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Experten-Interview mit Dr. Andrea Braga: Telemedizin

(bymuratdeniz / iStockphoto)

Welche Möglichkeiten bietet die Telemedizin und wo sind ihre Grenzen? Hat Telemedizin das Potenzial, die Folgen des Ärztemangels abzuwenden? Dr. Andrea Vincenzo Braga im Interview.

Welche Möglichkeiten bietet die Telemedizin und wo sind ihre Grenzen?

Dr. Braga: Die Telemedizin bietet umfassende Möglichkeiten: Grundsätzlich unterscheiden wir zwischen der Telekonsultation und dem Telekonzil. Unter Telekonsultation werden alle Interaktionen zwischen dem Patienten und medizinisch ausgebildeten Personen (Arzt, dipl. Krankenschwester) verstanden. Beispiele dafür sind etwa die telefonische Gesundheitsberatung 1450 oder Videokonsultationen, bei denen sich Patienten über eine App wie eedoctors direkt an einen Arzt wenden können. Im Gegensatz dazu bezeichnet Telekonzil die Kommunikation über elektronische Medien zwischen zwei oder mehreren Ärzten. Hier ist als Beispiel die Teleradiologie zu nennen, bei der Röntgen-, CT- oder MRT-Bilder von zwei Fachärzten beurteilt werden, die sich nicht am gleichen Ort befinden.

Natürlich hat die Telemedizin auch Grenzen: Sie liegen dort, wo es einen physischen Kontakt braucht. So lässt sich kein Knochenbruch digital heilen und keine Wunde aus der Ferne säubern. Dennoch sind die Anwendungsmöglichkeiten der Telemedizin groß, vor allem im Bereich der Allgemeinmedizin.

Alles, was elektronisch übermittelt wird, kann auch gehackt werden. Können Patienten sicher sein, dass ihre persönlichen Gesundheitsdaten nicht in falsche Hände geraten?

Dr. Braga:  Die heutigen Systeme sind bereits sehr sicher und die meisten Anbieter seriös. Immer höhere Sicherheitsstandards und bessere technische Möglichkeiten sorgen dafür, dass die Datensicherheit gewährleistet ist. Das größte Risiko bleibt aber immer noch der Mensch.

Patienten sollten darauf achten, dass die Übertragung der Daten über gesicherte Peer-to-Peer-Verbindungen laufen, also ohne Nutzung und Speicherung auf einem öffentlichen Server. Wovon ich dringend abrate, ist die Veröffentlichung persönlicher medizinischer Daten über Soziale Medien.

Telemedizin ist nicht ganz neu. Schon seit einigen Jahren gibt es in Österreich verschiedene telemedizinische Projekte, wie beispielsweise die elektronische Gesundheitsakte ELGA sowie Überwachungsprogramme für Herzinsuffizienz - und Diabetespatienten. Sie selbst arbeiten für die Schweizer Plattform eedoctors, bei der Patienten per Videostream einen Arzt konsultieren können. Wie gut werden – Ihrer Erfahrung nach – solche Anwendungen von den Patienten angenommen?

Dr. Braga: Telemedizin ist sehr viel älter, als wir denken. Die erste Beschreibung einer telemedizinischen Anwendung stammt aus dem Jahr 1876: Der Erfinder Alexander Graham Bell hatte sich bei einem Experiment versehentlich mit Säure überschüttet und nutzte seine „Telefonapparatur“ dazu, um seinen Kollegen Thomas A. Watson, der sich im Nebenzimmer befand, um Hilfe zu rufen.

Die erste wissenschaftliche Publikation einer telemedizinischen Konsultation erfolgte am 29.11.1879 im Lancet.

