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Impfkomplikationen

Impfkomplikationen
Schwerwiegende Impfkomplikationen sind äußerst selten. (bikeriderlondon / Shutterstock)

Impfungen können – wie andere Arzneimittel auch – Nebenwirkungen haben. Sie lassen sich in Impfreaktion, Impfkrankheit, Impfkomplikation und Impfschaden einteilen.

Kurzfassung:

  • Schwerwiegende sogenannte unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) nach Impfungen sind sehr selten.
  • Es wird zwischen Impfreaktion, Impfkrankheit, Impfkomplikation und Impfschaden unterschieden. 
  • In Österreich gibt es eine gesetzliche Regelung für den Umgang mit Schäden, die im Verdacht stehen, nach allgemein im Impfplan empfohlenen Impfungen aufgetreten zu sein. 
  • Wann immer der Verdacht besteht, dass eine Impfkomplikation vorliegen könnte, sollte der behandelnde Arzt kontaktiert werden. 

 


Die nachfolgende Auflistung soll eine grobe Orientierung ermöglichen sowie einzelne Begriffe definieren:

Was ist eine Impfreaktion?

  • kurzzeitige (ca. 1–3 Tage) und vorübergehende Beschwerden im Rahmen der Immunantwort (Reaktion des Immunsystems nach einer Impfung)
  • Häufigkeit: einige Prozent der Impflinge
  • z.B. Reaktion in Form von Rötung, Schwellung und leichten Schmerzen an der Einstichstelle oder auch leichtes Fieber, Unwohlsein, Übelkeit, grippeähnliche Beschwerden

​+++ Mehr zum Thema: Impfreaktionen – was kann man tun? +++

Was ist eine Impfkrankheit?

  • leichte Form der entsprechenden Infektionskrankheit, ca. 1–3 Wochen nach der Impfung
  • Häufigkeit: seltener als die Impfreaktion (unter 1%), tritt nur nach Lebendimpfstoffen auf
  • z.B. Impfmasern: Nach der Impfung kann es zu Beschwerden in stark abgeschwächter Form kommen, die einer tatsächlichen Maserninfektion entsprechen.

​​+++ Mehr zum Thema: Lebendimpfstoffe +++

Was ist eine Impfkomplikation?

  • Reaktion, die das übliche Ausmaß einer Impfreaktion überschreitet
  • vorübergehend Therapie nötig, meldepflichtig
  • Häufigkeit: im Promillebereich
  • z.B. Lymphknotenabszesse nach Tuberkulose-Schutzimpfung

Was ist ein Impfschaden?

  • gesundheitliche Schädigung durch die Schutzimpfung, die über das übliche Ausmaß einer Impfreaktion bzw. Impfkomplikation hinausgeht
  • Häufigkeit: etwa 1/1.000.000
  • z.B. Impfpoliomyelitis nach Kinderlähmungsschluckimpfung (in Österreich nicht mehr erhältlich)
  • In Österreich werden jährlich ein bis vier Anträge nach dem Impfschadengesetz eingebracht und im Schnitt einer pro Jahr als Impfschaden anerkannt – dies bei einer jährlichen Zahl von verabreichten Impfungen in der Größenordnung von 2,5 bis 3,5 Millionen.

Gesetzliche Regelung bei Impfschäden

In Österreich gibt es eine gesetzliche Regelung für den Umgang mit Schäden, die im Verdacht stehen, nach allgemein im Impfplan empfohlenen Impfungen aufgetreten zu sein. Impfschäden werden im Zuge eines Verwaltungsverfahrens geklärt. Anerkannt wird ein Impfschaden dann, wenn das Verfahren ergeben hat, dass ein wahrscheinlicher Zusammenhang mit der Impfung besteht. Aus einer Anerkennung ergeben sich Sozialleistungen in Form von Einmalzahlungen oder Rentenzahlungen. Die Wahrscheinlichkeit eines Impfschadens wird dadurch begründet, ob nach wissenschaftlicher Lehrmeinung erheblich mehr für als gegen einen Zusammenhang mit der verabreichten Impfung besteht.

Abgedeckt (§ 1 Abs. b) sind neben den nicht mehr gebräuchlichen Impfungen gegen Pocken und BCG (Tuberkulose) folgende:

​+++ Mehr zum Thema: Kinderimpfungen +++

Was tun bei Verdacht auf eine Impfkomplikation?

Wann immer der Verdacht besteht, dass eine Impfkomplikation vorliegen könnte, sollte in Zusammenarbeit mit dem Arzt versucht werden, eine schlüssige Antwort auf die folgenden drei Fragen zu finden:

  • Ist die Erkrankung im Hinblick auf die aufgetretenen Symptome überhaupt "passend" zu der verabreichten Impfung?
  • Ist das Intervall zwischen Impfung und Beginn der fraglichen Komplikation schlüssig?
  • Sind andere Krankheiten, die in der Ausprägung ähnlich verlaufen könnten, mit Sicherheit ausgeschlossen?

