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Corona-Mutationen B.1.1.7: Die Fakten

Coronavirus-Mutation b117
Die neue Gruppe der mutierten Coronaviren wird unter der Bezeichnung B.1.1.7 zusammengefasst. (Malik Evren / iStockphoto)

Die neue Virus-Variante von SARS-CoV-2 mit Ursprung in Großbritannien breitet sich auch in Österreich immer weiter aus. Ob B.1.1.7 besonders ansteckend für Kinder ist und ob die Impfungen weiterhin wirksam sind, erfahren Sie unter anderem hier.

Unter dem Namen "B.1.1.7" werden einige der neuen Mutationen von SARS-CoV-2 aus Großbritannien zu einer sogenannten Viruslinie zusammengefasst. Darunter auch die Mutation N501Y, die seit Weihnachten für besonders viel Unruhe sorgt. Doch wie gefährlich sind Mutationen eigentlich?

Mutationen sind keine Besonderheit bei SARS-CoV-2

(netdoktor.at)

Mutationen sind bei Viren keine Besonderheit, sondern finden ständig statt. Dabei verändert sich das Erbgut des Erregers, um sich an seine Umwelt besser anpassen zu können. Im Fall von SARS-CoV-2 wurden insgesamt inzwischen mehr als 300.000 unterschiedliche Mutationen nachgewiesen. Gefährlich werden Mutationen allerdings erst dann, wenn ein Virus dadurch einen sogenannten selektiven Vorteil gewinnt. 

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B.1.1.7 ist ansteckender als herkömmliche Variante

So ist es etwa bei der neuen Virus-Variante B.1.1.7 (auch VOC 2020/12/01 genannt) aus Großbritannien, die ein Paket aus mindestens 17 verschiedenen Mutationen beinhaltet. Sie scheint ansteckender zu sein, als die bisher bekannten Virusvarianten – nämlich um bis zu 70 Prozent. 

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Weitere Mutationen in Südafrika und Nigeria

Bei Untersuchungen in Südafrika wurde eine zweite Virus-Variante entdeckt. Nach Angaben der dortigen Regierung wurde diese vorerst 501.V2 genannt. Diese Variante wurde inzwischen auch in vier weiteren Ländern (Stand: 30.12.2020) nachgewiesen, darunter Großbritannien und Frankreich. In 501.V2 wurden zwei weitere Mutationen gefunden, die in der Variante VOC-202012/01 bzw. B.1.1.7 fehlen: E484K und K417N. Umgekehrt fehlt in 501.V2 die in VOC-202012/01 festgestellte Mutation 69-70del.

"Diese neue Variante ist höchst besorgniserregend, weil sie noch übertragbarer ist und anscheinend weiter mutiert ist als die (erste) neue Variante“, erklärt der britische Gesundheitsminister Matt Hancock. Der deutsche Virologe Prof. Dr. Alexander Kekulé fordert daher: "Wir müssen jetzt so schnell wie möglich so viele Menschen wie möglich impfen. Denn sonst laufen wir Gefahr, dass die Corona-Zahlen durch die möglicherweise noch ansteckendere Virus-Variante aus dem Ruder laufen." Zu Weihnachten wurde in Nigeria zudem ebenso eine neue Variante von SARS-CoV-2 entdeckt. Diese unterscheidet sich offenbar sowohl von der südafrikanischen 501.V2 als auch von der englischen VOC-202012/01.

Situation in Österreich 

Gesundheitsminister Rudolf Anschober und AGES-Leiter Univ. Prof. Dr. Franz Allerberger berichteten bei einer Pressekonferenz (04.01.2021), dass es bereits vier nachgewiesene Fälle mit der britischen Corona-Variante in Österreich gab. Diese wurden am Flughafen Wien-Schwechat aus entnommenen Proben nachgewiesen. Bei einer weiteren Person wurde außerdem jene SARS-CoV-2-Variante nachgewiesen, die vermutlich in Südafrika entstanden ist. Unter den fünf Betroffenen fanden sich insgesamt drei Kinder. 

Um die Verbreitung weiterhin einzudämmen sei die verstärkte Kontrolle sowie Testung bei Einreisenden wichtig und eine enge Zusammenarbeit mit allen anderen EU-Ländern, betonte Anschober. Durch eine genaue Sequenzierung, so wird die molekulare Aufschlüsselung des Virus-Gens bezeichnet, könnten alle Mutationen und deren Ausbreitung sowie die Wirksamkeit von Impfungen beobachtet werden.

Laut einem Bericht von "orf.at" am 12.01.2021, liegt in Tirol in 17 Fällen der konkrete Verdacht auf die aus Großbritannien stammende Coronavirus-Mutation vor. Dies habe die Erstprüfung durch die AGES ergeben, das endgültige Untersuchungsergebnis ist aber noch ausständig.

