Mutter leidet unter Depressionen

Wochenbettdepression: Hohes Risiko in der Pandemie

Von , Medizinredakteurin
Christiane Fux

Christiane Fux studierte in Hamburg Journalismus und Psychologie. Seit 2001 schreibt die erfahrene Medizinredakteurin Magazinartikel, Nachrichten und Sachtexte zu allen denkbaren Gesundheitsthemen. Neben ihrer Arbeit für NetDoktor ist Christiane Fux auch in der Prosa unterwegs. 2012 erschien ihr erster Krimi, außerdem schreibt, entwirft und verlegt sie ihre eigenen Krimispiele.

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Jede dritte Frau, die in der frühen Pandemie ein Kind bekam, entwickelte einer US-Studie zufolge eine Wochenbettdepression (postpartale Depression). Das waren rund viermal so viele wie vor der Pandemie.

Dabei ist die Geburt eines Kindes für viele Menschen einer der glücklichsten Momente im Leben. Doch auch in normaleren Zeiten leiden viele Mütter nicht nur unter dem (vor allem hormonell bedingten) „Babyblues“, der schnell von allein vergeht, sondern entwickeln eine sogenannte postpartale Depression, die schnell behandelt werden sollte.

Sind sonst acht bis zehn Prozent der Frauen betroffen - und damit viel mehr, als viele vermuten -, scheint das Risiko für Depressionen innerhalb der ersten Monate nach der Geburt während der frühen Phase der Pandemie erheblich gestiegen zu sein.

Jede dritte Mutter war depressiv

Forschende um Clayton J. Shuman von der University of Michigan haben dazu 670 Mütter am Juli 2020 per Onlinefragebogen befragt. Neben Angaben rund um Schwangerschaft, Pandemieängste und soziale Situation gaben die Frauen Auskunft zu typischen Depressionssymptomen auf der „Edinburgh Postnatal Depression Scale“ (EPDS). Dieser international verwendete Fragebogen ermittelt eine mögliche Depression nach der Geburt.

Die Auswertung ergab beachtliche Zahlen:

  • Mehr als eine von drei Befragten (38 Prozent) erfüllten die Kriterien einer postpartalen Depression.
  • Jede fünfte litt sogar an schweren Depressionen.
  • Eine von fünf der depressiv getesteten Frauen gab an, Gedanken zur Selbstschädigung zu haben.

„Ich war überrascht, wie viele Frauen positiv auf Depressionen und schwere Depressionen getestet wurden“, erklärt Studienautor Shuman.

Angst vor dem Virus

Einen wesentlichen Anteil am Anstieg von postpartalen Störungen dürften Ängste gehabt haben, die mit der Pandemie einhergingen. Frauen, die angaben, Angst zu haben, dass sich ihr Kind oder sie selbst mit Sars-CoV-2 infizieren könnten, entwickelten mit 78 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit Depressionen nach der Geburt wie weniger besorgte Mütter.

Kontaktbeschränkungen: Isoliert nach der Geburt

Doch auch die Lockdownmassnahmen mit den verbundenen Kontaktbeschränkungen dürften einen erheblichen Effekt gehabt haben: Sie verstärkten nicht nur finanzielle Sorgen, Isolation und damit Ängste. Viele Frauen erhielten in diese Phase zudem weniger Unterstützung von privater wie professioneller Seite, als es sonst möglich gewesen wäre.

Das befördert bekanntermassen Sorgen und Ängste und erschwert es den Frauen, sich Hilfe zu holen, wenn es mit etwa dem Stillen nicht klappt. Tatsächlich hatten Untersuchungen zufolge 27 Prozent der Frauen während der COVID-19-Pandemie keine angemessene Unterstützung beim Stillen.

Warum nicht stillende Mütter häufiger betroffen waren

So liesse sich auch erklären, warum postpartale Depressionen unter 10 Prozent der Müttern, die ihr Kind mit Fertigmilch fütterten, auffällig verbreitet waren: Im Vergleich zu jenen, die ihre Kinder stillten bzw. mit abgepumpter Muttermilch versorgten, war ihr Risiko für Depressionen nach der Geburt 92 Prozent höher, ihr Risiko für schwere Depressionssymptome um 72 Prozent.

Wenn das Nicht-Stillen keine freie Entscheidung der Mutter ist, sondern Folge von Isolation und Stillproblemen, ist das nochmals erhöhte Depressionsrisiko nachvollziehbar.

Mütter brauchen Unterstützung!

Auch wenn die pandemiebedingten Einschränkungen inzwischen deutlich weniger spürbar sind und Wochenbettdepressionen entsprechend wieder zurückgegangen sein dürften, zeigt die Untersuchung, wie wesentlich soziale Unterstützung für Mütter in der schwierigen ersten Monaten nach der Niederkunft ist.

Wochenbettdepressionen rasch behandeln

Wichtig ist vor allem, postpartale Depressionen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln – auch im Interesse der Kinder. Viele Betroffene zögern, sich Hilfe zu holen, weil ihr Gemütszustand und ihre Gefühle weit von dem abweichen, was sie selbst und ihre Umwelt vom „Mutterglück“ erwarteten. Das erzeugt Scham und Schuldgefühle. Das Wissen, dass Wochenbettdepressionen keinesfalls ungewöhnlich sind und viele so empfinden, kann hier eine grosse Erleichterung sein.

Es kann auch Väter treffen

Im Übrigen trifft es nicht nur Frauen, sondern auch die Männer. Auch von ihnen entwickeln immerhin rund fünf Prozent Depressionen, wenn sie Vater werden. Denn auch ihr bisheriges Leben wird auf den Kopf gestellt. Gleichzeitig tragen viele schwer an der neuen Verantwortung und fühlen sich unter Umständen von der Mutter-Kind-Einheit ausgeschlossen. Und Männern fällt es sogar noch schwerer, sich Hilfe zu suchen, als den Frauen.

Autoren- & Quelleninformationen

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Christiane Fux studierte in Hamburg Journalismus und Psychologie. Seit 2001 schreibt die erfahrene Medizinredakteurin Magazinartikel, Nachrichten und Sachtexte zu allen denkbaren Gesundheitsthemen. Neben ihrer Arbeit für NetDoktor ist Christiane Fux auch in der Prosa unterwegs. 2012 erschien ihr erster Krimi, außerdem schreibt, entwirft und verlegt sie ihre eigenen Krimispiele.

Quellen:
  • Clayton J. Shuman et al. : Postpartum depression and associated risk factors during the COVID-19 pandemic. BMC Research Notes (2022) 15:102, DOI: https://doi.org/10.1186/s13104-022-05991-8
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