Multiple Sklerose (MS): Wie Medikamente mit THC und CBD aus Cannabis gewonnen Krämpfe lindern

THC Dronabinol Cannabis gegen Muskelkrämpfe bei MS
Die Cannabinoide THC und CBD können Spasmen und Krämpfe im Rahmen einer MS reduzieren. (Staras / iStockphoto)

Die krampflösende Wirkung von Cannabinoiden – Wirkstoffe aus der Cannabis-Pflanze (Marihuana) – kommt Menschen mit neurologischen Krankheiten wie MS zugute. Ganzen Text lesen



Einzelsubstanzen aus der Hanfpflanze (THC und CBD) können zu unterschiedlichen therapeutischen Zwecken herangezogen werden. Einer davon ist die Symptombehandlung bei Multipler Sklerose (MS), die häufigste neurologische Erkrankung im jungen Erwachsenenalter. Die Beschwerden unterscheiden sich je nach MS-Patient oft stark, viele haben Gangunsicherheiten, Lähmungen oder eben Krämpfe (Spasmen) der Muskulatur. Um diese nebenwirkungsarm zu lindern, können Cannabinoide als Zusatzbehandlung zum Einsatz kommen.

Klinische Untersuchungen sprechen für den Nutzen der Wirkstoffe aus Hanf: Cannabinoide können mittelschwere und schwere Spasmen bei MS reduzieren. Jüngste Studienergebnisse aus Deutschland weisen eindeutig in diese Richtung. Dabei erfuhren 85 bis 93 Prozent* der Studienteilnehmer eine Entspannung der Muskelkrämpfe. Bei der Placebo-Kontrollgruppe lag der Wert nur halb so hoch. Bei Frauen sank zusätzlich die Schmerzintensität – ein Effekt, der bei Männern allerdings nicht festgestellt wurde.

Krampflösung durch Nabiximols (THC und CBD)

  • In der beschriebenen Studie wurde die Wirkung von Nabiximols, ein Kombinationspräparat mit standardisiertem Gehalt an Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD), im Hinblick auf die Besserung von Krämpfen bei MS getestet. Das Präparat, ein oraler Spray, wurde in der Studie über drei Monate ergänzend zur optimierten klassischen Medikation verabreicht und überprüft.
  • Eine Besonderheit der bei Spastik eingesetzten Cannabinoide liegt darin, dass die Krämpfe reduziert werden, ohne die Muskulatur zu "weich" werden zu lassen. Konventionelle Medikamente können die Muskulatur so schwächen, dass zwar die Spastik weg ist, aber auch das Schieben des Rollstuhls oder der Einsatz der Gehhilfen beeinträchtigt ist. Nabiximols weist diese Nebenwirkung nicht auf.
  • Das Ergebnis dieser Studie deckt sich mit anderen Erfahrungswerten bei der Anwendung von Cannabinoiden.
  • Als eines von mehreren Cannabinoid-Präparaten ist Nabiximols nicht in der sogenannten gelben Box (Arzneimittel mit definierten Regeln für die Erstattung) des Österreichischen Arzneimittelcodex enthalten. Anders als z.B. Dronabinol (THC) wird es von den Kostenträgern so gut wie gar nicht übernommen. (Anmerkung: Die Dosierung von CBD in Nabiximols (Sativex) ist nur geeignet, um die THC-spezifischen psychotropen Nebenwirkungen abzumildern. Ein eigener therapeutischer Effekt durch CBD auf Schmerz und Spastik ist nicht zu erwarten. Die Erstattung des günstigsten wirksamen Cannabinoid-Arzneimittels Dronabinol ist aus Sicht der Krankenkasse durchaus begründbar.)

Weniger Krämpfe mit Cannabinoiden

Spasmen zählen zu den häufigen Symptomen im Verlauf einer MS-Erkrankung. Rund 80 Prozent aller Betroffenen kämpfen in unterschiedlichem Ausmaß damit. Die Spastik schränkt die Beweglichkeit ein, was wiederum mit einer grundsätzlichen Minderung der Lebensqualität einhergeht.

Nabiximols soll überall dort Einsatz finden, wo die klassische Therapie allein versagt oder keinen ausreichenden Therapieerfolg zeigt. Verabreicht wird das Medikament als Spray – und das bis zu 12 Mal am Tag. Die entsprechende Studie aus Deutschland wurde erst im Sommer 2018 vorgestellt.

+++ Mehr zum Thema: Verlaufsformen von MS +++

Helfen Wirkstoffe aus Cannabis auch bei anderen neurologischen Krankheiten?

Die muskelentspannende Wirkung von Cannabinoiden wird auch bei anderen Spasmen beobachtet (z.B. bei Patienten mit Querschnittslähmung) – allerdings fehlen dazu die breit angelegten randomisierten Studien. Auch nach Schlaganfällen können THC und CBD zur Linderung von Schmerzen und spastischen Erscheinungen beitragen.

Marihuana rauchen schadet mehr als es nutzt

Diese möglichen Folgeerscheinungen sind allerdings mit Vorsicht zu bewerten:

  • Cannabis in gerauchter Form (Marihuana) kann nämlich selbst zu Schlaganfällen sowie Herzinfarkten führen. Zudem beeinträchtigt es die Immunabwehr in der Lunge stärker als Tabak und führt zu chronisch entzündlichen Atemwegsveränderungen.
  • Eine entsprechende Studie aus den USA bei jüngeren Erwachsenen, die Marihuana rauchen, zeigt eine um 17 Prozent erhöhte Wahrscheinlichkeit auf einen Schlaganfall.

Hanf seit der Antike ein Heilmittel

Die jüngste Studie schließt an Erfahrungen an, die bis in die Antike zurückreichen. Diverse Cannabis-Zubereitungen zählten schon in vorchristlicher Zeit zum Standardheilmittel in vielen Hausapotheken. Sie wurden bei Krämpfen und Schmerzzuständen aller Art verabreicht. In den letzten 20 Jahren knüpfte die Medizin an die Erfahrungen der Frühzeit an. Cannabis-Produkte in pharmazeutischer Qualität verdrängen langsam den Ruf der Hanfpflanze als Rauschmittel zugunsten der medizinischen Anwendung.

*https://www.gesundheitsinformation.de/cannabis-sativa-sativex-bei-spastik-durch-eine.2343.de.html

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Autoren:
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Medizinisches Review:
Dr. Birgit Kraft
Redaktionelle Bearbeitung:
Tanja Unterberger, Bakk. phil.

Stand der medizinischen Information:
Quellen

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