Querschnittslähmung

Von , Medizinredakteurin
Mag. Astrid Leitner

Astrid Leitner studierte in Wien Tiermedizin. Nach zehn Jahren in der veterinärmedizinischen Praxis und der Geburt ihrer Tochter wechselte sie – mehr zufällig – zum Medizinjournalismus. Schnell war klar: Das Interesse an medizinischen Themen und die Liebe zum Schreiben ergeben für sie die perfekte Kombination. Astrid Leitner lebt mit Tochter, Hund und Katze in Wien und Oberösterreich.

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Sind die Nerven im Rückenmark teilweise oder vollständig durchtrennt, liegt eine Querschnittlähmung vor. Abhängig davon, an welcher Stelle das Rückenmark verletzt ist, sind nur die Beine oder auch Rumpf und Arme gelähmt. Lesen Sie hier, ob eine Querschnittslähmung heilbar ist und welche Auswirkungen sie auf den Alltag in Bezug auf Blasenentleerung, Stuhlgang und Sexualität hat!

Junger Mann im Rollstuhl

Kurzübersicht

  • Was ist eine Querschnittslähmung? Teilweise oder vollständige Durchtrennung der Nerven im Rückenmark
  • Behandlung: Akuttherapie, Operation, Medikamente, Rehabilitation
  • Krankheitsverlauf und Prognose: Individueller Verlauf, Prognose abhängig vom Ausmaß und Ort der Schädigung
  • Symptome: Abhängig vom Ausmaß und Ort des Rückenmarksschadens: Lähmung von Beinen und Armen sowie des Rumpfes, Verlust der Kontrolle über Blase und Darm, Störung der Sexualfunktion
  • Ursachen: Direkte Rückenmarksverletzung durch ein Trauma (Verkehrsunfall, Sturz), angeborene oder erworbene Erkrankungen des Rückenmarks: offener Rücken (Spina bifida), Entzündung, Tumor
  • Diagnostik: Unfallhergang, typische Symptome wie Lähmung der Beine (und Arme) und Verlust der Empfindung, Bildgebung (Röntgen, CT, MRT), Untersuchung von Blut und Rückenmarksflüssigkeit
  • Vorbeugen: Allgemeine Sicherheitsmaßnahmen zur Vermeidung von Unfällen, Behandlung der Grunderkrankung

Was ist eine Querschnittslähmung?

Definition

Eine Querschnittslähmung (Querschnittlähmung, QSL) liegt vor, wenn das Rückenmark – beziehungsweise die darin befindlichen Nervenstränge – infolge einer Verletzung oder einer Erkrankung so stark geschädigt sind, dass verschiedene Körperfunktionen (teilweise) ausfallen. Hauptsymptom sind Lähmungen der Extremitäten (Beine, Arme). Oft sind auch andere Funktionen wie die Entleerung von Darm und Blase und die Sexualität stark beeinträchtigt. Da in der Regel mehrere Symptome gleichzeitig auftreten, sprechen Mediziner auch von einem „spinalen Querschnittsyndrom“.

Beim kompletten Querschnittssyndrom sind Betroffene unterhalb der Verletzung vollständig gelähmt, beim inkompletten bleiben Restfunktionen erhalten.

Was ist das Rückenmark?

Das Rückenmark zählt gemeinsam mit dem Gehirn zum „zentralen Nervensystem“. Alle anderen Nervenbahnen des Körpers gehören zum „peripheren Nervensystem“. Das Rückenmark ist die Fortsetzung des Gehirns und liegt, umgeben von einer Flüssigkeit (Liquor), gut geschützt im Wirbelkanal, der von den einzelnen Wirbeln der Wirbelsäule gebildet wird. Es reicht von den Halswirbeln bis hinunter zum ersten (oder zweiten) Lendenwirbel.

