Mann trinkt ein Glas Wein am Abend

Alkohol: Auch mäßiger Konsum lässt das Hirn altern

Von , Medizinredakteurin
Christiane Fux

Christiane Fux studierte in Hamburg Journalismus und Psychologie. Seit 2001 schreibt die erfahrene Medizinredakteurin Magazinartikel, Nachrichten und Sachtexte zu allen denkbaren Gesundheitsthemen. Neben ihrer Arbeit für NetDoktor ist Christiane Fux auch in der Prosa unterwegs. 2012 erschien ihr erster Krimi, außerdem schreibt, entwirft und verlegt sie ihre eigenen Krimispiele.

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Auch wer täglich nur ein Glas Alkohol konsumiert, ist vor Hirnschäden nicht gefeit: Sowohl graue als auch weisse Hirnsubstanz nehmen in vielen Arealen Schaden.

Bilder vom Inneren des Kopfes haben schon vor einiger Zeit belegt: Alkohol schädigt auf Dauer die Hirnzellen. Allerdings waren entsprechende Veränderungen in der Hirnstruktur bislang bei chronisch starkem Alkoholkonsum beobachtet worden.

Jetzt zeigt sich: Auch wer mässig, aber regelmässig trinkt kann sich nicht entspannt zurücklehnen – selbst mässige Mengen an Alkohol schädigen das Gehirn, wenn sie häufig konsumiert werden.

Das entdeckte ein Forschungsteam um Reagan Wetherill von der Perelman School of Medicine in Philadelphia. Dazu hatte man Daten von 36.678 gesunden Erwachsenen im Alter von 40 bis 69 Jahren ausgewertet. Diese waren in der UK Biobank-Studie hinterlegt – einer umfassenden Sammlung gesundheitlicher Daten von Briten.

Schrumpfendes Hirnvolumen, schlechtere Vernetzung

Sie belegen, dass das Gehirnvolumen bei regelmässigem Alkoholkonsum insgesamt abnahm, was insbesondere die Graue Substanz betraf. Diese setzt sich aus den Zellkörpern der Nervenzellen zusammen. Auch zeigte sich eine schlechtere Vernetzung der Nervenzellen über die Nervenfortsätze, welche die weise Substanz des Gehirns bilden.

Für ihre Analyse werten die Forschenden Bilder aus dem Magnetresonanztomographen (MRT) aus. Der Zustand der Nervenzellen liess sich über die sogenannte Diffusions-Tensor-Bildgebung beurteilen. Störungen auf der Ebene der Nervenzellen konnten die Forschenden zudem per „Neurite orientation dispersion and density imaging“ (NODDI) nachweisen.

Das Ergebnis: Bei Personen, die ein bis zwei Gläser Alkohol täglich konsumierten, entsprachen die Veränderungen einer vorzeitigen Alterung des Gehirns um ein bis zwei Jahre. Wer täglich 2 bis 3 Gläser Alkohol trank, zeigte eine vorzeitige Alterung des Gehirns um etwa 3,5 Jahre.

Fast das gesamte Hirn betroffen

Der Alkohol scheint sich auf weite Regionen des Gehirns auszuwirken. Die Forschenden fanden Veränderungen in 125 von 139 untersuchten Hirnregionen. Einige Areale waren jedoch stärker betroffen, darunter:

  • der Frontallappen (präfrontaler Cortex). Er steuert die Motorik, gilt aber auch als Sitz der Persönlichkeit.
  • bestimmte Teile des Temporallappens (Schläfenlappen), in dem unter anderem Sprachfähigkeiten und Gedächtnis beheimatet sind.
  • die Insula (Insel), die an der Wahrnehmung von Geschmack und Geruch, aber auch an der Entstehung von Ekel wesentlich beteiligt ist.
  • das Kleinhirn (Cerebellum), das unter anderem das vegetative Nervensystem reguliert.
  • der Hippocampus (Zwischenhirn), der für das Überführen neuer Informationen ins Langzeitgedächtnis und für das Abrufen von Erinnerungen zuständig ist.

Je mehr Alkohol, desto grösser der Schaden

Da Daten von so vielen Menschen ausgewertet wurden, sind die Ergebnisse sehr gesichert (hochsignifikant). Auf ihrer Basis konnten die Forschenden auch zeigen, wie gross der Einfluss der Alkoholdosis auf den Schaden war.

Je mehr Alkohol die Teilnehmenden regelmässig tranken, desto stärker waren die Schäden an den Nervenverbindungen und desto mehr Hirnsubstanz ging verloren. Als hoher Konsum wurden für Frauen drei Gläser Alkohol oder mehr am Tag festgelegt, für Männer vier Gläser oder mehr.

Ob die Schäden bei den Betroffenen tatsächlich schon Hirnfunktionen wie Gedächtnis oder Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigt hatten, konnten die Forscher aus den Daten nicht ableiten. Tatsächlich weiss man, dass das Denkorgan Schäden lange Zeit kompensieren kann.

Kein Beweis, aber deutlicher Hinweis

Solche Beobachtungsstudien liefern zudem keinen Beweis dafür, dass die Hypothese von Alkohol als Auslöser von Hirnschädigungen tatsächlich zutrifft. Die Aussagekraft der Studie wird zudem dadurch geschwächt, dass die Teilnehmer nur einmal zu ihrem aktuellen Trinkverhalten befragt worden waren. Somit konnten die Forschenden nicht nachvollziehen, ob die Schäden schon im Vorfeld durch einstmals höheren Konsum entstanden waren.

Der beobachtete Zusammenhang zwischen Alkoholdosis und Hirnschäden spricht allerdings dafür, dass der Alkohol tatsächlich auch bei mässigem Konsum entsprechende Schäden im Gehirn verursacht.

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Christiane Fux studierte in Hamburg Journalismus und Psychologie. Seit 2001 schreibt die erfahrene Medizinredakteurin Magazinartikel, Nachrichten und Sachtexte zu allen denkbaren Gesundheitsthemen. Neben ihrer Arbeit für NetDoktor ist Christiane Fux auch in der Prosa unterwegs. 2012 erschien ihr erster Krimi, außerdem schreibt, entwirft und verlegt sie ihre eigenen Krimispiele.

Quellen:
  • Remi Daviet et al.: Associations between alcohol consumption and gray and white matter volumes in the UK Biobank, Nat Commun 13, 1175 (2022). https://doi.org/10.1038/s41467-022-28735-5
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