Die Chemie der Liebe

Entstehung von Liebe
Glückliches Paar kuschelt im Bett: Liebe lässt sich in zwei Phasen unterscheiden. (Lucky Business / Shutterstock)

Große Gefühle durch kleine Prozesse: bestimmt die Chemie unser Gefühlsleben?

"Mein Herz tanzt und jedes Molekül bewegt sich", heißt es in einem Lovesong der deutschen Band "Mia". Verliebten scheint wohl sogar die Chemie romantisch! Vielleicht auch deshalb, weil wir noch nicht vollständig verstehen, wie und warum wir uns verlieben. Wie immer in der Liebe ist es gerade das Unentdeckte, Unsichtbare, das uns lockt.

Die Liebe, die Bindung zwischen Menschen, unser Sozialverhalten insgesamt sind so komplex, dass sich noch viele Generationen von Wissenschaftlern daran abarbeiten werden. Einiges wissen wir aber bereits. Forscher haben herausgefunden, welche Hirnareale und welche Hormone und Neurotransmitter in verliebten Hirnen aktiviert werden.

Die Phasen der Liebe

Um die Liebe wissenschaftlich zu betrachten, müssen wir zwei Phasen unterscheiden:

  • die Honeymoon-Phase
  • die Bindungsphase

Man könnte auch sagen: Zuerst "verliebt" man sich, später kann sich die Verliebtheit in eine reife "Liebe" entwickeln. Im menschlichen Hirn treten in den beiden Liebesphasen unterschiedliche Phänomene auf.

Liebe macht süchtig

Erkenntnisse darüber, was unser Gehirn tut, wenn wir frisch verliebt sind, liefert die funktionelle Kernspintomografie (fMRI). Damit lässt sich ein dreidimensionales "Video" des Gehirns aufnehmen, während eine Testperson an etwas Bestimmtes denkt. Wenn Liebende das Objekt ihrer Begierde ansehen, werden andere Hirnareale angeregt, als bei anderen starken Gefühlen wie Angst oder Ärger.

Die junge Liebe ist ein einzigartiges Gefühl. Forscher sagen, das Gehirn von frisch Verliebten lässt sich noch am ehesten mit dem von Kokainkonsumenten vergleichen. Liebe macht süchtig. Das wissen alle, die die Entzugserscheinungen kennen, die eine verlorene Liebe hinterlässt.

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Die Rolle der Neurotransmitter in der Hirnchemie von Verliebten

Diese Beobachtung deckt sich mit den Erkenntnissen der Biochemiker, welche die Hirnchemie von Verliebten erforscht haben. Die Forscher fanden, dass die Neutrotransmitter-Situation in frisch verliebten Gehirnen in einem hoch angeregten Zustand ist.

Neurotransmitter sind Substanzen, die bei der Übertragung von Nervensignalen helfen. Sie werden von einer Nervenzelle abgegeben und von einer anderen aufgenommen, man kann sie sich wie chemische Signale vorstellen. Neurotransmitter wie Dopamin, Serotonin, Noradrenalin und Phenethylamin treten bei verschiedenen Gefühlen oder Gedankenprozessen  in unterschiedlichen Kombinationen und Konzentrationen  auf.

Obwohl bestimmte Transmitter mit bestimmten Gefühlen in Verbindung gebracht werden - Dopamin gilt etwa als "Glücksbotenstoff" - lässt sich nicht einfach jedem Gefühl genau eine Substanz zuordnen. Das menschliche Gehirn ist viel komplizierter.

Auswirkungen von Liebe auf den Körper

In den Gehirnen Verliebter fanden die Chemiker hohe Dosen von Dopamin, Noradrenalin und Phenethylamin. Diese amphetaminähnlichen Transmitter versetzten den Körper in einen Erregungszustand und erhöhen den Fokus. Das Herz schlägt schneller, der Blutdruck und die Körpertemperatur steigen, wir konzentrieren uns ganz auf den Partner, das Objekt der biochemischen Begierde.

Phenethylamin, das sich in den Gehirnen Verliebter findet, führt bei Mangel zu Aufmerksamkeitsdefizit und im Überschuss zu Verfolgungswahn. Wenn Sie sich von einem frisch Verliebten vernachlässigt fühlen, halten Sie es ihm nicht vor: seine Neutrtransmitter-Situation ist ähnlich der eines Patienten, der an einer Zwangsstörung leidet.

