Sensibilitätsstörungen (Missempfindungen)

Sensibilitätsstörungen sind Veränderungen der Wahrnehmung von Sinnesreizen. Zum Beispiel können Temperatur-, Druck-, oder Schmerzempfinden gestört sein. Die Ursache kann harmlos sein, zum Beispiel kann ein eingeklemmter Nerv eine Sensibilitätsstörung auslösen. Doch auch schwere Schädigungen von Nervenbahnen, Erkrankungen des Gehirns und des Rückenmarks können Sensibilitätsstörungen auslösen. Wie sie sich zeigen, welche Formen es gibt und was Sie dagegen tun können, lesen Sie hier!

Was versteht man unter einer Sensibilitätsstörung?

Die Haut kribbelt, brennt, oder fühlt sich pelzig an – bei Sensibilitätsstörungen ist die Wahrnehmung der Sinnesreize verändert. Vor allem die Wahrnehmung von (äußeren) Reizen über die Haut ist bei Empfindungsstörungen beeinträchtigt.

Im Gegensatz dazu ist die Tiefensensibilität seltener von Empfindungsstörungen betroffen. Darunter versteht man die Wahrnehmung des eigenen Körpers, zum Beispiel der Stellung der Gelenke, der Bewegung der Muskeln und der Lage im Raum.

Die Wahrnehmungsstörung sensibler Reize kann in einem begrenzten Bereich des Körpers vorkommen, zum Beispiel als örtlich umschriebenes Kribbeln im Gesicht. Das spräche beispielsweise für die Störung eines einzelnen Nervs. Sie kann aber auch großflächig auftreten, etwa in einer gesamten Körperhälfte. Das kann ein Hinweis auf eine Schädigung oder Beeinträchtigung des zentralen Nervensystems, also Gehirn oder Rückenmark, sein.

Empfindungsstörungen können verschiedene Bereiche der Wahrnehmung betreffen. Beeinträchtigt sein können:

  • das Temperaturempfinden (Kälte/Wärme)
  • das Druck-, Tast- und Berührungsempfinden
  • das Vibrationsempfinden
  • die Wahrnehmung von Schmerzen
  • die Wahrnehmung des Körpers im Raum (Lagesinn, Bewegungsempfinden)
  • das Kraftempfinden

Die Wahrnehmung der sensiblen Reize kann auf verschiedene Arten gestört oder verändert  sein. Dazu gehören:

  • quantitative Störung: ein Reiz wird stärker oder schwächer wahrgenommen als er ist
  • qualitative Gefühlsstörung: der Reiz wird anders wahrgenommen als gewöhnlich
  • dissoziierte Sensibilitätsstörung: es besteht keine Schmerz- und Temperaturwahrnehmung, aber Tast-, Druck und Berührungsempfinden sind in Takt
  • dissoziative Empfindungssstörung: keine körperliche Ursache, als Folge von Traumata oder psychogener Störung möglich

Die Wahrnehmung von sensiblen Reizen kann bei einer Gefühlsstörung völlig fehlen (Anästhesie), herabgesetzt sein (Hypästhesie) oder deutlich gesteigert sein (Hyperalgesie).

Dissoziierte Sensibilitätsstörungen

Die Empfindungsdissoziation ist eine Sonderform der Sensibilitätsstörungen. Die dissoziierte Empfindungsstörung bezeichnet den Zustand, wenn an einer Körperstelle zwar weder Schmerzen noch Temperatur erkannt, Berührungen aber immer noch empfunden werden. Auch die Druckwahrnehmung auf der Haut ist noch intakt.

Diese Sonderform entsteht durch eine Schädigung nur eines bestimmten Teils der sensiblen Nervenfasern im Rückenmark oder Hirnstamm, die beispielsweise durch bestimmte Tumoren entstehen kann.

Dissoziative Empfindungsstörung

Die dissoziative Empfindungsstörung hat keine körperliche Ursache. Ärzte sprechen manchmal auch von einer psychogenen Missempfindung. Die Nerven sind in Takt und die Reizweiterleitung ins zentrale Nervensystem funktioniert auch. Trotzdem leiden die Betroffenen an Missempfindungen.

