Durchbruchschmerzen

Von , Medizinredakteurin und Biologin
Aktualisiert am
Martina Feichter

Martina Feichter hat in Innsbruck Biologie mit Wahlfach Pharmazie studiert und sich dabei auch in die Welt der Heilpflanzen vertieft. Von dort war es nicht weit zu anderen medizinischen Themen, die sie bis heute fesseln. Sie ließ sich an der Axel Springer Akademie in Hamburg zur Journalistin ausbilden und arbeitet seit 2007 für NetDoktor - zuerst als Redakteurin und seit 2012 als freie Autorin.

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Durchbruchschmerzen sind plötzlich auftretende, extrem starke Verschlimmerungen (Exazerbationen) bestehender Schmerzen bei einer Erkrankung. Betroffen sind besonders Tumorpatienten. Die Schmerzen beeinträchtigen die Lebensqualität enorm. Lesen Sie hier mehr über Durchbruchschmerzen.

Schnell wirkende starke Schmerzmittel helfen oft bei Durchbruchschmerzen

Kurzübersicht

  • Beschreibung: Anfallsartige Episoden extremer Schmerzen bei einer bestehenden und mit Schmerzen verbundenen Erkrankung (u. a. Krebs)
  • Behandlung: Schnell wirkenden starke Schmerzmittel ("rescue drugs"); ergänzende Therapie etwa mit Physiotherapie
  • Ursachen: Oft unbekannte Ursache; Schmerz-Spitzen sind eventuell Anzeichen einer Verschlechterung der Grundkrankheit; End-of-dose-Schmerz, wenn maximale Dosierung eines Schmerzmittels nicht mehr ausreicht
  • Wann zum Arzt?: Wenn Schmerzmittel bei bestehender Schmerz-Therapie nicht mehr wirken
  • Diagnostik: Krankengeschichte; Schmerz-Bewertung anhand von skalierbaren Fragebögen; körperliche Untersuchung

Was sind Durchbruchschmerzen?

Als Durchbruchschmerzen bezeichnen Mediziner eine vorübergehende extreme Verschlimmerung (Exazerbation) von Schmerzen infolge einer bestehenden Erkrankung, eine Episode anfallsartiger und extrem intensiver Schmerzen.

Oft geht es dabei um eine Tumor-Erkrankung. Sie tritt etwa bei Patienten auf, deren krebsbedingte Dauerschmerzen eigentlich ausreichend beziehungsweise zufriedenstellend mit Medikamenten unter Kontrolle sind. Durchbruchschmerzen sind aber auch bei anderen Erkrankungen denkbar, die mit andauernden Schmerzen einhergehen – etwa chronische Schmerzsyndrome wie Lumbalgien und andere.

Im Zusammenhang mit Krebs-Erkrankungen spricht man auch von Breakthrough Cancer Pain (BTCP). In vielen Fällen treten diese Schmerzen auf, wenn Schmerzmittel bei ihrer maximal möglichen Dosierung keine ausreichende Wirkung mehr erzielen. Diese Form heisst "End-of-dose-Schmerzen". Sie zeigen unter Umständen an, dass für die Therapie stärkere Schmerzmittel notwendig sind.

Akut, heftig, kurzlebig

Durchbruchschmerzen treten im Schnitt zwei- bis sechsmal pro Tag auf. In der Regel beginnen sie akut. Bei 40 bis 60 Prozent der betroffenen Patienten ist drei bis fünf Minuten nach dem Beginn der Attacke die maximale Schmerzintensität erreicht. Diese Schmerz-Spitzen werden häufig als unerträglich empfunden. In zwei Drittel aller Fälle hält der Durchbruchschmerz bis zu einer halben Stunde an.

Spontan oder mit Auslöser

(Tumorbedingte) Durchbruchschmerzen lassen sich in zwei Gruppen einteilen, je nachdem, ob sie spontan entstehen oder aber von einem Ereignis ausgelöst werden:

  • Spontan auftretende (tumorbedingte) Durchbruchschmerzen stellen sich für den Betroffenen unerwartet und unvorhersehbar ein.
  • Ereignisabhängige (tumorbedingte) Durchbruchschmerzen treten im Zusammenhang mit einem bestimmten Auslöser auf. Das sind etwa bewusste oder unbewusste Handlungen des Patienten (Gehen, Essen, Husten, Stuhldrang oder ähnliches) oder aber eine Therapie-Massnahme (Wundbehandlung, Lagerung, Punktion, Verbandswechsel und anderes).

