (Blutproteine und Blutkörperchen verbleiben im Blut). Der so entstandene Primärharn ist noch unkonzentriert und wird in den Nierenkanälchen durch die Wiederaufnahme des enthaltenen Wassers aufkonzentriert. Dabei können auch andere Stoffe, die für den Körper wichtig sind, herausgefiltert und wieder ins Blut aufgenommen werden (zum Beispiel Glucose, Natrium-, Kalium- und Chlorid-Ionen).

Jedes Nierenkanälchen wird in unterschiedliche Abschnitte eingeteilt, wobei Furosemid im sogenannten aufsteigenden Teil der Henle-Schleife (daher der Name Schleifendiuretikum) wirkt. Es hemmt hier die Wiederaufnahme von Natrium-, Kalium- und Chlorid-Ionen ins Blut - sie verlassen also den Körper mit dem Urin.

Zusammen mit diesen geladenen Teilchen werden auch grosse Mengen Wasser ausgeschieden, was die eigentlich beabsichtigte Furosemid-Wirkung ist. Bei hochdosierter Gabe von Furosemid sind Urinmengen von bis zu 50 Litern am Tag möglich. Die verstärkte Wasserausscheidung lässt den Blutdruck sinken und reduziert Wasseransammlungen im Körper.

Aufnahme, Abbau und Ausscheidung

Nach der Einnahme wird Furosemid zu etwa zwei Dritteln aus dem Darm in das Blut aufgenommen. Die Wirkung tritt nach etwa einer halben Stunde ein.

Nur ein kleiner Teil des Wirkstoffs wird in der Leber verstoffwechselt (ca. zehn Prozent), der Rest wird unverändert ausgeschieden - ungefähr ein Drittel mit dem Stuhl, die restliche Menge über den Urin. Nach etwa einer Stunde ist der Wirkstoff zur Hälfte ausgeschieden.

Wann wird Furosemid eingesetzt?

Furosemid wird eingesetzt bei:

  • Wasseransammlungen im Körper (Ödeme) infolge von Erkrankungen des Herzens, der Nieren oder der Leber
  • drohendem Nierenversagen (Niereninsuffizienz)

Je nach Grunderkrankung wird der Wirkstoff nur kurzzeitig oder als Langzeittherapie eingenommen.

So wird Furosemid angewendet

Furosemid wird meistens in Form von Tabletten oder Kapseln mit verzögerter Wirkstofffreisetzung angewendet. Die Einnahme erfolgt morgens auf leeren Magen mit einem Glas Wasser. Höhere Dosierungen können auch auf mehrfache Gaben über den Tag verteilt werden.

Meist sind Dosierungen von 40 bis 120 Milligramm Furosemid pro Tag ausreichend. In einzelnen Fällen und je nach Grunderkrankung kann der behandelnde Arzt aber auch Dosierungen von bis zu 500 Milligramm am Tag verschreiben.

Bei der Bluthochdruck-Therapie kann Furosemid mit anderen Blutdrucksenkern kombiniert werden, um die Nebenwirkungsrate zu senken und die Wirksamkeit der Behandlung zu steigern.

Welche Nebenwirkungen hat Furosemid?

Bei mehr als jedem zehnten Patienten zeigen sich als Nebenwirkungen Elektrolytstörungen (vor allem veränderte Natrium- und Kaliumwerte), Flüssigkeitsmangel, niedriges Blutvolumen und niedriger Blutdruck, erhöhte Blutfettwerte und erhöhte Kreatininwerte im Blut.

Ausserdem kommt es bei jedem zehnten bis hundertsten Patienten zu erhöhten Cholesterin- und Harnsäurewerten im Blut, Gichtanfällen und Beschwerden infolge der Elektrolytstörungen (Wadenkrämpfe, Appetitlosigkeit, Schwächegefühl, Schläfrigkeit, Verwirrtheit, Herzrhythmusstörungen etc.).

Das Risiko für Elektrolytstörungen und Flüssigkeitsmangel ist bei älteren Patienten grösser als bei jungen.

Was ist bei der Einnahme von Furosemid zu beachten?