Sie tritt meist als Begleiterscheinung einer komplexen Störung auf. Mögliche Auslöser dafür sind posttraumatische Belastungsstörungen oder eine Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Wie zeigen sich Sensibilitätsstörungen?

Ist ein Nerv geschädigt oder funktioniert die Reizweiterleitung ins zentrale Nervensystem nicht richtig, kann es zu einer Reihe typischer Symptome kommen. 

Die Empfindungen können auf verschiedene Arten beeinträchtigt sein:

  • Taubheitsgefühl im betroffenen Körperareal (Hypästhesie)
  • Überempfindlichkeit bei Berührungsreizen (Hyperästhesie)
  • Unangenehme Missempfindungen, die nicht durch einen Reiz ausgelöst werden (Parästhesie)
  • Unangenehme Missempfindung auf einen normalen Reiz (Dysästhesie)

Betroffene beschrieben diese Symptome der Sensibilitätsstörung häufig auf diese Weise:

  • Kribbeln (in den Beinen, in den Händen, im Gesicht, etc.)
  • Ameisenlaufen
  • Jucken
  • Brennen
  • pelziges Gefühl
  • übertriebene Reaktion auf Wärme oder Kälte
  • undefinierbare Schmerzen

Missempfindungen wie Kribbeln in den Händen oder im Gesicht kommen häufig vor. Eine Verengung im Bereich der Nerven oder das (vorübergehende) Einklemmen eines Nervs kann dafür verantwortlich sein. Das Kribbeln verschwindet meist nach einiger Zeit von selbst wieder.

Liegt eine ernsthafte Schädigung des Nervs oder des zentralen Nervensystems vor, können die Beschwerden allerdings auch dauerhaft bestehen.

Welche Ursachen haben Sensibilitätstörungen?

Es gibt sehr viele verschiedene Ursachen für Sensibilitätsstörungen. Ärzte unterscheiden zwischen peripher und zentral bedingten Sensibilitätsstörungen.

Periphere Sensibilitätsstörungen

Bei einer peripheren Sensibilitätsstörung ist ein Nerv in seinem Verlauf geschädigt. Das passiert zum Beispiel, wenn er eingeklemmt oder gequetscht wird. 

Auch bei Verbrennungen oder bei einer Polyneuropathie, etwa bedingt durch eine dauerhaft verringerte Durchblutung, können die Nerven so sehr Schaden nehmen, dass sie keine Reize mehr wahrnehmen oder falsche Informationen an das Gehirn senden.

Die Ausfälle bei einer peripheren Nervenschädigung beschränken sich auf das Gebiet, das der Nerv abdeckt. Die Sensibilität nur in diesem Areal ist dann eingeschränkt oder fällt komplett aus - je nach Schädigung. Es können alle Empfindungen (Temperatur, Druck, Schmerz, etc.) gleichzeitig ausfallen.

Die nachfolgenden Erkrankungen und Verletzungen können zu einer peripheren Sensibilitätsstörung führen:

Zentrale Sensibilitätsstörungen

Bei einer zentralen Sensibilitätsstörung liegt die Ursache in einer Schädigung von Gehirn oder Rückenmark. Die Weiterleitung des Reizes, die sogenannte Afferenz von den Nervenzellen in Rückenmark, Hirnstamm oder Thalamus funktioniert nicht richtig. Der Nerv nimmt den Reiz also zwar wahr. Doch die Information kommt durch die gestörte Weiterleitung nicht im reizverarbeitenden Teil des Gehirns an.