Die Wirbelsäule besteht aus vier Abschnitten:

Aus dem Rückenmark entspringen an beiden Seiten der Wirbelkörper die sogenannten Spinalnerven. Diese zweigen sich wiederum in verschiedene Nervenäste auf, sodass der gesamte Körper mit Nerven versorgt ist. Die Aufgabe des Rückenmarks ist es, Signale des Gehirns an die Muskeln und an innere Organe weiterzugeben. Umgekehrt überträgt es Empfindungen wie Berührung, Temperatur oder Schmerz sowie die Position von Armen und Beinen an das Gehirn.

Ist diese Nervenverbindung im Rückenmark gestört oder unterbrochen, fällt die Weiterleitung dieser Signale in beide Richtungen aus. Abhängig davon, in welcher Höhe die Rückenmarksverletzung liegt, kommt es zu Lähmungen der Beine (und Arme) sowie zu Funktionsstörungen in verschiedenen Bereichen des Körpers – am häufigsten zu Problemen mit der Urin- oder Stuhlentleerung und Sexualfunktionsstörungen.

Die genaue Bezeichnung der Querschnittlähmung richtet sich nach dem letzten funktionsfähigen Rückenmarkssegment. Eine Verletzung unterhalb von L4 bedeutet beispielsweise, dass das Segment des vierten Lendenwirbels mit seinen Spinalnerven noch intakt ist, während alle unterhalb liegenden Segmente geschädigt sind.

Was ist gelähmt?

Eine Querschnittslähmung führt bei Betroffenen zu erheblichen Ausfällen verschiedener Körperfunktionen. Je nachdem sind folgende Nervensysteme alleine oder kombiniert beeinträchtigt:

  • Motorische Nerven: Notwendig für die bewusste Bewegung von Armen und Beinen
  • Vegetative Nerven: Entleerung von Darm und Blase, Schweißbildung, Herz-Kreislauf-Kontrolle, Atemfunktion, Sexualität
  • Sensible Nerven: Berührungs- und Schmerzempfinden

Welche Ausfälle sich entwickeln, hängt von der Schwere und dem Ort der Rückenmarksverletzung ab:

Einteilung nach der Schwere der Rückenmarksverletzung

Komplette Querschnittslähmung (Plegie, Paralyse): Bei einer kompletten Querschnittslähmung sind die Nerven an einer bestimmten Stelle vollständig durchtrennt. Abhängig vom Ort der Schädigung sind Arme, Beine und der Rumpf vollständig gelähmt, Muskelkraft und Empfindungsvermögen fehlen gänzlich. Körperfunktionen wie die Entleerung von Darm und Harnblase sowie die Sexualfunktion sind stark beeinträchtigt.

Inkomplette Querschnittslähmung (Parese): Bei der inkompletten Querschnittslähmung sind die Nerven stark geschädigt, aber nicht vollständig durchtrennt. Muskelkraft und Empfindungsvermögen sind teilweise erhalten.

Einteilung nach der Höhe der Verletzung

Tetraplegie/Tetraparese: Die Rückenmarksschädigung liegt im Halsbereich – oberhalb des ersten Brustwirbels. Mediziner sprechen auch von einem „hohen Querschnitt“. „Tetra“ steht für die griechische Vorsilbe der Zahl vier, die Begriffe Tetraplegie beziehungsweise Tetraparese beschreiben daher die Lähmung beider Arme und Beine (sowie des Rumpfes). Da auch das Zwerchfell nicht mehr von den Nerven versorgt wird, haben Betroffene schwerwiegende Probleme beim Atmen.

Paraplegie/Paraparese: Liegt die Rückenmarksschädigung im Bereich der Brust- oder Lendenwirbelsäule – unterhalb des ersten Brustwirbels – sind die Beine und Teile des Rumpfs gelähmt. Die Arme sind nicht betroffen.

Eine Querschnittslähmung hat erhebliche Auswirkungen auf etliche Körperfunktionen, beeinträchtigt aber nie die geistigen Fähigkeiten!

