Folsäure bei Kinderwunsch und Schwangerschaft

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Dr. Daniela Oesterle

Dr. rer. nat. Daniela Oesterle ist Molekularbiologin, Humangenetikerin sowie ausgebildete Medizinredakteurin. Als freie Journalistin schreibt sie Texte zu Gesundheitsthemen für Experten und Laien und redigiert wissenschaftliche Fachbeiträge von Ärzten in deutscher und englischer Sprache. Für ein renommiertes Verlagshaus verantwortet sie die Publikation zertifizierter Fortbildungen für Mediziner.

Sabine Schrör

Sabine Schrör ist freie Autorin der NetDoktor-Medizinredaktion. Sie studierte Betriebswirtschaft und Öffentlichkeitsarbeit in Köln. Als freie Redakteurin ist sie seit mehr als 15 Jahren in den verschiedensten Branchen zu Hause. Die Gesundheit gehört zu ihren Lieblingsthemen.

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Fehlbildungen beim Embryo drohen bei einem Mangel an Folsäure. In der Schwangerschaft und bei Kinderwunsch sollten Frauen deshalb das Vitamin als Präparat einnehmen - die Ernährung kann den Bedarf nicht immer decken. Lesen Sie hier mehr: Welche Bedeutung hat Folsäure für Schwangere? Was ist die richtige Dosis, ab wann ist es zu viel Folsäure? Muss man bis zum Ende der Schwangerschaft Folsäure einnehmen?

Schwangerschaft: Folsäure

Wieso Folsäure in der Schwangerschaft?

Tierische und pflanzliche Nahrungsmittel enthalten eine Gruppe von wasserlöslichen B-Vitaminen, die sogenannten Folate. Nach ihrer Aufnahme über die Nahrung werden sie im Körper in eine aktive Form (Tetrahydrofolat) umgewandelt. In dieser Form regulieren sie viele wichtige zelluläre Prozesse wie Zellteilung und Zellwachstum. Das erklärt die grosse Bedeutung von Folat in der Schwangerschaft. Gute Folatlieferanten sind zum Beispiel grünes Blattgemüse (Spinat, Salate), Tomaten, Kartoffeln, Eier, Vollkorngetreide, Nüsse, Sprossen und Hülsenfrüchte.

Obwohl viele Lebensmittel Folat enthalten, gelingt es selbst ernährungsbewussten Menschen nicht immer, ihren Bedarf über die Nahrung zu decken. Um einem Mangel vorzubeugen, empfiehlt sich daher speziell bei Kinderwunsch, in der Schwangerschaft und auch während der Stillzeit die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln mit Folsäure.

Folsäure ist eine synthetisch hergestellte Form von Folat. Sie wird im Körper ebenfalls in das aktive Tetrahydrofolat überführt. Im Gegensatz zu Folaten ist die Folsäure besser vom Körper verwertbar. Um diesem Unterschied in der Berechnung der täglich notwendigen Zufuhr gerecht zu werden, wurde das sogenannte Folatäquivalent eingeführt.

Dabei gilt: 1 Mikrogramm Folatäquivalent entspricht 1 Mikrogramm Nahrungsfolat oder 0,5 Mikrogramm Folsäure.

Allgemeine Infos zum Thema Folsäure (Wirkung, Normwerte etc.) finden Sie im Beitrag Folsäure.

Bedeutung von Folsäure in der Schwangerschaft

Ganz allgemein wirkt sich ein chronischer Folsäuremangel negativ auf Zellbildung (z. B. bei Blutzellen), Zellteilung und Wachstumsprozesse aus. Diese Vorgänge sind aber gerade in der Schwangerschaft von zentraler Bedeutung.

Dementsprechend ernst sind die möglichen Folgen einer Mangelversorgung: So kann die werdende Mutter bei zu wenig Folsäure eine Blutarmut (Anämie) entwickeln. Beim Embryo ist bei Unterversorgung mit Folsäure das Risiko für sogenannte Neuralrohrdefekte erhöht: Normalerweise entwickelt sich das Neuralrohr – die Vorstufe von Gehirn und Rückenmark – etwa ab dem 17. Tag nach der Befruchtung und schliesst sich gegen Ende der vierten Schwangerschaftswoche.

Besteht in der Schwangerschaft ein Mangel an Folsäure, kann dies den Neuralrohr-Verschluss aber ganz oder teilweise stören. Entstandene Fehlbildungen können je nach Schwere sogar das Überleben des Embryos gefährden. Die häufigsten Neuralrohrdefekte sind Spina bifida ("offener Rücken") und Anenzephalie (fehlendes Grosshirn, offener Hirnschädel).

Die Einnahme von Folsäurepräparaten in der Schwangerschaft kann das Risiko für Neuralrohrdefekte beim Kind um etwa 70 Prozent verringern.

Inwieweit ein Folsäuremangel auch das Risiko für kindliche Herzfehler, Harnwegsstörungen, Lippen-Kiefer-Gaumenspalte, niedriges Geburtsgewicht oder Frühgeburt erhöht, wird derzeit noch wissenschaftlich diskutiert.

Wie viel Folsäure ist in der Schwangerschaft nötig?

Schwangere Frauen benötigen 550 Mikrogramm Folsäure am Tag. Um diese Menge zu erreichen, empfiehlt sich die Einnahme von Folsäure-Präparaten. Besonders in den ersten 12 Wochen der Schwangerschaft sollten Frauen 400 Mikrogramm täglich einnehmen. Der Restbedarf lässt sich meist über eine folatreiche Ernährung (grünes Gemüse, Tomaten, Kartoffeln, Hülsenfrüchte, Eier, Vollkorngetreide) decken.