Die folgenden Krankheiten können zu zentralen Sensibilitätsstörungen führen:

Lokalisation der Missempfindung

Der Ort, an dem die Empfindungsstörung auftritt, kann einen Hinweis auf die dahinterliegende Ursache liefern:

  • halbseitige Sensibilitätsstörungen: Ursache ist meist ein Schaden im Gehirn oder Rückenmark
  • beidseitige Sensibilitätsstörungen (symmetrisch): Ursache sind meist Rückenmarksschäden oder -tumore; es handelt sich dabei oft um eine dissoziierte Sensibilitätsstörung
  • örtlich begrenzte Sensibilitätsstörungen (einseitig, asymmetrisch): Schäden und Verletzungen einzelner Nerven

Sind Sensibilitätsstörungen gefährlich?

Je nach Ursache und Ausprägung der Sensibilitätsstörung sind verschiedene körperliche und psychische Komplikationen möglich. Permanente Missempfindungen oder schmerzhafte Reizungen durch die Empfindungsstörung sind häufig sehr belastend. Wenn Berührungen schmerzen, ziehen sich die Betroffenen oft zurück und meiden Körperkontakt. Das kann sich negativ auf die psychische Gesundheit auswirken.

Bei einem weitgehenden oder vollständigen Ausfall der Sensibilität besteht außerdem die Gefahr, dass Verletzungen oder andere Erkrankungen nicht wahrgenommen werden, da der Betroffene sie nicht wahrnimmt. Schutzreflexe fehlen dann oft. Unentdeckte Verletzungen können sich infizieren und entzünden und werden dadurch zu einem ernstzunehmenden Gesundheitsrisiko.

Das Verletzungsrisiko steigt bei einer dauerhaften Sensibilitätsstörung. Denn wer zum Beispiel keine Hitze auf der Haut spürt, merkt nicht, wie die Finger am Kochtopf verbrennen. Deshalb müssen Betroffene besonders vorsichtig sein und mögliche Gefahren im Blick behalten. Das gilt übrigens auch für die Anwendung gängiger Hausmittel wie einer Wärmflasche oder eines Kühlpacks.

Diagnose von Sensibilitätsstörungen

Wenn Sie den Verdacht haben an Sensibilitätsstörungen zu leiden, gehen Sie zuerst zu Ihrem Hausarzt. Er kann beurteilen, ob es sich um eine harmlose Ursache handelt. Bei Bedarf überweist er Sie an einen Neurologen.

Befragung des Patienten (Anamnese)

Am Anfang der Diagnose steht ein Arzt-Patienten-Gespräch (Anamnese). Dabei sammelt der Arzt wichtige Hinweise zur Ursache, Ausprägung und Lokalisation der Sensibilitätsstörung.

Der Arzt fragt zum Beispiel:

  • Wann sind die Ihnen die Beschwerden erstmals aufgefallen?
  • In welcher Situation?
  • Hatten Sie einen Unfall oder haben Sie sich verletzt, bevor die Beschwerden aufgetreten sind?
  • Wo spüren Sie die Missempfindungen?
  • Wie würden Sie die Empfindungen beschreiben?
  • Bestehen weitere Beschwerden (wie Lähmungen, Sprachstörungen)?
  • Leiden Sie an anderen Erkrankungen wie Diabetes?
  • Nehmen Sie Medikamente ein?

Körperliche Untersuchung

Nach der Anamnese folgt die körperliche Untersuchung. Der Neurologe überprüft mit Hilfe verschiedener Tests, die Sensibilität des Patienten. Zur neurologischen Untersuchung gehört die Überprüfung der Schmerz- und Temperaturwahrnehmung sowie die Druck- und Berührungsempfindlichkeit.

Mit einem Stück Watte oder Zellstoff kitzelt der Arzt den Patienten und überprüft, ob der Betroffene den äußeren Reiz wahrnimmt. Mit einem spitzen Gegenstand piekst er den Patienten und überprüft auf diese Weise seine Schmerzempfindlichkeit.

Eine Methode zur Diagnose von Sensibilitätsstörungen ist der sogenannte Monofilament-Test. Der Arzt drückt einen speziellen und relativ steifen Kunststofffaden auf die Haut. Bei einem definierten Druck knickt der Faden ein - der Patient sollte ein Pieksen auf der Haut spüren. Bei einer verringerten Schmerzempfindlichkeit spürt der Betroffene das Einknicken des Fadens nicht.