Junge Liebe ist eine Obsession, sie sorgt mit Hilfe der Hirnchemie dafür, dass wir sprichwörtlich an nichts anderes denken können. "Ich bin verrückt nach dir", ist eine biochemisch genauere Beschreibung, als man auf den ersten Blick vermuten könnte.

Bindung

Wenn zwei derart verwirrte Personen zusammentreffen, entlädt sich die Spannung unweigerlich unter der Bettdecke. Nach dem Sex schüttet der Körper eine Mischung aus Serotonin, Vasopressin und Endorphinen, das sind opiatähnliche Glücksbotenstoffe, aus. Dieser Cocktail vermittelt dem Körper Entspannung, Befriedigung und - so legen Studien nahe - ein Bedürfnis nach Bindung.

Biochemiker haben ihre Aufmerksamkeit auf die beiden Peptidhormone Vasopressin und Oxytocin gelenkt, die im Gehirn produziert werden. Wenn sie auftreten, sind wir entspannt, befriedigt, der Dopamin- und Noradrenalinspiegel ist niedrig. Das ist das Gegenteil vom akuten Verliebtsein.

Könnten Oxytocin und Vasopressin den Wandel von der Verliebtheit zur Liebe einläuten?

„Kuschelhormon“ Oxytocin

Schaltet man Mäusen im Tierversuch die Gene aus, die für die Produktion der beiden Botenstoffe verantwortlich sind, so werden sie sozial vollkommen unfähig. Sie können nicht einmal mehr ihre Artgenossen auseinander halten, geschweige denn einen soziale Bindung eingehen. Wie Oxytocin und Vasopressin im menschlichen Gehirn wirken, ist noch weitgehend unbekannt.

Es besteht jedoch kein Zweifel, dass es zwischenmenschliche Bindung reguliert. In den Gehirnen stillender Mütter ist Oxytocin in ähnlich hohen Dosen nachweisbar wie bei Paaren, die sich nach befriedigendem Geschlechtsverkehr aneinander schmiegen.

Kein Wunder, dass der Botenstoff von den Medien den Spitznamen "Kuschelhormon" bekommen hat. Die US-amerikanische Journalistin Viola Gad hat einen Selbstversuch durchgeführt und Oxytocin in Form eines Nasensprays im Internet bestellt. In Webshops wird das Hormonpräparat als Mittel gegen Stress und Schlaflosigkeit angeboten.

Vor dem dritten Date mit einem Mann hat sie sich das Hormon in die Nase gesprayt und die Ergebnisse unter dem Titel "Kann mit Oxytocin einen Freund verschaffen" publiziert. Ihr Ergebnis war ernüchternd. Zwar fühlte sich Gad nach der Einnahme locker und entspannt, aus der Beziehung wurde jedoch nichts.

Stimmt die Chemie?

Es ist gut zu wissen, dass es für die Liebe oder die stabile Bindung zwischen zwei Menschen keinen Schalter gibt, den man durch die Einnahme eines Medikaments einfach umlegen kann. Den Liebessaft aus Shakespeares Sommernachtstraum wird in absehbarer Zeit kein Laboratorium zusammenmischen.

Eines ist klar: als Wissenschaftler können Biochemiker und Hirnforscher die Mechanismen der Liebe beobachten. Wie jedoch ein Paar sich ineinander verliebt, warum es zwischen zwei Menschen „Klick“ macht, warum die Chemie einfach stimmt, das weiß die Chemie nicht. Zwingen uns Chemikalien, uns zu verlieben oder sind sie bloß eine mechanische körperliche Reaktion auf die großen Gefühle?

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Autoren:

Redaktionelle Bearbeitung:
Philip Pfleger, Katrin Derler, BA

Aktualisiert am:
Quellen

Esch, Tobias, and George B. Stefano. "The neurobiology of love." Neuroendocrinology Letters 26.3 (2005): 175-192.

Aron, Arthur, et al. "Reward, motivation, and emotion systems associated with early-stage intense romantic love." Journal of neurophysiology 94.1 (2005): 327-337.
 

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