Hypochondrie

Von , Arzt
Aktualisiert am
Clemens Gödel

Clemens Gödel ist freier Mitarbeiter der NetDoktor-Medizinredaktion.

Alle NetDoktor-Inhalte werden von medizinischen Fachjournalisten überprüft.

Der Begriff Hypochondrie bezeichnet die übertriebene Angst, krank zu sein oder zu erkranken. Der Hausarzt stellt die Diagnose und überweist den Patienten bei Bedarf an einen Psychiater oder Psychologen. Betroffene über- oder fehlinterpretieren körperliche Symptome. So haben sie beispielsweise ständig Angst vor Krankheiten. Lesen Sie hier alles Wichtige über die Hypochondrie und was sich dagegen tun lässt.

Mann mit Maske misst Fieber

Kurzübersicht

  • Diagnostik: Zunächst durch den Hausarzt und gegebenenfalls durch einen Psychiater oder Psychologen unter Zuhilfenahme eines Fragebogens.
  • Symptome: Unter anderem grosse Angst vor Krankheiten, gesteigerte Wahrnehmung körperlicher Signale, Katastrophendenken in Bezug auf den eigenen Gesundheitszustand.
  • Ursachen und Risikofaktoren: Nicht abschliessend geklärt. Eventuell hervorgerufen durch ein Erlebnis in der Kindheit, frühere Konfrontation mit dem Tod etc.
  • Behandlung: Meist durch Verhaltenstherapie, seltener mit Medikamenten.
  • Krankheitsverlauf und Prognose: Die Prognose ist umso schlechter, je länger die Hypochondrie besteht und desto schwerer sie ausgeprägt ist.

Was ist Hypochondrie?

Der Begriff Hypochondrie oder hypochondrische Störung deckt ein ganzes Spektrum von Krankheiten ab. Dieses erstreckt sich von ausgeprägtem Gesundheitsbewusstsein und gesundheitsorientiertem Verhalten bis hin zum hypochondrischen Wahn – dem Vollbild der Hypochondrie.

Das was eine Hypochondrie vor allem ausmacht, ist die Angst vor Krankheiten oder dem Kranksein, die sich dadurch verstärkt, dass Betroffene Wahrnehmungen des eigenen Körpers (wie den Herzschlag) missdeuten.

Aufgrund dieser krankhaften Angst, welche die Lebensqualität der Betroffenen meist stark einschränkt, ähnelt die Hypochondrie oftmals einer Panik- oder Angst-Störung. Tatsächlich gehört sie aber zu den sogenannten somatoformen Störungen. Die Diagnose einer somatoformen Störung verschlüsseln Ärzte allgemein mit dem ICD-10-Code F45, eine Hypochondrie beziehungsweise eine hypochondrische Störung mit F45.2.

Diese Gruppe umfasst Krankheiten, bei denen sich emotionales Unwohlsein und Stress in körperlichen Symptomen niederschlägt. Da dies aber nicht das Hauptkriterium der Hypochondrie ist, ist ihre Zuordnung zu den somatoformen Störungen umstritten.

Häufigkeit

Einer Reihe von bekannten Persönlichkeiten sagt man nach, an Hypochondrie zu leiden oder gelitten zu haben. Dazu zählen Charlie Chaplin, Friedrich der Grosse, Woody Allen oder auch Thomas Mann.

Weltweit leiden zwischen zwei und sieben Prozent der Hausarzt-Patienten unter einer Hypochondrie. Männer und Frauen sind gleichermassen betroffen. Die Dunkelziffer der Hypochonder (Menschen mit Hypochondrie) ist aber vermutlich weitaus höher, da es auch Betroffene gibt, die nicht im Gesundheitssystem auffallen.

Dies liegt möglicherweise daran, dass diese Hypochonder ein ausgesprochenes Vermeidungsverhalten zeigen oder aber alternative Medizin nutzen. In der Regel nutzen Hypochonder das Gesundheitssystem jedoch ungewöhnlich häufig und verursachen damit hohe Kosten.

Bisher gibt es keine sicheren Daten hinsichtlich des Alters, in dem eine Hypochondrie ausbricht. Ein Drittel der Patienten gibt an, bereits in der Kindheit übersteigerte Ängste in Bezug auf Krankheiten gehabt zu haben.