Bei den betroffenen Personen handelt es sich um Personen unterschiedlicher Herkunft, vorwiegend aber um britische Staatsbürger, die sich zu beruflichen Zwecken in Tirol aufhalten. 

Fälle der Mutation B.1.1.7 werden auch in einem Pflegeheim in Wien vermutet. Vortests bei betroffenen Personen konnten zeigen, dass Verdachtsfälle vorliegen. Bisher konnte die Virusmutation jedoch nicht eindeutig nachgewiesen werden. Eine endgültige Bestätigung ist erst mit der virologischen Analyse der Proben, die bereits an die AGES geschickt wurden, möglich. 

Am 13.1.2021 gab Anschober bekannt, dass aktuell bereits 70 Verdachtsfälle auf die Coronavirus-Mutation B.1.1.7 in Österreich geprüft werden. Zwei Tage später sprach der Virologe Andreas Bergthaler in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Anschober bereits von circa 100 Verdachtsfällen. "Die Pandemie ist noch nicht vorbei und es werden noch mehr Varianten kommen. Das sind nur die Vorboten", gab er dabei zu bedenken. "Das Virus hat in den letzten Monaten erstaunlich viele Mutationen angesammelt." 

Wie am 16.01.2021 bekannt wurde, dürfte die Verbreitung der neuen, mutierten Variante des Coronavirus in Österreich bereits weit fortgeschritten sein: Erste Vor-Ergebnisse einer Stichprobe von 83 positiven PCR-Tests (aus einer Wiener Teststraße) deuten darauf hin, dass bei 14 Proben die Mutation B.1.1.7 vorliegt. Damit waren 17 Prozent der analysierten positiven Fälle von der Mutation betroffen. Die endgültige Bestätigung durch Sequenzieren steht jedoch noch aus, sie soll aber bereits in den nächsten Tagen vorliegen. Um das tatsächliche Ausmaß des Mutationsanteils festzustellen, braucht es laut dem Komplexitätsforscher Peter Klimek vom Complexity Science Hub (CHS) Vienna aber eine ausreichend große Stichprobe, ähnlich wie bei einer Meinungsumfrage. 

Wie Gesundheitsminister Anschober am Donnerstag (21.01.2021) bei einem Pressetermin bekanntgab, sei die britische Coronavirus-Mutation B.1.1.7 in Österreich bereits "flächendeckend" aufgetreten. Simulationsforscher Popper geht davon aus, dass die britische Mutation B.1.1.7 im Februar und März Überhand nehmen wird. Das sei aber kein Grund zur Panik, da ab Montag schärfere Corona-Maßnahmen wie die Vergrößerung des Mindestabstands auf zwei Meter und die Pflicht zum Tragen von FFP2-Masken verpflichtend werden. 

Auf die bisher in Japan und Brasilien aufgetauchte Mutation mit der Bezeichnung P.1 gibt es in Österreich derzeit noch keine Hinweise, so Mikrobiologe Bergthaler vom Forschungsinstitut für Molekulare Medizin (CeMM) der Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

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Corona-Mutation P.1 in Brasilien

Die neueste Corona-Variante P.1 wurde nun in Brasilien entdeckt. Nachdem sich in Manaus, der Hauptstadt des Bundesstaates Amazonas, bereits im vergangenen Jahr drei Viertel der Bevölkerung mit dem Coronavirus infiziert, hoffte man dort auf eine Herdenimmunität. Allerdings kam es nun erneut zu einem Anstieg der Infektionszahlen. Nuno Faria, Virologe am Imperial College London und Professor an der Universität Oxford, und sein Team, untersuchten daher Proben von Infizierten. Mit dem Ergebnis: In 13 von 31 Fällen konnte eine neue Virusvariante (P.1) nachgewiesen werden, wie das Wissenschaftsmagazin Science berichtet. Ob P.1 der Auslöser für die neue Infektionswelle in Manaus ist, ist bislang jedoch noch unklar. So vermutet der Epidemiologe Oliver Prybus  laut Science, dass die Immunität der Bevölkerung abgenommen haben könnte, wodurch das Virus in der Großstadt wieder leichtes Spiel hatte. Fraglich sei zudem noch, ob sich die neue Virusvariante verbreite, weil sie infektiöser ist oder weil die gebildeten Antikörper nicht gegen sie wirken. Die WHO rief nun die betroffenen Regionen dazu auf, "die globalen Forschungsbemühungen zu unterstützen, um wichtige Eigenschaften der Mutation und Varianten besser verstehen zu können".

Mehr Kinder testen

Laut der deutschen Virologin Isabella Eckerle wären mehr Tests bei Kindern nicht nur aufgrund der Virus-Mutationen nicht nur generell ratsam, da diese allgemein zu wenig stattgefunden haben und die jüngsten Studien dafür sprechen, dass sich Kinder mit der Mutation in der gleichen Häufigkeit wie Erwachsene anstecken – auch wenn sie in der Folge viel seltener schwere Verläufe zeigen.

