Fötus im Mutterleib

Beginnt Migräne im Mutterleib?

Von , Medizinredakteurin
Christiane Fux

Christiane Fux studierte in Hamburg Journalismus und Psychologie. Seit 2001 schreibt die erfahrene Medizinredakteurin Magazinartikel, Nachrichten und Sachtexte zu allen denkbaren Gesundheitsthemen. Neben ihrer Arbeit für NetDoktor ist Christiane Fux auch in der Prosa unterwegs. 2012 erschien ihr erster Krimi, außerdem schreibt, entwirft und verlegt sie ihre eigenen Krimispiele.

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Migräne ist nicht nur eine Frage der Gene: Auch Umweltfaktoren spielen eine Rolle. Jetzt zeigt sich, dass hormonelle Einflüsse im Mutterleib das Migränerisiko verstärken könnten.

Forscher um Morgan Fitzgerald von der University of California in San Diego haben eine schwedische Datenbank mit genetischen und gesundheitlichen Informationen zu fast 52.000 Zwillingspaaren ausgewertet – die weltweit grösste ihrer Art. Fast 17,6 Prozent der erfassten Frauen, aber nur 5,5 Prozent der Männer entwickelten im Laufe ihres Lebens eine Migräne.

Zwillingsbruder begünstigt Migräne

Die wohl grösste Überraschung erbrachte ein genauerer Blick auf die zweieiigen Zwillingspaare: „Bei Frauen mit einem Zwillingsbruder trat Migräne häufiger auf als bei Frauen mit einem weiblichen Zwilling“, schreiben die Forscher.

Erwartet hatten die Forscher ursprünglich das Gegenteil. Denn eine Hypothese zum Ungleichgewicht des Migränerisikos von Mann und Frau ist, dass Testosteron das Risiko eher senkt, während höhere Östrogenspiegel es verstärken.

Experimente mit Labornagern hatten tatsächlich schon früher gezeigt, dass ein männlicher Zwilling mit seiner Testosteronproduktion für eine „leichte Vermännlichung“ des Hormonklimas im gemeinsamen Mutterleib sorgt.

Verwandeltes Testosteron

Bei den weiblichen Zwillingstieren fanden Wissenschaftler anschliessend lebenslang mehr Testosteron im Blut und weniger Östrogene als bei Artgenossinnen, die sich den Bauch des Muttertiers mit Schwestern geteilt hatten. Demnach hätte auch bei gemischtgeschlechtlichen Menschenzwillingen die Anwesenheit des Bruders die Schwester eher vor Migräne schützen müssen.

Dass das nicht der Fall ist, dafür gibt es folgende denkbare Erklärung: Der weibliche Fötus wandelt das Testosteron mittels eines weiteren Hormons in Östrogen um, so eine Hypothese der Forscher. Tatsächlich können weibliche Föten in entsprechender Weise auf Testosteron von der Mutter reagieren. Demzufolge würden die Östrogenspiegeln dann sogar steigen.

Ähnliche Effekte wären somit nicht zwangsläufig auf zweieiige Zwillingsmädchen beschränkt: Sie könnten auch Föten betreffen, deren Mütter vergleichsweise hohe Testosteronwerte haben.

Hormone programmieren die Gene um

Eine weitere Hypothese: Als Reaktion auf die höheren Testosteronwerte könnten die Mädchen im späteren Leben aber auch eine höhere Zahl an Östrogenrezeptoren entwickeln - und dementsprechend besonders sensibel auf die Hormone reagieren.

Solche Anpassungen des Körpers an Umweltfaktoren entstehen über sogenannte epigenetische Programmierungen. Dabei werden Schalter an den Chromosomen umgelegt, die die Aktivität von Genen regulieren. Eine solche epigenetisch genannte Ausrichtung wirkt ein Leben lang nach. Auf diese Weise werden körperliche Abläufe der Kinder schon im Mutterleib justiert.