Prinzipiell ist das Entstehen einer Hypochondrie unabhängig von Alter oder Geschlecht. Statistisch gesehen sind vor allem Menschen der unteren Bildungsschichten betroffen. Eine genetische Veranlagung spielt bei der Hypochondrie aus heutiger Sicht nur eine untergeordnete Rolle.

Manche Menschen entwickeln zeitweise hypochondrische Anfälle, zum Beispiel nach tatsächlichen schweren Erkrankungen oder Erlebnissen oder während der Betreuung lebensbedrohlich erkrankter Personen. Aber auch nach dem Erwerb von neuen Informationen in Bezug auf Gesundheit und Krankheit kommt es unter Umständen zu hypochondrischen Phasen – wie zum Beispiel während des Medizin-Studiums.

Primäre und sekundäre Hypochondrie

Von einer sogenannten primären Hypochondrie ist die Rede, wenn diese alleine auftritt.

Vor allem im Rahmen von schizophrenen Erkrankungen und Angst-Störungen treten gegebenenfalls zusätzlich auch hypochondrische Symptome auf. In diesem Fall spricht der Arzt von einer sekundären Hypochondrie, die primär (zuerst) aufgrund einer anderen Krankheit entsteht.

Wie testet man auf Hypochondrie?

Erste Hilfe erhalten Hypochonder bei ihrem Hausarzt. Dieser hat meist die beste Übersicht über reale Krankheits-Sorgen und den Gesundheitszustand des Patienten. So ist er oft am besten in der Lage, beim Patienten zwischen übertriebenen Ängsten und tatsächlich bestehenden Gesundheitsrisiken zu unterscheiden.

Nach einem eingehenden Gespräch überweist der Hausarzt den Patienten bei Bedarf an einen Psychiater oder Psychologen. Hierbei bedarf es der Zustimmung des Patienten, denn seine Bereitschaft ist die Voraussetzung, um eine Hypochondrie-Therapie einzuleiten.

Vor Beginn einer psychotherapeutischen Behandlung der Hypochondrie ist jedoch sicher auszuschliessen, dass keine organische Krankheit vorliegt, welche die beschriebenen Hypochondrie-Symptome auslöst. Dies sind insbesondere Multiple Sklerose, die schwere krankhafte Muskelschwäche Myasthenia gravis, hormonelle Störungen, Schilddrüsen-Erkrankungen und Tumoren.

Untersuchungen beim Psychiater oder Psychologen

Die Untersuchung durch den Psychiater oder Psychologen besteht aus einem intensiven Gespräch, in dem er mit dem Patienten verschiedene Punkte bespricht. Zur sicheren Diagnose-Stellung benutzt er moderne Fragebögen, um die Verdachtsdiagnose Hypochondrie objektiv zu bestätigen. Gefragt wird speziell nach den Symptomen einer Hypochondrie, wie beispielsweise:

  • Führt der Gedanke an Krankheit bei Ihnen zu Angst?
  • Gehen Sie häufig zum Arzt?
  • Machen Sie sich Sorgen um Ihre Gesundheit?
  • Haben Sie körperliche Beschwerden?
  • Wie reagieren Sie auf Angst vor einer Erkrankung?

Solche Hypochondrie-Tests findet man auch im Internet, beispielsweise die „Illness Attitude Scales“ (IAS). Mit Hilfe solcher Tests hat der Psychiater oder Psychologe die Möglichkeit, allgemein zu untersuchen, ob eine Hypochondrie besteht, welche Elemente einer Hypochondrie vorliegen und wie schwer diese ist.

Diagnose-Kriterien für Hypochondrie

Es ist wichtig, zwischen einer zeitweisen Sorge, erkrankt zu sein, und übertriebenen Krankheitsängsten zu unterscheiden. Um die Diagnose Hypochondrie zu stellen, müssen nach dem amerikanischen Diagnose-Katalog (DSM-V) folgende Kriterien erfüllt sein:

  • Übermässige Beschäftigung mit dem Erkranken oder dem Kranksein
  • Körperliche Symptome liegen nicht oder nur in milder Form vor. Wenn schwere Symptome vorliegen, dann ist die Beschäftigung damit als exzessiv und unangemessen zu beurteilen.
  • Der Betroffene hat ein hohes Angst-Level für Gesundheitssorgen und ist leicht besorgt bei Gesundheitsangelegenheiten.
  • Überzogenes gesundheitsbezogenes Verhalten oder Vermeidung von Gesundheitsthemen
  • Die Angst besteht mindestens sechs Monate lang. Die gefürchtete Krankheit darf jedoch variieren.
  • Medizinische Untersuchungen erbrachten negative Ergebnisse. Es gibt keine bessere Erklärung für die Symptome als eine Hypochondrie, vor allem keine generelle Angst-Störung oder Panik-Störung.