Beispiel für einen Verdacht auf eine Impfkomplikation:

Ein Mann erhält am 15. April seine erste FSME-Impfung. Am 5. Mai wird er mit einer Gehirnhautentzündung ins Spital eingeliefert. Der Mann vermutet nun, dass es sich bei der Entzündung um eine durch die Impfung ausgelöste Frühsommer-Meningoenzephalitis handeln muss. Wenn man die drei obigen Fragen nun in diesem Fall anwendet, würde Folgendes resultieren:

Passende Symptome

Das Symptom Gehirnhautentzündung wäre im Hinblick auf eine FSME-Impfung passend, weil die FSME eine Form der Gehirnhautentzündung ist.

Allerdings: Der verabreichte Impfstoff ist ein sogenannter Totimpfstoff, d.h. er enthält keine vermehrungsfähigen Erreger, die ins Gehirn wandern könnten. Andererseits – so argumentiert der Patient – wäre es denkbar, dass bei der Impfstoffproduktion ein Fehler passiert ist und noch lebende Viren im Impfstoff waren. Auch dieses Argument ist nicht stichhaltig, da die Impfstoffzubereitung das Vorhandensein noch vermehrungsfähiger Viren ausschließt.

+++ Mehr zum Thema: Totimpfstoffe +++

Schlüssiges Intervall

Das Intervall wäre passend. Gleiches gilt aber auch für die Möglichkeit, dass der Patient kurz nach der Impfung unbemerkt einen Zeckenstich erlitten hat und die Erkrankung durch auf diesem Weg übertragene FSME-Viren ausgelöst wurde.

Der Patient argumentiert nun, dass er gegen FSME eine Impfung erhalten hat und eine Erkrankung daher unmöglich sein kann/darf. Auch dieses Argument ist vordergründig logisch, aber trotzdem falsch: Eine Impfung, vor allem die allererste, schützt bei Impfstoffen wie FSME (aber auch Tetanus, Hepatitis B u.v.a.) noch nicht ausreichend. Ein Schutz wäre erst nach der zweiten Impfung gegeben.

+++ Mehr zum Thema: Zeckenschutzimpfung +++

Ausschluss anderer Erkrankungen

Nicht nur FSME-Viren können für eine Gehirnhautentzündung verantwortlich sein. Auch andere Viren sind mögliche Auslöser und der Verlauf der Erkrankung ist jenem der FSME zum Verwechseln ähnlich. Erst durch entsprechende Blutuntersuchungen ist es möglich, der Gehirnhautentzündung einen bestimmten Erreger zuzuordnen.

Im vorliegenden Fall handelte es sich tatsächlich um Frühsommer-Meningoenzephalitis und der Patient fühlte sich mit seiner Kritik im Recht. Aufgrund der anderen beiden Fragen bzw. deren Beantwortung war es allerdings ganz eindeutig möglich, beweisend darzulegen, dass nicht die Impfung schuld war, sondern dass der Patient offensichtlich kurz nach der Impfung von einer infizierten Zecke gestochen wurde. Der Beweis gelang vor allem aufgrund der Tatsache, dass jene Charge Impfstoff, mit welcher der Patient geimpft wurde, zuvor einigen Tausend Personen ohne Schwierigkeiten verabreicht worden und die Charge auch in der vorherigen Chargenprüfung absolut in Ordnung gewesen war.

Meist sind derartige Zwischenfälle dafür verantwortlich, dass Schutzimpfungen in Misskredit geraten, weil keine systematische Klärung des Ursache-Wirkungs-Prinzips erfolgt.

Wichtig: Dennoch – und das sei keinesfalls in Abrede gestellt – können Impfungen Nebenwirkungen haben. Nach praktisch orientierten Kriterien lassen sich 4 Kategorien unterscheiden:

1. Impfreaktionen: Durch die Impfung verursachte unerwünschte Reaktionen

Dabei handelt es sich um überschießende Reaktionen, die mit der Impfung direkt ursächlich verknüpft sind, von deren Existenz man weiß und deren Auftreten auch in einem möglichen zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung steht.

Als Beispiele für diese Kategorie gelten:

  • Masern-Impfung: Impfmasern
  • Tetanus-Impfung: starke Schwellung und Rötung an der Impfstelle
  • Keuchhusten-Impfung: kurzzeitiges hohes Fieber

2. Durch die Impfung ausgelöste unerwünschte Reaktionen

Darunter versteht man gesundheitliche Probleme, die sich auch bei anderen Gelegenheiten ereignet hätten, bei denen die Impfung jedoch den letzten Anstoß für das Auftreten der Symptome gegeben hat (eine direkte Ursache-Wirkungs-Beziehung ist hier oft nur sehr schwer herzustellen).

