Geheimratsecken

Von , Medizinredakteurin und Biologin
Aktualisiert am
Martina Feichter

Martina Feichter hat in Innsbruck Biologie mit Wahlfach Pharmazie studiert und sich dabei auch in die Welt der Heilpflanzen vertieft. Von dort war es nicht weit zu anderen medizinischen Themen, die sie bis heute fesseln. Sie ließ sich an der Axel Springer Akademie in Hamburg zur Journalistin ausbilden und arbeitet seit 2007 für NetDoktor - zuerst als Redakteurin und seit 2012 als freie Autorin.

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Goethe, Jürgen Klopp, Jude Law: Geheimratsecken zeigten und zeigen sich auf vielen männlichen Köpfen. Bei Frauen sind sie dagegen selten. Lesen Sie hier, warum die Schläfenhöcker der Betroffenen kahl werden und was sich gegen Geheimratsecken tun lässt.

Geheimratsecken: erstes Zeichen erblichen Haarausfalls

Kurzübersicht

  • Behandlung: Minoxidil- oder coffeinhaltige Mittel; Finasterid in Tablettenform; eventuell Haartransplantation; Perücke oder Toupet; Glatze rasieren; Antiandrogene bei Frauen
  • Ursachen: In der Regel erblich bedingter Haarausfall; nur bei Frauen ist erblicher Haarausfall krankhaft
  • Wann zum Arzt?: Bei sehr raschem Voranschreiten; eher diffusem oder kreisrundem Haarausfall; starkem büschelweisem Haarausfall
  • Diagnose: Blickdiagnose; im Zweifelsfall weitere Untersuchungen, um andere Erkrankungen auszuschliessen
  • Vorbeugen: Frühzeitige Behandlung bremst Voranschreiten; unter Umständen gesunde ausgewogene Ernährung

Was sind Geheimratsecken?

Von Geheimratsecken (Calvities frontalis) spricht man, wenn bei Betroffenen (hauptsächlich Männern) der Haaransatz im Bereich der Schläfenhöcker und der Stirn zurückweicht — es entwickeln sich die sogenannten Geheimratsecken und eine Stirnglatze. Später lichtet sich das Haar auch am oberen Hinterkopf rund um den Wirbel (Tonsur). Stirnglatze und Tonsur treffen häufig irgendwann aufeinander, sodass die gesamte obere Kopfpartie kahl ist und nur noch ein hufeisenförmiger Haarkranz stehen bleibt.

In den meisten Fällen beginnt sich der Haaransatz erst in mittleren oder höheren Lebensjahren zu lichten. Es gibt allerdings Fälle, in denen bereits Jugendliche Geheimratsecken entwickeln und manchmal bereits vor dem 30. Lebensjahr kahlköpfig sind.

Gibt es Geheimratsecken bei der Frau?

Bei Frauen mit erblich bedingtem Haarausfall zeigt sich meist ein anderes Erscheinungsbild. Hier kommt es meist zu einem allmählichen Ausdünnen der Haare oben am Kopf (Scheitelbereich), ohne dass sich irgendwann eine völlige Kahlheit einstellt. Nur selten tritt das männliche Muster (mit Stirnglatze und Geheimratsecken) bei Frauen auf.

Was ist, wenn Babys Geheimratsecken haben?

In manchen Fällen zeigen sich bei Babys Geheimratsecken. Das ist allerdings ein ganz normaler Prozess und kein Grund zur Sorge. Das erste Babyhaar verlieren die Kleinen oft bereits einige Wochen nach der Geburt. Der Ausfall dieser ersten Haare folgt optisch dem gleichen Muster wie bei älteren Männern. Auch kreisrunder Haarausfall am Hinterkopf kommt beim Baby oft vor.

Allerdings wachsen die eigentlichen Haare bei Babys dann in der Regel recht schnell nach. Die ersten Haare und die späteren unterscheiden sich manchmal in Farbe und Struktur.

Was kann man dagegen tun?

Die äusserliche Anwendung von Minoxidil soll Geheimratsecken und Glatzenbildung entgegenwirken. Der Wirkstoff verstärkt den Haarwuchs, vermutlich durch eine gesteigerte Kopfhautdurchblutung. Männer tragen eine fünfprozentige Minoxidil-Lösung zweimal täglich auf die betroffene Stellen am Kopf auf. In manchen Fällen lassen sich so die Geheimratsecken sogar wieder etwas zurückdrängen. Einige Studien deuten darauf hin, dass Coffein als Wirkstoff eine ähnlich gute Wirkung hat.

Frauen mit erblich bedingtem Haarausfall behandeln die lichter werdenden Partien mit einer zweiprozentigen Minoxidil-Lösung zweimal am Tag. Nach Absetzen des Mittels schreitet der Haarausfall allerdings meist wieder fort. In manchen Fällen behandeln Ärzte betroffene Frauen mit Antiandrogenen, also mit Wirkstoffen, die sich gegen das männliche Sexualhormon richten.

Zur Behandlung von Geheimratsecken und Glatzenbildung bei Männern sind Tabletten mit dem Wirkstoff Finasterid erhältlich. Sie hemmen ein Enzym, welches das Testosteron in das noch wirksamere Dihydrotestosteron umwandelt. Diese Behandlung stoppt in vielen Fällen den Haarausfall. Auch hier gilt: Die Wirkung hält im Allgemeinen nur während der Dauer der Behandlung an.