Auch für den weiteren Verlauf der Schwangerschaft empfehlen Mediziner, pro Tag 400 Mikrogramm Folsäure mithilfe von Nahrungsergänzungsmitteln zu substituieren.

Die Tageshöchstdosis an Folsäure beträgt 1.000 Mikrogramm. Wenn man sich an die empfohlene Substitituonsdosis von täglich 400 Mikrogramm hält, kann es kaum zu einer Überdosierung von Folsäure in der Schwangerschaft kommen.

Folsäuremangel: Behandlung

Sie sind ungeplant schwanger geworden und haben vorab keine Folsäure eingenommen? Dann kann Ihr Arzt den Folsäurespiegel in Ihrem Blut messen. Wird dabei ein Mangel an Folsäure festgestellt, hilft die Einnahme von zwei bis fünf Milligramm Folsäure pro Tag. Die Wirkung zeigt sich in der Regel schnell: Die Blutwerte bessern sich schon drei bis vier Tage nach Beginn der Einnahme von Folsäure.

Wieso Folsäure bei Kinderwunsch?

Folsäure spielt schon vor einer Schwangerschaft, also bei der Baybplanung eine wichtige Rolle. Denn ein gut gefüllter Speicher sorgt dafür, dass der Embryo ab dem ersten Schwangerschaftstag vom mütterlichen Organismus ausreichend versorgt werden kann. Die Gefahr von kindlichen Fehlbildungen bei einem Folsäuremangel besteht nämlich hauptsächlich im ersten Drittel der Schwangerschaft, weil sich dann alle Organe entwickeln.

Mediziner empfehlen Frauen mit Kinderwunsch deshalb, Folsäure mindestens vier Wochen vor der Schwangerschaft einzunehmen, um den erhöhten Bedarf von Anfang an decken zu können.

Doch wie viel Folsäure ist bei Kinderwunsch optimal? Die empfohlene Dosis beträgt - wie in der Schwangerschaft - 400 Mikrogramm Folsäure pro Tag zusätzlich zu einer folatreichen Ernährung.

Die Theorie, Folsäure helfe dabei, leichter schwanger zu werden, ist wissenschaftlich nicht belegt.

Sollte Folsäure auch in der Stillzeit genommen werden?

Auch stillende Frauen haben einen erhöhten Folatbedarf und sollten deshalb - als Ergänzung zu einer folatreichen Ernährung - Folsäure-Präparate einnehmen. Die empfohlene Dosis liegt bei 450 Mikrogramm pro Tag.

Folsäure: Gibt es Nebenwirkungen?

Nebenwirkungen im Zusammenhang mit Folsäure-Präparaten sind sehr selten. Sie können auftreten, wenn das Präparat deutlich zu hoch dosiert wurde (mehr als 1.000 Mikrogramm täglich). So kann ein Zuviel von dem Vitamin zu Erregungszuständen, Übelkeit und Magen-Darm-Beschwerden führen. Auch Geschmacksstörungen und Appetitlosigkeit sind möglich. Bei einer längeren Folsäure-Überdosierung kann es zu Depressionen, Albträumen und epileptischen Anfällen kommen.

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Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

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Dr. Daniela Oesterle
Dr.  Daniela Oesterle

Dr. rer. nat. Daniela Oesterle ist Molekularbiologin, Humangenetikerin sowie ausgebildete Medizinredakteurin. Als freie Journalistin schreibt sie Texte zu Gesundheitsthemen für Experten und Laien und redigiert wissenschaftliche Fachbeiträge von Ärzten in deutscher und englischer Sprache. Für ein renommiertes Verlagshaus verantwortet sie die Publikation zertifizierter Fortbildungen für Mediziner.

Sabine Schrör
Sabine Schrör

Sabine Schrör ist freie Autorin der NetDoktor-Medizinredaktion. Sie studierte Betriebswirtschaft und Öffentlichkeitsarbeit in Köln. Als freie Redakteurin ist sie seit mehr als 15 Jahren in den verschiedensten Branchen zu Hause. Die Gesundheit gehört zu ihren Lieblingsthemen.

Quellen:
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  • Biesalski, H. K.: Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente, Georg Thieme Verlag, 2. Auflage, 2019
  • Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): "Jod, Folat/Folsäure und Schwangerschaft" (Stand: 2021), unter: www.bfr.de (Abrufdatum: 06.05.2022)
  • Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): "Ausgewählte Fragen und Antworten zu Folat" (Stand: Dezember 2018), unter: www.dge.de (Abrufdatum: 06.05.2022)
  • Edeler, E. et al.: "Update Folsäurestoffwechsel", in: Gynäkologe 2015;48:159-163
  • Geisslinger, G., et al.: Mutschler Arzneimittelwirkungen - Pharmakologie, Klinische Pharmakologie, Toxikologie, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart, 11. Auflage, 2020
  • Gelbe Liste - Pharmaindex: Folsäure, unter: www.gelbe-liste.de (Abrufdatum: 06.05.2022)
  • Gomes, S. et al.: "Folate and folic acid in the periconceptional period: recommendations from official health organizations in thirty-six countries worldwide and WHO", in: Public Health Nutrition 2016;19(1):176-189
  • Paulus, W. et al.: Pathologie: Neuropathologie, Springer-Verlag, 2012
  • Weyerstahl, T. & Stauber, M.: Duale Reihe – Gynäkologie und Geburtshilfe, Georg Thieme Verlag, 4. Auflage, 2013
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