Morbus Sudeck

Von , Ärztin
Mareike Müller

Mareike Müller ist freie Autorin in der NetDoktor-Medizinredaktion und Assistenzärztin für Neurochirurgie in Düsseldorf. Sie studierte Humanmedizin in Magdeburg und sammelte viel praktische medizinische Erfahrung während ihrer Auslandsaufenthalte auf vier verschiedenen Kontinenten.

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Morbus Sudeck wird heute meist als komplexes regionales Schmerzsyndrom (engl. complex regional pain syndrome, CRPS) bezeichnet. Bei diesem Krankheitsbild kommt es nach einer Verletzung zu anhaltenden Schmerzen, Gefühlsstörungen und Gewebeveränderungen. Diese lassen sich jedoch nicht auf die Verletzung zurückführen. Mit einer interdisziplinären Schmerztherapie lassen sich Morbus-Sudeck-Symptome bessern. Lesen Sie hier alles Wichtige zum Thema.

Mann greift sich an den Ellenbogen

Kurzübersicht

  • Symptome: Betroffen sind vorwiegend Hände oder Füsse. Abhängig vom Stadium: Schmerzen, Schwellung, Rötung, Missempfindungen, Störung der Motorik, Veränderungen der Haut und Nägel, im Stadium III auch Funktionsverlust der betroffenen Extremität
  • Prognose und Verlauf: In Stadium I und II sind die Beschwerden rückbildungsfähig, der Zustand in Stadium III ist irreversibel.
  • Ursachen und Risikofaktoren: Nicht vollständig geklärt. Morbus Sudeck tritt meist nach Verletzungen oder Operationen unterhalb der betroffenen Körperstelle der jeweiligen Extremität auf.
  • Behandlung: Abhängig vom Stadium kommen Medikamente (z.B. Schmerzmittel, Entzündungshemmer) zum Einnehmen und zum Auftragen sowie Physiotherapie, Ergotherapie, Psychotherapie zum Einsatz.
  • Diagnose: Die Vorgeschichte und die Beschwerden im zeitlichen Zusammenhang mit einer Verletzung oder Operation weisen auf Morbus Sudeck hin, körperliche Untersuchungen ergänzen die Diagnose.
  • Vorbeugen: Bestimmte Massnahmen nach Extremitätenverletzungen, z.B. Hochlagern der Gliedmasse oder Vermeiden abschnürender Verbände, scheinen vorbeugend zu wirken.

Was ist Morbus Sudeck?

Morbus Sudeck (auch komplexes regionales Schmerzsyndrom genannt, engl. complex regional pain syndrome, kurz CRPS) tritt in der Folge einer Verletzung auf. Diese entsteht etwa durch Unfälle oder durch operative Eingriffe. Mehrere Wochen nach dem Trauma kommt es zu Schmerzen in der betreffenden Region, die nicht durch die ursprüngliche Verletzung erklärbar sind.

Am häufigsten tritt Morbus Sudeck an einer der Extremitäten (Arm oder Bein) auf. Selten sind das Gesicht oder andere Körperregionen betroffen. Neben Schmerzen treten beim Morbus Sudeck weitere Symptome auf.

Die Störungen (zum Beispiel Wassereinlagerungen, Empfindungs- und Bewegungsstörungen) treten an der Verletzungsstelle beziehungsweise in räumlicher Nähe zu dieser auf.