Folgen von Durchbruchschmerzen

Unabhängig von der Art der Erkrankung, die für Durchbruchschmerzen verantwortlich ist – die Schmerzen haben oft ernste Folgen für den Patienten und schränken die Lebensqualität enorm ein. So entwickeln etwa viele Krebspatienten mit Durchbruchschmerzen körperliche und/oder seelische Probleme.

Dazu zählen beispielsweise Einschränkungen der Beweglichkeit, Schlafstörungen, ein gesteigertes Angstempfinden beziehungsweise Angststörungen sowie depressive Verstimmungen. Ausserdem führen Durchbruchschmerzen oft zu sozialen Beeinträchtigungen, weil die Kontaktaufnahme und Kontaktpflege im privaten und beruflichen Leben eingeschränkt sind.

Häufigkeit von Durchbruchschmerzen

Durchbruchschmerzen bei Krebs kommen häufig vor. Je nach genauer Definition beziehungsweise Untersuchungsmethode sind zwischen 19 und 95 Prozent aller Tumorpatienten betroffen. Bei Tumorpatienten, die ambulant beziehungsweise im häuslichen Umfeld den Richtlinien entsprechend behandelt werden, sind es etwa 20 Prozent.

Bei bestimmten Patientengruppen treten Durchbruchschmerzen häufiger auf, darunter bei Krebspatienten in einem fortgeschrittenen Krankheitsstadium, bei solchen mit Wirbelsäulenschmerzen sowie bei Patienten mit einem schlechten Allgemeinbefinden.

Wie werden Durchbruchschmerzen behandelt?

Durchbruchschmerzen behandelt man unter Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse eines Patienten. Dabei sind folgende Aspekte wichtig:

  • Die eigentliche Schmerz-Ursache optimal behandeln.
  • Schmerz auslösende Faktoren vermeiden beziehungsweise behandeln.
  • Zur Linderung der Dauerschmerzen erhalten die Patienten ein geeignetes Schmerzmittel mit individueller Anpassung des Anwendungsschemas und der Dosierung ("Rund-um-die-Uhr-Behandlung").
  • Wenn Durchbruchschmerzen auftreten, erhält der Patient zusätzlich geeignete Schmerzmittel (Bedarfsmedikation).
  • Nicht-medikamentöse Therapiemethoden kommen eventuell ebenfalls zum Einsatz, so zum Beispiel Akupunktur und Gesprächstherapie.

Die Behandlung von Durchbruchschmerzen ist in der Regel eingebettet in ein multimodales und interdisziplinäres Gesamtkonzept. Therapeuten verschiedener Fachrichtungen (etwa Onkologie, Physiotherapie) behandeln den Patienten.

Medikamente gegen Durchbruchschmerzen

Schmerzmittel der ersten Wahl gegen Durchbruchschmerzen sind stark wirksame Opioide der WHO-Stufe III mit schnellem Wirkungseintritt und nicht-retardierter, also nicht zeitverzögerter Wirkung ("rapid-onset-opioids"). Man spricht auch von sogenannten "rescue drugs".

Die derzeit für Durchbruchschmerzen verfügbaren Präparate enthalten unter anderem den Wirkstoff Fentanyl. Sie sind so zubereitet, dass der Wirkstoff über die Mund- oder Nasenschleimhaut aufgenommen wird. Es handelt sich also zum Beispiel um Lutschtabletten, Sublingual-Tabletten (werden unter die Zunge gelegt) oder Nasensprays. Neuer sind Mittel, die in die Wange gelegt werden (bukkale Anwendung) und dort schnell über die Wangenschleimhaut aufgenommen werden.

Weitere Wirkstoffe sind dabei etwa Morphin, Oxycodon oder Hydromorphin.

Sprechen Sie mit Ihrem Arzt, welches Schmerzmittel am besten für Sie geeignet ist. Es ist ratsam, dass Sie selbst beziehungsweise die pflegenden Angehörigen gut über die genaue Dosierung, Anwendung und Aufbewahrung der hochwirksamen Präparate Bescheid wissen.

Ausserdem überwacht idealerweise ein Arzt die Behandlung. Er prüft ausserdem regelmässig, ob die Anwendung der Schmerzmittel (noch) notwendig und sinnvoll ist.

