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Kennt die Generation Y ihre Patientenrechte?

Gen Y beim Arzt
Wie unterscheidet sich die Generation Y in Sachen Patientenrechte von der älteren Generation? (PeopleImages / iStockphoto)

Dr. Gerald Bachinger, Patientenanwalt in Niederösterreich, im Interview mit netdoktor.at über die Patientenrechte in Österreich und die Gesundheitskompetenz der Generation Y sowie der älteren Generation.

Gesundheitskompetenz ist im Interesse jedes Menschen, um ein langes Leben bei bester Gesundheit zu führen. Das gelingt aber nur mit einer guten Beziehung und Zusammenarbeit zwischen Patienten und Gesundheitsdienstleistern. Eine Voraussetzung dafür ist, als Patient seine Rechte zu kennen, gut informiert zu sein und offen für neue Strukturen im Gesundheitsbereich.

+++ Mehr dazu: Interview: Wie geht es der Generation Y psychisch? +++

netdoktor.at: Herr Dr. Bachinger, wie werden die Rechte von Patienten in Österreich geschützt?

Dr. Gerald Bachinger: Wir haben in Österreich schon seit Jahrzehnten ein Schriftstück, die sogenannte Patientencharta, in der die wichtigsten Patientenrechte in leicht verständlicher Form aufgelistet und erklärt sind. Sie ist ein Staatsvertrag zwischen Bund und Bundesländern, der in ganz Österreich einen Mindeststandard von Patientenrechten gewährleistet. Obwohl es diese formulierten Patientenrechte gibt, ist es leider noch nicht geglückt, diese auch in der Praxis in die Gesundheitsberufe überzuführen und die Bevölkerung ausreichend über ihre Patientenrechte aufzuklären.

Woran liegt das?

Dr. Bachinger: Es gibt unter anderem eine Studie über die Gesundheitskompetenz der EU-Bürger ­­– die European Health Literacy Study –, bei der wir Österreicher im Vergleich zu anderen Ländern sehr schlecht abschneiden. Und das schlägt sich auch im Wissen der Bevölkerung über die Patientenrechte nieder.

Welche Rechte haben Patienten in Österreich? Was sind die wichtigsten Eckpfeiler der Patientenrechte?

Dr. Bachinger: Ein wichtiges Patientenrecht ist beispielsweise das Recht auf Selbstbestimmung. Dies bezieht auch mit ein, dass jeder Patient das Recht hat, medizinisch unvernünftige Entscheidungen zu treffen. Also zum Beispiel auch Behandlungsmaßnahmen, die aus medizinischer Sicht richtig und notwendig wären, abzulehnen. Ein weiterer essenzieller Aspekt der Patientenrechte ist das Recht auf Information. Das Selbstbestimmungsrecht können Patienten nämlich nur dann sinnvoll ausüben, wenn sie gut aufbereitete Informationen zur Verfügung haben, um selbst eine möglichst gute und richtige sowie fachliche Entscheidung zu treffen. Patienten haben außerdem das Recht, Einblick in ihre Gesundheitsdaten und -akten zu erhalten, ohne jemandem darüber Rechenschaft schuldig zu sein. Durch ELGA (Anmerkung: die elektronische Gesundheitsakte) ist es glücklicherweise sehr einfach geworden, die wichtigsten Gesundheitsinformationen als Patient einzusehen. Ein weiteres bedeutendes Patientenrecht ist das auf würdevolle Betreuung. Es stellt sicher, dass man als Patient nicht als Nummer bzw. Objekt, sondern als Subjekt behandelt wird. Dies impliziert auch das Recht auf ein würdevolles Sterben. Nach aktuellem medizinischem Stand der Wissenschaft betreut zu werden gilt ebenfalls als wesentliches Patientenrecht. So können jene, die die Vermutung haben, dass ein medizinischer Behandlungsfehler vorliegt, außergerichtliche Hilfe über die Patientenanwaltschaft in Österreich in Anspruch nehmen.

Warum ist es schwierig, Patientenrechte im Alltag durchzusetzen? Woran liegt es, dass viele über ihre Rechte nicht aufgeklärt sind?

