Palliativmedizin – alternative Therapien

Von , Biologin
Dr. Daniela Oesterle

Dr. rer. nat. Daniela Oesterle ist Molekularbiologin, Humangenetikerin sowie ausgebildete Medizinredakteurin. Als freie Journalistin schreibt sie Texte zu Gesundheitsthemen für Experten und Laien und redigiert wissenschaftliche Fachbeiträge von Ärzten in deutscher und englischer Sprache. Für ein renommiertes Verlagshaus verantwortet sie die Publikation zertifizierter Fortbildungen für Mediziner.

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Wer die Diagnose einer unheilbaren Krankheit erhält, gerät meist in einen psychischen Notstand und befürchtet einen qualvollen letzten Lebensabschnitt. Viele Betroffene und ihre Angehörigen möchten dann nichts unversucht lassen und wenden sich alternativen oder komplementären Therapiemethoden zu. Was man darunter versteht und welchen Beitrag solche nicht-schulmedizinischen Verfahren zur Linderung von Beschwerden leisten können, lesen Sie hier!  

Alternativmedizin

Die palliative Betreuung bei einer unheilbaren, fortschreitenden Krankheit fordert medizinische Fachkräfte, Angehörige und vor allem den Betroffenen enorm. Fachärzten fällt die Aufgabe zu, umfassend über die Erkrankung und die Behandlungsmöglichkeiten zu informieren und bei der Therapie ethische Grenzen zu beachten. Über die Betroffenen hingegen brechen Angst und Ohnmacht herein - gerade bei Erkrankungen, die plötzlich ins Leben treten wie unheilbare Tumorerkrankungen. Zusätzlich belasten die mitunter schweren Nebenwirkungen einer Chemo- und Strahlentherapie sowohl Körper als auch Psyche.

Verständlich ist daher die Suche vieler Patienten - und oft auch von Angehörigen - nach Therapiemethoden abseits der "Schulmedizin" also der wissenschaftlich fundierten (evidenzbasierten) Medizin.

Alternative und komplementäre Therapien

Laut Definition sollen "alternative Therapien" eine Alternative zu einer schulmedizinischen Behandlung sein. Allerdings fehlen für deren Wirksamkeit in den meisten Fällen überprüfbare Daten. Auf eine ärztlich empfohlene Behandlung (wie Chemotherapie) zu verzichten und stattdessen auf eine alternative Heilmethode zu vertrauen, kann also gesundheitliche Risiken bergen.

Die meisten Patienten wenden sich aber gar nicht von der Schulmedizin ab, sondern möchten vielmehr ergänzend dazu noch andere Therapieformen versuchen. Man spricht dann von komplementären Therapien. Ihre Wirksamkeit ist ebenfalls oft wissenschaftlich nicht ausreichend belegt. Allerdings sprechen vielfach langjährige und gute Erfahrungen mit solchen Methoden für ihre Anwendung.

Eine Kombination aus klassischer (schulmedizinischer) und komplementären Therapiemethoden kann also durchaus sinnvoll sein. Interessierte Patienten sollten unbedingt mit ihrem behandelnden Arzt sprechen. Er kann ein geeignetes kombiniertes Behandlungkonzept erarbeiten - gegebenenfalls zusammen mit einem Facharzt, der nicht nur mit der Schulmedizin, sondern auch mit der komplementären Medizin vertraut ist. Denn obwohl komplementäre Methoden meist sanfte Verfahren sind, kann mitunter auch die Gefahr ernster Nebenwirkungen bestehen.

Beschwerden lindern mit komplementären Therapien

Unabhängig davon, ob die letzte Lebensphase aufgrund des hohen Alters des Patienten oder durch eine schwere Erkrankung wie Krebs eintritt – zu den häufigsten Beschwerden gehören Erschöpfung, Übelkeit und Erbrechen, Entzündungen der Mundschleimhaut, Mundtrockenheit, Gewichtsverlust und Schmerzen.

Ergänzend zur schulmedizinischen Behandlung können zur Linderung solcher Beschwerden komplementäre Verfahren genutzt werden (in Absprache mit dem behandelnden Arzt). Im Folgenden Beispiele für komplementäre Methoden, die im Einzelfall hilfreich sein können:

