Physostigmin

Von Felix Hintermayer
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Physostigmin ist ein Naturstoff aus den Samen der Kalabarbohne. Es verstärkt durch eine Enzymhemmung die Aktivität des parasympathischen Nervensystems, ist also ein Parasympathomimetikum. Dieser Effekt wird unter anderem für die Behandlung des zentralen anticholinergen Syndroms genutzt. Lesen Sie hier mehr über Anwendung, Wirkung und mögliche Nebenwirkungen von Physostigmin.

So wirkt Physostigmin

Physostigmin regt die Aktivität des Parasympathikus an. Dieser Teil des vegetativen Nervensystems ist beteiligt an der Steuerung der inneren Organe, des Herzschlages, der Atmung und der Verdauung.

Physostigmin ist ein sogenannter Cholinesterasehemmer. Es blockiert das Enzym Acetylcholinesterase, das den Nervenbotenstoff (Neurotransmitter) Acetylcholin abbaut. Acetylcholin ist ein wichtiger Signalstoff des Parasympathikus. Wenn etwa aufgrund einer Vergiftung oder einer angeborenen Störung zu wenig Acetylcholin freigesetzt wird, kann dies zu Bewegungsstörungen und fehlerhaften Organfunktionen führen.

Indem Physostigmin den Abbau des Botenstoffes hemmt, steht mehr Acetylcholin über einen längeren Zeitraum im Körper zur Verfügung. Das steigert die parasympathische Aktivität: So kann Physostigmin die Schlagzahl des Herzen senken, am Auge zu einer Engstellung der Pupille führen, die Bronchien verengen und den Darm zu einer stärkeren Aktivität anregen. Ausserdem werden die Speichel-, Magensaft- und Schweisssekretion gesteigert.

Der Wirkstoff kann die Blut-Hirn-Schranke gut überwinden und so auch im zentralen Nervensystem die Acetylcholin-Konzentration erhöhen.

Physostigmin eignet sich somit als Gegenmittel zu Substanzen, die sich gegen die Wirkung von Acetylcholin richten (anticholinerg wirksamen Substanzen) wie bestimmte Pflanzengifte und Medikamente.

Aufnahme, Abbau und Ausscheidung

Der Wirkstoff wird direkt in eine Vene oder einen Muskel injiziert. So kann er sich schnell im Gewebe verteilen und seine Wirkung entfalten. Schon nach einer Viertelstunde ist er durch ein Enzym (die Cholinesterase) zur Hälfte abgebaut. Die Ausscheidung erfolgt mit dem Urin.

Wann wird Physostigmin angewendet?

Physostigmin ist in Deutschland und Österreich zugelassen zur Behandlung von:

  • Vergiftungen mit anticholinerg wirkenden Substanzen* wie zum Beispiel Alkaloiden (in Tollkirsche, Stechapfel etc.), Inhaltsstoffen einiger Pilze (wie Panther- und Fliegenpilz), trizyklischen Antidepressiva (wie Amitriptylin, Imipramin), starken Schmerzmitteln aus der Gruppe der Opiate sowie diversen Narkosemitteln
  • Alkoholentzugsdelir (Form von Delirium)
  • verzögertem Erwachen nach einer Operation (Zulassung nur in Deutschland)
  • Kältezittern, auch "Shivering" genannt (Zulassung nur in Deutschland)

* Solche Substanzen können bereits in therapeutischer Dosierung zu einem sogenannten zentralen anticholinergen Syndrom (ZAS) führen. Dieses äussert sich in Symptomen wie starker Erregbarkeit (Hyperaktivität, Unruhe, Angst) oder Koma sowie Temperaturanstieg, Herzrasen, Weitstellung der Pupillen (Mydriasis), trockener und heisser Haut sowie Unfähigkeit zur Blasenentleerung (Harnretention). Das ZAS ist potenziell lebensbedrohlich!

In der Schweiz befinden sich keine Arzneimittel mit Physostigmin im Handel.

So wird Physostigmin angewendet

Physostigmin wird direkt in eine Vene oder einen Muskel verabreicht. Erwachsene erhalten initial meist zwei Milligramm. Bei Bedarf kann nach 15 bis 20 Minuten eine weitere Dosis von ein bis vier Milligramm gegeben werden. Der Wirkstoff muss langsam injiziert werden, um das Risiko von Nebenwirkungen zu verringern.

Ganz selten ist es notwendig, einem Patienten eine kontinuierliche Physostigmin-Infusion über längere Zeit zu verabreichen.

Welche Nebenwirkungen hat Physostigmin?

Mögliche Nebenwirkungen sind Übelkeit, Erbrechen, ein verlangsamter Herzschlag (Bradykardie), starkes Schwitzen, eine Verengung der Bronchien (Bronchokonstriktion) und sogar ein zerebraler Krampfanfall (= Krampfanfall, der vom Gehirn ausgeht).

