Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs wird kaum genützt

Eine Patientin erhält eine Injektion in den linken Arm.
Impfung: Idealerweise sollten Mädchen und Jungen vor dem Beginn der sexuellen Aktivität geimpft werden, also etwa im Alter von 13 Jahren. (10-19-09 © webphotographeer / iStockphoto)

Jährlich 60.000 auffällige Krebsabstriche und 6.000 operative Eingriffe am Gebärmutterhals. Das ist die traurige Bilanz in Österreich, einem der wenigen westlichen Länder, in denen die HPV-Impfung zur Vorbeugung von Gebärmutterhalskrebs nicht von öffentlicher Hand bezahlt wird. Was die Impfung kann und was sie in Ländern bewirkt hat, in denen sie in das nationale Impfprogramm aufgenommen wurde, erläutert Univ. Prof. Dr. Christian Marth, Vorstand der Universitätsklinik für Frauenheilkunde in Innsbruck, im Gespräch mit netdoktor.at.

Frage: Was versteht man unter HPV?

Marth: Die Abkürzung HPV steht für Humane Papillomaviren. Diese Viren sind weit verbreitet, fast jeder sexuell aktive Mensch hat irgendwann Kontakt mit HPV. Sowohl Männer als auch Frauen können sich infizieren. Es existieren etwa 100 Typen von HP-Viren. Die häufigsten in Europa vorkommenden krebserregenden HP-Viren sind Typ 16 und 18. Man geht davon aus, dass über 70 Prozent aller Krebserkrankungen des Gebärmutterhalses und deren Vorstufen durch diese beiden HPV-Typen verursacht werden.

Frage: Was passiert, wenn jemand Kontakt mit HPV hat?

Marth: Der Großteil der Menschen infiziert sich im Laufe des Lebens mit HPV – unbemerkt. Die Infektion verursacht kaum Symptome und heilt meist von selbst ab. Etwa jede fünfte Frau entwickelt jedoch eine bleibende Infektion. In diesen Fällen gelingt es dem Organismus nicht, das Virus aus der Schleimhaut von Scheide und Gebärmutterhals zu eliminieren. In weiterer Folge wird das Virus in die Zelle eingebaut, wodurch es im Laufe der Zeit zu Veränderungen kommen kann: Es entstehen Krebsvorstufen, aus denen sich ein ausbreitendendes Karzinom entwickeln kann.

Frage: Worum genau handelt es sich bei sogenannten Krebsvorstufen?

Marth: Krebsvorstufen des Gebärmutterhalses werden zervikale intraepitheliale Neoplasien, kurz CIN genannt [Anmerkung der Redaktion: CIN sind krebsartige Veränderungen, die auf die Schleimhaut begrenzt sind und nicht in das angrenzende Bindegewebe einwachsen – daher auch der Ausdruck „intraepithelial“]. Je nach Schweregrad werden diese als CIN I, II oder III – geringgradig, mittelgradig oder hochgradig – eingestuft. Während sich eine CIN I in über der Hälfte der Fälle von selbst zurück bildet, ist das bei CIN III nur bei etwa jeder zehnten betroffenen Frau der Fall. Dementsprechend wird Patientinnen mit der Diagnose CIN II oder CIN III eine Konisation angeraten – eine Operation, bei dem Gewebe im Bereich des äußeren Muttermundes in Form eines Kegels entfernt wird. Die Konisation erhöht allerdings das Risiko für Frühgeburten in folgenden Schwangerschaften.

Frage: Was kann die HPV-Impfung?

Marth: Die Impfung ist ein zuverlässiger Schutz vor chronischen HPV-Infektionen. Sie führt zur Bildung von Antikörpern gegen die geimpften Virustypen, wobei ein hundertprozentiger Schutz gegen diese HPV-Typen entsteht. Vor anderen als den geimpften HPV-Typen schützt die Impfung im Sinne einer sogenannten Kreuzreaktivität zu etwa 50 Prozent.

Die als Reaktion auf die Impfung gebildeten Antikörper stehen im Falle eines Kontakts mit dem Virus sofort in ausreichender Konzentration zur Verfügung. Damit ist der Schutz der Impfung sogar besser als jener, den eine natürlich durchgemachte Infektion ermöglichen würde.

Frage: Was bedeutet das für die Gesundheit der Frauen?

Marth: Krebsvorstufen und definitive Krebserkrankungen können zu einem hohen Prozentsatz verhindert werden. Dies bedeutet weniger Eingriffe am Gebärmutterhals, dadurch weniger Frühgeburtlichkeit und weniger Probleme bei zu früh geborenen Kindern. Immerhin steigt nach einer Konisation das Frühgeburtrisiko um ein Vierfaches, und die Frühgeburtlichkeit ist der wichtigste Risikofaktor für etwaige Behinderungen beim Kind. Nicht zuletzt bietet die Impfung auch einen Schutz vor anderen durch HPV verursachten Krebsformen, zum Beispiel im Analkanal oder in der Scheide, sowie einen hohen Schutz vor Genitalwarzen.