Häufigkeit

Pro Jahr erleiden etwa 20 bis 100 Menschen pro einer Million Einwohner eine Querschnittlähmung – etwa die Hälfte davon durch ein Trauma (Unfall, Verletzung), die andere Hälfte durch nichttraumatische Rückenmarksschädigungen (angeborene oder erworbene Krankheiten).

Männer erleiden mit rund 80 Prozent deutlich häufiger eine traumatisch bedingte Querschnittlähmung als Frauen, das durchschnittliche Alter liegt bei 40 Jahren.

Ist eine Querschnittlähmung heilbar?

Eine Heilung der Querschnittslähmung ist derzeit (noch) nicht möglich, da durchtrenntes Nervengewebe nicht wieder zusammenwächst. Ist das Rückenmark „nur“ gequetscht oder geprellt, bilden sich die neurologischen Ausfälle unter Umständen wieder zurück. Bei akuten Schäden des Rückenmarks versuchen Ärzte zunächst, die Situation soweit zu stabilisieren, dass sie sich nicht mehr verschlechtert. In vielen Fällen bleiben jedoch dauerhafte Schäden zurück.

Es gibt inzwischen gute Möglichkeiten, die Situation betroffener Menschen durch gezielte Therapien zu verbessern. Ziel jeder Behandlung ist eine ganzheitliche Rehabilitation, die Betroffenen ein möglichst selbstbestimmtes Leben ermöglichen soll.

Behandlung in der Akutphase

Bei Rückenmarksverletzungen durch einen Verkehrsunfall oder Sturz kommt es in der Regel zu einem spinalen Schock. In dieser Phase benötigt der Patient eine intensivmedizinische Betreuung. Ziel ist, lebenswichtige Körperfunktionen zu stabilisieren, Komplikationen vorzubeugen und Schmerzen zu behandeln. Wie lange der spinale Schock andauert, ist nicht vorherzusagen – möglich sind wenige Tage bis mehrere Wochen.

Operation

Bei vielen Patienten ist nach dem Unfall eine Operation notwendig. Sie dient dazu, das Rückenmark zu entlasten. Das ist etwa bei Wirbelbrüchen oder Bandscheibenvorfällen der Fall. Hier versucht der Chirurg, eventuell vorhandene Knochensplitter zu entfernen beziehungsweise die Wirbelsäule zu stabilisieren.

Medikamente

In der Regel bekommen Querschnitt-Patienten Schmerzmittel mit den Wirkstoffen Metamizol, Mefenaminsäure oder Paracetamol. Eine frühe Behandlung ist wichtig, um zu verhindern, dass die Schmerzen chronisch werden.

Rehabilitation

Oberstes Ziel der Rehabilitation ist, dass der Patient nach dem Krankenhausaufenthalt ein weitgehend selbstbestimmtes Leben führt und Komplikationen vermieden werden. Da eine Querschnittlähmung Einfluss auf viele unterschiedliche Lebensbereiche hat, wird der Patient in der Regel von einem interdisziplinären Team aus Ärzten, Pflegern, Physio- und Ergotherapeuten sowie Psychotherapeuten darin unterstützt, Schritt für Schritt zurück in den Alltag zu finden.

Die Rehabilitation findet idealerweise in einem spezialisierten Zentrum statt und dauert etwa drei bis sechs Monate bei einer Paraplegie und sechs bis zwölf Monate bei einer Tetraplegie.

Jeder Querschnittgelähmte erhält eine individuell an seine Bedürfnisse angepasste Therapie. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt oder Therapeuten offen über Ihre Vorstellungen und Ängste!