Formen von Hypochondrie

Experten unterscheiden zwischen zwei Subtypen von Hypochondrie: Während eine Gruppe von Hypochondern verstärkt medizinische Versorgung in Anspruch nimmt, versucht die andere Gruppe medizinische Betreuung zu vermeiden.

Eine andere Einteilung sieht das aktuelle amerikanische Klassifikationssystem für psychiatrische Krankheiten vor: Eine Unterform ist bei Hypochondern vornehmlich durch körperliche Symptome gekennzeichnet, während bei der anderen Unterform die Angst eine grössere Rolle spielt.

Abgrenzung zu anderen Krankheiten

Möglicherweise fällt es schwer, eine Panikstörung von einer Hypochondrie zu unterscheiden. Während an einer Panikstörung leidende Menschen die akute Folge von Krankheit fürchten, richten Hypochonder ihr Augenmerk vor allem auf die Langzeit-Perspektive und nicht die akute Situation.

Generelle Angststörungen sind im Gegensatz zur Hypochondrie durch eine Vielzahl von unspezifischen Sorgen gekennzeichnet.

Im Unterschied zu Menschen mit Somatisierungsstörungen machen sich Hypochonder weniger Gedanken um das Symptom an sich als über die Folgen und die Bedeutung.

Auch Zwangs-Störungen kommen als alternative Diagnose zur Hypochondrie in Betracht. Weitere abzugrenzende, psychiatrische Störungen sind Phobien: Phobiker haben Angst vor einer Krankheit, die sie noch nicht haben. Hypochonder hingegen gehen zumeist davon aus, die Krankheit bereits zu haben, auch wenn sie noch nicht zum Vorschein gekommen ist.

Was sind die Symptome?

Menschen mit einer Hypochondrie haben eine grosse Angst vor Krankheiten. Die Angst krank zu sein schränkt das Leben unter Umständen deutlich ein. Sie schliesst die Sorge vor Schmerz, Behinderung, Leiden und Tod mit ein.

Die Angst bleibt zumeist nicht unkonkret, sondern versteift sich immer weiter auf bestimmte Krankheiten. Dazu betreiben Hypochonder auch umfassende Recherchen und sammeln jegliche Informationen in Bezug auf die gefürchteten Krankheiten. Die Krankheitsangst dominiert Gespräche und Aktivitäten des Alltagslebens und stört die soziale Interaktion.

Hinzu kommen bei Hypochondrie die Schwierigkeit, Unsicherheit zu ertragen, und das dringende Bedürfnis Symptome abzuklären. Symptome jeglicher Art nehmen Betroffene in gesteigerter Weise wahr: Hypochonder achten sehr gezielt und übersteigert auf Signale des Körpers, sodass sie diese bereits in niedriger Intensität wahrnehmen.

Hypochonder sind absolut überzeugt, an einer Krankheit zu leiden oder demnächst daran zu erkranken. So kreisen katastrophale Gedanken über den eigenen Gesundheitszustand ohne Pause im Kopf des Hypochonders. Das führt zu Unsicherheit und Angst bis hin zu schweren Panik-Attacken. Das Leiden nimmt die Betroffenen immer mehr ein.

Dauergast im Wartezimmer oder Flucht vor Ärzten

Um ihre übersteigerte Angst zu bekämpfen, suchen Hypochonder verstärkt nach Rückversicherung – und zwar immer wieder und immer öfter. Viele Betroffene untersuchen sich oft selbst, laufen von einem Arzt zum anderen und fragen auch Freunde und Familie immer wieder nach ihrer Meinung zu den vermeintlichen Krankheitssymptomen.

Ziel dieser Kommunikation ist die Bestätigung, dass die in Verdacht genommene Erkrankung tatsächlich besteht. Da Gesprächspartner dies zumeist verneinen, stellt sich bei Hypochondern meist Frust und Unzufriedenheit ein.