Für Morbus Sudeck gibt es weitere Synonyme, die teilweise veraltet sind, aber immer noch Anwendung finden. Folgende Begriffe beschreiben das gleiche Krankheitsbild:

  • Komplexes regionales Schmerzsyndrom
  • Complex regional pain syndrome (CRPS)
  • Sudeck-Syndrom
  • Algodystrophie
  • Sudeck-Dystrophie
  • Sudeck-Krankheit
  • Sympathische Reflexdystrophie

Man unterscheidet zwei Typen des CRPS: CRPS Typ I und CRPS Typ II. Beide CRPS-Typen haben die gleichen Symptome, sie unterscheiden sich jedoch bezüglich der Art der ursprünglichen Verletzung, die das CRPS ausgelöst hat:

  • Beim CRPS I ist keine direkte Nervenschädigung bei der initialen Verletzung nachweisbar (beispielsweise bei einem verstauchten Sprunggelenk). CRPS I wird auch als der klassische Morbus Sudeck bezeichnet. Etwa 90 Prozent der CRPS-Fälle sind ein CRPS Typ I.
  • Beim CRPS II liegt der Erkrankung eine nachweisbare Nervenschädigung zu Grunde, zum Beispiel durch eine grosse Operation oder einen Knochenbruch, bei dem es praktisch immer zur Verletzung von Nervenbahnen kommt. CRPS II wird auch als Kausalgie bezeichnet. Etwa zehn Prozent der CRPS-Fälle sind ein CRPS vom Typ II.

Bei etwa zwei bis fünf Prozent der Patienten, die sich an einer Extremität verletzen, entwickelt sich posttraumatisch ein Morbus Sudeck. Frauen sind häufiger betroffen als Männer, ebenso Personen zwischen dem 40. und 70. Lebensjahr. CRPS an der Hand tritt häufiger als am Fuss auf.

Wird das CRPS-Syndrom früh erkannt und adäquat behandelt, lassen bei mehr als der Hälfte der Patienten mit einem unkomplizierten Verlauf die Beschwerden nach oder verschwinden ganz.

Wie äussert sich Morbus Sudeck?

Morbus-Sudeck-Symptome äussern sich direkt an oder zumindest nahe der ursprünglichen Verletzungsstelle. Das CRPS betrifft sowohl die Empfindung (Sensorik), als auch die Bewegung (Motorik) und die unbewusste Steuerung von Körperfunktionen (autonomes Nervensystem).

Der Namensgeber des Sudeck-Syndroms, der Chirurg Paul Sudeck, beschrieb bei der Symptomatik drei Stadien, welche im Laufe der Erkrankung aufeinander folgen. Dieser phasenhafte Verlauf ist zwar in der Praxis fast nie so deutlich zu erkennen. Grundsätzlich geben die drei Phasen aber einen guten Überblick über mögliche Symptome:

Stadium I – Entzündliches Stadium

Im entzündlichen Stadium des CRPS-Syndroms ähneln die Symptome denen einer akuten Entzündung. Es zeigen sich an der betroffenen Stelle typische Entzündungszeichen:

  • Rötung (Rubor)
  • Teigige Schwellung (Ödem)
  • Spontanschmerz (Dolor)
  • Funktionseinschränkung (Functio laesa)
  • Überwärmung (Calor)

Stadium II – Dystrophes Stadium

Die Schmerzen sind im sogenannten dystrophen Stadium etwas rückläufig. Die Haut ist im Gegensatz zu Stadium I eher kühl und blass. Betroffene Gelenke versteifen sich mitunter und manchmal kommt es zum Abbau der Muskulatur (Muskeldystrophie). Im Röntgenbild fällt eine Entkalkung der Knochen in der betroffenen Körperregion auf.

Stadium III – Atrophes Stadium

Im dritten Stadium sind die Schmerzen viel schwächer oder ganz verschwunden. Die Haut sieht auffallend dünn und glänzend aus. Insgesamt fällt ein deutlicher Schwund (Atrophie) von Bindegewebe und Muskulatur auf. Betroffene Gelenke verlieren weitgehend ihre Funktionstüchtigkeit und versteifen.

Das Sudeck-Syndrom hat, wie oben bereits beschrieben, Auswirkungen auf alle drei Qualitäten des Nervensystems: auf die Empfindung (Sensorik), auf die Motorik und auf das autonome Nervensystem.