Was ist bei der Anwendung von Physostigmin zu beachten?

Gegenanzeigen

In bestimmten Fällen darf Physostigmin keinesfalls verabreicht werden. Zu diesen absoluten Kontraindikationen zählen:

  • Vergiftung mit irreversiblen Cholinesterasehemmern
  • Myotone Dystrophie (eine erbliche Muskelerkrankung)
  • Depolarisationsblock nach Gabe depolarisierender Muskelrelaxanzien
  • geschlossenes Schädel-Hirn-Trauma
  • Verengung oder Verschluss (Obstruktion) im Magen-Darm-Trakt oder in den ableitenden Harnwegen

Daneben gibt es relative Kontraindikationen, also Umstände, bei denen vor einer Verabreichung von Physostigmin zuerst sehr sorgfältig Nutzen und Risiken der Anwendung abgewogen werden. Nur wenn der zu erwartende Nutzen den Risiken überwiegt, darf der Wirkstoff gegeben werden.

Das gilt bei stark verlangsamtem Herzschlag (Bradykardie), niedrigem Blutdruck (Hypotonie), Asthma bronchiale, Diabetes, Colitis ulcerosa sowie Morbus Parkinson.

Die Gabe von Physostigmin wird sehr streng gehandhabt, da der Wirkstoff sehr giftig ist. Die tödliche Dosis für Menschen beträgt nur etwa zehn Milligramm.

Wechselwirkungen

Physostigmin und andere Vertreter seiner Wirkstoffklasse (indirekt wirkende Parasympathomimetika: Distigmin, Neostigmin) gehen mit verschiedenen anderen Arzneistoffen Wechselwirkungen ein. Sie beeinflussen zum Beispiel die Wirkung von muskelentspannenden Substanzen (Muskelrelaxanzien). Die Wirkung von sogenannten nichtdepolarisierenden Muskelrelaxanzien (Rocuronium, Atracurium etc.) wird abgeschwächt, jene von depolarisierenden Muskelrelaxanzien verlängert.

Ausserdem können Physostigmin und verwandte Verbindungen in Kombination mit Herz-Kreislaufmitteln vom Typ Betablocker zu niedrigem Blutdruck und Reizleitungsstörungen am Herzen führen.

Altersbeschränkung

Es liegen keine Anwendungsdaten zu Kindern und Jugendlichen vor. Die übliche Dosierung für Kleinkinder beträgt initial 0,5 Milligramm bis zu einer Maximaldosis von zwei Milligramm, solange keine Nebenwirkungen auftreten und die Symptome der zu behandelnden Vergiftung weiter bestehen.

Schwangerschaft und Stillzeit

Es gibt wenig Erfahrung mit der Anwendung von Physostigmin in der Schwangerschaft und Stillzeit.

Eine Anwendung bei Schwangeren ist möglich, wenn es unbedingt notwendig ist. Zur Sicherheit kann die Entwicklung des Ungeborenen mittels Ultraschall genau überwacht werden. Berichte über angeborene Defekte nach Gabe von Physostigmin in der Schwangerschaft existieren nicht.

Eine notwendige, kurzzeitige Anwendung von Physostigmin in der Stillzeit scheint akzeptabel. Der Säugling sollte aber sorgfältig beobachtet werden.

So erhalten Sie Medikamente mit Physostigmin

Physostigmin ist in Deutschland und Österreich verschreibungspflichtig und wird durch den Arzt angewendet.

In der Schweiz befinden sich keine Arzneimittel mit dem Wirkstoff Physostigmin im Handel.

Autoren- & Quelleninformationen

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Autor:
Quellen:
  • Benkert, O. et al.: Psychopharmakologischer Leitfaden für Psychologen und Psychotherapeuten, Springer-Verlag, 2016.
  • Biermann, E. et Schüttler, J.: Der Narkosezwischenfall, Georg Thieme Verlag, 2. Auflage, 2010.
  • Freissmuth, M. et al.: Pharmakologie und Toxikologie, Springer-Verlag, 2012.
  • Friese, K. et al.: Arzneimittel in der Schwangerschaft und Stillzeit, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH, 8. Auflage, 2016.
  • Geisslinger, G. et al.: Mutschler Arzneimittelwirkungen - Pharmakologie, Klinische Pharmakologie, Toxikologie, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart, 11. Auflage, 2020.
  • List. W.F. et Osswald, P.M.: Intensivmedizinische Praxis, Springer-Verlag, 2013.
  • Striebel, H.W.: Anästhesie, Intensivmedizin, Notfallmedizin, Schattauer Verlag, 8. Auflage, 2012.
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