Gentamicin

Von Felix Hintermayer
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Gentamicin ist ein starkes Antibiotikum. Es kommt zum Einsatz, wenn andere Antibiotika nicht wirken. Gentamicin gehört zur Gruppe der Aminoglykoside und hilft gegen ein breites Spektrum bakterieller Infektionen. Es wird oft in Kombination mit anderen Antibiotika verwendet. Hier erfahren Sie alles zu Wirkungsweise, Nebenwirkungen und Dosierung von Gentamicin.

So wirkt Gentamicin

Gentamicin ist ein antibiotischer Wirkstoff, der erst dann eingesetzt wird, wenn Standardantibiotika nicht mehr wirken. Vor allem bei schweren bakteriellen Infektionen (z.B.  Harnwegsinfektionen) verschreibt ein Arzt Gentamicin. Der Wirkstoff hemmt die Bildung von Membranproteinen in den Bakterien und tötet diese so ab.

Besonders gut lagert sich die Substanz in Bakterienarten mit einer speziellen Wandstruktur ein. Durch Kanäle in der Zellwand, sogenannte Porine, gelangt der Wirkstoff ins Innere eines Bakteriums. Dort bindet er an eine Untereinheit der RNA - eine genetische Sequenz, welche die Informationen für die Herstellung der Proteine enthält.

Dadurch kommt es zu Fehlern beim Ablesen dieser Informationen und in der Folge zur Bildung fehlerhafter Proteine. Diese werden nun in die Zellmembran des Bakteriums eingebaut, was das Eindringen von weiterem Gentamicin erleichtert. Dieser Prozess führt unwiderruflich zum Absterben des Erregers.

Gentamicin wirkt konzentrationsabhängig bakterienabtötend (bakterizid). Es werden deshalb, vor allem bei intravenöser Anwendung (Verabreichung in eine Vene) kurzfristig hohe Wirkspiegel angestrebt.

Aminoglykosid-Antibiotika wie Gentamicin vermitteln ausserdem einen postantibiotischen Effekt, das heisst sie hemmen das Bakterienwachstum auch dann noch, wenn die Konzentration bereits unter die minimale Hemmkonzentration (MHK; niedrigste Konzentration eines Antibiotikums, bei der das Wachstum der Bakterien noch gehemmt wird) abgefallen ist.

Aufnahme, Abbau und Ausscheidung

Da Gentamicin nicht über den Darm aufgenommen werden kann, wird esin den meisten Fällen per Infusion direkt in den Blutkreislauf eingebracht. Von dort aus gelangt es ins Gewebe.

Gentamicin wird vom Körper nicht abgebaut, sondern unverändert über die Niere ausgeschieden. Durchschnittlich zwei bis drei Stunden nach Verabreichung hat die Hälfte des Wirkstoffes den Körper wieder verlassen.

Wann wird Gentamicin angewendet?

Gentamicin wird in folgenden Fällen eingesetzt:

  • bakterielle Infektionen der Harnwege, des Bauchraums, des Auges, der Haut sowie des Weichteilgewebes
  • nach chirurgischen Eingriffen
  • bakterielle Entzündungen der Herzinnenhaut (Endokarditis)

Lokal, etwa in Form von Augentropfen oder Salben, nutzt man Gentamicin für folgende Anwendungsgebiete:

  • Entzündungen des vorderen Augenabschnittes mit Gentamicin-empfindlichen Erregern
  • Ulcus cruris (Unterschenkelgeschwür) und Dekubitus (Wundliegen)

So wird Gentamicin angewendet

Gentamicin wird Patienten oft als Injektionslösung  verabreicht. Dabei wird der Wirkstoff in der Regel in einer kleinen Menge einer Infusionslösung verdünnt, um ihn besser im Blut zu verteilen. Bei einer normalen Nierenfunktion wird eine Dosis von 3 bis 6 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht (mg/kg KG) einmal pro Tag gegeben. Zur Behandlung schwerer Infektionen oder wenn der Erreger nur eine herabgesetzte Empfindlichkeit gegen den Wirkstoff zeigt, kann eine tägliche Höchstdosis von 6 mg/kg erforderlich sein.

Die Wirkung einer intravenös verabreichten Einzeldosis hält lange an, weshalb Gentamicin nur einmal täglich gegeben werden muss. 

Augen- und Hautsalben mit Gentamicin werden dagegen üblicherweise zwei bis dreimal täglich auf die betroffenen Stellen aufgetragen. Augentropfen mit dem Wirkstoff werden vier- bis sechsmal pro Tag in den Bindehautsack eingetropft.