Die Sensorik kann in folgender Weise durch das CRPS beeinträchtig sein:

  • Dauerhafte Schmerzen, sowohl in Ruhe als auch bei Belastung
  • Missempfindungen
  • Übermässige Schmerzempfindlichkeit auf harmlose Reize wie eine Berührung (Hyperalgesie)
  • Störung der Körperwahrnehmung (z.B. das Nicht-Wahrnehmen der betroffenen Extremität, englisch: Neglect-like-Syndrome)

Motorische Ausfälle sind mitunter gekennzeichnet durch:

  • Eingeschränkte Beweglichkeit, sowohl aktiv als auch passiv
  • Die Ausführung kleiner, präziser Bewegungen ist gestört
  • Die Kraft, mit der Bewegungen ausgeführt werden, ist durch den Schmerz vermindert
  • Selten tritt unwillkürliches Muskelzittern, -zucken und -anspannen auf

Anzeichen der Schädigung des autonomen Nervensystems sind:

  • Eine veränderte Hautdurchblutung und dadurch eine andere Hautfarbe und -temperatur im Vergleich zur gesunden Extremität
  • Vermehrtes Schwitzen an der betroffenen Körperstelle (Hyperhidrose)
  • Wassereinlagerungen (Ödeme)
  • Haare und Nägel, Bindegewebe, Muskeln und Knochen sind mitunter in ihrem Wachstum (Trophik) gestört, beispielsweise wachsen an der betroffenen Körperstelle unter Umständen vermehrt Haare.

Nicht ausser Acht zu lassen ist die psychische Belastung, unter der Betroffene von Morbus Sudeck durch die chronischen Beschwerden leiden. Die ständigen Schmerzen und eingeschränkte Beweglichkeit verursachen bei manchen Betroffenen Niedergeschlagenheit und führen zu sozialem Rückzug.

Wie lange dauert die Heilung bei Morbus Sudeck?

Das CRPS ist eine meist chronisch verlaufende Erkrankung. Die Heilungsdauer ist bei Morbus Sudeck von Fall zu Fall verschieden. Auch wenn die Therapie anschlägt, bestehen die Beschwerden oftmals über ein Jahr und länger. Bei mehr als der Hälfte der Patienten lassen die Symptome im weiteren Verlauf nach oder verschwinden ganz.

Vor allem bei Kindern ist die Prognose günstig. Die Chancen, dass sich die Beschwerden des CRPS-Syndroms zurückbilden, sind am grössten, wenn die Krankheit früh erkannt und angemessen behandelt wird.

Erkennt der Arzt das CRPS-Syndrom lange Zeit nicht und unterbleibt die Behandlung, steigt das Risiko, dass Morbus Sudeck chronisch verläuft. Das psychische Leiden verkompliziert die Situation meist zusätzlich.

Kommt es durch die Krankheit zu einem Funktionsverlust einer Extremität (zum Beispiel CRPS der Hand) führt diese mitunter zur Berufsunfähigkeit.

Morbus Sudeck: Ursachen und Risikofaktoren

Die genauen Morbus-Sudeck-Ursachen sind nicht vollständig geklärt. Theoretisch ist nach jeder Verletzung eine Sudeck-Dystrophie möglich. Das Ausmass der Verletzung steht nicht zwingend im Zusammenhang mit dem Auftreten des CRPS. Es ist möglich, dass auch eine kleine Verletzung eine schwer ausgeprägte Sudeck-Krankheit hervorruft.

Insgesamt entsteht bei zwei bis fünf Prozent der Patienten mit einer Extremitätenverletzung ein Morbus Sudeck. Frauen sind von der Krankheit häufiger betroffen, ebenso Personen zwischen dem 40. und 70. Lebensjahr. Häufiger kommt das CRPS an der Hand vor. Öfter entsteht ein Sudeck-Syndrom an der Hand nach einem Bruch der Speiche (Radiusfraktur).