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Keine großen Unterschiede in Verläufen von COVID-19-Erkrankungen

In den bislang durchgeführten Untersuchungen gab es keinen Nachweis dafür, dass die Virusvariante B.1.1.7 häufiger zu schweren Verläufen von COVID-19 führt. In einer Studie der britischen Gesundheitsbehörde Public Health wurden 1.769 COVID-19-Fälle der neuen Variante mit 1.769 Personen, die mit einem gewöhnlichen Stamm von SARS-CoV-2 infiziert waren, verglichen. Dabei wurden Parameter wie Alter, Geschlecht und Wohnort in die Untersuchung mit einbezogen.

Das Resultat: In Sachen Verlauf der COVID-19-Erkrankungen wurden keine großen Unterschiede ersichtlich. Jedoch konnte eine größere Viruskonzentration bei Personen mit B.1.1.7 nachgewiesen werden, die vermutlich zur erhöhten Infektiosität der Mutationen führt. 

Impfstoffe auch gegen neue Variante wirksam

  • BioNTech/Pfizer

Laut einer neuen Studie, die am 20.01.2021 veröffentlicht wurde, schützt der von BioNTech/Pfizer entwickelte mRNA-Impfstoff auch vor der in Großbritannien  aufgetauchten Mutation des SARS-CoV-2-Virus. Dafür wurden 16 geimpfte Teilnehmer einem synthetisch hergestellten Virus ausgesetzt: Dieses war so konstruiert, dass es die gleiche Mutation wie B.1.1.7 aufwies. Die Antikörper der Probanden neutralisierten dieses Pseudovirus genauso gut wie die "Wild-Variante" von SARS-CoV-2.

Führende Wissenschafter für virale Impfstoffe bei Pfizer geben an, dass bereits 16 verschiedene Mutationen getestet wurden, von denen keine wirklich signifikante Auswirkungen auf die Impfung hatte. Was aber nicht heiße, dass die 17. Mutation keine Auswirkung haben wird. 

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Selbst für den Fall, dass es durch zukünftige Mutationen bei der Wirksamkeit der Impfstoffe zu Problemen kommen könnte, betont BioNtech-Chef Ugur Sahin, dass sein Unternehmen "technisch in der Lage ist, den Impfstoff binnen sechs Wochen an eine neue Variante anzupassen."

  • Moderna

Auch der Impfstoffhersteller Moderna ist zuversichtlich, dass sein Impfstoff gegen die neuen Varianten schützt. Das gehe aus den bisher vorliegenden Daten hervor, teilte der Pharmakonzern mit. Demnach seien Tests für jede Variante vorgesehen. Die Experten sind nach wie vor zuversichtlich, dass auch die anderen Impfungen bei B.1.1.7 wirksam sind. 

  • AstraZeneca

Wie am 21.01.2021 bekannt wurde, soll der kurz vor der Zulassung stehende Impfstoff von AstraZeneca nun nochmals gemeinsam mit Wissenschaftern der Universität Oxford überarbeitet werden, um ihn gezielt gegen die neuen Mutationen einsetzen zu können. Die Forscher erstellen laut der britischen Zeitung Telegraph eine Machbarkeitsstudie zur Umgestaltung des Impfstoffs. 

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Expertin fordert europaweiten Lockdown

"Im Prinzip müssten alle Länder jetzt ähnliche Maßnahmen ergreifen, um das Virus einzudämmen. Ganz Europa bräuchte einen koordinierten Lockdown", rät die Virologin Eckerle. Sie setzt sich für einen europaweiten Lockdown ein, denn Ländergrenzen seien keine Barriere gegen Viren. 

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Quellen

Studie der britischen Gesundheitsbehörde Public Health England:  https://assets.publishing.service.gov.uk/government/uploads/system/uploads/attachment_data/file/948152/Technical_Briefing_VOC202012-2_Briefing_2_FINAL.pdf (letzter Zugriff: 04.01.2020)

European Centre for Disease Prevention and Control. Risk related to spread of new SARS-CoV-2 variants of concern in the EU/EEA – 29 December 2020. ECDC: Stockholm; 2020. https://www.ecdc.europa.eu/sites/default/files/documents/COVID-19-risk-related-to-spread-of-new-SARS-CoV-2-variants-EU-EEA.pdf (letzter Zugriff: 04.01.2020)

WHO: SARS-CoV-2 Variants. https://www.who.int/csr/don/31-december-2020-sars-cov2-variants/en/ (letzter Zugriff: 04.01.2020)

Cara Anna, The Associated Press: Separate new strain of coronavirus detected in Nigeria: African CDC, auf: cp24.com vom 24. Dezember 2020 (letzter Zugriff: 04.01.2020)

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