Frau riecht an einer Orange

Wie Covid-19 den Geruchssinn zerstört

Von , Medizinredakteurin
Christiane Fux

Christiane Fux studierte in Hamburg Journalismus und Psychologie. Seit 2001 schreibt die erfahrene Medizinredakteurin Magazinartikel, Nachrichten und Sachtexte zu allen denkbaren Gesundheitsthemen. Neben ihrer Arbeit für NetDoktor ist Christiane Fux auch in der Prosa unterwegs. 2012 erschien ihr erster Krimi, außerdem schreibt, entwirft und verlegt sie ihre eigenen Krimispiele.

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Viele Menschen, die sich mit Sars-CoV-2 infizieren, verlieren das Geruchsvermögen – manche möglicherweise auch dauerhaft. Nun zeigt sich: Das Virus selbst greift die Riechzellen kaum an.

Schon früh in der Coronapandemie ist aufgefallen, dass Störungen des Geruchs- und Geschmackssinns ein wichtiger Hinweis auf eine Sars-CoV-2-Infektion sind: Rund 70 Prozent der Infizierten berichteten in der ersten Welle von entsprechenden Symptomen.

Dazu gehören neben einem Geschmacks- und Geruchsverlust oder einer Geruchsüberempfindlichkeit auch Sinnesverzerrungen, die bestimmte Nahrungsmittel oder Gerüche plötzlich widerwärtig erscheinen lassen – darunter häufig Kaffee.

Wenn nicht das Virus – was dann?

Ein Forschungsteam um Sheng-Ying Ho von der Johns Hopkins University School of Medicine hat nun festgestellt, dass wohl nicht, wie zunächst vielfach angenommen, ein direkter Virusbefall die Riechzellen schädigt.

Dagegen spricht beispielsweise auch, dass die Nervenzellen im Bereich des Riechkolbens nur mit wenigen Andockstellen für das Virus bestückt sind. Das Virus hat es also vergleichsweise schwer, diese zu befallen.

"Als Neuropathologin habe ich mich gefragt, warum der Verlust des Geruchsinns ein sehr häufiges Symptom bei COVID-19 ist, nicht aber bei anderen Atemwegserkrankungen", sagt Dr. Cheng-Ying Ho, die Hauptautorin der Studie.

Gewebeproben aus dem Riechkolben

Um herauszufinden, was tatsächlich auf zellulärer Ebene des Geruchssinns passiert, untersuchten die Wissenschaftlerin und ihr Team Gewebeproben von 23 Männern und Frauen, die im Alter von 20 bis 77 Jahren an COVID-19 gestorben waren.

Die Proben entnahmen sie dem Riechkolben, der an der Basis des Gehirns sitzt und die Sinneseindrücke ins Riechzentrum des Gehirns weiterleitet. Zehn der untersuchten Covid-19-Verstorbenen hatten vor ihrem Tod an Riechstörungen unterschiedlicher Ausprägung gelitten. Als zusätzlicher Vergleich dienten Proben von 14 Personen mit anderer Todesursache.

Gekappte Signalleitungen ins Gehirn

Mithilfe von Elektronenmikroskopen untersuchten die Forschenden die Riechzellen in den Proben auf Anzahl und Zustand der sogenannten Axone hin. Dabei handelt es sich um jene schlauchförmigen Fortsätze der Nervenzellen, die ein empfangenes Signal weiterleiten. Und auch die kleinen Blutgefässe, die das Gewebe versorgen, wurden sorgfältig auf Schäden hin untersucht.

"Wir stellten fest, dass an Covid Verstorbene schwerere Gefässschädigungen und viel weniger Axone im Riechkolben aufwiesen", sagt Ho. Diese Schädigungen seien unabhängig vom Alter aufgetreten. „Das deutet stark darauf hin, dass die Auswirkungen nicht altersbedingt sind und daher direkt mit der SARS-CoV-2-Infektion zusammenhängen."

Oft keine Viruspartikel nachweisbar

Überrascht waren die Forschenden, dass trotz der Nerven- und Gefässschäden bei der Mehrheit der Patienten mit COVID-19 keine SARS-CoV-2-Partikel im Riechkolben nachgewiesen wurden. Denn eine Zerstörung der Riechnerven durch das Virus war zuvor die Haupthypothese für den Geruchsverlust.

Erst die Ergebnisse der ultrafeinen Analysen deuteten darauf hin, dass es eigentlich Entzündungsreaktionen im Riechepithel sind, welche die Neuronen schädigten. „Dadurch wird die Anzahl der Axone reduziert, die Signale an das Gehirn senden können“, so Ho. Verantwortlich ist also das Immunsystem – es setzt die Entzündungen als Abwehrmechanismus in Gang - und nicht das Virus.

In einer Folgestudie wollen die Forschenden nun Gewebeproben von Patienten untersuchen, die an den SARS-CoV-2-Varianten Delta und Omikron gestorben sind. Bei letzteren treten Störungen des Geruchssinnes deutlich seltener auf als bei den vorangegangenen Varianten.

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Christiane Fux studierte in Hamburg Journalismus und Psychologie. Seit 2001 schreibt die erfahrene Medizinredakteurin Magazinartikel, Nachrichten und Sachtexte zu allen denkbaren Gesundheitsthemen. Neben ihrer Arbeit für NetDoktor ist Christiane Fux auch in der Prosa unterwegs. 2012 erschien ihr erster Krimi, außerdem schreibt, entwirft und verlegt sie ihre eigenen Krimispiele.

Quellen:
  • Cheng-Ying Ho et al.: Postmortem Assessment of Olfactory Tissue Degeneration and Microvasculopathy in Patients With COVID-19, JAMA Neurology, 11. April 2022, doi:10.1001/jamaneurol.2022.0154
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