Auch Operationen rufen Verletzungen hervor und verursachen potenziell ein CRPS. Tagtäglich erfolgen tausendfach chirurgische Eingriffe, ohne dass Sudeck-Symptome auftreten. Warum sich in manchen Fällen ein Morbus Sudeck entwickelt, ist nach wie vor unklar.

Mögliche Risikofaktoren, die das Auftreten nach einer Verletzung wahrscheinlicher machen, sind:

  • Gelenknahe Knochenbrüche (vor allem der Bruch der Speiche)
  • Schmerzhaftes bzw. zu grobes Einrenken (Reposition) von ausgekugelten Gelenken
  • Langanhaltende, unbehandelte Schmerzen nach einem Knochenbruch
  • Einengende Verbände oder Schienen nach einer Verletzung

Als weiterer Risikofaktor gelten traumatisierende, unzureichend verarbeitete Erlebnisse in der Vergangenheit. Auch andere psychologische Faktoren wie zum Beispiel verstärkte Ängstlichkeit oder Selbstwertprobleme beeinflussen den Verlauf von Morbus Sudeck.

Fehlregulation des autonomen Nervensystems

Nach der Verletzung eines Nervs sind es vor allem die Anteile des unbewussten (autonomen) Nervensystems, die wahrscheinlich bei der Entstehung von Morbus Sudeck eine Rolle spielen. Insbesondere das sympathische Nervensystem (ein Teil des autonomen Nervensystems) scheint an der Entstehung eines CRPS beteiligt zu sein.

Die beiden Gegenspieler des autonomen Nervensystems (Sympathikus und Parasympathikus) sorgen für eine unwillkürliche Steuerung der Körperfunktionen wie beispielsweise der Durchblutung, Schweisssekretion oder Herzfunktion.

Welche Mechanismen hinter der CRPS-Krankheit stecken, ist noch nicht bekannt. Doch es gibt einige Hypothesen. Die Schädigung der Nervenfasern aufgrund der Gewebeverletzung führt zu einer überschiessenden Fehlregulation des Sympathikus, die den Heilungsprozess stört. Deshalb wird Morbus Sudeck auch als sympathische Reflexdystrophie bezeichnet.

Die Überaktivität des Sympathikus beeinträchtigt die Schmerzempfindung. An der betroffenen Stelle schüttet der Körper verstärkt schmerzverursachende Substanzen aus. Diese wiederum stören den Blutfluss, und es bilden sich Wassereinlagerungen (Ödeme). Zunehmend kommt es zum Umbau verschiedener Strukturen, weshalb die Schmerzen und Funktionsstörungen anhalten.

Wie ist die Therapie bei Morbus Sudeck (CRPS)?

Für eine Morbus-Sudeck-Therapie sind erfahrene Spezialisten empfehlenswert. Die Behandlung ist relativ komplex und erfordert die Zusammenarbeit von Fachleuten verschiedener Disziplinen (Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Ärzte). Ausserdem verlangt die Sudeck-Krankheit sowohl von Patienten als auch von Therapeuten viel Geduld.

Es ist wichtig, auch kleine Verbesserungen als Erfolg zu werten. Bei der Behandlung des CPRS steht die fächerübergreifende Schmerztherapie im Vordergrund. Diese setzt sich zusammen aus:

  • Medikamentöser Therapie
  • Physiotherapie
  • Ergotherapie
  • Psychotherapie
  • Interventioneller Therapie

Medikamentöse Therapie

Abhängig von den konkret auftretenden Beschwerden des CRPS setzen Ärzte verschiedene Medikamente zur innerlichen oder äusserlichen Anwendung ein.

Bisphosphonate

Aktuell empfehlen Experten zur medikamentösen Therapie des CRPS sogenannte Bisphosphonate. Diese erweisen sich beim CRPS an der Hand und auch bei Morbus Sudeck der Beine gegen Schmerzen als wirksam. Die Mittel hemmen jene Zellen (Osteoklasten), die den Knochen abbauen, wirken längerfristig entzündungshemmend und lindern die Schmerzen bei CRPS.

