Meningismus

Von , Arzt
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Marian Grosser

Marian Grosser studierte in München Humanmedizin. Daneben hat der vielfach interessierte Arzt einige spannende Abstecher gewagt: ein Philosophie- und Kunstgeschichtestudium, Tätigkeiten beim Radio und schließlich auch für Netdoktor.

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Unter Meningismus (früher auch: epidemische Genickstarre) versteht man eine schmerzhafte Nackensteifigkeit, die vor allem bei Erkrankungen der Hirnhäute auftritt. Die Betroffenen sind aufgrund von Schmerzen und Verspannungen der Nackenmuskulatur nicht mehr in der Lage, ihren Kopf aktiv zur Brust beugen. Lesen Sie hier, wie ein Meningismus entsteht und warum er immer ein Fall für den Arzt ist.

Meningismus

Kurzübersicht

  • Beschreibung: Nackensteifigkeit mit Schmerzen beim Vorbeugen des Kopfes; gegebenenfalls Kopfschmerzen, Licht- und Geräusch-Empfindlichkeit und Übelkeit
  • Wann zum Arzt?: Möglichst schnell! Ein plötzlicher Meningismus ist ein Fall für den Notarzt.
  • Ursachen: Hirnhaut-Entzündung (Meningitis) oder anders bedingte Hirnhaut-Reizungen (wie Subarachnoidal-Blutung, Sepsis oder Sonnenstich)
  • Diagnostik: Anamnese, körperliche Untersuchung, Blut-Untersuchung, Liquorpunktion, bildgebende Verfahren (wie Computertomografie, Magnetresonanztomografie)
  • Behandlung: Je nach Ursache; bei Meningitis meist Antibiotika-Therapie und medikamentöse Behandlung von Schmerzen und Fieber

Was ist Meningismus?

Der Begriff Meningismus geht auf den medizinischen Fachausdruck "Meningen" für Hirnhäute zurück. Auslöser der Schmerzen bei einem Meningismus ist nämlich meistens eine Erkrankung der Hirnhäute, typischerweise eine Hirnhaut-Entzündung (Meningitis). Durch die Reizung der Hirnhäute entstehen Schmerzen und Meningismus-Symptome wie Nackensteifigkeit.

Wie äussert sich Meningismus?

Menschen mit einem Meningismus haben starke Schmerzen im Kopf- und Nackenbereich, wenn sie versuchen, ihren Kopf in Richtung Brustbein zu beugen. Deshalb vermeiden sie diese Bewegung. Ausserdem verspannt sich die Nackenmuskulatur als Reaktion auf die Schmerzen, was die Kopfbeugung zusätzlich erschwert. So entsteht der Eindruck einer Nackensteifigkeit, obwohl weder die Halswirbel noch die Nackenmuskulatur an sich beeinträchtigt sind. Entsprechend verschwindet die Nackensteifigkeit bei tiefer Bewusstlosigkeit.  

Die Nackensteife ist dann oft nicht das einzige Symptom. Typischerweise leiden die Patienten zusätzlich unter Kopfschmerzen, Übelkeit und einer erhöhten Licht- sowie Geräusch-Empfindlichkeit (Photophobie beziehungsweise Phonophobie). Diese Beschwerden werden auch unter der Bezeichnung "meningeales Syndrom" zusammengefasst.

Wie entstehen bei Meningismus die Schmerzen?

Es gibt drei Hirnhäute, die wie Schichten übereinander liegen und das gesamte Gehirn und Rückenmark umgeben. Die innere (Pia mater) und mittlere (Arachnoidea) Haut bezeichnen Mediziner auch als weiche Hirnhäute, die äussere (Dura mater) als harte Hirnhaut. Sie haben eine Schutzfunktion und spielen ausserdem eine wichtige Rolle beim Blutabfluss und der Nährstoffversorgung.