Beispiel für eine unerwünschte Reaktion:

Keuchhusten-Impfung – hohes Fieber – epileptischer Anfall beim Kind: Die Epilepsie war vor der Impfung beim Kind "stumm"; durch das mit der Keuchhusten-Impfung verbundene mögliche kurzzeitig hohe Fieber, das einen Krampfanfall begünstigt, wurde die Epilepsie plötzlich erkennbar. Sie wäre aber auch manifest geworden, wenn das Kind aus einem anderen Grund plötzlich hohes Fieber bekommen hätte.

3. Erkrankungen durch fehlerhafte Produktion, fehlerhafte Dosierung oder fehlerhafte Anwendung eines Impfstoffes

Während Fehler bei der Produktion und Auslieferung von Impfstoffen sehr selten sind, kann es wie bei jeder medizinischen Maßnahme zu einer falschen Dosierung und/oder Anwendung kommen.

Beispiele für eine fehlerhafte Anwendung, Dosierung oder Produktion:

  • Eine Tetanus-Impfung wurde nicht am Oberarm in den Muskel injiziert, sondern knapp unter die Haut verabreicht. Die Reaktion an der Impfstelle ist dadurch häufig viel stärker, auch Fieber kann auftreten.
  • Eine Tuberkulose-Schutzimpfung wurde nicht streng in die obersten Hautschichten injiziert, sondern in tiefere Schichten. Lymphknotenschwellungen und -abszesse sind dadurch häufiger.

4. Erkrankungen, die rein zufällig mit der Impfung zusammentreffen und dieser irrtümlich ursächlich zugeschrieben werden

Diese Fälle sind oft sehr schwierig zu begründen. Als Beispiel hierfür darf der oben angeführte Patient mit Gehirnhautentzündung gelten.

+++ Mehr zum Thema: Die größten Impfmythen im Faktencheck +++

AEFI

Die Weltgesundheitsorganisation fasst diese vier Kategorien unter einem Begriff zusammen – "AEFI" = Adverse Event Following Immunization –, um die Terminologie zu vereinfachen. Allerdings hat die Verwendung dieser Begrifflichkeit den Nachteil, dass nicht beurteilt wird, ob zwischen Ereignis und Impfung ein kausaler Zusammenhang besteht. Die Kausalität wird erst danach durch das Zutreffen von 5 Parametern (wobei im Einzelfall nicht alle erfüllt sein müssen) beurteilt:

Parameter

Merkmale

1. Vereinbarkeit, Folgerichtigkeit

  • gleichbleibender/wiederholbarer Zusammenhang von Ereignis und Impfstoffverabreichung

2. Stärke des Zusammenhangs

  • epidemiologisch erfassbar
  • Dosis-Wirkungs-Beziehung mit dem Impfstoff

3. Spezifität

  • zuverlässige Zuordnungsmöglichkeit bzw. Unterscheidbarkeit
  • Zusammenhang zwischen Ereignis und Impfstoffverabreichung soll einzigartig/charakteristisch sein und nicht bei anderen Reizen ebenso auftreten

4. Zeitliche Beziehung

  • eindeutige Beziehung zwischen Verabreichung des Impfstoffes und Ereignis

5. Biologische Plausibilität

  • mit natürlichem Verlauf und Biologie der Erkrankung erklärbar

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Autoren:
Univ. Prof. Dr. Herwig Kollaritsch, MD,
Medizinisches Review:
Univ. Prof. Dr. Herwig Kollaritsch, MD
Redaktionelle Bearbeitung:

Aktualisiert am:
Quellen

Österreichischer Impfplan (2019): https://www.sozialministerium.at/cms/site/attachments/5/4/7/CH4062/CMS1546865142466/190211_impfplan_oesterreich_2019_web.pdf

Kollaritsch H. (2019): Impfratgeber. Apotheker Verlag, Wien

SPTM – Reaktionen und Nebenwirkungen nach Impfungen (2013): Erläuterungen und Definitionen in Ergänzung zum Österreichischen Impfplan; https://www.meduniwien.ac.at/hp/fileadmin/tropenmedizin/DokumenteChristina/Impfungen-Reaktionen___Nebenwirkungen.pdf

Heiliger et al. (2018): Impfkompendium: 8 Leitlinien für Schutzimpfungen. 9. Auflage, Thieme Verlag; DOI: 10.1055/b-0037-148150

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