In der Rehabilitation lernen Betroffene schrittweise, mit ihrer Behinderung zu leben. Die Rehabilitation umfasst folgende Maßnahmen:

  • Gezielte Maßnahmen zur Darm- und Blasenkontrolle, um einen selbstständigen Toilettengang zu ermöglichen. Hier steht an erster Stelle das „intermittierende Katheterisieren“: Betroffene lernen, ihre Blase in regelmäßigen Abständen mit einem Einmalkatheter zu entleeren. Darüber hinaus gibt es mehrere Möglichkeiten, den Stuhlgang zu kontrollieren.
  • Physiotherapie und Rollstuhltraining
  • In der Ergotherapie erlernen Betroffene neue Bewegungsabläufe mit dem Ziel, Alltagstätigkeiten wie Anziehen oder Essen zubereiten wieder selbstständig zu erledigen.
  • Eine Psychotherapie vermittelt Strategien, um die neue Situation besser zu bewältigen.
  • Logopädische Übungen helfen bei Sprach- und Schluckstörungen. Ist das Zwerchfell gelähmt, erlernen Betroffene Techniken, die es ihnen ermöglichen, tagsüber mehrere Stunden selbstständig zu atmen.
  • Sexualberatung: Störungen der Sexualfunktion werden von vielen Querschnittgelähmten – unabhängig vom Geschlecht – als sehr belastend empfunden. Je nach Ausmaß der Störung gibt es unterschiedliche Ansätze, dennoch zu einem erfüllten Sexualleben zu finden.

Auswirkungen auf das Leben

Krankheitsverlauf

Wird das Rückenmark durch eine Verletzung plötzlich durchtrennt, leiten die betroffenen Nerven keine Befehle mehr an das Gehirn weiter. Aufgrund der massiven Verletzung kommt es zunächst zu einem sogenannten spinalen Schock. Unterhalb der verletzten Stelle erlöschen zunächst alle Körperfunktionen. Der Schock tritt innerhalb von 30 bis 60 Minuten ein und hält wenige Tage bis mehrere Wochen an. Erst dann ist es möglich, bleibende Folgeschäden zu beurteilen und den weiteren Verlauf einzuschätzen.

Eine vollständige Durchtrennung der Nerven hinterlässt eine nicht heilbare Lähmung der Extremitäten (Beine, Arme). Abhängig davon, ob die Verletzung oberhalb oder unterhalb des ersten Brustwirbels liegt, sprechen Ärzte von einer Tetraplegie/Tetraparese (Lähmung aller vier Extremitäten inklusive Rumpf) oder einer Paraplegie (Lähmung der Beine sowie Teilen des Rumpfs).

Bei einer unvollständigen Querschnittlähmung ist es möglich, dass sich die neurologischen Funktionen – meist innerhalb der ersten sechs Monate nach der Verletzung – wieder verbessern. In vielen Fällen bleiben aber auch diese Einschränkungen bestehen.

Wurde die Lähmung durch nichttraumatische Ursachen ausgelöst, lässt sich diese unter Umständen beheben. Das ist etwa bei Entzündungen des Rückenmarks der Fall. Sind noch Nerven intakt, übernehmen diese unter Umständen die Aufgaben der untergegangenen Nerven. Ärzte sprechen in diesem Fall von einer „Rekompensation“.

Prognose

Dank moderner Rehabilitationsmaßnahmen ist die Lebenserwartung Querschnittgelähmter vergleichbar mit jener Nicht-Gelähmter. Rückenmarksverletzungen im Halsbereich, bei denen die Patienten beatmet werden müssen, haben jedoch eine ungünstigere Prognose.

Symptome

Welche Symptome auftreten, hängt vom Ausmaß und der Art der Rückenmarksverletzung ab. Im Rückenmark befinden sich unterschiedliche Nervenbahnen: Sensorische Nerven für Empfindungen wie Wärme, Kälte, Berührungen oder Schmerzen und motorische Nerven, die die Bewegungen steuern. Abhängig davon, welche Bahn betroffen ist, unterscheiden sich auch die Beschwerden.

