Achondroplasie

Von , Ärztin
Dr. med. R. Schwarz

Dr. Schwarz studierte Medizin in Würzburg, wo sie auch ihre Promotion abschloss. Nach sehr vielseitigen Aufgaben während der medizinischen praktischen Ausbildung (PJ) u.a. in der Inneren Medizin und Chirurgie ist sie nun als Fachärztin für Radiologie tätig.

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Die Achondroplasie (Chondrodysplasie, Chondrodystrophie) ist die häufigste Form von Kleinwuchs. Es handelt sich um eine seltene Erbkrankheit, bei der vor allem Oberarm- und Oberschenkelknochen verkürzt sind. Eine Therapie der Wachstumsstörung ist nur bei Beschwerden nötig. Die Lebenserwartung ist nicht verändert.  Hier lesen Sie alles über die Symptome und Behandlungsmöglichkeiten der Achondroplasie.

Schematische Darstellung der Erbinformation (DNA-Doppelhelix)

Kurzübersicht

  • Symptome: vermindertes Längenwachstum der Oberarm- und Oberschenkelknochen, vergrösserter Schädel, Verformungen der Wirbelsäule
  • Ursachen: Vorzeitige Verknöcherung der in den Wachstumsfugen gebildeten Knorpelzellen, durch die das Längenwachstum zum Erliegen kommt
  • Diagnose: Verdachtsdiagnose aufgrund der typischen Symptome, sicherer Nachweise durch eine Genanalyse
  • Behandlung: nur erforderlich, wenn Beschwerden auftreten, die Länge von Armen und Beinen lässt sich unter Umständen operativ anpassen
  • Prognose: Durch das gestörte Knochenwachstum können gesundheitliche Probleme wie Schmerzen, Fehlhaltungen und häufige Infekte auftreten, die Lebenserwartung ist normal.

Was ist Achondroplasie

Die Achondroplasie, auch Chondrodysplasie oder Chondrodystrophie genannt, ist die häufigste Ursache für den sogenannten Minderwuchs (Kleinwuchs).  Insgesamt ist die Erkrankung aber sehr selten: Weltweit ist etwa eins von 25.000 Neugeborenen betroffen. Die Genveränderung kann entweder spontan auftreten oder von einem erkrankten Elternteil vererbt werden. Schon vor der Geburt kann der Arzt erste Anzeichen der Erkrankung in einer Ultraschalluntersuchung des ungeborenen Kindes erkennen.

Eine genetische Untersuchung weist die Erkrankung sicher nach. Ausser den sichtbaren körperlichen Veränderungen müssen bei Achondroplasie keine körperlichen Beschwerden auftreten. Durch das veränderte Knochenwachstum entwickeln sich im Laufe des Lebens aber unter Umständen behandlungsbedürftige Symptome.

Achondroplasie: Symptome

Bei der Achondroplasie sind vor allem die Oberarme und Oberschenkel verkürzt, der Rumpf ist hingegen nicht betroffen. Da nur einige Knochen eingeschränkt wachsen, verändern sich die Körperproportionen (disproportionaler Minderwuchs). Einige der typischen Merkmale einer Achondroplasie sind beim Baby bereits direkt nach der Geburt oder sogar schon bei den Ultraschalluntersuchungen während der Schwangerschaft zu erkennen. Hierzu zählen

  • ein langer, schmaler Rumpf
  • ein vergrösserter Schädel mit hoher Stirn
  • eine flache, eingesunkene Nasenwurzel
  • breite, kurze Hände mit kurzen Fingern
  • ein vergrösserter Abstand zwischen Ringfinger und kleinem Finger (Dreizackhand)

Das auffälligste Symptom bei Menschen mit Achondroplasie ist ihre geringe Körpergrösse. Betroffene Frauen werden durchschnittlich zwischen 118 und 130 cm gross, Männer zwischen 125 und 137 cm gross. Auch die Wirbelsäule wächst bei den Betroffenen nicht gleichmässig. Dadurch wölbt sich die Brustwirbelsäule stärker nach vorne (Kyphose) und die Lendenwirbelsäule stärker nach hinten (Hohlkreuz). Betroffene haben dadurch einen nach vorne gewölbten Bauch und einen watschelnden Gang.

Da der Wirbelkanal oft verengt ist (Spinalkanalstenose), sind durch den Druck auf die Nerven Lähmungserscheinungen möglich. Ausserdem kann durch die Verengung des Wirbelkanals das Nervenwasser (Liquor) nicht frei zwischen Kopf und Rückenmark zirkulieren. In diesem Fall staut es sich im Kopf an und führt zur Bildung eines Wasserkopfs (Hydrozephalus).

Im Unterschenkel ist das innen liegende Schienbein gegenüber dem aussen liegenden Wadenbein verkürzt. Hierdurch sind die Beine nach aussen verbogen („O-Beine“, Varusstellung). Viele Betroffene haben durch die veränderten anatomischen Verhältnisse Schmerzen im Rücken und in den Knie- und Hüftgelenken. Ausserdem entwickeln sich gehäuft Mittelohr- und Nasennebenhöhlenentzündungen.

