Cannabinoide in der Geriatrie – THC und CBD für unbeschwerteres Altern

Cannabis CBD in der Geriatrie
THC (Dronabinol) aus der Hanfpflanze hat laut erster Studien Potenzial zur Behandlung von Symptomen der Demenz. CBD könnte in Zukunft zu einer längeren Hirngesundheit beitragen. (Dean Mitchell)

Wenn Menschen in einem hohen Lebensalter schwer erkranken und ihre Beschwerden durch konventionelle Medikamente nicht mehr gelindert werden können, kann medizinisch aufbereitetes THC – vor allem bekannt als Rauschsubstanz in Marihuana – bei der Behandlung geriatrischer Patienten, z.B. mit Demenz, helfen.

Einzelsubstanzen aus Cannabis, sogenannte Cannabinoide, können den Appetit steigern, Schmerzen reduzieren und dadurch die Lebensqualität älterer Menschen verbessern. Bewährt hat sich im Speziellen der Wirkstoff Dronabinol (THC) für die Behandlung von Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust bei geriatrischen Patienten. Bei einer Demenz vom Alzheimer-Typ konnten positive Effekte auf das Körpergewicht sowie auf innere Anspannung und Unruhe gezeigt werden. Ob auch der Verlauf von Demenzerkrankungen verlangsamt werden kann, ist Gegenstand von Untersuchungen.

Multimorbide Patienten als Herausforderung

In der Geriatrie gilt wie bei anderen Einsatzgebieten von Cannabinoiden: Die medizinisch nutzbaren Inhaltsstoffe des Hanfs wirken je nach Substanz auf vielfältige Weise. Da ältere Menschen anfälliger für manche Nebenwirkungen sind – bedingt durch verlangsamte Körperfunktionen und gleichzeitige Einnahme mehrerer Medikamente – sind bei psychotropen Substanzen wie THC eine langsame Dosissteigerung sowie eine engmaschige Beobachtung gerade am Therapiebeginn erforderlich.

Entspannung dank THC als Zusatzmaßnahme

  • Aufgrund des Wirkprofils ist Dronabinol, das in medizinischer Qualität aus Cannabis gewonnen wird, eine interessante Substanzen für die Behandlung geriatrischer Patienten.
  • Es wirkt gegen Gewichtsverlust/appetitsteigernd, muskelentspannend, angstlösend, und schmerzlindernd.
  • In Kombination mit nicht-medikamentösen Maßnahmen besteht die Hoffnung, geriatrische Patienten, die häufig von mehreren Erkrankungen betroffen ("multimorbid") sind, zusätzlich mit THC behandeln zu können.  Besonders der Gewichtsverlauf konnte in Studien und Erfahrungen in der Praxis mit Dronabinol positiv beeinflusst werden.
  • Bei Demenzerkrankten konnte eine positive Beeinflussung der Begleiterscheinungen, wie zum Beispiel Verhaltensveränderungen und psychiatrische Symptome, gezeigt werden. In kleineren Studien konnte THC somit die Verwirrtheitszustände bei Patienten mit Demenzerkrankungen lindern.

Weitere Vorteile von Medikamenten auf Cannabis-Basis für Ältere

THC kann bei verschiedenen Beschwerden und Erkrankungen zusätzlich eingesetzt werden, wenn andere Medikamente nicht den gewünschten Erfolg bringen. Bei jüngeren Patienten konnte zum Beispiel die Wirkung auf Schmerzsymptome, besonders bei schwer behandelbaren Nervenschmerzen (Neuropathien) nachgewiesen werden, wenn es zusätzlich zur Standardtherapie gegeben wurde. Da Menschen im höheren Lebensalter vermehrt unter chronischen Schmerzen leiden, könnten Cannabinoide wie THC (Dronabinol) als Ergänzung zu Standardtherapien eingesetzt werden. Vom breiten Wirkprofil von Dronabinol profitieren folglich auch Palliativpatienten. In diesen Einsatzbereichen müssen noch Studien am älteren Patienten durchgeführt werden.

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CBD: Ein neuer Ansatz für Alzheimer-Patienten?

Eine der künftigen Einsatzmöglichkeiten für Cannabinoide – konkret für das nicht dem Suchtmittelgesetz unterliegende CBD (Cannabidiol) – ist die vermutete protektive Wirkung auf das Nervensystem. Inhaltsstoffe aus Hanf können Demenz nicht heilen (bis heute ist keine Demenzerkrankung heilbar), an gewissen Punkten könnte aber eine Verlangsamung des Krankheitsverlaufs erreicht werden. Das haben Forschungen mit Mäusen in den USA gezeigt.

Die Anwendung beim Menschen mit dieser Zielsetzung ist allerdings noch Zukunftsmusik. Cannabidiol besitzt eine starke entzündungshemmende Wirkung. Darüber hinaus konnte CBD in Untersuchungen eine Neubildung von Nervengewebe im Hippocampus auslösen. Diese Gehirnregion ist bei der Alzheimer-Demenz und der durch Alkoholmissbrauch  hervorgerufenen Demenz (Korsakow-Krankheit) besonders betroffen. Sie ist eine zentrale Schaltstelle im Gehirn, die für das Speichern von Informationen zuständig ist.

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Cannabis für den Erhalt von Nervenzellen

In verschiedenen experimentellen Studien wurde gezeigt, dass Cannabinoide das Nervengewebe schützen und gleichzeitig das Absterben von Zellen bremsen können. Die komplexen Prozesse, die neurodegenerative Erkrankungen – Erkrankungen mit Schädigung der Nervenzellen im Gehirn – verursachen, sind noch nicht genau bekannt und werden intensiv beforscht. Es konnte aber nachgewiesen werden, dass das körpereigene Cannabinoidsystem (Endocannabinoidsystem) bei der Erhaltung dieser Zellen eine bedeutende Rolle spielt. Daher geht man davon aus, dass die Cannabis-Inhaltsstoffe THC und CBD Potenzial im Kampf gegen Demenzerkrankungen haben.

Neue Erkenntnisse zeigen, dass Cannabinoide möglicherweise den Alterungsprozess im Gehirn beeinflussen können. Bis diese Annahme durch weitere umfassende Studien bestätigt werden, bzw. eine Anwendung am Patienten infrage kommt, wird es noch viele Jahre dauern.

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Autoren:
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Medizinisches Review:
Prim.a Dr. Athe Grafinger, MSc
Redaktionelle Bearbeitung:
Tanja Unterberger, Bakk. phil.

Aktualisiert am:
Quellen

Volicer L., Stelly M, Morris J, McLaughlin J, Volicer BJ.: Effects of dronabinol on anorexia and disturbed behavior in patients with Alzheimer's disease. in: International  Journal of Geriatric Psychiatry, 1997

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/9309469

https://www.stcm.ch/files/dronabinol_infos.pdf
https://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/schmerz/article/932165/schmerzexperte-cannabinoide-nicht-harmlos.html

https://www.leafly.de/cannabis-demenz-alzheimer/

https://www.leafly.de/cannabis-demenz-alzheimer/

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