Andererseits gibt es auch Hypochonder, die das Gesundheitssystem bewusst meiden, um eine Konfrontation zu verhindern. Diese Betroffenen umfahren zum Beispiel Krankenhäuser und auch Friedhöfe.

Die verstärkte Suche nach Bestätigung der eigenen Gesundheit oder Krankheit ist ein zentraler Teil der Hypochondrie. Symptome und Ängste lassen sich dadurch nur kurzfristig erfolgreich lindern, sodass der Kreislauf bald wieder neu bei den fehlerhaften Krankheitsansichten beginnt.

Gewissenhafte Gesundheitsvorsorge

Zusätzlich versuchen Hypochonder verstärkt, sich vor einer Erkrankung zu schützen: Sie stellen etwa gewissenhaft die Ernährung um, treiben viel Sport und eignen sich einen möglichst gesunden Lebensstil an.

Bestimmte Organe und Krankheiten im Fokus

Zumeist betrifft die Krankheitsangst bei Hypochondrie den Magen-Darm-Trakt, die Muskeln und das Skelett sowie das Nervensystem. Häufig stehen Krankheiten wie Haut- oder Brustkrebs im Fokus der Aufmerksamkeit.

Die Betroffenen untersuchen sehr häufig die Haut beziehungsweise die Brust nach Krebsanzeichen. Oftmals sind Hypochonder sehr gut über die Krankheit informiert und sehen alle Beschreibungen bei ihnen erfüllt. Wichtig ist, dass Hypochonder tatsächlich die beschriebenen Symptome haben, sie simulieren nicht.

Depressive und narzisstische Züge

Hypochonder sind zusätzlich oft depressiv-melancholisch und zeigen manchmal narzisstische Verhaltensweisen. Narzissmus ist in diesem Zusammenhang vor allem durch Überschätzung und Wunsch nach Aufmerksamkeit auffällig. Einige Spezialisten gehen bei der Hypochondrie von einer Assoziation mit einer neurotischen Persönlichkeit aus. Diese zeichnet sich durch eine gestörte seelische Entwicklung aus.

Therapie ist in der Lage zu helfen oder zu schaden

Bietet man einem Hypochonder Hilfe in Form einer Therapie seiner vermeintlichen Krankheit an, wirkt diese oft widersprüchlich. Anstelle einer Besserung des Zustandes treten oft vermehrt Komplikationen, Nebenwirkungen und eine Verstärkung bestehender Beschwerden auf. Zudem entdeckt der Hypochonder vielleicht neue Symptome an sich.

Vielgestaltiges Krankheitsbild

Insgesamt ist das Krankheitsbild der Hypochondrie sehr heterogen, sodass sich verschiedene Subtypen je nach Dominanz einzelner Symptome charakterisieren lassen. Im Verlauf der Krankheit erfassen die Gesundheitssorgen womöglich alle Lebensbereiche und führen so zu einer bedeutenden Einschränkung der Lebensqualität. Besonders im Beruf und in Beziehungen kommt es deshalb zu Konflikten.

Was sind die Ursachen der Hypochondrie?

Es gibt verschiedene Theorien zur Entwicklung einer Hypochondrie, bis jetzt ist die Ursache jedoch nicht abschliessend geklärt. Zudem ist oft nicht klar, ob Hypochondrie eine vollkommen eigenständige Erkrankung darstellt oder aber vor allem als Symptom einer anderen Krankheit wie Depression auftritt. Als Auslöser kommt etwa eine akute psychische Belastung in Betracht.

Die in der Regel übertriebenen Krankheitsansichten, die sich vor allem durch die Überschätzung von Wahrscheinlichkeit und Schwere einer Erkrankung zeigen, gelten als eine wichtige Grundlage für die Entstehung der Hypochondrie. Die Über- und Fehl-Interpretation von Körper-Signalen ist ein ganz entscheidender Schritt auf dem Weg zu schweren hypochondrischen Phasen.

Oftmals besitzen Hypochonder ein geringeres Selbstbewusstsein als andere Menschen, verbunden mit einem Gefühl der Verwundbarkeit. Sie haben das Gefühl, ein erhöhtes Krankheitsrisiko in sich zu tragen.

Hypochondrie ist zudem durch den Wunsch nach Aufmerksamkeit und Hilfe gekennzeichnet. Oft haben Betroffene die Erfahrung gemacht, dass man als Kranker viel Aufmerksamkeit erhält.