Symptome in der Akutphase (spinaler Schock)

Unabhängig davon, welches Ausmaß die Rückenmarksverletzung langfristig haben wird, tritt als Folge von fast jeder akuten Schädigung zunächst ein spinaler Schock auf. Er entwickelt sich meist innerhalb von 30 bis 60 Minuten nach der Verletzung und dauert wenige Tage bis zu mehreren Wochen an. In dieser Zeit kommt es zum vollständigen Funktionsverlust aller Nerven unterhalb der Verletzung. Abhängig davon, in welcher Höhe die Rückenmarksverletzung liegt, sind unter Umständen auch lebensnotwendige Organe wie die Lunge oder das Herz betroffen.

In der Phase des spinalen Schocks benötigen Patienten deswegen eine intensivmedizinische Betreuung, um lebenswichtige Körperfunktionen aufrechtzuerhalten. Erst nach Abklingen des Schocks ist es möglich, das tatsächliche Ausmaß der bleibenden Schäden abzuschätzen.

Merkmale des spinalen Schocks:

  • Vollständige schlaffe Lähmung der Muskeln unterhalb der Verletzungshöhe
  • Kein Berührungs- und Schmerzempfinden unterhalb der Verletzungshöhe
  • Fehlende Reflexe unterhalb der Verletzungshöhe
  • Blasen- und Mastdarmlähmung
  • Darmverschluss durch gelähmte Darmmuskulatur
  • Versagen der Atmung durch Zwerchfelllähmung bei Schäden oberhalb des vierten Halswirbels
  • Kreislaufschwäche
  • Niedrige Körpertemperatur
  • Nierenstörungen

Symptome bei kompletter Querschnittlähmung

Erst nach Abklingen des spinalen Schocks wird das tatsächliche Ausmaß der Lähmung sichtbar. Sind die Nervenbahnen im Rückenmark vollständig durchtrennt, handelt es sich um eine komplette Querschnittslähmung. Betroffene verlieren die Fähigkeit, die Beine (bei hohem Querschnitt auch die Arme) zu bewegen und zu spüren.

Symptome bei inkompletter Querschnittslähmung

Bei der inkompletten Querschnittslähmung hängen die Symptome davon ab, welche Nervenbahnen geschädigt wurden. Verletzungen der motorischen Nervenbahnen führen dazu, dass es nicht mehr möglich ist, die Beine (bei hohem Querschnitt auch die Arme) zu bewegen, Empfindungen wie Schmerz oder Temperatur nimmt der Betroffene aber noch wahr. Sind die sogenannten sensorischen Bahnen betroffen, lassen sich die Gliedmaßen noch bewegen. Schmerz, Berührung und Temperatur nehmen Betroffene jedoch nicht mehr wahr.

Störung der Darm- und Blasenentleerung

Nahezu alle Menschen mit Querschnittlähmung entwickeln Darmentleerungs- und Blasenentleerungsstörungen. Darmentleerungsstörungen sind:

  • Verstopfung
  • Durchfall
  • Darmverschluss
  • Da auch der Schließmuskel im Enddarm betroffen ist, haben Betroffene kaum oder keine Kontrolle mehr über den Stuhlgang.

Blasenentleerungsstörungen:

  • Betroffene verlieren unkontrolliert Urin.

Störung der Sexualfunktion

Eine Querschnittslähmung wirkt sich bei nahezu allen Patienten auf den Sex aus. Während das sexuelle Verlangen (Libido) erhalten bleibt, leiden Männer häufig an Erektions- oder Ejakulationsstörungen. In der Regel gehen auch die Qualität und Beweglichkeit der Spermien zurück, was wiederum die Fruchtbarkeit negativ beeinflusst. Bei Frauen wird die Scheide nicht mehr oder kaum noch feucht. Betroffene Frauen sind jedoch nach wie vor fruchtbar. Auch eine Schwangerschaft wird durch die Lähmung nicht oder nur wenig beeinflusst. Erschwerend kommt bei Männern und Frauen hinzu, dass sie im gelähmten Körperareal nur noch wenig oder nichts mehr spüren.

