Phenprocoumon

Von Felix Hintermayer
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Phenprocoumon hemmt die Blutgerinnung und wird deshalb zur Behandlung und Vorbeugung von Blutgerinnseln eingesetzt. Die Therapie muss genau überwacht werden, da viele andere Medikamente und auch die Ernährung die Wirkung von Phenprocoumon beeinflussen können. Lesen Sie hier mehr über die Anwendung, Wirkung und Nebenwirkungen von Phenprocoumon!

So wirkt Phenprocoumon

Phenprocoumon ist ein Vertreter der Cumarine (sog. Vitamin-K-Antagonisten). Als solcher hemmt es in der Leber die Bildung aktiver Gerinnungsfaktoren (Faktor II, VII, IX und X). Die Aktivierung dieser Stoffe ist abhängig von Vitamin K:

Phenprocoumon verhindert die Umwandlung von Vitamin K in seine aktive Form Vitamin-K-Epoxid, indem es den dafür benötigten Enzymkomplex hemmt. Dadurch können auch verschiedene Gerinnungsfaktoren nicht aktiviert werden - die Blutgerinnung wird gehemmt.

Das verhindert die Bildung von Blutgerinnseln, die an Ort und Stelle ein Gefäss verstopfen können (Thrombose) oder mit dem Blutstrom mitgerissen werden und dann vielleicht an anderer Stelle im Körper ein Gefäss blockieren (Embolie).

Die Wirkung von Phenprocoumon setzt aber nicht sofort ein, sondern erst nach ein bis zwei Tagen, da anfangs noch bereits aktivierte Gerinnungsfaktoren im Blut vorhanden sind. Erst nach deren Abbau kommt die Phenprocoumon-Wirkung voll zur Geltung, weil keine neuen Gerinnungsfaktoren aktiviert werden können. Dies ist circa fünf bis sieben Tagen nach Einnahmebeginn der Fall.

Aufnahme, Abbau und Ausscheidung

Der Gerinnungshemmer wird nach Verabreichung über den Mund (per oral) schnell aus dem Magen-Darm-Trakt ins Blut aufgenommen. Dort bindet er zum Grossteil an Plasmaproteine und verteilt sich so im Körper. Der Gerinnungshemmer wird in der Leber abgebaut und über die Nieren mit dem Urin ausgeschieden.

Nach Einnahme einer Dosis dauert es sechs bis sieben Tage, bis die Hälfte des Wirkstoffes den Körper wieder verlassen hat. Nach Absetzen des Medikaments hält die gerinnungshemmende Wirkung also noch einige Zeit an.

Wann wird Phenprocoumon angewendet?

Phenprocoumon wird zur Behandlung und Vorbeugung einer (erneuten) Thrombose oder Embolie eingesetzt, so zum Beispiel bei Patienten mit einer künstlichen Herzklappe, valvulärem Vorhofflimmern oder einer Herzmuskelerkrankung (Kardiomyopathie).

Ausserdem wird der Wirkstoff zur Langzeitbehandlung des Herzinfarktes eingesetzt, wenn ein erhöhtes Risiko für thromboembolische Komplikationen besteht.

So wird Phenprocoumon angewendet

Phenprocoumon wird als Tablette eingenommen. Die Therapie wird üblicherweise mit einer erhöhten Anfangsdosis eingeleitet, während die Erhaltungsdosis dann niedriger dosiert ist und individuell an den jeweiligen Blutgerinnungswert des Patienten (INR-Wert - gibt an, wie schnell das Blut gerinnt) angepasst wird. Im Mittel beträgt die Erhaltungsdosis von Phenprocoumon bei Erwachsenen 1,5 bis 6 Milligramm pro Tag.

Der Ziel-INR-Wert hängt von der Indikation ab, für die Phenprocoumon verordnet wurde. In der Regel liegt er zwischen 2,0 und 3,0. Der Patient muss den INR-Wert regelmässig selbst messen oder vom Arzt kontrollieren lassen.

Die gerinnungshemmende Wirkung von Phenprocoumon setzt erst nach einigen Tagen ein. Falls eine sofortige Gerinnungshemmung erforderlich ist, wird die Behandlung meist mit Heparin eingeleitet beziehungsweise bei grösseren Operationen überbrückt und dann im Anschluss mit Phenprocoumon fortgeführt.

Welche Nebenwirkungen hat Phenprocoumon?

Die wichtigste Nebenwirkung sind Blutungen jeglicher Art und jeglichen Schweregrades - von Zahnfleischbluten bis hin zu starken inneren Blutungen. Weil solche Blutungen gegebenenfalls lebensbedrohlich sein können und Phenprocoumon eine enge therapeutische Breite hat (d.h. schon eine geringe Steigerung der wirksamen Dosis kann eine Überdosierung bedeuten und zu einer Vergiftung führen), muss der INR-Wert unbedingt regelmässig kontrolliert werden.

Seltenere Nebenwirkungen sind zum Beispiel allergische Reaktionen, Juckreiz, Haarausfall und (sehr selten) toxische Leberschäden.