Vor allem die äussere Hirnhaut ist sehr schmerzempfindlich. Sind die Hirnhäute gereizt, ist sie für teils starke Kopfschmerzen verantwortlich. Beugt der Patient seinen Kopf nach vorne, übt dies einen leichten Zug auf die Hirnhäute aus. Dadurch verstärkt sich ein schon vorhandener Schmerz in Kopf- und Nacken-Bereich. Befindet sich eine Erkrankung der Hirnhäute noch in einem frühen Stadium oder sind die Meningen nur leicht gereizt, besteht in Ruhe womöglich (noch) kein Schmerz. Erst das Beugen des Kopfes löst dann die Schmerz-Reaktion aus.

Was tun bei Meningismus?

Meningismus ist ein Notfall und deutet fast immer auf eine ernste Erkrankung hin. Unabhängig von möglichen weiteren Symptomen ist es daher ratsam, sich schnellstmöglich in eine Notaufnahme zu begeben beziehungsweise den Notarzt rufen.

Bei einem sogenannten Pseudo-Meningismus fehlen in der Regel zusätzliche Beschwerden wie Übelkeit oder Licht-Empfindlichkeit. Die bleiben aber in manchen Fällen auch bei einem "echten" Meningismus aus. Daher ist bei eine plötzlich auftretende Nackensteife immer ein Fall für den Arzt.

Meningismus: Ursachen und mögliche Erkrankungen

Klassischerweise tritt ein Meningismus bei einer Hirnhaut-Entzündung (Meningitis) auf, dann oft als erstes Symptom. Auslöser einer solchen Entzündung der Hirnhäute sind meist bestimmte Bakterien oder Viren, seltener auch Pilze oder Parasiten. Nicht jede Meningitis wird zwingend von einem Meningismus begleitet. Bei erkrankten Neugeborenen ist zum Beispiel häufig keine Nackensteifigkeit vorhanden.

Neben einer Meningitis durch Erreger gibt es noch einige andere Auslöser, die potenziell die Hirnhäute reizen und in weiterer Folge einen Meningismus verursachen. Dazu gehören:

  • Subarachnoidal-Blutung: Eine Art von Schlaganfall mit Einblutung zwischen der inneren und mittleren Hirnhaut. Das Hauptsymptom sind plötzliche, sehr starke Kopfschmerzen.
  • Meningeosis neoplastica: Absiedelung von Tumorzellen in den weichen Hirnhäuten; diese treten im Spätstadium verschiedener Krebs-Erkrankungen auf.
  • Sinus-Thrombose: Blutgerinnsel in den grossen Blutabflüssen (Sinus) des Gehirns. Diese befinden sich in der harten Hirnhaut.
  • Sepsis ("Blutvergiftung"): Ausbreitung von Bakterien oder Pilzen von einem Entzündungsherd in den gesamten Blutkreislauf, sodass sie verschiedene Organe (wie die Hirnhäute) befallen.
  • Sonnenstich: Entzündungsreaktion der Hirnhäute durch längere direkte Sonnen-Einstrahlung auf Kopf und Nacken.
  • Blei-Vergiftung: Mögliche Folgen sind unter anderem Krämpfe und Entzündungen der Hirngefässe (Blei-Enzephalopathie). Im Verlauf führt das mitunter zu einer Reizung der Hirnhäute.

Pseudomeningismus

Sind die Ursache für eine schmerzhafte Nackensteifigkeit nicht gereizte Hirnhäute, sondern andere Faktoren, spricht man von einem Pseudomeningismus. Zu den Ursachen eines solchen Nackenbeugeschmerzes zählen beispielsweise Brüche, Bandscheibenvorfälle oder Verschleiss-Erscheinungen (Arthrose) in der Halswirbelsäule. Auch Migräne oder Tumoren führen gelegentlich zu einem Pseudomeningismus.

Meningismus: Was macht der Arzt?

Besteht ein Verdacht auf Meningismus, fragt der Arzt zunächst, ob neben der Nackensteifigkeit noch weitere Beschwerden auftreten. Hier ergeben sich auch Hinweise auf eventuelle andere Auslöser.

Bei der körperlichen Untersuchung beugt der Arzt den Kopf des Betroffenen nach vorne, während dieser auf dem Rücken liegt. Er achtet darauf, ob die Kopfbeugung erschwert ist und ob der Patient Schmerzen angibt – dies sind Hinweise auf einen Meningismus.

