Nervenzellen illustriert

Benzodiazepine schädigen Neuronen

Von , Medizinredakteurin
Christiane Fux

Christiane Fux studierte in Hamburg Journalismus und Psychologie. Seit 2001 schreibt die erfahrene Medizinredakteurin Magazinartikel, Nachrichten und Sachtexte zu allen denkbaren Gesundheitsthemen. Neben ihrer Arbeit für NetDoktor ist Christiane Fux auch in der Prosa unterwegs. 2012 erschien ihr erster Krimi, außerdem schreibt, entwirft und verlegt sie ihre eigenen Krimispiele.

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Benzodiazepine wie Diazepam gehören zu den Beruhigungsmitteln. Schon länger gibt es Hinweise, dass sie – langfristig eingenommen – die Gehirnleistung schwächen und möglicherweise sogar Demenz begünstigen könnten. Jetzt zeigt sich: Die Wirkstoffe aktivieren offenbar Fresszellen im Gehirn, die dann Verbindungen zwischen den Nervenzellen (Neuronen) schädigen.

Angst- und Schlafstörungen, Panikattacken, Stress, Nervosität, Muskelspastiken – das Anwendungsspektrum von Benzodiazepinen ist gross. Sie sind hochwirksam – die Kehrseite der Medaille ist jedoch, dass sie bei kurzzeitiger Einnahme zwar sicher sind, bei längerem Gebrauch aber schnell süchtig machen können.

Längerfristige Einnahme wirkt sich auf Hirn aus

Schon vor längerem haben Forscher ein weiteres mögliches Risiko erkannt, das mit einer längeren Einnahme der Benzodiazepine einhergehen könnte: Einbussen in der Leistungsfähigkeit des Gehirns, die vor allem bei älteren Menschen beobachtet wurden.

Forscher um Prof. Jochen Herms und Dr. Mario Dorostkar vom Zentrum für Neuropathologie und Prionforschung der LMU und dem Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen haben nun einen möglichen Wirkmechanismus aufgedeckt, der das Phänomen erklären könnte.

Hirnfresszellen werden aktiviert

Demnach dringen die Wirkstoffe auch in bestimmte Immunzellen im Gehirn ein, die sogenannten Mikroglia. Diese Fresszellen haben unter anderem die Aufgabe, Zellreste im Gehirn abzubauen. Dazu gehören auch schadhafte Synapsen, also Verbindungsstellen der Nervenzellen, über die diese untereinander kommunizieren.

Benzodiazepine binden im Inneren der Mikroglia an ein bestimmtes Eiweiss: das Translokatorprotein (TSPO). Es sitzt auf der Oberfläche bestimmter funktionaler Strukturen der Zellen, sogenannter Zellorganellen, und aktiviert so die Mikroglia. Diese beginnen daraufhin, Synapsen abzubauen und zu recyclen.

Kognitive Beeinträchtigungen

In Experimenten mit Mäusen fanden die Forschenden heraus, dass Tiere, die mehrere Wochen lang täglich eine schlaffördernde Dosis des Benzodiazepins Diazepam erhalten hatten, aufgrund eines Synapsenverlusts kognitive Beeinträchtigungen zeigten. Vor allem die Gedächtnisleistung der Tiere nahm in Tests deutlich ab.

"Es war zwar bekannt, dass Mikroglia sowohl während der Gehirnentwicklung als auch bei neurodegenerativen Erkrankungen eine wichtige Rolle für die Beseitigung von Synapsen spielen", sagen Dr. Yuan Shi und Mochen Cui, Ko-Autoren der Studie. "Sehr überraschend war für uns aber, dass so gut untersuchte Medikamente wie Benzodiazepine diesen Prozess beeinflussen."

Nach Absetzen des Diazepams erholten sich die kognitiven Leistungen der Mäuse nach einiger Zeit wieder.

Steigt auch das Alzheimerrisiko?

Der entdeckte Mechanismus wirft die Frage auf, ob sich Benzodiazepine auch langfristig schädlich auf die Nervenzellen im Gehirn auswirken und so neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer begünstigen.

Und tatsächlich hatte eine viel diskutierte frühere Studie Hinweise darauf geliefert: Für Patienten über 65 Jahre, die mehr als drei Monate regelmässig Benzodiazepine einnahmen, war das Risiko für eine Alzheimererkrankung um 51 Prozent erhöht. Nachfolgenden Untersuchungen zufolge war dieser Zusammenhang allerdings weniger deutlich.

Frühe Demenzsymptome werden verstärkt

Auch Dorostkar hegt eine andere Vermutung: „Ich gehe davon aus, dass Benzodiazepine aufgrund ihres Synapsen schädigenden Effekts die kognitiven Symptome neurodegenerativer Erkrankungen verstärken“, erklärt der Neurowissenschaftler gegenüber NetDoktor. Für zentrale Auslöser der Erkrankungen hält er sie aber nicht.

Menschen in einem Vorstadium der Erkrankung könnten zwar unter dem Einfluss von Benzodiazepinen frühzeitig symptomatisch werden, so seine Hypothese. Der eigentliche Krankheitsmechanismus werde durch die Medikamente aber mutmasslich nicht oder kaum beeinflusst.

Alternative Medikamente bei Demenzrisiko

Die Erkenntnisse sollten bei der Behandlung von Menschen mit einem Demenzrisiko berücksichtigt werden, die unter Schlafstörungen oder Angstzuständen leiden. Bevorzugt werden sollten Medikamente, die nicht auf den Rezeptor TSPO einwirkten, so die Autoren.

Benzodiazepine werden vor allem Frauen und älteren Menschen verordnet.

Nach Angaben des Suchtmonitoring Schweiz sind in der Schweiz etwa 200.000 Menschen abhängig von Benzodiazepinen.

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Christiane Fux studierte in Hamburg Journalismus und Psychologie. Seit 2001 schreibt die erfahrene Medizinredakteurin Magazinartikel, Nachrichten und Sachtexte zu allen denkbaren Gesundheitsthemen. Neben ihrer Arbeit für NetDoktor ist Christiane Fux auch in der Prosa unterwegs. 2012 erschien ihr erster Krimi, außerdem schreibt, entwirft und verlegt sie ihre eigenen Krimispiele.

Quellen:
  • Billioti de Gage S et al.: Benzodiazepine use and risk of Alzheimer’s disease: case-control study. BMJ 2014; 349: g5205.
  • Shi, Y., Cui, M., Ochs, K. et al. Long-term diazepam treatment enhances microglial spine engulfment and impairs cognitive performance via the mitochondrial 18 kDa translocator protein (TSPO). Nat Neurosci, 28. Feb 2022, DOI: https://doi.org/10.1038/s41593-022-01013-9
  • Suchtmonitoring Schweiz, Schlaf- und Beruhigungsmittel, unter: www.suchtmonitoring.ch (Abrufdatum: 03.03.2022)
  • Sucht- und Drogenkoordination Wien, Benzodiazepine, Stand 2017, unter: www.sdw.wien (Abrufdatum: 03.03.2022)
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