Frau lehnt Glas mit Milch ab

Milch kann MS-Symptome verstärken

Von , Medizinredakteurin
Christiane Fux

Christiane Fux studierte in Hamburg Journalismus und Psychologie. Seit 2001 schreibt die erfahrene Medizinredakteurin Magazinartikel, Nachrichten und Sachtexte zu allen denkbaren Gesundheitsthemen. Neben ihrer Arbeit für NetDoktor ist Christiane Fux auch in der Prosa unterwegs. 2012 erschien ihr erster Krimi, außerdem schreibt, entwirft und verlegt sie ihre eigenen Krimispiele.

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Manche Menschen mit Multipler Sklerose bemerken nach dem Genuss von Milchprodukten stärkere Beschwerden. Die mögliche Ursache: Ein bestimmtes Protein der Milch kann allergische Reaktionen auslösen, die sich auch gegen die „Isolierschicht“ der Nervenzellen richten, die sogenannte Myelinschicht.

Diese fettähnliche Substanz verhindert Kurzschlüsse im Nervensystem und beschleunigt die Reiz-Weiterleitung. Bei Menschen mit Multipler Sklerose greifen Immunzellen die Isolierschicht an, was Lähmungen und Missempfindungen verursachen kann.

Lähmungsschübe nach dem Joghurt

„Wir hören immer wieder von Betroffenen, dass es ihnen schlechter geht, wenn sie Milch, Quark oder Joghurt zu sich nehmen“, erklärt Stefanie Kürten vom Anatomischen Institut des Universitätsklinikums Bonn. „Uns interessiert die Ursache für diesen Zusammenhang.“

Deshalb haben die Forschenden Mäusen verschiedene Proteine aus der Kuhmilch injiziert. „So wollten wir herausfinden, ob es einen Bestandteil gibt, auf den sie mit Krankheitssymptomen reagieren.“ Tatsächlich wurde das Team fündig: Als sie den Tieren das Kuhmilch-Protein Casein zusammen mit einem Wirkverstärker verabreichten, entwickelten die Mäuse neurologische Störungen.

Nervenschutzschicht massiv beschädigt

Unter dem Elektronenmikroskop konnten die Forschenden sehen, dass die Myelinschicht massiv beschädigt worden war. Sie vermuten, dass auch bei den Mäusen eine fehlgeleitete Immunreaktion für die Schäden verantwortlich ist. „Die körpereigene Abwehr attackiert eigentlich das Casein, zerstört dabei aber auch Proteine, die an der Bildung des Myelins beteiligt sind“, sagt Rittika Chunder, die an der Untersuchung beteiligt war.

Eine solche Kreuzreaktivität kann auftreten, wenn sich zwei Moleküle zumindest in Teilen sehr ähneln. Das Immunsystem verwechselt sie dann gewissermassen miteinander. Die Forschenden haben das Casein mit verschiedenen Molekülen verglichen, die für die Produktion von Myelin wichtig sind. Dabei stiessen sie auf ein Eiweiss namens MAG. „Es sieht dem Casein in manchen Bereichen ausgesprochen ähnlich“, berichtet Chunder. Die Struktur ist so ähnlich, dass sich Antikörper gegen Casein ebenso gegen MAG richteten.

Experimente mit menschlichen Hirnzellen zeigten, dass sich die Casein-Antikörper vor allem an Zellen anlagerten, die für die Myelinproduktion zuständig sind.

Kuhmilchallergie als Risikofaktor

Davon sind allerdings nur MS-Kranke betroffen, die gegen Kuhmilch-Casein allergisch sind. Sobald sie Frischmilchprodukte zu sich nehmen, stellt ihr Immunsystem massenhaft Casein-Antikörper her, die aufgrund der Kreuzreaktivität auch die Myelinschicht um die Nervenfasern angreifen.

„Wir entwickeln momentan einen Selbsttest, mit dem Betroffene überprüfen können, ob sie entsprechende Antikörper in sich tragen“, sagt Kürten. Zumindest diese Subgruppe von MS-Patienten sollte auf den Konsum von Milch, Joghurt oder Quark verzichten.

Denkbar ist auch, dass der Genuss von Kuhmilch insgesamt das Risiko erhöht, an MS zu erkranken. Entwickeln Menschen eine Allergie, kann auch bei ihnen eine Kreuzreaktivität mit dem Myelin auftreten. Tatsächlich sind die MS-Zahlen in Bevölkerungsgruppen erhöht, in denen viel Kuhmilch konsumiert wird, berichtet Kürten.

Allerdings entwickelt nicht jeder mit Milchallergie MS. Damit die Krankheit ausbricht, sind noch weitere auslösende Faktoren nötig.

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Christiane Fux studierte in Hamburg Journalismus und Psychologie. Seit 2001 schreibt die erfahrene Medizinredakteurin Magazinartikel, Nachrichten und Sachtexte zu allen denkbaren Gesundheitsthemen. Neben ihrer Arbeit für NetDoktor ist Christiane Fux auch in der Prosa unterwegs. 2012 erschien ihr erster Krimi, außerdem schreibt, entwirft und verlegt sie ihre eigenen Krimispiele.

Quellen:
  • Rittika Chunder et al.: Antibody cross-reactivity between casein and myelin-associated glycoprotein results in central nervous system demyelination with implications for the immunopathology of multiple sclerosis; PNAS; DOI: https://doi.org/10.1073/pnas.2117034119
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