  • Traditionelle Chinesische Medizin (TCM): Die Akupunktur, ein Teilgebiet der TCM, hilft gegen Schmerzen, Schlafstörungen, Übelkeit und Erbrechen. Auch Qigong, Tai Chi und Akupressur verbessert bei manchen Patienten die Lebensqualität.
  • Phytotherapie: Manche Heilpflanzen regen den Appetit an, andere beruhigen entzündete Mundschleimhäute, wieder andere helfen gegen Schwäche, Übelkeit, Erbrechen, Schlafstörungen oder depressive Verstimmung. Achtung: Einige Heilkräuter können die Wirkung von Medikamente beeinflussen (z.B. Johanniskraut) oder ernste Nebenwirkungen haben!
  • Misteltherapie: Präparate auf Basis der Mistel werden oft als alternatives Krebsmittel eingesetzt, obwohl eine gegen den Krebs gerichtete Wirkung noch nicht ausreichend belegt ist. Die Therapie ist jedoch gut verträglich und kann krebsbedingte Schmerzen reduzieren, die Stimmungslage und das Allgemeinbefinden bessern.
  • Vitamin-/Mineralstoffpräparate: Nahrungsergänzungsmittel mit Vitaminen und/oder Mineralstoffen können nutzen, aber auch Schaden anrichten. So kann etwa Selen gegen entzündete Mundschleimhäute helfen, in hoher Dosis aber möglicherweise das Krebsrisiko steigern. Vitamin C ist unter anderem wichtig für die Immunabwehr. Hoch dosiert kann es sich aber negativ auf Krebstherapien auswirken und so die Lebenserwartung verkürzen.
  • Homöopathie: Homöopathische Pärparate sollen bei verschiedenen Beschwerden Linderung verschaffen, beispielsweise bei Übelkeit oder Durchfall.
  • Ayurveda: Zur körperlichen und geistigen Stärkung helfen ayurvedische Behandlungen, beispielsweise Ölmassagen, Ernährung oder Kräuterpräparate.
  • Aromatherapie: Ätherische Öle dienen als Duftstoffe, werden auf die Haut aufgetragen oder über Inhalation aufgenommen. Sie stimulieren die olfaktorische Wahrnehmung und können - je nach gewähltem Öl - zum Beispiel beruhigend oder aktivierend wirken.
  • Bewegungstherapien: Bewegung hilft gegen Erschöpfung, Appetitmangel, Muskelabbau, Depression oder Antriebsarmut. Welche Art von Bewegungstherapie in welchem Ausmass sinnvoll ist, hängt von der individuellen Situation des Patienten ab.
  • Lachtherapie: Lachen als Therapie kann Kraftreserven öffnen, emotionale und geistige Fähigkeiten fördern und möglicherweise Schmerzen verringern. Auch ohne wissenschaftlich untermauerte Beweise ist Humor in der palliativen Phase sehr gesund.
  • Kunst- und Musiktherapie: Kreativität kann gegen belastende Emotionen wie Ängste helfen. Das Gleiche gilt für Musik, insbesondere die eigene Lieblingsmusik. Sie wird etwa von Sterbenden sehr lange wahrgenommen und verbessert den seelischen Zustand.
  • Ergo- und Logotherapie: Mithilfe dieser Therapien können geistige und motorische Reserven gefördert werden. Die Übungen helfen auch gegen Schluckstörungen, einen veränderten Geschmacksinn oder Mangelernährung.
  • Berührungstherapie: Streicheln der Haut, regelmässige Veränderung der Körperlage, Massagen oder das Legen von Gegenstände in die Hände der Patienten fördern das Wohlbefinden, oft auch in der Sterbephase.

Vorsicht vor Heilsversprechen

Gelegentlich werden alternative Therapien oder Präparate angeboten, die eine völlige Heilung oder eine drastische Besserung fortgeschrittener Erkrankungen versprechen. Wird zudem die schulmedizinische Behandlung als wenig wirksam dargestellt und von ihr abgeraten, ist Vorsicht geboten. Sprechen Sie mit Ihrem Facharzt, wenn Sie sich für Therapien abseits der Schulmedizin interessieren. Er kann Sie zu komplementären Verfahren beraten, die sinnvoll ihre laufende Behandlung unterstützen können.

Die Angst vor dem Sterben nehmen

Zur Aufgabe des Palliativmediziners gehört es zudem, den Patienten darüber zu informieren, wann schulmedizinische Behandlungen wie Strahlen- und Chemotherapie oder Langzeitbeatmung nicht mehr sinnvoll sind. Medikamente oder sanfte Therapien helfen dann, Beschwerden wie Schmerzen oder Ängste zu lindern. Zuletzt bleiben die Sinne Fühlen, Sehen, Hören und Riechen. Sanftes Streicheln, geliebte Gemälde oder Fotografien in Sichtweite, angenehme Musik und natürliche Raumdüfte bilden einen würdevollen Rahmen für das Sterben, das ebenso zum Leben gehört wie die Geburt.

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Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Autor:
Dr. Daniela Oesterle
Dr.  Daniela Oesterle

Dr. rer. nat. Daniela Oesterle ist Molekularbiologin, Humangenetikerin sowie ausgebildete Medizinredakteurin. Als freie Journalistin schreibt sie Texte zu Gesundheitsthemen für Experten und Laien und redigiert wissenschaftliche Fachbeiträge von Ärzten in deutscher und englischer Sprache. Für ein renommiertes Verlagshaus verantwortet sie die Publikation zertifizierter Fortbildungen für Mediziner.

Quellen:
  • Büntzel J. et al.: "Integrative Behandlungsansätze in der Palliativmedizin" in: Der Onkologe 2013;19:762–767
  • Hübner J. et al.: "Komplementäre und alternative Medizin in der Palliativmedizin bei Tumorpatiente - Expertenkonsens zur Beratung" in: Der Onkologe 2013;19:101–107
  • Hübner J.: "Stellungnahme zu: Komplementäre Onkologie – Update 2014", in: Der Onkologe 2015;21:341–343
  • Krebsinformationsdienst des Deutschen Krebsforschungszentrums: "Alternative und komplementäre Methoden in der Krebstherapie: Ein Überblick" (Stand: 06.01.2019), unter: http://www.krebsinformationsdienst.de
  • Krebsverband Baden-Württemberg e.V.: Patientenratgeber Komplementäre Verfahren (Stand: März 2021), unter: www.krebsverband-bw.de
  • Münstedt K., Hübner J.: "Alternative Medizin bei Tumorerkrankungen", in: Der Onkologe 19, 117–124 (2013)
  • Wedding U.: "Palliative und supportive Betreuung onkologischer Patienten" in: Der Onkologe 2014;20(1):66–71
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