Welche Komplikationen sind bei einer Querschnittlähmung möglich?

Die Muskellähmungen beziehungsweise Sensibilitätsstörungen haben langfristige Folgen, die das Leben vieler Querschnittgelähmter beeinflussen.

  • Harnwege: Dranginkontinenz, wiederkehrende Blasenentzündungen, Nierenfunktionsstörungen
  • Magen-Darm-Trakt: Verstopfung, Durchfall, Stuhlinkontinenz, Darmverschluss
  • Gefäße: Risiko für Gefäßverschlüsse (vor allem tiefe Beinvenenthrombosen) ist erhöht
  • Bewegungsapparat: Rückbildung der Muskeln (Muskelatrophie), Muskelkrämpfe (Spastik), Sehnenverkürzungen (Kontrakturen)
  • Chronische Schmerzen (neuropathische Schmerzen) zeigen sich durch ständiges Brennen, Kribbeln oder elektrisierende Empfindungen.
  • Beeinträchtigung der Sexualfunktion: verminderte Gleitfähigkeit der Scheide, eingeschränkte Erektionsfähigkeit beim Mann
  • Geschwüre an druckbelasteten Stellen (Dekubitus) wie am Sitzbein, Kreuz- und Steißbein, am Oberschenkelknochen (Trochanter major) oder an den Fersen
  • Knochenschwund (Osteoporose) im gelähmten Körperabschnitt
  • Anfallsartige Erhöhung des Blutdrucks mit Herzrhythmusstörungen und verlangsamtem Herzschlag (autonome Dysreflexie, AD) bei Verletzung oberhalb des sechsten Brustwirbels
  • Störung der Atmung mit Sekretstau, Lungenentzündung oder Kollaps der Lungenflügel bei Verletzung oberhalb des vierten Brustwirbels (Zwerchfelllähmung)

Welche Ursachen hat eine Querschnittslähmung?

Unfälle

In rund der Hälfte der Fälle ist ein Trauma die Ursache für die Querschnittslähmung. Dabei wird das Rückenmark durch direkte, mitunter massive Krafteinwirkung geschädigt. Beispiele dafür sind Verkehrsunfälle, Stürze, Sportverletzungen oder Badeunfälle.

Nichttraumatische Schädigung

Etwa 50 Prozent aller Querschnittslähmungen sind durch nichttraumatische Ursachen bedingt. Sie sind Folge einer anderen Erkrankung, in etwa einem Prozent aller Fälle ist die Lähmung angeboren. Folgende Auslöser kommen infrage:

  • Multiple Sklerose
  • Bandscheibenvorfall
  • Wirbelkörperbruch (Wirbelfraktur)
  • Rückenmarksinfarkt (spinale Ischämie)
  • Rückenmarksentzündung durch bestimmte Viren oder Bakterien (infektiöse Myelitis), in manchen Fällen autoimmun bedingte Entzündungen
  • Tumore im Rückenmark, meist Metastasen bei Prostata oder Brustkrebs
  • Als Folge einer Strahlentherapie (Strahlenmyelopathie)
  • Angeborene Fehlbildungen wie Spina bifida („offener Rücken“) oder die „hereditäre spastische Paraplegie“, bei der Betroffene eine zunehmende Lähmung in den Beinen entwickeln.
  • Äußerst selten kommt es infolge der Entnahme von Gehirn- und Rückenmarksflüssigkeit (Lumbalpunktion) oder einer Spinalanästhesie (Betäubung bei Eingriffen an der unteren Körperhälfte wie Kaiserschnitt, Hüftgelenksoperation) zu einer Querschnittslähmung.

Was macht der Arzt?