Besonders der tiefenpsychologische Erklärungsansatz vermutet ein Erlebnis in der Kindheit als Auslöser der Hypochondrie. Die Krankheiten, vor denen sich ein Hypochonder besonders fürchtet, stehen häufig im Bezug zu früheren Erlebnissen. Gegebenenfalls liegt der Hypochondrie eine eigene belastende Krankheitserfahrung aus der Kindheit zugrunde.

Bei verstärkter Hautkrebs-Angst ist es unter Umständen so, dass ein naher Angehöriger oder der Betroffene selber früher an einem Hautkrebs erkrankt war. Auch eine frühere Konfrontation mit dem Tod prägt die Denk- und Verhaltensmuster möglicherweise so, dass sich später eine Hypochondrie entwickelt.

Insgesamt lässt sich Hypochondrie als Strategie zur Bewältigung und Selbstheilung anderer Probleme interpretieren.

Wie behandelt man die Hypochondrie?

Die Therapie der Hypochondrie besteht hauptsächlich aus Verhaltenstherapie (Psychotherapie). Mit Medikamenten behandelt der Arzt die hypochondrische Störung nur in schweren Fällen.

Meistens fällt die Wahl (wie auch bei Angst-Störungen) auf die kognitive Verhaltenstherapie. Einerseits ist das Ziel dieser Therapie, Denkstrukturen (kognitiv) der Hypochonder zu ändern. Ziel ist es, die Überschätzung der Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung abzubauen. Andererseits zielt die Behandlung darauf ab, Verhaltensweisen des Patienten anzupassen.

Dies betrifft vor allem die ständige Absicherung durch Arztbesuche. Patienten haben die Möglichkeit, dazu Absichtserklärungen zu formulieren. Der Ablauf der Hypochonder-Therapie dieser Richtung gliedert sich in verschiedene Phasen: Einleitung, Hauptteil und Abschluss.

Kognitive Verhaltenstherapie: Einleitung

Zumeist nehmen Betroffene die psychotherapeutische Hilfe erst Jahre nach Beginn der Hypochondrie in Anspruch. Die Einsicht des Patienten, dass sein Leiden vor allem auf einer übersteigerten Angst beruht, gilt es insbesondere zu Beginn der Therapie zu stärken. Dazu leitet der Therapeut den Patienten über mehrere Sitzungen von den wahrgenommenen Symptomen zu der Angst. Zum Abschluss dieser Therapie-Einleitung werden die Ziele des Patienten festgelegt.

Kognitive Verhaltenstherapie: Hauptteil

Die eigentliche Therapie konzentriert sich auf zwei Schwerpunkte: Es gilt, die verstärkte Wahrnehmung des Patienten von Missempfindungen zu bearbeiten und dessen Verhalten anzupassen.

Der erste Schwerpunkt zielt darauf ab, die Wahrnehmung der körperlichen Missempfindungen zu verändern, die fehlinterpretiert sonst eine schwere Angst auslösen. Um dies zu erreichen, erarbeiten Therapeut und Patient alternative Erklärungen für die Missempfindungen. Dies erfolgt beispielsweise anhand verschiedener Experimente.

Eines dieser Experimente ist die sogenannte somatosensorische Verstärkung. Sie beruht auf der Annahme, dass die Wahrnehmung (-sensorisch) der Symptome (somato-) auf einer verstärkten Aufmerksamkeit basiert. Um dies zu verdeutlichen, fordert der Therapeut den Hypochonder dazu auf, sich einen Tag lang auf einen nicht betroffenen Körperbereich zu konzentrieren, zum Beispiel auf einen Fuss.

Prompt berichtet dieser dann meist über verschiedene Symptome wie Schmerz oder Kribbeln. Gemeinsam sucht man dann neue und realistischere Erklärungen für diese Empfindungen.

Zusätzlich deckt man die Verbindung zwischen Angst oder Panik-Attacken und auslösenden (Stress-)Faktoren bei der Hypochondrie auf. Hierzu gehört beispielsweise das Schreiben von Krankheitsangst-Protokollen. Diese zeigen die Zusammenhänge zwischen Stress und Krankheitsangst auf.

Ziel aller Verfahren ist die Erarbeitung von alternativen Erklärungen für die Symptome, die beim Hypochonder die Angst, krank zu sein, auslösen. Bei Rückenschmerzen wäre das zum Beispiel eine dauernde Fehlhaltung.