Darüber hinaus besteht oft ein niedriger Blutdruck (Hypotonie) und eine insgesamt herabgesetzte Muskelspannung (Muskeltonus). Säuglinge mit Achondroplasie haben häufiger Atempausen (Apnoe). Bei Kleinkindern verzögert sich die motorische Entwicklung. Allerdings sind weder Intelligenz noch die Lebenserwartung bei Menschen mit Achondroplasie verändert.

Achondroplasie: Ursachen

Der Begriff Achondroplasie kommt aus dem Griechischen und bedeutet übersetzt ¨fehlende Knorpelbildung¨. Bei der Achondroplasie ist eine Stelle in dem Wachstumsgen FGFR-3 (fibroblastic growth factor receptor) krankhaft verändert (Punktmutation). Das Gen enthält die Bauanleitung für den sogenannten Fibroblastenwachstumsfaktor-Rezeptor, also ein Eiweiss, dass Wachstumssignale empfängt und weiterleitet. Durch die Mutation ist der Rezeptor dauerhaft – also auch ohne entsprechende Wachstumssignale – aktiv, wodurch die Knorpelzellen in der Wachstumsfuge falsche Wachstumssignale erhalten.

Das Längenwachstum der Knochen geht von der sogenannten Wachstumsfuge im Endbereich des Knochens aus. Hier bildet sich während des Wachstums zunächst Knorpel, der anschliessend in Knochen umgebaut wird. Dies geschieht jedoch normalerweise erst im Alter von etwa 16 bis 20 Jahren, wenn das Längenwachstum abgeschlossen ist. Bei Menschen mit Achondroplasie verknöchern die Knorpelzellen in einigen Knochen zu früh. Dadurch wachsen die betroffenen Knochen langsamer und bleiben kürzer. Vor allem Oberarm und Oberschenkel sind betroffen.

Bei ungefähr 80 Prozent der Menschen mit Achondroplasie ist die Krankheitsursache eine neu (spontan) aufgetretene Punktmutation in den Keimzellen der Eltern. Die Eltern selbst sind also gesund. Mit steigendem väterlichen Alter erhöht sich das Risiko für eine derartige Neumutation. Es ist sehr unwahrscheinlich (unter einem Prozent), dass gesunde Eltern mehrere Kinder mit Achondroplasie bekommen.

Bei den übrigen 20 Prozent ist das FGFR-3-Gen bereits bei einem oder beiden Elternteilen verändert. Der betroffene Elternteil gibt das krankhaft veränderte Gen mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent an sein Kind weiter. Haben sowohl Mutter als auch Vater eine Achondroplasie, ist die Chance für ein gesundes Kind 25 Prozent und für ein ebenfalls an Achondroplasie erkranktes Kind 50 Prozent. Kinder, die von beiden Elternteilen das kranke Gen vererbt bekommen (25 Prozent), sind nicht lebensfähig.

Achondroplasie: Diagnose und Verlaufskontrolle

Die Diagnose einer Achondroplasie stellt der Arzt bereits im Kindesalter anhand der charakteristischen Merkmale. Oft kann er schon im Schwangerschaftsultraschall der 24. Schwangerschaftswoche einen verkürzten Oberschenkel erkennen. Säuglinge sind bei einer Geburt zum errechneten Termin durchschnittlich 47 cm gross, also etwas kleiner als gesunde Kinder.

Sicher nachweisen lässt sich die Erkrankung nur mit einer Genuntersuchung. Dazu wird die DNA aus einer Blutprobe untersucht. Es kann zwischen zwei und sechs Wochen dauern, bis das Ergebnis vorliegt.

Bestätigt sich der Verdacht auf eine Achondroplasie, sollten im Kindesalter regelmässig Kernspintomografien (MRT) des Kopfes und Halses erfolgen. Dadurch stellt der Arzt beispielsweise fest, ob der Hirnwasserkanal zwischen Kopf und Hals ausreichend weit ist oder ob eine Operation notwendig ist.

Ausserdem erfasst er das Körperwachstum und überprüft die Bein- und Wirbelsäulenstellung. Treten Symptome wie Schmerzen, Lähmungserscheinungen oder häufige Entzündungen auf, ist es ratsam, Fachärzte wie Orthopäden, Neurologen oder Hals-Nasen-Ohren-Ärzte hinzuzuziehen.

Für Eltern, bei deren ungeborenem Kind der Verdacht auf Achondroplasie besteht, ist ein Facharzt für Humangenetik der richtige Ansprechpartner. Das gilt auch für Eltern, die bereits ein erkranktes Kind haben. Ein Humangenetiker ist ein Spezialist für genetische Erkrankungen. Er kann die Diagnose einer Achondroplasie stellen und notwendige Vorsorgeuntersuchungen einleiten. Ausserdem kann er Eltern bei der Familienplanung beraten.