Eine Rückenmarksverletzung ist immer ein medizinischer Notfall. Rufen Sie bei jedem Verdacht auf eine solche Verletzung sofort den Notarzt. Er veranlasst nach einer ersten Untersuchung die Einweisung in ein Krankenhaus, in dem die weitere Diagnose erfolgt.

Anamnese

Bei Rückenmarksverletzungen durch einen Sturz oder Unfall liefert die Schilderung des Hergangs dem Arzt erste Hinweise auf eine mögliche Querschnittlähmung.

Klinisch-neurologische Untersuchung

Der Arzt testet, ob sich der Patient bewegen kann oder Reize spürt, die er beispielsweise mit einer Nadel auslöst. Außerdem überprüft er die Reflexe sowie die Atem-, Blasen-, Darm- und Herzfunktion.

Bildgebende Verfahren

Bildgebende Verfahren wie eine Röntgenuntersuchung oder eine Computertomografie (CT) geben Aufschluss über Verletzungen der Wirbelsäule wie beispielsweise Wirbelbrüche oder Bandscheibenvorfälle, die mitunter zu einer Rückenmarksverletzung führen. Das Rückenmark selbst beurteilt der Arzt mithilfe einer Magnetresonanztomografie (MRT). Damit lassen sich Entzündungen, Tumore oder Durchblutungsstörungen im Knochenmark feststellen.

Untersuchung von Blut und Liquor

Untersuchungen des Blutes und der das Knochenmark umgebenden Flüssigkeit (Liquor) geben Aufschluss über eine mögliche Infektion mit Bakterien oder Viren.

Die Probenentnahme des Liquors bezeichnen Ärzte als „Lumbalpunktion“. Dafür führt der Arzt im Bereich der Lendenwirbelsäule eine dünne Hohlnadel zwischen zwei Wirbelkörpern von hinten in den Wirbelkanal ein. Anschließend entnimmt der Arzt wenige Milliliter Nervenwasser (Liquor) durch die Nadel und lässt es im Labor auf Veränderungen untersuchen.

Entscheidung über weitere Vorgehensweise

Auf Basis dieser Voruntersuchungen entscheidet der Arzt, welche weiteren Schritte notwendig sind. Eine endgültige Diagnose zum tatsächlichen Ausmaß der Lähmungen ist erst möglich, wenn der spinale Schock abgeklungen ist.

Vorbeugen

Etwa die Hälfte aller Rückenmarksverletzungen sind Folgen von Unfällen oder Stürzen. Dazu zählen vor allem Verkehrs-, Freizeit- und Arbeitsunfälle.

Tipps, um Verletzungen zu vermeiden:

  • Tragen Sie bei Sportarten wie Mountainbiken oder Skifahren stets Rückenpanzer und Helm.
  • Springen Sie nicht kopfüber in unbekannte Gewässer.
  • Achten Sie am Arbeitsplatz auf Sicherheitsvorkehrungen (vor allem beim Arbeiten in großer Höhe wie beispielsweise als Dachdecker).
  • Fahren Sie mit Bedacht Auto oder Motorrad.
  • Fixieren Sie Leitern, stapeln sie keine Möbelstücke als Leiterersatz übereinander.

Ist die Querschnittslähmung Folge einer anderen Erkrankung, ist eine Vorbeugung nur bedingt – bei angeborenen Erkrankungen gar nicht – möglich.

Autoren- & Quelleninformationen

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Autor:
Astrid Leitner
Mag.  Astrid Leitner

Astrid Leitner studierte in Wien Tiermedizin. Nach zehn Jahren in der veterinärmedizinischen Praxis und der Geburt ihrer Tochter wechselte sie – mehr zufällig – zum Medizinjournalismus. Schnell war klar: Das Interesse an medizinischen Themen und die Liebe zum Schreiben ergeben für sie die perfekte Kombination. Astrid Leitner lebt mit Tochter, Hund und Katze in Wien und Oberösterreich.

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