Gegenanzeigen

Furosemid darf nicht angewendet werden bei:

  • Überempfindlichkeit gegenüber dem Wirkstoff, Sulfonamiden oder einem der anderen Bestandteile des Medikaments
  • Nierenversagen, das nicht auf eine Furosemid-Therapie anspricht
  • Leberkoma und Vorstufe davon (Coma hepaticum, Praecoma hepaticum) in Zusammenhang mit einer hepatischen Enzephalopathie, also einer Funktionsstörung des Gehirns aufgrund unzureichender Entgiftung durch die Leber
  • Hypokaliämie (zu niedriger Kaliumspiegel)
  • Hyponatriämie (zu niedriger Natriumspiegel)
  • Hypovolämie (verringerte Menge an zirkulierendem Blutvolumen) oder Dehydratation (Austrocknung)

Wechselwirkungen

Werden während der Therapie mit Furosemid noch gewisse andere Wirkstoffe wie Glucocorticoide ("Kortison") oder Abführmittel eingenommen, kann dies zu niedrigen Kalium-Blutwerten führen. Das Gleiche gilt, wenn der Patient grössere Mengen Lakritze verzehrt.

Nicht-steroidale Antirheumatika (wie ASS), die beispielsweise oft als Schmerzmittel eingesetzt werden, können die Furosemid-Wirkung abschwächen. Der gleiche Effekt kann auftreten bei kombinierter Anwendung von Phenytoin (bei Epilepsie) oder Wirkstoffen, die ebenfalls über die Nierenkanälchen ausgeschieden werden wie etwa Probenecid (bei Gicht) und Methotrexat (bei Krebs und Autoimmunerkrankungen).

Vorsicht geboten ist bei gleichzeitiger Anwendung von Medikamenten, die auf das Herz wirken oder als Nebenwirkungen eine bestimmte Herzrhythmusstörung (sogenannte QT-Zeit-Verlängerung) auslösen. Weil Furosemid die Elektrolytkonzentrationen beeinflusst, kann die Wirkung solcher Medikamente auf das Herz schwächer oder stärker ausfallen. Dies gilt besonders für Herzglykoside wie Digoxin und Digitoxin.

Die gleichzeitige Anwendung von Furosemid und Wirkstoffen, welche die Nieren oder das Gehör schädigen (nephrotoxische oder ototoxische Wirkung), sollte vermieden werden. Beispiele für solche Wirkstoffe sind Antibiotika wie Gentamycin, Tobramycin, Kanamycin sowie Krebsmedikamente wie Cisplatin.

Die gleichzeitige Einnahme des Stimmungsstabilisators Lithium sollte nur engmaschig überwacht erfolgen, da Lithium im Körper wie Natrium transportiert wird. Durch Furosemid kann sich daher seine Verteilung im Körper massgeblich verändern.

Altersbeschränkung

Furosemid ist auch für die Behandlung von Kindern geeignet, allerdings in entsprechend reduzierter Dosierung. Da Kinder unter sechs Jahren oft Probleme haben, Tabletten zu schlucken, sollte hier auf die Lösung zum Einnehmen ausgewichen werden.

Schwangerschaft und Stillzeit

Furosemid passiert die Plazentaschranke, kann also auf das Ungeborene übergehen. In der Schwangerschaft sollte das Diuretikum deshalb nur unter strenger ärztlicher Überwachung und nur kurzzeitig angewendet werden.

Der Wirkstoff geht in die Muttermilch über, weshalb stillende Mütter abstillen sollten.

So erhalten Sie Medikamente mit Furosemid

Furosemid ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz in jeder Dosierung verschreibungspflichtig und kann in der Apotheke nur mit einem gültigen Rezept erworben werden.

Seit wann ist Furosemid bekannt?

Ab 1919 wurden giftige Quecksilberverbindungen als harntreibende Mittel eingesetzt. 1959 wurde schliesslich als Alternative der quecksilberfreie Wirkstoff Furosemid entwickelt. Er wurde 1962 zum Patent angemeldet und daraufhin bald in der Praxis eingesetzt.

Autoren- & Quelleninformationen

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Autor:
Benjamin Clanner-Engelshofen
Benjamin Clanner-Engelshofen

Benjamin Clanner-Engelshofen ist freier Autor in der NetDoktor-Medizinredaktion. Er studierte Biochemie und Pharmazie in München und Cambridge/Boston (USA) und merkte dabei früh, dass ihm die Schnittstelle zwischen Medizin und Naturwissenschaft besonders viel Spaß macht. Deshalb schloss er noch ein Studium der Humanmedizin an.

Quellen:
  • Aktories, K. et al.: Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie, 11. Auflage, Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH, 2013.
  • Pharmakovigilanz und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie der Charité-Universitätsmedizin Berlin: Furosemid, unter: www.embryotox.de (Abruf: 20.02.2022).
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