Heutzutage sind wir natürlich schon viele Schritte weiter. Durch die fortschreitende Digitalisierung erledigen wir bereits viele Alltagstätigkeiten wie Bankgeschäfte, einkaufen oder Flüge buchen wie selbstverständlich mit dem Handy. Hier muss auch die Medizin mitziehen und sich den Bedürfnissen und Gewohnheiten bzw. Verhaltensweisen der Menschen anpassen. Dass die Bereitschaft der Menschen, telemedizinische Anwendungen in Anspruch zu nehmen, sehr groß ist, zeigt eine 2016 eröffnete Studie der Bertelsmann Stiftung: Schon heute würden über 45% der Befragten das Angebot einer Videosprechstunde nützen.

Auch meine persönlichen Erfahrungen decken sich mit diesen Ergebnissen: Videokonsultationen über spezielle Apps wie etwa eedoctors werden äußerst gut angenommen. Die Akzeptanz ist sehr hoch, erstaunlicherweise aber nicht nur bei jungen Menschen, sondern quer durch alle Altersgruppen und Geschlechter.

+++ Mehr zum Thema: Was die Digitalisierung im Gesundheitswesen bringt +++

Österreich steht in den nächsten Jahren ein Hausärztemangel bevor. Hat Telemedizin das Potenzial, die Folgen des Ärztemangels abzuwenden?

Dr. Braga: Auf jeden Fall. Telemedizin kann auf mehreren Ebenen dazu beitragen, Ressourcen zu nützen, die bisher brachlagen.

Was den Hausärztemangel betrifft, profitieren vor allem Patienten aus dem ländlichen Bereich von der Telemedizin. Sie brauchen zukünftig keine weiten Wege zum nächsten – mitunter weit entfernten – Arzt zurücklegen, sondern können einen Teil ihrer medizinischen Angelegenheiten über elektronische Applikationen erledigen.

Systeme wie die Konsultation eines Arztes per Video haben außerdem das Potenzial, langfristig auch die ohnehin überfüllten Notfallambulanzen in Krankenhäusern zu entlasten. Wir Österreicher neigen ja dazu, bei noch so kleinen medizinischen Problemen in die größtmögliche medizinische Institution zu fahren. Großen internationalen Studien und auch meiner persönlichen Erfahrung als ehemaliger Leiter eines großen multidisziplinären Notfallsteams zufolge benötigen aber 80% dieser Patienten keine notärztliche Versorgung, sondern könnten genauso gut am nächsten Tag beim niedergelassenen Arzt untersucht und behandelt werden. In solchen Fällen würde eine Videokonsultation gut greifen und in weiterer Folge wären die medizinischen Ressourcen für tatsächliche Notfälle frei.

Auch bisher ungenutzte Ressourcen könnten durch Systeme wie eedoctors wieder aktiviert werden. Ich denke hier ganz besonders an die Frauen: Über 65% aller Medizinabsolventen sind weiblich, doch nur die wenigsten Ärztinnen gehen einer Vollzeitbeschäftigung nach. Medizinerinnen in Mutterschaft oder jene, die in Teilzeit arbeiten, könnten ihre Expertise über telemedizinische Anwendungen zu Verfügung stellen – unabhängig von Zeit und Ort. Gleiches gilt für ältere Kollegen, die ihre Praxis bereits aufgegeben haben, aber noch in geringerem Ausmaß weiterarbeiten möchten.

Online-Diagnosen per Videokonsultation über eine App sind in der Schweiz schon Alltag. Warum gibt es solche Anwendungen nicht auch in Österreich? Woran scheitert die Umsetzung? 

Dr. Braga: Videokonsultation wird es bald auch in Österreich geben, vorerst allerdings nur über private Anbieter. Von staatlicher Seite scheitert es derzeit noch am fehlenden Abrechnungssystem für Ärzte: Solange es keinen gesetzlichen Tarif für die Verrechnung gibt, kann die Videokonsultation wohl nicht umgesetzt werden. Möglicherweise gibt es hier aber bald eine Lösung: Politik, Ärztekammer, Krankenkassen und auch die Länder unternehmen gerade große Anstrengungen, solche Systeme rasch zu entwickeln.

+++ Mehr zum Thema: Telemedizin +++

Vielen Dank für das Gespräch!

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