Der zweite zentrale Ansatzpunkt der Psychotherapie bei Hypochondrie ist das Reduzieren des sogenannten sicherheitssuchenden Verhaltens. Zu diesem Verhalten zählt das häufige Untersuchen des eigenen Körpers, das ständige Verlangen nach Rückversicherung und das Vermeiden von Gesundheitsthemen und -orten wie Krankenhäusern.

Diese Verhaltensmuster geben dem Hypochonder kurzfristig Erleichterung. Da es nötig ist, diese immer wieder zu wiederholen, um sich sicher zu fühlen, wird das Leben des Betroffenen deutlich beeinträchtigt.

Um hier Abhilfe zu schaffen, fordert man den Hypochonder zunächst dazu auf, die Art der Rückversicherung zu beschreiben. Das ist zum Beispiel das ständige Absuchen der Haut aus Angst vor Hautkrebs. Zusammen mit dem Therapeuten analysiert der Betroffene die daraus resultierenden Konsequenzen.

Auf dieser Basis erarbeitet man eine Absichtserklärung, die sich im weiteren Verlauf weiter spezifizieren lässt. So legt der Patient gemeinsam mit dem Therapeuten zum Beispiel fest, dass dieser seine Haut nur noch einmal im Monat eingehend untersucht. Dies ist mit verständlichen Argumenten zu untermauern.

Es ist wichtig, dass der Hypochonder darüber ein Protokoll führt. Dies ermöglicht die nachträgliche Rückversicherung für ihn selbst, aber auch die Analyse von Rückfällen in alte Verhaltensmuster.

Ebenfalls sinnvoll bei der Behandlung von Hypochondrie ist die direkte Konfrontation mit angstauslösenden Situationen, denen der Hypochonder normalerweise ausweicht (das Gleiche macht man auch in der Therapie einer Angst-Störung).

Manche Hypochonder vermeiden es beispielsweise, fremden Personen die Hand zu geben – aus Angst, sich mit Krankheitserregern anzustecken. Es ist möglich, dass die Konfrontation mit einer solchen angstbesetzten Situation zunächst nur in Gedanken erfolgt, indem sich der Patient das Szenario vorstellt, diese Vorstellung gedanklich weiterverfolgt und sie aushält.

Wenn der Patient eine solche Konfrontation auch real durchführt ist es wichtig, dass er dabei versucht, die Situation ohne die normalerweise durchgeführten Schutzreaktionen auszuhalten. Dabei bespricht und analysiert er gemeinsam mit dem Therapeuten möglicherweise auch bestimmte Auslöse-Situationen.

Kognitive Verhaltenstherapie: Abschluss

Zum Abschluss der psychotherapeutischen Therapie fasst man die erarbeiteten Erklärungen und Analysen zusammen und stellt sie anschaulich dar. Dann bespricht man Argumente für und gegen die Krankheitsannahmen. Dabei ist es wichtig, realistische und unwahrscheinliche Argumente voneinander abzugrenzen und diese Unterschiede hervorzuheben.

Grundlage der gesamten Therapie ist die bewusst getroffene Entscheidung des Hypochonders, die Therapie anzunehmen. Die Therapie einer Hypochondrie basiert von Anfang bis Ende auf einem Gespräch auf Augenhöhe, bei dem sich der Patient selbst neue Denkweisen erarbeitet. Die Therapie zielt darauf ab, den Umgang Betroffener mit der Hypochondrie bewusst zu verbessern, um damit das eigene Leiden zu reduzieren.

Es ist essenziell, dass der Arzt dem Patienten die Hypochondrie verständlich erklärt, um dem Hypochonder Hilfe zu leisten. Um diesen Ansprüchen gerecht zu werden, ist eine gute Beziehung zwischen Patient und Therapeut unersetzlich.

Medikamente

Es gibt kaum gute Studien zur medikamentösen Therapie der Hypochondrie. Am häufigsten wurden sogenannte selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI), vor allem Fluoxetin, getestet. Sie kommen bei vielen psychiatrischen Krankheiten zum Einsatz.

Serotonin ist ein wichtiger Botenstoff im Gehirn, dessen Konzentration sich durch diese Medikamente erhöht. Dadurch sollen sich die Hypochondrie-Symptome verbessern. Es gibt jedoch keine Untersuchungen, ob die Wirkung auch nach der Therapie anhält.