Besteht gleichzeitig eine Entzündung, kann das Antibiotikum zudem mit einem Glukokortikoid ("Kortison") kombiniert werden. Es stehen dafür fertige Kombinationspräparate zur Verfügung.

Kontaktlinsen sollten während der Behandlung mit Gentamicin-Augentropfen oder Gentamicin-Augensalbe nicht getragen werden.

Welche Nebenwirkungen hat Gentamicin?

Häufige Nebenwirkungen einer Gentamicin-Behandlung sind Augenerkrankungen, die sich durch ein Brennen und Rötungen des Auges äussern. Ausserdem kann es zu Schädigungen des Gehörs (Innenohr) kommen, wobei nicht nur das Hören beeinträchtigt wird, sondern oftmals auch der Gleichgewichtssinn verloren geht.

Nierenschäden sind unter Gentamicin ebenfalls möglich. Durch sofortiges Absetzen des Wirkstoffes kann eine Funktionsstörung der Niere aber meist rückgängig gemacht werden.

Gelegentlich können auch Hautausschläge, Muskelschmerzen und ein Anstieg der Körpertemperatur Folgen der Behandlung mit Gentamicin sein.

Wenn bei Ihnen im Zusammenhang mit der Gentamicin-Anwendung Nebenwirkungen oder nicht genannte Beschwerden auftreten, sollten Sie unbedingt einen Arzt aufsuchen. Gegebenenfalls müssen Sie das Antibiotikum absetzen. 

Wann sollte man Gentamicin nicht anwenden?

Gegenanzeigen

Gentamicin darf nicht eingesetzt werden bei:

  • bekannter Überempfindlichkeit gegenüber dem Wirkstoff oder anderen Aminoglykosid-Antibiotika
  • Myasthenia gravis (krankhafte Muskelschwäche)

Wechselwirkungen

Da Gentamicin die Reizübertragung motorischer Nerven auf den Muskel stören kann, ist die Anwendung des Wirkstoffes bei Patienten mit neuromuskulären Vorerkrankungen nur unter ärztlicher Aufsicht zu empfehlen. Der Grund: Dieser Störeffekt kann durch muskelentspannende Medikamente (Muskelrelaxanzien) soweit verstärkt werden, dass Atemschwierigkeiten bis hin zur Atemlähmung möglich sind.

Die gleichzeitige Einnahme von Medikamenten, die ebenfalls als Nebenwirkung Innenohr- und Nierenschäden verursachen können (z.B. andere Aminogykoside, Amphotericin B, Ciclosporin, Cisplatin), verstärkt diese Nebenwirkungen.

Altersbeschränkung

Bei entsprechender Indikation kann Gentamicin bereits ab dem Säuglingsalter verabreicht werden.

Schwangerschaft und Stillzeit

In der Schwangerschaft sollte intravenöses Gentamicin nur bei lebensbedrohlichen Infektionen zum Einsatz kommen. Ist dies der Fall, empfiehlt es sich, die Hörleistung des Kindes frühzeitig zu überprüfen. Eine lokale Anwendung (z.B. als Gentamicin-Augensalbe) ist in der Schwangerschaft vertretbar, da der Wirkstoff nicht in nennenswerten Ausmass resorbiert wird.

Gentamicin tritt nach intravenöser Gabe in die Muttermilch über. Die meisten gestillten Säuglinge entwickeln dadurch keine Symptome. Im Einzelfall kann es zu dünnerem Stuhlgang, selten zu Durchfall, kommen. Sollte intravenöses Gentamicin in der Stillzeit indiziert sein, darf also weiter gestillt werden. Die lokale Anwendung als Salbe oder Augentropfen ist unproblematisch.

So erhalten Sie Medikamente mit Gentamicin

Gentamicin ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz in allen Darreichungsformen nur mit Rezept in der Apotheke erhältlich.

Autoren- & Quelleninformationen

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Autor:
Quellen:
  • Geisslinger, G. et al.: Mutschler Arzneimittelwirkungen - Pharmakologie, Klinische Pharmakologie, Toxikologie, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart, 11. Auflage, 2020.Mutschler, E.: Arzneimittelwirkungen, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart, 10. Auflage, 2013
  • Herdegen, T. et al.: Kurzlehrbuch der Pharmakologie und Toxikologie, 3. Auflage, Georg Thieme Verlag Stuttgart, 2014. S. 566-567, S. 576, S. 616.
  • Pharmakovigilanz und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie der Charité-Universitätsmedizin Berlin: Gentamicin, unter: www.embryotox.de (Abruf: 12.11.2021).
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