Eine der Nebenwirkungen von Bisphosphonaten ist die Reizung von Schleimhäuten. Dadurch haben manche Patienten Beschwerden wie Übelkeit, Sodbrennen oder Magenschmerzen. Ärzte empfehlen daher diese Mittel mit einem grossen Glas stillem Wasser einzunehmen und sich für eine halbe Stunde nach der Einnahme nicht hinzulegen.

Ausserdem ist eine zahnärztliche Untersuchung wichtig, bevor Betroffene Bisphosphonate einnehmen. In manchen Fällen verursachen die Mittel Veränderungen am Kieferknochen, wodurch das Risiko besteht, Zähne zu verlieren.

Steroide

Ärzte empfehlen bei CRPS im frühen Stadium mit Symptomen wie Rötung und Überwärmung auch Wirkstoffe aus der Gruppe der Steroide. Zum Einsatz kommen Mittel, die zu den sogenannten Glukokortikoiden zählen. Im allgemeinen Sprachgebrauch werden sie auch als "Kortison" bezeichnet. Zu den eingesetzten Wirkstoffen zählt Prednisolon.

Die Behandlung der CRPS-Krankheit mit Kortison ist nur zu Beginn sinnvoll, besteht Morbus Sudeck bereits ein halbes Jahr oder länger, lindert es nur noch in Einzelfällen die Beschwerden.

N-Acetylcystein

Manchen Patienten mit Sudeck-Symptomen wie blasser, kühler Haut hilft der Wirkstoff N-Acetylcystein (NAC). Das Mittel fängt freie Radikale. Diese schädigen das Gewebe. Freie Radikale entstehen vor allem bei Entzündungen und bei Durchblutungsstörungen im Gewebe.

N-Acetylcystein weist so gut wie keine Nebenwirkungen auf.

Ketamin und Gabapentin

Ketamin ist ein Betäubungsmittel. Der Wirkstoff blockiert bestimmte Rezeptoren im zentralen Nervensystem und wirkt auf diese Weise gegen Schmerzen. Es ist wichtig, dass Ketamin nur von erfahrenen Ärzten verabreicht wird. Als Nebenwirkung schädigt es in einigen Fällen unter anderem die Leber.

Gabapentin ist ein Mittel, das eigentlich gegen Krampfleiden zum Einsatz kommt (ein sogenanntes Antikonvulsivum). Es hilft aber auch manchen Menschen mit neuropathischen Schmerzen, wie sie bei Morbus Sudeck auftreten.

Dimethylsulfoxid (DMSO)

DMSO kommt bei der CRPS-Therapie äusserlich zum Einsatz. Patienten tragen es als Creme auf die von Morbus Sudeck betroffene Hand oder den betroffenen Fuss auf. Es dringt tief in die Haut ein und wirkt als Radikalfänger.

Rehabilitative Therapie

Um die Funktion der betroffenen Extremität wiederherzustellen beziehungsweise aufrechtzuerhalten, gelten Physiotherapie und Ergotherapie bei Morbus Sudeck als unverzichtbar.

Physiotherapie

Die Physiotherapie nimmt eine zentrale Stellung bei der Behandlung der Sudeck-Krankheit ein. Sie zielt darauf ab, krankhafte Bewegungsmuster oder durch den Schmerz provozierte Ausweichbewegungen zu korrigieren und den Patienten Stück für Stück wieder zu mobilisieren.

Es bedarf bei den physiotherapeutischen Übungen viel Geduld und Ermutigung. Wenn CRPS-Patienten es sich zutrauen, dürfen sie die betroffene Extremität auch bewegen, wenn dies Schmerzen verursacht. Fachleute sprechen dann von "pain exposure physical therapy". Studien belegen, dass diese Vorgehensweise den meisten Menschen mit der CRPS-Krankheit hilft.