Frage: Wer sollte geimpft werden?

Marth: Idealerweise sollten Mädchen und Jungen vor dem Beginn der sexuellen Aktivität geimpft werden, also etwa im Alter von 13 Jahren. Hier bietet die Impfung einen maximalen Schutz gegen die wichtigsten HPV-Typen. Doch auch für bereits sexuell aktive Personen ist die HPV-Impfung sinnvoll. Selbst wenn eine HPV-Infektion mit einem bestimmten Virustyp vorliegt, kann die Impfung Schutz vor Infektionen mit anderen Virustypen bieten. Die Impfung macht Sinn, wann immer ein Risiko für eine Infektion mit einem HP-Virus besteht.

Frage: Wie oft wird geimpft?

Marth: Eine vollständige HPV-Impfung besteht aus drei Teilimpfungen. Zwischen erster und zweiter Impfung sollten zwei Monate, zwischen zweiter und dritter Impfung sollten vier Monate liegen. Kann der vorgesehene Zeitpunkt aus irgendeinem Grund nicht eingehalten werden, ist es möglich, die jeweilige Teilimpfung zu gegebener Zeit nachzuholen, ohne dass man wieder von vorne beginnen muss. Auch eine Verabreichung der HPV-Impfung zeitgleich mit anderen Impfungen ist möglich.

Frage: Was weiß man über Sicherheit und Verträglichkeit der Impfung?

Marth: Die Impfung ist sehr gut verträglich. Wie bei jeder Impfung kann es an der Einstichstelle zu lokalen Reaktionen kommen, die aber schnell wieder abklingen. Etwa 40.000 Frauen, die entweder die echte Impfung oder eine Scheinimpfung ohne Serum erhielten, sind in Studien verglichen worden. Weder bezüglich der Häufigkeit von lokalen Impfreaktionen noch hinsichtlich des Auftretens von schwereren Nebenwirkungen war irgendein Unterschied zu einer Scheinimpfung, also dem Placebo, festzustellen. Obwohl mittlerweile rund 300 Millionen Dosen geimpft worden sind, gibt es weltweit keine einzige behördliche Meldung einer schwerwiegenden Reaktion, die auf die Impfung zurückgeführt wurde. Und die behördlichen Meldesysteme sind diesbezüglich äußert zuverlässig.

Frage: Warum wird die Impfung in Österreich nicht von öffentlicher Hand unterstützt?

Marth: Diese Frage kann nur der Gesundheitsminister beantworten. Fest steht, dass Österreich mittlerweile fast das einzige europäische Land ohne jegliche staatliche Unterstützung der HPV-Impfung ist. Es ist unvorstellbar: Es gibt erstmals eine Impfung gegen Krebs, und das Angebot wird nicht genützt. Die Impfrate in Österreich beträgt derzeit nur zwei Prozent, im Vergleich zu 70 Prozent in vielen anderen Ländern.

Frage: Was wäre durch ein staatlich unterstütztes Impfprogramm möglich?

Marth: Ein staatlich unterstütztes Impfprogramm wäre für die Volksgesundheit wie auch für die Gesundheit der einzelnen Frauen und Männer nachweislich von großem Nutzen. Wir haben mittlerweile Daten aus Ländern mit Impfprogrammen, die zeigen, wie gut die Impfung unter realen Bedingungen, also außerhalb von Studien, funktioniert. So ging in Australien die Häufigkeit von Genitalwarzen bei den Frauen um 60 Prozent zurück, bei Männern um 30 bis 40 Prozent, obwohl nur die Frauen geimpft wurden. Krebsvorstufen waren bereits zwei Jahre nach Einführung des Impfprogramms bei den unter 18-Jährigen fast vollständig verschwunden. Die verfügbare Datenlage sollte also selbst Impfkritikern zu denken geben.

Frage: Was würde die Einführung eines Impfprogramms für die jährliche Vorsorgeuntersuchung beim Frauenarzt, also den Krebsabstrich, bedeuten?

Marth: Jede Frau sollte einmal jährlich zur gynäkologischen Vorsorgeuntersuchung mit PAP-Test gehen. Daran ändert auch die HPV-Impfung nichts. Aufgrund des Impfschutzes blieben aber sehr vielen Frauen die Sorgen und Konsequenzen eines krebsverdächtigen Abstrichs erspart; und natürlich dem Gesundheitswesen die damit verbundenen Kosten.

 

Wir danken für das Gespräch!

Zur Person: Univ. Prof. Dr. Christian Marth ist Direktor der Universitätsklinik für Frauenheilkunde in Innsbruck und amtierender Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe.

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