Sollten bei Ihnen schwere Nebenwirkungen oder nicht genannte Beschwerden auftreten, so suchen Sie bitte Ihren Arzt auf.

Was ist bei der Anwendung von Phenprocoumon zu beachten?

Gegenanzeigen

Phenprocoumon ist in folgenden Situationen kontraindiziert:

  • Überempfindlichkeit gegenüber dem Wirkstoff, anderen Cumarin-Abkömmlingen oder einem der anderen Bestandteile des Medikaments
  • Blutungsrisiko ist höher als der therapeutische Nutzen der Phenprocoumon-Gabe
  • Verdacht auf Gefässschäden (z.B. Magen-Darm-Geschwür, frischer Schlaganfall, Herzbeutelentzündung)
  • brennende Schmerzen in den Grosszehen mit gleichzeitiger Verfärbung ("Purple Toes") während der Einnahme
  • kavernöse Lungentuberkulose (krankhafte Veränderungen des Lungengewebes mit Bildung von Hohlräumen = Kavernen)
  • nach urologischen Operationen, solange eine Blutungsneigung besteht
  • ausgedehnte offene Wunden
  • Schwangerschaft (Ausnahme: Absolute Indikation bei lebensbedrohlicher Heparin-Unverträglichkeit)

Wechselwirkungen

Verschiedene Arzneistoffe können bei gleichzeitiger Anwendung die Wirkung des Gerinnungshemmers verstärken, vor allem indem sie die abbauenden Enzyme CYP2C9 und CYP3A4 hemmen oder deren Bildung anregen. Dies ist besonders deshalb problematisch, weil Phenprocoumon von Haus aus eine geringe therapeutische Breite aufweist (also sehr leicht überdosiert werden kann).

Beispiele für solche Medikamente sind:

Andere Medikamente verringern die Wirkung von Phenprocoumon, so zum Beispiel:

Da Phenprocoumon die Regeneration von Vitamin K unterdrückt und dieses Vitamin in zahlreichen Nahrungsmitteln enthalten ist, ist beim Verzehr Vitamin K-reicher Nahrungsmittel Vorsicht geboten. Dazu gehören unter anderem:

  • grünes Blattgemüse (wie Brennnessel, Chicoree, Grünkohl, Endivien, Mangold)
  • Knoblauch (frisch, getrocknet, gepulvert)
  • Mohnöl
  • Algen

Vorsicht ist zudem geboten, wenn man zusätzlich zu Phenprocoumon Goji-Saft oder -Beeren konsumiert. Die Inhaltsstoffe der Beeren können den INR-Wert beeinflussen.

Altersbeschränkung

Zur Dosierung bei Kindern unter 14 Jahren liegen nur unzureichende Daten vor. Aus diesem Grund wird hier eine engmaschige Kontrolle der Gerinnungsparameter empfohlen.

Schwangerschaft und Stillzeit

Phenprocoumon passiert die Plazenta-Schranke und kann bei Einnahme während der Schwangerschaft zu Geburtsschäden bis hin zum Tod des Fötus führen. Der Wirkstoff darf in der Schwangerschaft daher nicht eingenommen werden.

Ist aber eine durchgehende Behandlung bis zur Geburt unbedingt notwendig, muss eine zuverlässige Vitamin-K-Prophylaxe in den ersten Lebenswochen des Kindes gewährleistet sein.

Während der Behandlung mit Phenprocoumon dürfen Frauen stillen. Der Wirkstoff tritt in so geringer Menge in die Muttermilch über, dass keine Nebenwirkungen beim Säugling zu erwarten sind. Sicherheitshalber wird aber dennoch empfohlen, dem Kind vorbeugend Vitamin K zu geben.

So erhalten Sie Medikamente mit Phenprocoumon

Phenprocoumon ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz verschreibungspflichtig, also nur nach Vorlage eines ärztlichen Rezepts in der Apotheke erhältlich.

Interessante Fakten zum Wirkstoff

Phenprocoumon ist in Europa der gängigste Arzneistoff aus der Gruppe der Vitamin-K-Antagonisten. Im angloamerikanischen Raum (England, USA) befindet sich der Arzneistoff hingegen nicht im Handel. Hier ist stattdessen Warfarin gebräuchlich.

Autoren- & Quelleninformationen

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Autor:
Quellen:
  • Friese, K. et al.: Arzneimittel in der Schwangerschaft und Stillzeit, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH, Stuttgart, 8. Auflage, 2016.
  • Frölich, J.C. et Kirch, W.: Praktische Arzneitherapie, 3. Auflage, Springer-Verlag, 2013.
  • Geisslinger, G. et al.: Mutschler Arzneimittelwirkungen - Pharmakologie, Klinische Pharmakologie, Toxikologie, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart, 11. Auflage, 2020.
  • Pharmakovigilanz und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie der Charité-Universitätsmedizin Berlin: Phenprocoumon, unter: www.embryotox.de (Abruf: 18.02.2022).
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