Frau mit Einkaufskorb im Supermarkt

Industrielle Lebensmittel: Risiko für Infarktpatienten

Von , Medizinredakteurin
Christiane Fux

Christiane Fux studierte in Hamburg Journalismus und Psychologie. Seit 2001 schreibt die erfahrene Medizinredakteurin Magazinartikel, Nachrichten und Sachtexte zu allen denkbaren Gesundheitsthemen. Neben ihrer Arbeit für NetDoktor ist Christiane Fux auch in der Prosa unterwegs. 2012 erschien ihr erster Krimi, außerdem schreibt, entwirft und verlegt sie ihre eigenen Krimispiele.

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Dass Tütensuppen, Tiefkühlpizza und süsse Frühstücksflocken nicht allzu gesund sind, ist den meisten wohl klar. Wie sich ihr Konsum auf das Herz-Kreislauf-System konkret – und schwerwiegend! – auswirken könnte, ahnen vermutlich wenige.

Den Einfluss industriell hochverarbeiteter Nahrungsmittel haben die Forscher um Marialaura Bonaccio vom IRCCS Istituto Neurologico Mediterraneo Neuromed in Pozzilli, Italien nun speziell für Menschen untersucht, die schon einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten haben.

60 Prozent höheres Risiko für eine zweiten Infarkt

„Verglichen mit Teilnehmern, die extrem verarbeitete Lebensmittel seltener essen, haben Menschen mit einem höheren Verzehr ein um zwei Drittel erhöhtes Risiko für einen zweiten Herzinfarkt oder Schlaganfall - diesmal häufiger mit tödlichem Ausgang“, so Studienleiterin Bonaccio. Auch die Wahrscheinlichkeit, an einer anderen Ursache zu sterben, liege für diese Patienten um 40 Prozent höher.

Als Hochkonsumenten definierten die Forscher Teilnehmer, bei denen hochverarbeitete Produkte mehr als 11 Prozent der Ernährung ausmachten. Als niedriger Konsum wurde ein Anteil von unter 4,7 Prozent festgelegt.

Die Wissenschaftler hatten mehr als 1100 Teilnehmer über einen Zeitraum von zehn Jahren begleitet. Alle litten bereits an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung, als sie in die Studie aufgenommen wurden.

Was sind „hochverarbeitete Lebensmittel“?

Für die Untersuchung fokussierten sich die Forscher auf den Zusammenhang zwischen schweren Herz-Kreislauf-Ereignissen und industriell hochverarbeiteten Lebensmitteln.

Diese enthalten oder bestehen aus Stoffen, die beim Zubereiten frischer Mahlzeiten normalerweise nicht verwendet werden. Sie dienen dazu, Kosten bei der Produktion zu senken, die Lebensmittel haltbarer zu machen, Aussehen, Konsistenz oder Geschmack zu verbessern oder die Produktion zu erleichtern.

Dazu gehören unter anderem:

  • gehärtete Fette
  • Farbstoffe
  • Konservierungsmittel
  • Antioxidantien
  • Trennmittel
  • Geschmacksverstärker
  • Süssstoffe
  • hydrolysierte Proteine
  • Maltodextrine

Beispiel Fruchtjoghurt – von wegen „natürlich“

Typische Vertreter sind Fertiggerichte wie Tiefkühlpizzen und Instantsuppen, Kekse aus der Packung, Softdrinks, aber auch scheinbar unverdächtige Produkte wie Zwieback, Frühstücksflocken und Fruchtjoghurt. Dessen Geschmack basiert meist überwiegend auf Aromastoffen, angereichert mit reichlich Zucker.

„Natürliches Aroma“ bedeutet hier nicht, dass dieser aus den abgebildeten Erdbeeren stammt, sondern auf Basis eines anderen natürlichen Stoffes – unter aufwendiger Verarbeitung. So reichern die Hersteller den Joghurt beispielsweise mit Ballaststoffen aus Apfelzellulose für das Fruchtstückchen-Gefühl im Mund an.

Denn z.B. Himbeeren und Erdbeeren sind empfindlich im Transport und ziemlich teuer. Mit Natürlichkeit hat das Ganze wenig zu tun.

Der Nährstoffgehalt ist nicht alles

Im Rahmen der Studie haben die Forscher die genannten Lebensmittel anhand des NOVA-Systems klassifiziert, das Lebensmittel nach dem Grad ihrer Verarbeitung einstuft – und nicht nach ihrem Nährwert. Denn dieser gibt nur die halbe Wahrheit preis – nämlich den Anteil von Fett, Kohlenhydraten und Eiweiss. Aber aus welchen Quellen diese stammen und mit welchen Zusatzstoffen sie versetzt wurden, bleibt unberücksichtigt.

Es sei zu betonen, dass die Definition von extrem verarbeiteten Lebensmitteln nicht mit dem Nährstoffgehalt zusammenhänge, sondern vielmehr mit dem Verfahren, das für ihre Zubereitung und Lagerung verwendet werde, schreiben die Forscher.

Vorsicht Falle: Ausgewogen aber hochverarbeitet

„Mit anderen Worten: Selbst, wenn ein Lebensmittel ernährungsphysiologisch ausgewogen erscheint, kann es dennoch ultraverarbeitet sein“, sagt Bonaccio. Es sei an der Zeit, die Einteilung der Nahrungsmittel in gesund oder ungesund nicht mehr auf Basis der Nährwerte allein zu führen.

Am Ende mache nicht das einzelne Lebensmittel, das gelegentlich verzehrt werde, den Unterschied aus, sondern der Konsum insgesamt zu vieler Produkte aus den Supermarktregalen.

„Eine Ernährung, die auf dem Verzehr frischer, möglichst wenig verarbeiteter Produkte beruht, sollte immer bevorzugt werden, wie es uns die mediterrane Tradition seit Jahrhunderten lehrt", so Bonaccio.

Das bedeutet also: Häufiger selbst Kochen. Das ist viel leichter als manche denken.

Und: Die Empfehlung gilt nicht nur für Menschen, die bereits an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung leiden, sondern auch für alle anderen.

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Christiane Fux studierte in Hamburg Journalismus und Psychologie. Seit 2001 schreibt die erfahrene Medizinredakteurin Magazinartikel, Nachrichten und Sachtexte zu allen denkbaren Gesundheitsthemen. Neben ihrer Arbeit für NetDoktor ist Christiane Fux auch in der Prosa unterwegs. 2012 erschien ihr erster Krimi, außerdem schreibt, entwirft und verlegt sie ihre eigenen Krimispiele.

Quellen:
  • Marialaura Bonaccio et al: Ultra-processed food intake and all-cause and cause-specific mortality in individuals with cardiovascular disease: the Moli-sani Study, European Heart Journal, 30. November 2021, https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehab783
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