Wichtig ist auch, dass Sie über die möglichen Risiken der opioidhaltigen Schmerzmittel informiert sind. Zum einen bergen die Medikamente ein hohes Potenzial für Missbrauch. Zum anderen hat die Anwendung oft Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen, Müdigkeit und Schwindel.

Aufgrund der Gefahr von Müdigkeit nach Anwendung der starken Schmerzmittel ist es ratsam, dass die Patienten an den betreffenden Tagen nicht Auto fahren.

In einigen Fällen behandelt man Durchbruchschmerzen auch mit nicht-opioidhaltigen Schmerzmitteln (nicht-steroidale Antirheumatika, Metamizol und anderen) und/oder bestimmten weiteren Schmerzmitteln (wie Glukokortikoiden).

Ursachen

Es gibt viele mögliche direkte oder indirekte Ursachen für auftretende Durchbruchschmerzen. In vielen Fällen führt eine akute Verschlechterung der Grunderkrankung zu den Schmerzspitzen – allerdings nicht immer. Auch bei chronischen Schmerzsyndromen sind Durchbruchschmerzen möglich, ohne dass es eine besondere Veränderung oder Verschlechterung der ursächlichen Krankheit gibt. Die Ursache ist dann in der Regel unbekannt, "idiopathisch" in der Sprache der Mediziner.

Mögliche bekannte Auslöser von Durchbruchschmerzen besonders bei bösartigen Krebserkrankungen sind:

  • Eine Tumorerkrankung selbst
  • Durch eine Tumorerkrankung verursachte Folgekrankheiten oder -erscheinungen wie eine Schwächung des Immunsystems (Immunsuppression); diese führt dann wiederum eventuell zu einer anderen Erkrankung, welche letztendlich für die Schmerzen verantwortlich ist. Ein Beispiel ist eine erneute Infektion mit dem im Körper "schlummernden" Varizella-Zoster-Virus.
  • Eine Tumortherapie

Abzugrenzen sind Durchbruchschmerzen von anderen möglichen Gründen einer Schmerz-Verschlimmerung. Dazu zählen zum Beispiel das Fortschreiten der Tumorerkrankung, die Entwicklung oder Entstehung neuer Krankheitsbilder (wie ein krebsbedingter Wirbelkörperbruch) und das Versagen der zuvor ausreichenden Schmerztherapie (etwa, weil der Körper zunehmend unempfindlich gegen die verwendeten Schmerzmittel wird).

Wann zum Arzt?

Sprechen Sie mit Ihrem behandelnden Arzt, wenn die Basis-Medikamente zur Linderung der Dauerschmerzen nicht mehr ausreichend wirken und Sie episodisch von heftigen Schmerz-Spitzen geplagt werden.

Diagnostik

Der Arzt führt zunächst ein ausführliches Gespräch mit dem Patienten (Anamnese). Neben allgemeinen Aspekten der Krankengeschichte interessiert ihn dabei besonders eine genaue Beschreibung der Durchbruchschmerzen. Wichtig ist zum Beispiel:

  • Wann und wo treten Durchbruchschmerzen auf?
  • Wie verlaufen sie und wie lange dauern sie an?
  • Wie stark sind die Durchbruchmerzen und wie fühlen sie sich an?
  • Gibt es Faktoren, welche die Durchbruchschmerzen auslösen oder sie verschlimmern?
  • Gibt es Faktoren, welche die Durchbruchschmerzen verhindern oder lindern, wenn sie bereits da sind?
  • Wurde bereits versucht, die Durchbruchschmerzen auf irgendeine Weise zu lindern? Wenn ja, welche Behandlungsversuche wurden unternommen, haben sie funktioniert und wie wurden sie vertragen?
  • Gibt es körperliche und/oder seelische Begleitsymptome?
  • Wie stark beeinflussen die Durchbruchschmerzen das Alltagsleben des Patienten?

Zur Klärung solcher Fragen gibt es Fragebögen für die Patienten, zum Beispiel den Deutschen Schmerzfragebogen, das Deutsche Schmerztagebuch oder den DGS Praxis Fragebogen für tumorbedingte Durchbruchschmerzen.

Anschliessend erfolgt eine körperliche Untersuchung, eventuell ergänzt durch apparative Untersuchungsmethoden.

Autoren- & Quelleninformationen

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Autor:
Martina Feichter
Martina Feichter

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