Welche Therapie wirkt am besten?

In einem Vergleich von Psychotherapie, medikamentöser Behandlung und keiner Behandlung erwiesen sich Psychotherapie und Medikament als gleich effektiv. Studien legen nahe, dass der positive Therapie-Effekt der Psychotherapie auch nach Beendigung länger anhält.

Hypochondrie, die in Folge anderer (psychiatrischer) Krankheit entsteht (sekundäre Hypochondrie), ist meist durch Therapie dieser Krankheit erfolgreich zu bekämpfen.

Wie sind der Krankheitsverlauf und die Prognose?

Die Hypochondrie verläuft möglicherweise in Krisen. Situationen, die bestimmte Assoziationen oder Erinnerungen wecken, lösen diese Krisen gegebenenfalls aus. Ziel einer Therapie ist es, den Umgang damit zu verbessern.

Schwere Formen der Hypochondrie führen zu Beeinträchtigungen in allen Lebensbereichen. Neben dem Berufsleben leiden möglicherweise auch Beziehungen zu anderen Menschen darunter.

Auch wenn sich die Hypochondrie nicht gänzlich besiegen lässt, besteht jedoch die Möglichkeit, durch eine erfolgreiche Therapie das Leiden deutlich zu vermindern. Studien ergaben, dass vor allem schwer erkrankte Hypochonder von einer kognitiv-behavioralen Psychotherapie profitieren und Erleichterung erfahren.

Generell gilt: Je länger die Hypochondrie bereits besteht und je schwerer sie ausgeprägt ist, desto schlechter die Prognose. Zusätzlich bestehende Krankheiten (vor allem psychische wie Ängste oder Depressionen) verschlechtern womöglich das Therapieergebnis. Solche Erkrankungen sind daher zeitgleich mit der Hypochondrie intensiv zu behandeln.

Vor allem junge Patienten haben eine grosse Chance, durch die Therapie mit ihrer Hypochondrie besser umzugehen.

Autoren- & Quelleninformationen

Jetzt einblenden
Aktualisiert am :
Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Vorlage:
Dr. med. Martin Aigner
Autor:
Clemens Gödel

Clemens Gödel ist freier Mitarbeiter der NetDoktor-Medizinredaktion.

ICD-Codes:
F45
ICD-Codes sind international gültige Verschlüsselungen für medizinische Diagnosen. Sie finden sich z.B. in Arztbriefen oder auf Arbeitsunfähigkeits­bescheinigungen.
Quellen:
  • Barsky, A.J. & Klerman, G.L.: „Overview: Hypochondriasis, Bodily Complaints and Somatic Styles“, Am J Psychiatry 140:3, 03/1983
  • Bleichhardt, G. et Weck, F.: Kognitive Verhaltenstherapie bei Hypochondrie und Krankheitsangst. Springer-Verlag. 4. Auflage 2019
  • Gelder, M.G. (Hrsg.) et al.: New Oxford Textbook of Psychiatry, Oxford University Press, 2nd edition, 2009
  • ICD-10-GM-2022 Code Suche, unter: www.icd-code.de (Abrufdatum: 15.02.2022)
  • Linden, M. und Hautznger, M. (Hrsg): Verhaltenstherapiemanual, Springer Verlag, 2011
  • Nissen, B.: „Hypochondrie – Versuch einer konzeptionellen Zusammenfassung“, Forum Psychoanal (2010) 26:1-15, Springer Verlag
  • Olatunji, B.O. et al.: „Cognitive-behavioral therapy für hypochondriasis/health anxiety: A meta-analysis of treatment outcome and moderators“, Behaviour Research and Therapy 58 (2104), 65-74
  • Popkirov, S.: Funktionelle neurologische Störungen: Erkennen, verstehen, behandeln. Springer-Verlag. 1. Auflage 2020
  • Pschyrembel Online: Hypochondrische Störung, Stand: April 2020, unter: www.pschyrembel.de (Abrufdatum: 16.02.2022)
  • Weck, F.: „Diagnostik der Hypochondrie“, Psychotherapeut 2013, 58:531-538, Springer Verlag Berlin Heidelberg
Teilen Sie Ihre Meinung mit uns
Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie NetDoktor einem Freund oder Kollegen empfehlen?
Mit einem Klick beantworten
  • 0
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0 - sehr unwahrscheinlich
10 - sehr wahrscheinlich