Viele Betroffene wollen mit Haarteilen ihre Glatze oder die Geheimratsecken kaschieren. Zur Verfügung stehen Toupets und Perücken aus Echt- oder Kunsthaar in diversen Ausführungen und Haarfarben. Interessierte haben die Möglichkeit, sich in einem Zweithaarstudio professionell beraten zu lassen.

Eine operative Behandlungsmöglichkeit ist die Haartransplantation: Durch Verpflanzen eigener Haare von stärker behaarten Kopfpartien an kahle Stellen lassen sich Glatze oder Geheimratsecken auffüllen. Diese Methode wendet man besonders bei Männern mit erblich bedingter Alopezie an. Bei weiblichen Patienten mit ihrer meist diffusen Ausdünnung der Haare ist sie weniger geeignet.

Manche Männer entscheiden sich für die Radikallösung bei Geheimratsecken und sich lichtendem Hinterkopfhaar: Sie lassen sich eine Glatze rasieren.

Wodurch entstehen Geheimratsecken?

Geheimratsecken sind ein typisches Zeichen für erblich bedingten (androgenetischen) Haarausfall bei Männern (androgenetische Alopezie): Die Haarfollikel reagieren überempfindlich auf Testosteron und Dihydrotestosteron (DHT), weil sie auf ihrer Oberfläche übermässig viele Andockstellen (Rezeptoren) für diese männlichen Sexualhormone tragen.

Dadurch verkürzt sich die Wachstumsphase (Anagenphase) der Haare, und der ganze Haarzyklus beschleunigt sich. Die Haare erreichen folglich schneller das "Ende ihres Lebens" und fallen aus. Zudem stellen die Haarfollikel allmählich ihre Funktion ein und verkleinern sich. Sie produzieren nur noch feine, dünne Haare und schliesslich gar keine mehr.

Im Gegensatz zum erblichen Haarausfall bei Männern ist die androgenetische Alopezie bei der Frau eine krankhafte Form. Betroffen sind dabei meist Frauen nach den Wechseljahren. Die Hormonumstellung hat dabei Einfluss auf den ebenso wie beim Mann genetisch bedingten Haarausfall.

Welche Gene genau beteiligt sind, ist bei Mann und Frau noch unbekannt.

Wann zum Arzt?

Studien zeigen, dass Geheimratsecken und Glatze in seltenen Fällen auf ein erhöhtes Risiko für Prostatakrebs und koronare Herzkrankheit (KHK) hinweisen.

So scheinen Männer, die schon vor dem 45. Lebensjahr tiefe Geheimratsecken und lichte Stellen am Hinterkopf haben, anfälliger für ein späteres Prostatakarzinom zu sein. Bei Männern mit einer Glatze am oberen Hinterkopf ist offenbar das Risiko für eine koronare Herzkrankheit erhöht.

Diffuser Haarausfall (unregelmässig überall auf dem Kopf) oder kreisrunder Haarausfall dagegen deutet unter Umständen auf andere Erkrankungen oder Mangelernährungen hin, während Geheimratsecken in aller Regel mit dem erblichen Haarausfall in Verbindung stehen. Die Entstehung von Geheimratsecken und einem allmählich lichter werdenden Haupthaar ist ein schleichender Prozess über viele Jahre, der nicht zwangsläufig zum völligen Erkahlen führen muss.

Ratsam zum Arzt zu gehen ist es allerdings, wenn plötzlich etwa büschelweise grosse Mengen an Haaren beim Kämmen ausgehen oder sich einzelne kahle Stellen bilden. Dies deutet auf eine mögliche Erkrankung hin.

Mehr Informationen dazu finden Sie etwa im Beitrag Haarausfall.

Diagnose

In der Regel sind die Geheimratsecken bereits per Blickdiagnose erkennbar. Unter Umständen wird der Arzt aber bei anderen Arten von Haarausfall oder wenn die Entstehung der Geheimratsecken sehr schnell vorangeschritten ist, weitere Untersuchungen durchführen, um andere Erkrankungen als den erblichen Haarausfall auszuschliessen.

Vorbeugen

Es wird diskutiert, ob eine gesunde vitaminreiche und ausgewogene Ernährung Einfluss auf das Wachstum der Haare hat. Es sei mitunter auch ratsam, auf einen richtig eingestellten Eisenwert zu achten. Dass dies den erblich bedingten Geheimratsecken vorbeugt, ist allerdings nicht abschliessend erwiesen — gesunde ausgewogene Ernährung ist aber generell eine gute Gesundheitsvorsorge.

Ansonsten lässt sich ein Voranschreiten der Geheimratsecken in vielen Fällen mit einer frühzeitigen und fortdauernden Behandlung etwa mit Minoxidil aufhalten oder verlangsamen. Sprechen Sie dazu am besten Ihren Arzt an.

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Autor:
Martina Feichter
Martina Feichter

Martina Feichter hat in Innsbruck Biologie mit Wahlfach Pharmazie studiert und sich dabei auch in die Welt der Heilpflanzen vertieft. Von dort war es nicht weit zu anderen medizinischen Themen, die sie bis heute fesseln. Sie ließ sich an der Axel Springer Akademie in Hamburg zur Journalistin ausbilden und arbeitet seit 2007 für NetDoktor - zuerst als Redakteurin und seit 2012 als freie Autorin.

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