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Interview: Erhält jeder Patient eine CAR-T-Zell-Therapie?

Immuntherapie Krebs
Das Immunsystem versucht den Krebs zu bekämpfen, dank der CAR-T-Zellen-Therapie wird es dazu befähigt, die Tumorzellen zu erkennen. (K_E_N / iStockphoto)

Univ.-Prof. Dr. Ulrich Jäger, Leiter der Klinischen Abteilung für Hämatologie und Hämostaseologie am AKH Wien, ist Experte auf dem Gebiet der neuen Immuntherapien im Kampf gegen den Krebs. Im Interview spricht er über die Spezifika der sogenannten CAR-T-Zell-Therapie und ob sie österreichweit zugänglich ist.

Ziel der Immuntherapie ist es, die körpereigenen Abwehrzellen zu nutzen, um Krebs zu bekämpfen. Wie sich die CAR-T-Zell-Therapie von anderen zielgerichteten Behandlungsmethoden unterscheiden und wer in Österreich diese Behandlung erhält, erklärt Univ.-Prof. Dr. Ulrich Jäger im Gespräch mit netdoktor.at.

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Herr Prof. Jäger, wie unterscheidet sich die CAR-T-Zell-Therapie von anderen Immuntherapien?

Prof. Jäger: Man kann CAR-T-Zellen im Prinzip so beschreiben: Es handelt sich um eine Art lebendes Medikament. Auf den CAR-T-Zellen sitzen Antikörper, die wir normalerweise infundieren (Anm.: mit einer Infusion verabreichen/einbringen), um zum Beispiel ein Lymphom zu behandeln. Nur sind diese Antikörper in die Zellen eingebracht: Sie sitzen auf den Zellen anstatt wie bei anderen Formen der Immuntherapien als Flüssigkeit verabreicht zu werden. Das ist der erste Unterschied.

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Der zweite Punkt ist, dass wir dadurch erreichen – wenn diese Zellen sehr lange überleben und im Körper zirkulieren –, dass man einen permanenten Effekt gegen das Lymphom erzielt. Während man, wenn man bloß eine Infusion mit demselben Antikörper gibt, diese Infusion in regelmäßigen Abständen wiederholen muss, weil der Antikörper mit der Zeit aus der Zirkulation verschwindet. Kurz: Die Wirkung muss erhalten werden. Bei der CAR-T-Zell-Therapie erhält sich die Wirkung von selbst, weil die mit dem Antikörper ausgestatteten Zellen im Körper wachsen, gedeihen und sich vermehren. Bei manchen Patienten sind solche Zellen nach einer einmaligen Behandlung zwei bis drei Jahre nachweisbar.

Andere Immuntherapien arbeiten beispielsweise mit Antikörpern mit begrenzter Halbwertszeit, die mit der Zeit "kaputt gehen", sodass man sie immer wieder verabreichen muss, alle 14 Tage oder alle paar Monate. Bei der CAR-T-Zell-Therapie braucht es nur eine einmalige Verabreichung dieser Zellen, das ist für den Patienten auch wichtig zu wissen. 

Die meisten Antikörper, die im Moment gegen Lymphome verwendet werden, sind Anti-CD20-Antikörper, auf den CAR-T-Zellen kommen CD19-Antikörper zum Einsatz. Der Antikörper wird auf einer Zelle exprimiert, die normalerweise dazu da ist, den Tumor abzutöten. Und das Einführen des Antikörpers in die T-Zellen, macht diese "scharf": Sie erkennen den Tumor wieder als "böse". 

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Ist die Behandlung mit CAR-T Zellen heute für jeden Patienten in Österreich zugänglich? Übernehmen die Krankenkassen die Kosten dafür?

Prof. Jäger: Bei der CAR-T-Zell-Therapie handelt es sich um eine stationäre Behandlung, das Spital kann die Therapie abrechnen. Das heißt, dass jeder Patient, der diese Therapieform braucht und von dem man annehmen kann, dass er davon profitieren wird, kann sie in Österreich bekommen. Hierzulande haben sich die sechs Institutionen, die die CAR-T-Zell-Therapie durchführen, zu einem CAR-T-Cell Network zusammengeschlossen, sodass auch flächendeckend von Innsbruck bis Wien die Patienten halbwegs regional versorgt werden können. 

Das Netzwerk hat gemeinsame Selektionskriterien für die Auswahl von geeigneten Patienten entwickelt. Ein Problem ist nämlich, dass "nur" 40% der Patienten langfristig von der Therapie profitieren: Das sind allerdings Betroffene, die "austherapiert" sind und keine anderen Optionen mehr haben. Für solche Patienten ist das eine unglaublich gute Ergebniszahl, aber es bedeutet immer noch, dass 60% davon nicht darauf ansprechen. Unser Ziel ist es demnach, denjenigen die CAR-T-Zell-Therapie zukommen zu lassen, von denen wir annehmen können, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit davon profitieren werden. Sonst wecken wir unnötige Hoffnungen, dazu sind für Menschen mit bereits schlechtem Allgemeinzustand die Nebenwirkungen oft zu stark. Wir haben uns also Regeln auferlegt, die den internationalen Kriterien entsprechen und alle sechs Zentren halten diese ein. Jeder, der dafür geeignet sein könnte, bzw. der behandelnde Arzt, kann sich im Falle des Falles an eines der Zentren wenden. Danach wird geprüft – oft auch anhand augenscheinlicher Beurteilung des Patienten – ob die Behandlung medizinisch gerechtfertigt ist. Finanzielle Hürden gibt es keine, die Patienten bekommen, was sie brauchen.

Wie viel kostet eine Behandlung mit CAR-T-Zellen?

Prof. Jäger: Die reine Infusion kostet etwas weniger als 300.000 Euro. Das muss in Relation damit gesetzt werden, dass die Therapie nur einmalig verabreicht werden muss. Und: Trotz so hoher Kosten garantieren die Spitalserhalter in Österreich, dass geeignete Krebspatienten die CAR-T-Zell-Therapie erhalten. 

Vielen Dank für das Gespräch!

Mehr zum Thema CAR-T-Zellen erfahren Sie hier.

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Autoren:

Medizinisches Review:
Univ. Prof. Dr. Ulrich Jäger

Aktualisiert am:

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