Cannabis und Tabletten

Riskante Kombination: Cannabis und Medikamente

Von , Medizinredakteurin
Christiane Fux

Christiane Fux studierte in Hamburg Journalismus und Psychologie. Seit 2001 schreibt die erfahrene Medizinredakteurin Magazinartikel, Nachrichten und Sachtexte zu allen denkbaren Gesundheitsthemen. Neben ihrer Arbeit für NetDoktor ist Christiane Fux auch in der Prosa unterwegs. 2012 erschien ihr erster Krimi, außerdem schreibt, entwirft und verlegt sie ihre eigenen Krimispiele.

Alle NetDoktor-Inhalte werden von medizinischen Fachjournalisten überprüft.

Wer Cannabis konsumiert und gleichzeitig Medikamente einnimmt, kann Probleme bekommen: Die verschiedenen Marihuana-Wirkstoffe (sogenannte Cannabinoide) treten in Wechselwirkung mit einer Vielzahl von Medikamenten - von gängigen Schmerzmitteln über Antidepressiva bis zu Krebsmedikamenten. Die Problematik gilt auch für medizinische Cannabis-Produkte.

Herausgefunden hat das ein Forscherteam um Philip Lazarus von der Washington State University (WSU). Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass Cannabinoide und ihre Abbauprodukte die Funktion zweier wichtige Enzymfamilien stören, die an der Verstoffwechselung einer breiten Palette von Arzneien beteiligt sind. Etwa 70 Prozent der am häufigsten verwendeten Medikamente seien davon betroffen, schätzen die Autoren.

Toxische Anreicherungen in den Organen

Werden deren Inhaltsstoffe im Körper aufgrund der Cannabiswirkung zu schnell abgebaut, kann ihre Wirksamkeit deutlich abnehmen. Umgekehrt können aber auch Nebenwirkungen verstärkt werden, weil die Medikamente zu langsam abgebaut werden. Sie reichern sich dann im Körper an.

"Die Einnahme von Cannabidiol oder Marihuana kann Medikamente, die Sie einnehmen, toxischer machen", warnt die Erstautorin Shamema Nasrin, Doktorandin am WSU College of Pharmacy and Pharmaceutical Sciences.

Das bedeutet, ein gleichzeitiger Konsum von Medikamenten und Cannabis könnte Nebenwirkungen verstärken und Organe wie Leber und Nieren langfristig schädigen. Und das gilt auch für den Einsatz von medizinischem Cannabis und frei verkäuflichen Cannabidiol-haltigen Hanfölen.

Die Forscher haben die Wirkung dreier wichtiger Cannabinoide sowie deren Abbauprodukte (Metabolite) untersucht: Tetrahydrocannabinol (THC), Cannabidiol (CBD) und Cannabinol (CBN).

"Cannabinoide werden zwar innerhalb von 30 Minuten abgebaut " erklärt Nasrin. Die Abbauprodukte, die bei diesem Prozess entstünden, blieben aber bis zu 14 Tage im Körper - und das in höheren Konzentrationen als Cannabinoide selbst. „In früheren Studien wurden die Metabolite übersehen. Deshalb haben wir uns auf sie konzentriert.“

Cannabinoide hemmen wichtige Stoffwechselenzyme

Anhand von Zellkulturen sowie Proben aus menschlichem Leber- und Nierengewebe beobachteten die Forscher die Wirkung auf zwei wichtige Enzymfamilien: Cytochrom P450 (CYP) und UDP-Glucuronosyltransferasen (UGT).

Das Ergebnis: Cannabinoide und ihre Abbauprodukte hemmen Enzyme beider Klassen. Insbesondere betroffen waren dabei Schlüsselenzyme der Leber und der Nieren. Die Aufgabe dieser Organe ist es, Giftstoffe und bestimmte Medikamente abzubauen beziehungsweise wieder aus dem Körper zu entfernen. Sind diese Funktionen gestört, reichern sie sich im Körper an.