So weiss man, dass beispielsweise Ernährung, Stress oder auch Übergewicht der Mutter die Entwicklung des Kindes über den Stoffwechsel und hormonelle Faktoren beeinflussen. Durch hohe Blutzuckerwerte aber auch Stresshormone werden die Kinder dann für ihr Leben programmiert.

Ist Östrogen ein Migränetreiber bei Frauen?

Schon früher gab es zahlreiche Hinweise darauf, dass Sexualhormone zum Geschlechtsunterschied in der Häufigkeit von Migräne beitragen könnten. So legt die "Östrogenentzugshypothese" nahe, dass Veränderungen des Östradiolspiegels im Blut Migräneanfälle auslösen können.

Eine weitere Beobachtung stützt diese Hypothese: Vor der Pubertät, wenn die Geschlechtshormone noch weitgehend inaktiv sind, tritt Migräne bei Jungen und Mädchen gleichhäufig auf. Frauen leiden zudem während der Wechseljahre mit ihren hormonellen Turbulenzen unter häufigeren Attacken. Wenn der Östrogenspiegel nach der Menopause deutlich absinkt, werden die Anfälle seltener.

Welche Rolle die Gene spielen

Darüber hinaus untersuchte das Team um Fitzgerald auch, ob das unterschiedliche hohe Migränerisiko von Männern und Frauen auf den Einfluss der Gene zurückzuführen ist.

Die Wissenschaftler untersuchten, ob Migräne bei Männern und Frauen gleichermassen vererbbar ist oder bei einem Geschlecht Umweltfaktoren eine grössere Rolle spielen. Allerdings fanden sie keinen Unterschied: Der Anteil der Gene am Migränerisiko lag den Zwillingsdaten zufolge bei jeweils 45 Prozent. Die übrigen 55 Prozent sind demnach Entwicklungs- und Umweltfaktoren geschuldet.

Auch fanden die Forscher keine Migräne-Risikogene, die entweder nur bei Männern oder nur bei Frauen vorkommen. Zudem traten bekannte dominante Risikogene, die allen ausreichen, um eine Migräneentwicklung anzustossen, bei keinem der Geschlechter häufiger auf. Erst als die Wissenschaftler Risikogene näher betrachteten, die erst im Zusammenspiel mit anderen Einflüssen auf die Migräne nehmen, fanden sie tatsächlich Unterschiede zwischen Mann und Frau.

Insgesamt scheinen sich die Geschlechtsunterschiede für das Erkrankungsrisiko nur im geringen Mass auf genetische Faktoren zurückführen lassen.

"Je besser wir die Faktoren verstehen, die zur Migräne und insbesondere die Unterschiede zwischen Männern und Frauen beitragen, desto besser können wir die therapeutischen Massnahmen für Männer und Frauen verbessern", erklärt Studienleiter Mathew Panizzon.

Warum Zwillingsstudien so wertvoll sind

Will man dem Einfluss genetischen Ursachen von Erkrankungen auf die Spur kommen, liefern solche Zwillingsstudien einen wahren Schatz an Informationen. Denn während eineiige Zwillinge identische Gene haben, stimmen die Gene zweieiiger Zwillinge im Schnitt nur zu 50 Prozent überein – wie bei allen anderen Geschwisterkindern auch.

Vergleicht man die beiden Gruppen, lässt sich feststellen, welchen Einfluss die Gene auf die Entwicklung bestimmter Merkmale oder Erkrankungen haben, und wie hoch der Einfluss von Umweltfaktoren ist.

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Christiane Fux studierte in Hamburg Journalismus und Psychologie. Seit 2001 schreibt die erfahrene Medizinredakteurin Magazinartikel, Nachrichten und Sachtexte zu allen denkbaren Gesundheitsthemen. Neben ihrer Arbeit für NetDoktor ist Christiane Fux auch in der Prosa unterwegs. 2012 erschien ihr erster Krimi, außerdem schreibt, entwirft und verlegt sie ihre eigenen Krimispiele.

Quellen:
  • Morgan C. Fitzgerald et al.: Sex Differences in Migraine: A Twin Study, Front. Pain Res., 16 December 2021 | https://doi.org/10.3389/fpain.2021.766718
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