Dr. Bachinger: Mitschuld ist der große Aufwand, der mit Patientenaufklärung einhergeht. Bei der heutigen Arbeitsbelastung, die in allen Bereichen des Gesundheitswesens vorherrscht, findet eine gewisse Prioritätenreihung statt. Alles, was mit Information und Aufklärung zusammenhängt, ist nicht von oberster Priorität. Gesundheitsdienstleister priorisieren vielmehr, dass sie jeden Patienten fachlich möglichst gut behandeln. Leider rücken dabei oft Soft Skills wie Kommunikation sowie Information seitens der Ärzte und der anderen Gesundheitsdienstleister in den Hintergrund. Aus Studien wissen wir jedoch, dass gerade gut informierte und aufgeklärte Patienten einen besseren fachlichen Outcome haben als Patienten, die uninformiert zum Arzt kommen.

Stichwort Generation Y: Wie unterscheidet sich die Generation Y in Sachen Patientenrechte von der älteren Generation?

Dr. Bachinger: Eine Studie des Janssen Forums zeigt, dass der Informationsstand der Generation Y über die Patientenrechte schlechter ist als jener der älteren Bevölkerung. Das ist einfach zu erklären: Wenn ein Patient 40 oder 50 Jahre alt und chronisch krank ist, dann hat er zum Gesundheitswesen einen ganz anderen Zugang als ein junger Mensch, der nur alle zwei Jahre eine Grippe hat und mit dem Gesundheitswesen kaum in Kontakt tritt. Für Junge, die noch keine gesundheitlichen Beschwerden kennen, sind Patientenrechte folglich eher uninteressant.

Es gibt natürlich auch junge Personen, die zum Beispiel Diabetes haben und chronisch krank sind. Diese sind wiederum ganz besonders an ihren Patientenrechten interessiert. Bei den Beschwerden, die wir von Patientenseite erhalten, fällt auf, dass die Generation Y auch aufgeschlossener ist als Ältere – auch was neue und innovative Zugänge wie Social Media und diverse Gesundheits-Apps betrifft. Die Einstellungen zur elektronischen Übertragung von Gesundheitsinformationen ist für Jugendliche in jedem Fall selbstverständlicher als für die ältere Generation.

Warum werden Patientenrechte immer wichtiger?

Dr. Bachinger: Ich denke, dass sie ein relevantes gesundheitspolitisches Ziel sind. Sowohl die jüngere als auch die ältere Generation sollte zum Koproduzenten ihrer Gesundheit werden. Das geht aber nur, wenn sie sich in diesem schwierigen und komplexen Gesundheitssystem auch halbwegs zurechtfinden. Eltern sollten zum Beispiel wissen, dass sie beim Gesundheitstelefon unter 1450 anrufen und sich seriöse medizinische Informationen holen können, wenn ihr Kind beispielsweise ein akutes Fiebersymptom hat. Patienten sollten die richtigen Informationskanäle und- quellen kennen und keinen unseriösen Internetquellen vertrauen.

Was bedeutet die Forderung nach besserer Gesundheitsversorgung in der Bevölkerung für die Gesundheitsdienstleister?

Dr. Bachinger: Ihre Rahmenbedingungen müssen besser werden. Auch die Gesundheitsdienstleister hätten gerne mehr Ressourcen und Zeit, um sich mit den Patienten ausreichend zu beschäftigen und nicht nur das Notwendigste zu tun. Bei den Gesundheitsdienstleistern würde das zusätzlich die Arbeitszufriedenheit steigern.

Was bedeutet das für Arbeitgeber? Wird bald jedes Unternehmen eine Art "Feel Good Manager" haben?

Dr. Bachinger: Auch außerhalb des Gesundheitswesens anzusetzen, halte ich für eine gute Idee. So weit sind wir aber noch lange nicht. Betrachtet man im Gegenzug den niedergelassenen Bereich – Stichwort: Ärztemangel –, ist das nur ein Verteilungsproblem von Ärzten. Man sollte die jungen, gesunden Gesundheitsdienstleister dorthin bringen, wo wir sie brauchen – nämlich in den niedergelassenen Bereich als Hausärzte. Damit meine ich nicht primär eine monetäre Verbesserung wie höhere Honorare oder Gehälter für Ärzte, sondern es sollten Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit die Zufriedenheit dieser Berufsgruppe wieder steigt. Wenn wir diesbezüglich nichts unternehmen, wird uns das vermutlich in den nächsten Jahren massiv auf den Kopf fallen.