Ein Joint kann schon zu viel sein

Bislang haben die Forscher die Effekte anhand von Zellkulturen beobachtet. Doch wie stark wäre die Auswirkung eines Joints tatsächlich? Um das einzuschätzen, berechneten die Wissenschaftler den sogenannten IC50-Wert. Er beschreibt die sogenannte Hemmkonstante, bei der eine bestimmte Konzentration des Hemmstoffs die Enzymaktivität um 50 Prozent verringert. „Dieser Wert spiegelt die Wirkung eines Hemmstoffs auf ein Enzym wider, unabhängig davon, ob es sich in einer Zellkultur oder in Ihrem Blut befindet“, erklärt Lazarus auf Nachfrage von NetDoktor.

Bei den untersuchten Stoffen liege der IC50-Wert oft im Bereich von 0,1 bis 1 Nanomol, berichtet Lazarus. Zum Vergleich: Nach dem Rauchen einer Marihuana-Zigarette mit einem üblichen Gehalt von 10 mg THC liegt die Konzentration der verschiedenen Cannabinoide bei 0,35 Nanomol, die der Hauptabbauprodukte bei 0,06 bzw. 1,6 Nanomol. Das haben frühere Untersuchungen ergeben.

Ein einziger Joint könnte also durchaus ausreichen, um die Wirksamkeit vieler wichtiger Enzyme um die Hälfte zu verringern. „Die Plasmaspiegel der Cannabinoide werden höher oder ähnlich hoch sein wie die Hemmkonzentrationen, die wir gemessen haben“, bestätigt Lazarus.

Ob die Fähigkeit des Körpers, andere Stoffe zu verstoffwechseln, dadurch tatsächlich beeinträchtigt wird, überprüfen die Forscher derzeit in klinischen Studien.

Auch Cannabis auf Rezept kann schaden

"Es ist eine Sache, wenn man jung und gesund ist und ab und zu Cannabis raucht. Aber für ältere und kranke Menschen, die Medikamente einnehmen, kann sich die Einnahme von CBD oder medizinischem Marihuana negativ auf ihre Behandlung auswirken", so Lazarus. Auch könnten vorgeschädigte Organe durch Cannabis weiter belastet werden.

Vor allem müssen Ärzte dies beim medizinischen Einsatz von Cannabis berücksichtigen. Cannabinoide können Symptome wie Übelkeit, Schmerzen und Spastiken erheblich lindern.

Die Präparate werden daher unter anderem zur Behandlung von Multipler Sklerose, Epilepsie, neuropathischen Schmerzen, Arthritis, Übelkeit und Erbrechen aufgrund von Chemotherapie, Depressionen, Angststörungen, Schlafstörungen, Psychosen, Glaukom und Tourette-Syndrom sowie zur Appetitanregung bei HIV/AIDS eingesetzt.

Autoren- & Quelleninformationen

Jetzt einblenden
Datum :
Autor:

Christiane Fux studierte in Hamburg Journalismus und Psychologie. Seit 2001 schreibt die erfahrene Medizinredakteurin Magazinartikel, Nachrichten und Sachtexte zu allen denkbaren Gesundheitsthemen. Neben ihrer Arbeit für NetDoktor ist Christiane Fux auch in der Prosa unterwegs. 2012 erschien ihr erster Krimi, außerdem schreibt, entwirft und verlegt sie ihre eigenen Krimispiele.

Quellen:
  • Shamema Nasrin et al.: Cannabinoid Metabolites as Inhibitors of Major Hepatic CYP450 Enzymes, with Implications for Cannabis-Drug Interactions, Drug Metabolism and Disposition, Dezember 2021, 49 (12) 1070-1080; DOI: https://doi.org/10.1124/dmd.121.000442
Teilen Sie Ihre Meinung mit uns
Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie NetDoktor einem Freund oder Kollegen empfehlen?
Mit einem Klick beantworten
  • 0
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0 - sehr unwahrscheinlich
10 - sehr wahrscheinlich