Es gibt ausserdem noch weitere Anzeichen für einen Meningismus, die der Arzt bei Bedarf überprüft: die sogenannten Nervendehnungszeichen. Durch bestimmte Manöver dehnt er dabei die Hirnhäute des Patienten, was zu Schmerzen führt. Zu den Nervendehnungszeichen gehören:

  • Lasègue-Zeichen: Der Arzt hebt das gestreckte Bein des auf dem Rücken liegenden Patienten an. Bei gereizten Hirnhäuten führt das ab einer gewissen Beugung zu Schmerzen in Bein, Gesäss oder Rücken.
  • Kernig-Zeichen: Der Patient befindet sich in Rückenlage und hat das Bein in Hüft- und Kniegelenk gebeugt. Der Arzt streckt nun langsam das Bein im Kniegelenk, wobei die gleichen Schmerzen auftreten wie beim Lasègue-Zeichen.
  • Brudzinski-Zeichen: Wieder liegt der Patient auf dem Rücken. Der Arzt beugt dessen Kopf nach vorne, woraufhin der Patient reflexartig die Beine anzieht, um Schmerzen zu vermeiden.  

Man spricht von Nervendehnungszeichen, weil während dieser Testmanöver nicht nur bei einem Meningismus Schmerzen auftreten, sondern auch wenn Nervenwurzeln am Rückenmark gereizt sind. Die Nackensteifigkeit fehlt dann aber in der Regel.

Hat sich der Verdacht auf Meningismus bestätigt, sucht der Arzt mithilfe zusätzlicher Untersuchungen die Ursache. Dazu zählen zum Beispiel Untersuchungen von Blut und Nervenwasser (Liquor) auf mögliche Erreger einer Meningitis, zudem bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomografie (MRT) oder Computertomografie (CT).

Wie wird ein Meningismus behandelt?

Bei einem Meningismus richtet sich die Behandlung nach der jeweiligen Ursache. Eine Meningitis wird in der Regel im Krankenhaus behandelt. Oft ist der erste Schritt eine Antibiotika-Therapie direkt als Infusion in die Vene – denn sollten Bakterien die Auslöser der Meningitis sein, ist schnelles Handeln erforderlich.

Mithilfe der Ergebnisse von Blut- und Liquor-Untersuchung lässt sich die Therapie dann noch einmal genauer auf den Erreger anpassen. Steckt hinter dem Meningismus eine virale Meningitis, lassen sich meist nur die Symptome behandeln, zum Beispiel durch Schmerzmittel und fiebersenkende Medikamente.

Auch bei anderen Ursachen der Nackensteifigkeit richtet sich die Therapie nach der Grunderkrankung. So ist zum Beispiel auch eine Subarachnoidal-Blutung ein medizinischer Notfall, der eine schnelle Operation erfordert. Auch bei einer Sepsis oder eine Sinus-Thrombose ist eine schnelle Behandlung im Krankenhaus wichtig.

Rufen Sie bei Verdacht auf einen Meningismus bei sich selbst, einem Kind oder einer anderen Person also in jedem Fall den Notarzt!

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Autor:
Marian Grosser
Marian Grosser

Marian Grosser studierte in München Humanmedizin. Daneben hat der vielfach interessierte Arzt einige spannende Abstecher gewagt: ein Philosophie- und Kunstgeschichtestudium, Tätigkeiten beim Radio und schließlich auch für Netdoktor.

Quellen:
  • Bewermeyer, H.: Neurologische Differenzialdiagnostik, Schattauer Verlag, 2011
  • Endspurt Klinik: Anamnese, Leitsymptome, Georg Thieme Verlag, 3. Auflage 2021
  • Masuhr, K. et al.: Duale Reihe Neurologie, Georg Thieme Verlag, 7. Auflage, 2016
  • Pschyrembel Online: Meningismus, unter: www.pschyrembel.de (Abruf: 28.04.2022)
  • Urban, P.: Klinisch-neurologische Untersuchungstechniken, Georg Thieme Verlag, 3. Auflage, 2022
  • Zeiler, K. et al.: Klinische Neurologie I, facultas-Universitätsverlag, 2. Auflage, 2006
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