In manchen Fällen ist eine Blutanalyse im Labor sinnvoll. Auch eine orthopädische Beurteilung, etwa bei einem Bandscheibenvorfall, oder ein Allergietest kann zur Diagnose bei Sensibilitätsstörungen notwendig sein.

Bildgebende und Labor-Diagnoseverfahren

Besteht der Verdacht auf einen Nervenschaden oder einen Schaden am Gehirn oder Rückenmark, wird der Neurologe bildgebende Verfahren einsetzen. So werden mögliche Schäden am peripheren und zentralen Nervensystem oft sichtbar. 

Zum Einsatz kommen je nach Verdachtsdiagnose:

Wann müssen Sie mit Sensibilitätsstörungen zum Arzt?

Missempfindungen sind zunächst kein Grund für Panik. Wenn ein Nerv eingeklemmt ist, kann das kurzzeitig zu einem unangenehmen Kribbeln oder Ähnlichem führen. Wenn die Sensibilitätsstörung aber über einen längeren Zeitraum besteht, oder die Einschränkungen besonders groß sind, sollten Sie mit einem Arzt sprechen. 

Warnung:
Wenn Sie plötzlich starke Sensibilitätsstörungen bemerken und gleichzeitig Lähmungserscheinungen, Bewusstseinsstörungen oder starke Kopfschmerzen auftreten, rufen Sie den Notarzt. Ein Schlaganfall kann die Ursache für die Beschwerden sein. 

Wie entsteht ein Schlaganfall?
Sehen Sie hier, woran Sie einen Schlaganfall erkennen und was dabei im Gehirn passiert.
Sehen Sie hier, woran Sie einen Schlaganfall erkennen und was dabei im Gehirn passiert.

So werden Sensibilitätsstörungen behandelt

Wie die Therapie einer Empfindungsstörung aussieht, ist sehr unterschiedlich. Die Behandlung richtet sich immer nach der jeweiligen Ursache. 

Ist der betroffene Nerv eingeklemmt wie bei einem Karpaltunnelsyndrom, verschwinden die Beschwerden häufig nach einiger Zeit von allein. Falls nicht, kann eine Physiotherapie helfen, den Nerv wieder zu befreien. Auch bei einer Beeinträchtigung der Nerven durch einen Bandscheibenvorfall verschreibt der Arzt Physiotherapie. 

Wenn allerdings eine Erkrankung für die Sensibilitätsstörungen verantwortlich ist, muss diese behandelt werden. Es gibt Medikamente, die die Empfindungsstörung eindämmen. Diese Mittel bekommen zum Beispiel Patienten mit Multipler Sklerose oder Parkinson.

In manchen Fällen ist eine Operation notwendig, um die Gefühlsstörung zu beheben. Ein Beispiel ist ein Abszess oder ein Tumor im Gehirn oder am Rückenmark. Wird er operativ entfernt, nimmt der Druck auf das umliegende Gewebe und dementsprechend auch auf die Nerven ab. Sie werden entlastet und die Sensibilitätsstörungen verschwinden.

In manchen Fällen treten die Missempfindung nach der Einnahme bestimmter Medikamente auf. Sprechen Sie in diesem Fall mit Ihrem Arzt. Er kann Ihnen gegebenenfalls ein anderes Präparat verschreiben oder die Dosis anpassen.

Warnung:
Setzen Sie ein Medikament nie ohne Rücksprache mit dem behandelnden Arzt ab. Auch die Dosis sollten Sie niemals eigenständig anpassen. 

Autoren- & Quelleninformationen

Jetzt einblenden
Datum :
Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Autor:

Lisa Vogel hat Ressortjournalismus mit dem Schwerpunkt Medizin und Biowissenschaften an der Hochschule Ansbach studiert und ihre journalistischen Kenntnisse im Masterstudiengang Multimediale Information und Kommunikation vertieft. Es folgte ein Volontariat in der NetDoktor-Redaktion. Seit September 2020 schreibt sie als freie Journalistin für NetDoktor.