Sterbebegleitung – Da-Sein bis zum Schluss

Von Dr. Varinka Voigt, Psychologin
und , Medizinredakteurin und Biologin
Martina Feichter

Martina Feichter hat in Innsbruck Biologie mit Wahlfach Pharmazie studiert und sich dabei auch in die Welt der Heilpflanzen vertieft. Von dort war es nicht weit zu anderen medizinischen Themen, die sie bis heute fesseln. Sie ließ sich an der Axel Springer Akademie in Hamburg zur Journalistin ausbilden und arbeitet seit 2007 für NetDoktor - zuerst als Redakteurin und seit 2012 als freie Autorin.

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Die Sterbebegleitung eines alten oder kranken Menschen ist keine leichte Aufgabe. Im Gegenteil: Sie ist eine grosse emotionale Herausforderung. Und diese Herausforderung nehmen einige Menschen bewusst an, freiwillig und unentgeltlich. Was leisten Sterbebegleiter – und was bekommen sie dafür zurück?

Sterbebegleitung

Sterbebegleitung - ein Wort, unter dem sich viele Menschen nichts Genaues vorstellen können oder wollen. Sterben und Tod sind Themen, die sie am liebsten ganz weit von sich schieben. Das Gegenteil machen Sterbebegleiter: Sie stellen sich bewusst dem Tod und begleiten sterbende Menschen während der letzten Lebensphase. Für Sterbende einfach "Da-Sein" - das ist die sehr wertvolle und bedeutende Aufgabe von Sterbebegleitern.

Viele Wege der Sterbebegleitung

Sterbebegleiter können Sterbende in derem Zuhause, in Krankenhäusern, Pflegeheimen oder Hospizen besuchen. Sterbebegleitung ist aber auch über das Telefon, per E-Mail oder im Online-Chat möglich.

Für manche Menschen wie Hospizmitarbeiter, Psychologen und Seelsorger gehört Sterbebegleitung zum Beruf. Für andere ist es eine ehrenamtliche Aufgabe. Ausserdem gibt es zahlreiche Angehörige und Freunde von Sterbenden, welche die Sterbebegleitung automatisch übernehmen, ohne sich bewusst dafür entschieden zu haben.

Was Sterbebegleiter tun können

Sterbebegleiter stehen schwerkranken oder alten Menschen in den verschiedenen Abschnitten der Krankheitsverarbeitung und des Sterbens zur Seite. Menschen, die Sterbebegleitung machen, halten jede Phase mit aus – egal, wie schwierig sie ist. So sind Sterbebegleiter für Sterbende da, wenn diese beispielsweise...

  • Angst vor Schmerzen haben
  • besorgt, nervös, traurig oder reizbar sind
  • Schlaf- und Konzentrationsstörungen haben
  • sich sorgen, ihre Eigenständigkeit zu verlieren und für ihre Angehörigen zur Last zu werden
  • ihre körperliche Schwäche und Endlichkeit als Niederlage ansehen
  • über den Sinn des Lebens, des Sterbens und das, was danach kommt, nachdenken und sprechen möchten
  • sich an verschiedene Moment ihres eigenen Lebens zurückerinnern und davon erzählen möchten
  • Sehnsucht, Reue und viele andere Emotionen verspüren und durchleben
  • letzte Dinge klären und aufarbeiten wollen
  • lernen müssen, die Grenzen der Medizin zu akzeptieren
  • sich vom Leben und den Menschen, die sie lieben, verabschieden müssen
  • weinen und lachen, schreien und singen, wütend und dankbar sind

Sie nehmen die Angst vor der Einsamkeit

Sterbebegleiter sind nicht für die körperliche Pflege oder den Haushalt eines Sterbenden zuständig, sondern für dessen Seele. Das Wichtigste ist, dass der Sterbebegleiter für den Betroffenen da ist. Daraus kann eine ganz eigene, enge Beziehug entstehen.

Meist bestimmt der Patient selbst, wie er seine letzte Zeit gestaltet. Manche einer redet am liebsten über die Vergangenheit oder das, was nach dem Tod kommen könnte. Andere möchten ihre letzten Tage mit Aktivitäten füllen - Singen, Malen, Freunde treffen, einen Ausflug machen. Es gibt aber auch Sterbende, die einfach nur jemanden brauchen, der an ihrem Bett sitzt, ihre Hand hält und gemeinsam mit ihnen still ist. Das kann gleichzeitig das Ruhebedürfnis erfüllen und die Einsamkeitsangst lindern, die viele Sterbende verspüren.