Welche Maßnahmen zur Steigerung der Gesundheitskompetenz gibt es in Österreich bereits?

Dr. Bachinger: Wir haben in Österreich gerade im e-Health-Bereich einen enormen Vorteil gegenüber anderen Ländern wie der Schweiz oder Deutschland. Der Wert von ELGA liegt nicht so sehr darin, dass es nun einen elektronischen Befund oder Entlassungsbrief gibt, sondern dass wir eine sichere Infrastruktur haben, auf der wir verschiedene „Züge“, wie etwa die e-Medikation oder den elektronischen Impfpass, implementieren können. Diese sichere Infrastruktur wird in Zukunft einen großen Nutzen für Patienten haben, insbesondere für die Generation Y. Dadurch wird es nämlich möglich sein, spezielle App-Lösungen mit Feedback- oder Reminder-Systemen für Patienten anzubieten. Davon sind wir zwar noch weit entfernt, aber ich hoffe, dass wir im nächsten Regierungsprogramm nach den Wahlen eine Internetoffensive im Gesundheitsbereich verankern können.

Von welchen Ländern könnten wir uns diesbezüglich etwas abschauen?

Dr. Bachinger: In England beispielsweise können Hausärzte den Patienten Gesundheits-Apps wie "mySugr" für Diabetiker verordnen. In der Schweiz wurden virtuelle Ordinationen eröffnet, in denen man als Patient von zu Hause aus über sichere Internetkommunikationskanäle von 0 bis 24 Uhr virtuelle Sprechstunden bei Ärzten wahrnehmen kann. Das erspart natürlich viel Zeit – für Patienten wie auch für Ärzte –, da man nicht mehr zwei oder drei Stunden in der Ordination verbringen muss, um eine Diagnose und eine Medikation zu erhalten. Da gibt es in unserem Gesundheitswesen noch sehr viel Potenzial und Luft nach oben.

Warum sind wir in Österreich noch nicht so weit?

Dr. Bachinger: Das liegt zum Teil daran, dass wir in Österreich noch sehr verknöcherte und innovationsfeindliche Strukturen haben, die kein Interesse daran haben, etwas Neues auszuprobieren. Und gerade das geht auf Kosten der Generation Y, da diese daran besonders interessiert und dafür offen wäre.

Welche Anlaufstellen gibt es für Patienten in Österreich? Wo kann man sich Informationen zu Patientenrechten holen?

Dr. Bachinger: Die Patientenanwaltschaften in Österreich wären hier die ersten Ansprechadressen. Jede Patientenanwaltschaft hat eine Webseite, auf der man sich als Patient zu diesen Themen informieren kann.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft? Was ist das Ziel der Patientenrechte in Österreich?

Dr. Bachinger: Ziel ist es, dass Patienten die Koproduzenten ihrer Gesundheit werden. Nicht nur, was die individuelle Krankheits- bzw. Gesundheitssituation, sondern auch, was die Systemverständlichkeit im Gesundheitswesen betrifft. Als Patient sollte man wissen, was die Aufgabe einer Ambulanz oder eines Krankenhauses ist, wohin man sich wendet, wenn am Samstag um 15 Uhr gesundheitliche Beschwerden auftreten. Gerade für die jüngere Generation werden innovative Werkzeuge wie Gesundheits-Apps oder Symptomchecker immer wichtiger. So etwas kann natürlich keinen Arzt ersetzen, aber dadurch ist es für Patienten möglich, sich hinsichtlich ihrer Gesundheit vorab zu orientieren. Ein weiteres Ziel besteht darin, dass die Schulen bei der Förderung der Gesundheitskompetenz in Zukunft aktiv mitwirken.

Vielen Dank für das Gespräch!

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