Achondroplasie: Behandlung

Bei einer Achondroplasie ist nicht zwangsläufig eine Behandlung erforderlich. Bestehen keine Symptome, reichen regelmässige Vorsorgeuntersuchungen aus. Die Körpergrösse konnte lange Zeit nur durch einen operativen Eingriff verändert werden. Wachstumshormonpräparate verbessern das Wachstum nur unwesentlich und nicht zuverlässig. Allerdings steht seit 2021 erstmals ein Medikament zur Verfügung, das das normale Längenwachstum anregen kann. Weitere Therapien werden nur bei vorhandener Symptomatik durchgeführt.

Medikamentöse Therapie

Der 2021 durch die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) zugelassene Wirkstoff hemmt den Wachstumsfaktor-Rezeptor FGFR-3. Er ist bei einer Achondroplasie dauerhaft aktiviert und verhindert ein normales Knochenwachstum. Durch die Hemmung von FGFR-3 verbessern sich die Krankheitssymptome. In der Zulassungsstudie wuchsen betroffene Kinder im Alter von fünf bis 18 Jahren im Schnitt gut 1,5 cm pro Jahr mehr als unbehandelte Kinder.

Beinverlängerung

Besteht eine erhebliche Beinfehlstellung, lässt sich diese durch eine Operation korrigieren. Die verwendete Methode nennt sich Kallusdistraktion. Dabei durchtrennt der Arzt den Knochen und fixiert ihn anschliessend mit Hilfe eines von aussen durch die Haut angebrachten Haltesystems (externer Fixateur). Alternativ bringt der Arzt einen speziellen Nagel, einen sogenannten Verlängerungsmarknagel, in die Knochenmarkhöhle ein.

Bei allen Vorrichtungen werden die auseinander gesägten Knochenteile nach dem Eingriff langsam und kontinuierlich voneinander wegbewegt (Distraktion). Zwischen den beiden Knochenenden bildet sich dadurch neuer Knochen (Kallus).  Bis ein Zentimeter strukturierter, fester Knochen entsteht, vergehen ungefähr einen Monat. Nerven und Blutgefässe wachsen bei dieser Prozedur mit. Muskeln und Sehnen hingegen können sich nur eingeschränkt verlängern.

Im Schnitt sind Beinverlängerungen von etwa 30 cm möglich. Das Ergebnis hängt allerdings davon ab, ob die Behandlung bereits im Kindes- oder erst im Erwachsenenalter beginnt. Betroffene sollten eine operative Beinverlängerung sorgfältig überdenken und sich vom Arzt umfassend beraten lassen, da wesentliche Komplikationen auftreten können.

Wirbelsäulenstabilisierung

Treten Bewegungseinschränkungen, Lähmungen oder starke Schmerzen durch eine Spinalkanalstenose auf, ist eine Entlastung der eingeklemmten Nerven notwendig. Dazu kann der Arzt die Wirbelsäule chirurgisch mit Platten und Schrauben stabilisieren. Meistens geht eine derartige Operation mit Bewegungseinschränkungen einher. Kann das Nervenwasser aus dem Kopf nicht ausreichend abfliessen, ist es möglich, es über einen künstlich angelegten Kanal in den Bauchraum abzuleiten. Dazu ist ebenfalls ein operativer Eingriff notwendig.

Operationen im Hals-Nasen-Ohren-Bereich

Treten bei einer Achondroplasie wiederholt Mittelohr- oder Nasennebenhöhlenentzündungen auf, ist es möglich, die Belüftung beider Organe operativ zu verbessern. Entsprechende Operationen werden auch bei gesunden Menschen mit wiederholten Mittelohr- und Nasennebenhöhlenentzündungen durchgeführt.

Achondroplasie: Krankheitsverlauf und Prognose

Das veränderte Knochenwachstum kann zu gesundheitlichen Einschränkungen wie häufigen Erkältungen, Fehlhaltungen, Schmerzen, Wasserkopf und Lähmungen führen. Durch regelmässige Vorsorgeuntersuchungen lassen sie sich frühzeitig erkennen und behandeln. Eltern können die Erbkrankheit an ihre Kinder weitergeben. Für die Familienplanung ist daher eine genetische Beratung zu empfehlen. Menschen mit Achondroplasie haben eine normale Intelligenz und normale Lebenserwartung.

Autoren- & Quelleninformationen

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Autor:
Dr. med. R. Schwarz
Dr. med.  R. Schwarz

Dr. Schwarz studierte Medizin in Würzburg, wo sie auch ihre Promotion abschloss. Nach sehr vielseitigen Aufgaben während der medizinischen praktischen Ausbildung (PJ) u.a. in der Inneren Medizin und Chirurgie ist sie nun als Fachärztin für Radiologie tätig.

ICD-Codes:
Q77
ICD-Codes sind international gültige Verschlüsselungen für medizinische Diagnosen. Sie finden sich z.B. in Arztbriefen oder auf Arbeitsunfähigkeits­bescheinigungen.
Quellen:
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