Sterbebegleitung auch für Angehörige

Zur Sterbebegleitung gehört auch, den Angehörigen zu helfen. Viele von ihnen belastet das Wissen, dass ein geliebter Mensch bald nicht mehr da sein wird. Das zu akzeptieren und zugleich die Stunden, Tage, Wochen auszuhalten, bis es soweit ist, kann schwer erträglich sein. Ein Sterbebegleiter kann Betroffenen zur Seite stehen.

Manchmal trauen sich Sterbende und Angehörige zudem nicht, offen miteinander zu kommunizieren - über den Abschied und den Tod. Sterbebegleiter können hier oftmals vermitteln.

Und auch nach dem Tod des Patienten sind Sterbebegleiter noch für Angehörige da. Sie können zum Beispiel helfen, die Beerdigung zu organisieren.

Sterbebegleiter haben selbst etwas davon

Natürlich kann es auch für Sterbebegleiter schwer sein, einem Menschen in seiner Lebensphase beizustehen - besonders, wenn sich die Lebenssituation des Begleiteten und die eigene ähneln. Oder wenn ein Sterbender noch sehr jung ist. Dann kann die Sterbegleitung für den Begleiter emotional belastend oder sogar überfordernd sein. Eine psychologische Supervision und Teambesprechungen (z.B. mit anderen ehrenamtlichen Sterbebegleitern, Kollegen auf der Hospizstation etc.) können dann wertvollen Rückhalt geben.

Diesen Herausforderungen der Sterbebegleitung stehen verschiedene positive Aspekte gegenüber, die Sterbebegleiter zu ihrer Arbeit motivieren. So können viele Begleiter...

  • ihre Arbeit in dem Wissen tun, dass sie sehr wert- und sinnvoll ist
  • den Wert des Lebens und den alter, kranker und einsamer Menschen mehr schätzen
  • durch die häufige Konfrontation mit dem Tod diesen immer mehr als Teil des Lebens erkennen und erleben
  • durch ihre Arbeit auch mit dem Sterben von eigenen Angehörigen besser umgehen

Wer eignet sich als Sterbebegleiter?

Damit die positiven Gefühle während der Sterbebegleitung überwiegen, hilft es, wenn Begleiter bestimmte Eigenschaften mitbringen. Dazu gehören Empathie, Fürsorglichkeit und Zuverlässigkeit sowie wie die Fähigkeit, sich abzugrenzen und nicht Trauer und Wut mit nach Hause zu nehmen. Auch Humor und ein ausgefülltes Privatleben können ehrenamtlichen bzw. professionellen Sterbebegleitern helfen, die oft emotional fordernde Arbeit zu bewältigen.

Von Vorteil kann es zudem sein, wenn jemand bereits eigene Schicksalsschläge erlebt und verarbeitet hat. Der Betreffende ist dann oft für das Leid anderer besser gewappnet. Wenn man allerdings gerade selber eine schwierige Zeit durchmacht, kann man der Aufgabe eines Sterbebegleiters möglicherweise nicht in vollem Ausmass gerecht werden.

Wer bereits in einem Gesundheitsberuf wie Krankenpflege arbeitet, kann eine Weiterbildung in der Palliativpflege machen und dann beruflich Sterbende begleiten. Für Menschen, die ehrenamtlich Sterbebegleitung machen möchten, bieten verschiedene Stellen (z.B. soziale und kirchliche Vereine) entsprechende Kurse an.

Autoren- & Quelleninformationen

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Autoren:
Dr.  Varinka Voigt

Martina Feichter hat in Innsbruck Biologie mit Wahlfach Pharmazie studiert und sich dabei auch in die Welt der Heilpflanzen vertieft. Von dort war es nicht weit zu anderen medizinischen Themen, die sie bis heute fesseln. Sie ließ sich an der Axel Springer Akademie in Hamburg zur Journalistin ausbilden und arbeitet seit 2007 für NetDoktor - zuerst als Redakteurin und seit 2012 als freie Autorin.

Quellen:
  • Bayrische Stiftung Hospiz: "In Würde leben bis zuletzt: die Hospizidee", unter: www.bayerische-stiftung-hospiz.de (Abruf: 27.10.2021)
  • Deutsches Ärzteblatt: "Mitarbeiter von Palliativstationen starken psychischen Belastungen ausgesetzt", Meldung vom 20.10.2010, unter: www.aerzteblatt.de
  • Fegg, M. et al.: Psychologie und Palliative Care: Aufgaben, Konzepte und Interventionen in der Begleitung von Patienten und Angehörigen. Kohlhammer Verlag, Stuttgart, 1. Auflage 2012
  • Internationale Gesellschaft für Sterbebegleitung und Lebensbeistand e.V. (IGSL): www.igsl-hospiz.de (Abruf: 27.10.2021)
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