Auch die sogenannte Spiegeltherapie gilt bei der Behandlung der Sudeck-Krankheit als sehr hilfreich. Dabei vermittelt ein Spiegel, der in der Körpermitte platziert wird, dem Patienten den visuellen Eindruck, zwei funktionierende Arme beziehungsweise Beine zu haben. Für einige Patienten hat dies positive Auswirkungen auf die eigene Körperwahrnehmung.

Ergotherapie

Mithilfe von Ergotherapie lernen die Patienten, ihren Alltag besser zu bewältigen und mit ihrer Umwelt zurechtzukommen. Hierbei versuchen Therapeuten, durch bestimmte Übungen normale Bewegungsabläufe wiederherzustellen und das Empfinden zu verbessern. Vor allem die übermässige Schmerzempfindlichkeit an der betroffenen Extremität soll so vermindert werden.

Psychotherapie

Psychotherapie bei Morbus Sudeck ist oftmals sinnvoll, da die chronischen Schmerzen Betroffene oft sehr belasten. In der Psychotherapie erlernen Menschen mit Morbus Sudeck Techniken, um die psychischen Auswirkungen ihrer Erkrankung besser zu bewältigen.

Trainiert werden beispielsweise Entspannungsverfahren oder konkrete Techniken, mit denen sie mit der seelischen und körperlichen Belastung und eventuellen Ängsten besser zurechtkommen. Vor allem für Patienten, die bereits vor der Erkrankung an Morbus Sudeck psychische Beschwerden hatten, ist eine psychotherapeutische Behandlung zusätzlich zur rein körperlichen Therapie sinnvoll.

Interventionelle Therapie

Unter einer interventionellen Therapie versteht man Eingriffe, bei denen die Erkrankung durch spezifische interventionelle Techniken behandelt wird. Aktuell gilt die Empfehlung eine interventionelle Morbus-Sudeck-Therapie nur in Einzelfällen anzuwenden. Auch ist es wichtig, dass nur Spezialisten die jeweiligen Verfahren durchführen.

Zu diesen Therapieverfahren zählen zum Beispiel Blockaden des sympathischen Nervensystems, elektrische Stimulation des Rückenmarks und die Einbringung von Baclofen in den Rückenmarkskanal. Baclofen ist ein Medikament, das starken Muskelverspannung entgegenwirkt. Die genannten Verfahren zielen in erster Linie auf eine Schmerzlinderung ab.

Morbus Sudeck: Untersuchungen und Diagnose

Patienten suchen mitunter viele Ärzte auf, bis die Diagnose Morbus Sudeck (beziehungsweise CRPS) gestellt wird. Dies liegt unter anderem an der Vielfalt der möglichen Symptome der Erkrankung. Grundsätzlich besteht immer ein Verdacht auf das Sudeck-Syndrom, wenn Wochen nach einer Verletzung oder Operation Schmerzen auftreten und die betroffene Körperstelle optisch verändert ist.

Die richtigen Ansprechpartner bei diesem Verdacht sind beispielsweise der Hausarzt, ein Chirurg oder ein Arzt mit der Zusatzbezeichnung Schmerztherapeut. Auch Physio- und Ergotherapeuten haben oft Erfahrung mit der Diagnose und Behandlung des CRPS. Es ist wichtig, dass Fachleute die CRPS-Diagnose sehr sorgfältig stellen.

CRPS-Diagnose anhand der Symptome

Folgende Punkte müssen gemäss der aktuellen CRPS-Leitlinie zur Diagnose von Morbus Sudeck erfüllt sein:

  • Es bestehen anhaltende Schmerzen, die sich nicht mehr durch die ursprüngliche Verletzung erklären lassen.

