Antikörper, Immunsystem

Autoimmunreaktion könnte Schizophrenie auslösen

Von , Medizinredakteurin
Christiane Fux

Christiane Fux studierte in Hamburg Journalismus und Psychologie. Seit 2001 schreibt die erfahrene Medizinredakteurin Magazinartikel, Nachrichten und Sachtexte zu allen denkbaren Gesundheitsthemen. Neben ihrer Arbeit für NetDoktor ist Christiane Fux auch in der Prosa unterwegs. 2012 erschien ihr erster Krimi, außerdem schreibt, entwirft und verlegt sie ihre eigenen Krimispiele.

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Die Auslöser von Schizophrenie sind noch immer in weiten Teilen ungeklärt. Jetzt zeigt sich: Bei einem kleinen Teil der Patienten könnte eine Autoimmunreaktion den Ausbruch der Krankheit anstossen.

Japanische Wissenschaftler haben bei einigen Patienten spezielle Auto-Antikörper gefunden, welche die Funktion der Nervenzellen im Gehirn stören. Injizierten sie diese Immunproteine Mäusen, entwickelten die Tiere Schizophrenie-artige Verhaltensauffälligkeiten.

Auto-Antikörper in Blut und Nervenwasser

Schizophrenie ist immer Folge einer Störung des Nervenstoffwechsels, die jedoch unterschiedliche Ursachen haben kann. Einen Mechanismus, der für einen Teil der Erkrankungen verantwortlich sein könnte, haben Forschende um Hiroki Shiwaku von der Medizinischen Universität Tokio nun gefunden.

Sie suchten im Blut und Nervenwasser von 232 Schizophrenie-Patienten nach bestimmten Autoimmun-Antikörpern, die Nervenzellen im Gehirn angreifen. Bei zwölf Betroffenen wurden sie fündig. In einer etwa ebenso grossen Kontrollgruppe von psychisch gesunden Menschen fanden sie diese Auto-Antikörper nicht.

Die bei den Schizophrenie-Patienten entdeckten Auto-Antikörper richteten sich gegen das neuronale Zelladhäsionsmolekül (NCAM1) - ein Protein, das eine wichtige Rolle bei der Kommunikation der Nervenzellen untereinander spielt. Es sitzt unter anderem auf der Oberfläche der Synapsen. Das sind jene Fortsätze der Nervenzellen, über die diese miteinander in Verbindung stehen.

Mäuse entwickeln Schizophrenie-artige Verhaltensstörungen

Dass die Auto-Antikörper tatsächlich Schizophrenie-Symptome verursachen können, konnten die Forschenden in einem Experiment mit Mäusen bestätigen. Dazu injizierten sie den Tieren die menschlichen Auto-Antikörper. "Die Ergebnisse waren beeindruckend", berichtet Hidehiko Takahashi, der Erstautor der Studie.

"Obwohl die Auto-Antikörper nur für kurze Zeit in den Gehirnen der Mäuse vorhanden waren, wiesen die Tiere Verhaltensänderungen auf. Diese ähnelten jenen, die bei Menschen mit Schizophrenie zu beobachten sind." Unter anderem war der sogenannter Schreckreflex der Nager gestört, aber auch andere kognitive Funktionen wie Konzentration und Lernvermögen.

Veränderungen an Synapsen und Dendriten

Darüber hinaus fanden die Forschenden für Schizophrenie typische Veränderungen an den Synapsen und den sogenannten dendritischen Dornen, die an der Vernetzung der Hirnzellen beteiligt sind.

Dass die Auto-Antikörper nur bei einem kleinen Teil der Betroffenen für die Symptome verantwortlich sind, überrascht nicht. Denn Schizophrenie ist kein einheitliches Krankheitsbild. Mehr als hundert Risikogene sind bereits bekannt, die in unterschiedlicher Kombination auf die Psyche der Betroffenen einwirken.

Damit die Krankheit tatsächlich ausbricht, sind äussere Einflüsse nötig. Auch diese sind offenbar nicht bei allen Patienten die gleichen. Als mögliche Auslöser diskutieren Experten beispielsweise Infektionen, Geburtskomplikationen und Drogenkonsum.

Schizophrenie ist oft schwer zu behandeln

Angesichts der sehr unterschiedlichen Ursachen und Verläufe von Schizophrenie ist es wenig verwunderlich, dass auch die Behandlung der Betroffenen schwierig ist. Spezielle Psychopharmaka, sogenannte Neuroleptika, verbessern die Signalübertragung der Nervenzellen in bestimmten Hirnregionen. Sie schlagen aber nicht bei allen Patienten gleich gut an.

Ansatz für künftige Therapien?

Für die vom Forscherteam entdeckte Teilgruppe der Patienten aber wäre vielleicht ein neuer Therapieansatz denkbar: ein Wirkstoff, der die Auto-Antikörper abfängt. Möglicherweise gibt es zudem weitere Auto-Antikörper, für die das ebenfalls zutreffen könnte. Für die nähere Zukunft ist das allerdings keine Option: Die Entwicklung entsprechender Medikamente würde Jahre in Anspruch nehmen.

Einer von hundert Menschen erkrankt

An Schizophrenie erkrankt etwa einer von hundert Menschen. Die Krankheit bricht meist im jungen Erwachsenenalter aus, und zwar unabhängig vom ethnischen Hintergrund, von der sozialen Schicht und dem Geschlecht.

Schizophrenie beeinflusst Denkstruktur, Reizverarbeitung und Sinneswahrnehmungen. Betroffene fühlen sich beispielsweise häufig beobachtet oder verfolgt. Viele leiden unter Halluzinationen wie Stimmen im Kopf, sehen Personen und Gegenstände, die nicht existieren, oder wähnen sich von Aliens entführt.

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Christiane Fux studierte in Hamburg Journalismus und Psychologie. Seit 2001 schreibt die erfahrene Medizinredakteurin Magazinartikel, Nachrichten und Sachtexte zu allen denkbaren Gesundheitsthemen. Neben ihrer Arbeit für NetDoktor ist Christiane Fux auch in der Prosa unterwegs. 2012 erschien ihr erster Krimi, außerdem schreibt, entwirft und verlegt sie ihre eigenen Krimispiele.

Quellen:
  • Hiroki Shiwaku et al.: Autoantibodies against NCAM1 from patients with schizophrenia cause schizophrenia-related behavior and changes in synapses in mice. Cell Reports Medicine, 2022; 3 (4): 100597 DOI: 10.1016/j.xcrm.2022.100597
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