Mindestens ein Symptom aus drei der folgenden Kategorien ist bereits in der Vorgeschichte vorhanden:

  • Überempfindlichkeit gegen Schmerzreize und/oder Berührungen
  • Unterschied von Temperatur und Hautfarbe zwischen der betroffenen und der gesunden Extremität
  • Verstärktes Schwitzen und Wasseransammlung (Ödem) an der betroffenen Körperstelle
  • Reduzierte Beweglichkeit, geringere Kraft, Zittern, verändertes Haar- und Nagelwachstum an der betroffenen Gliedmasse

Mindestens ein Symptom aus zwei der vier folgenden Kategorien ist zum Zeitpunkt der Untersuchung vorhanden:

  • Gesteigerte Schmerzempfindlichkeit, gesteigertes Schmerzempfinden auf einen spitzen Schmerzreiz, Schmerzen bei Druck auf Gelenke, Muskeln oder Knochen
  • Unterschied von Temperatur und Hautfarbe zwischen der betroffenen und der gesunden Extremität
  • Verstärktes Schwitzen und Wasseransammlung (Ödem) an der betroffenen Körperstelle
  • Reduzierte Beweglichkeit, geringere Kraft, Zittern, verändertes Haar- und Nagelwachstum an der betroffenen Gliedmasse

Ausserdem dürfen sich die Beschwerden nicht durch eine andere Erkrankung erklären lassen.

CRPS-Diagnose mithilfe von apparativen Untersuchungsverfahren

Es ist möglich die Sudeck-Krankheit auf Basis der Symptome und des klinischen Erscheinungsbilds zu stellen. In manchen Fällen ziehen Ärzte auch folgende Untersuchungsverfahren hinzu, um ein CRPS festzustellen:

  • Röntgen: An der betroffenen Extremität bilden sich kleinfleckige Entkalkungen des Knochens, vor allem im Seitenvergleich gibt es grosse Unterschiede.
  • Mehrphasenszintigramm („Drei-Phasen-Skelettszintigrafie“): Es zeigen sich bandenförmige Anreicherungen des sogenannten Tracers nahe den Gelenken.
  • Hauttemperaturmessung: Dauerhaft oder wiederholt lassen sich Unterschiede im Seitenvergleich um über 1 bis 2 °C feststellen.

Wie lässt sich Morbus Sudeck vorbeugen?

Es gibt einige Faktoren, die zu einer Vorbeugung von Morbus Sudeck beitragen.

Morbus Sudeck an der Hand wird gelegentlich nach einer Fraktur der Speiche beobachtet. Das Risiko steigt, wenn der Arzt bei dem Versuch, die Knochenenden wieder in die richtige Position zu bringen, zu grob vorgeht. Ein entsprechend schonender Umgang bei der Reposition von Knochen nach Brüchen senkt die Gefahr für ein CRPS.

Es ist ausserdem wichtig, die verletzte Extremität frühzeitig hochzulagern und einschnürende Verbände oder Schienen zu vermeiden.

Grundsätzlich trägt eine frühzeitige Behandlung einer leichten Form von Morbus Sudeck (beziehungsweise zu Beginn der Erkrankung) zudem dazu bei, einer Verschlechterung des CRPS und damit Spätfolgen, wie einer Arbeitsunfähigkeit, vorzubeugen.

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Autor:
Mareike Müller
Mareike Müller

Mareike Müller ist freie Autorin in der NetDoktor-Medizinredaktion und Assistenzärztin für Neurochirurgie in Düsseldorf. Sie studierte Humanmedizin in Magdeburg und sammelte viel praktische medizinische Erfahrung während ihrer Auslandsaufenthalte auf vier verschiedenen Kontinenten.

ICD-Codes:
G57G56M89
ICD-Codes sind international gültige Verschlüsselungen für medizinische Diagnosen. Sie finden sich z.B. in Arztbriefen oder auf Arbeitsunfähigkeits­bescheinigungen.
Quellen:
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