Tetrazepam

Von Lisa Hein
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Tetrazepam wurde früher gegen krankhafte Muskelverspannungen und spastische Syndrome verordnet, darf aber seit 2013 in der EU nicht mehr verschrieben werden. Eine umfassende Untersuchung durch die Europäische Arzneimittelagentur ergab, dass der Wirkstoff in seltenen Fällen starke Hautreaktionen auslöst, die mitunter lebensbedrohlich oder tödlich sind und der Nutzen das Risiko nicht überwiegt. Hier lesen Sie alles Wichtige über Tetrazepam.

So wirkt Tetrazepam

Tetrazepam gehört aufgrund seiner chemischen Struktur zur Gruppe der Benzodiazepine, wird in der Literatur jedoch häufig bei den zentral wirksamen Muskelrelaxanzien gelistet. Dies liegt daran, dass seine muskelentspannende, antispastische Wirkung - verglichen mit der von anderen Benzodiazepinen - deutlich stärker ausgeprägt ist.

Das menschliche Nervensystem verfügt über verschiedene Botenstoffe (Neurotransmitter), die aktivierend oder hemmend wirken können. Im Normalfall liegen sie in einem ausgewogenen Gleichgewicht vor und gewährleisten eine angemessene Reaktion auf äussere Umstände wie Ruhe oder Stress.

Einer dieser Botenstoffe - GABA (Gammaaminobuttersäure) - wirkt hemmend auf das Nervensystem, sobald er an seine Andockstellen (Rezeptoren) bindet. Tetrazepam verstärkt die Wirkung dieser Substanz, woraus eine Muskelentspannung (Relaxation) und Beruhigung (Sedierung) resultieren.

Aufnahme, Abbau und Ausscheidung

Tetrazepam wird im Darm vollständig aufgenommen. Maximale Plasmakonzentrationen werden 1,5 bis zwei Stunden nach der Einnahme erreicht. Wegen seiner langen Eliminationshalbwertszeit hält die Wirkung bis zu zwei Tage an. Ein Grossteil des Wirkstoffes wird über die Nieren mit dem Urin ausgeschieden.

Wann wurde Tetrazepam eingesetzt?

Zu den Anwendungsgebieten (Indikationen) von Tetrazepam gehörten:

  • Muskelverspannungen, vor allem als Folge von Erkrankungen der Wirbelsäule oder der achsennahen Gelenke
  • Spastische Syndrome mit krankhaft gesteigerter Muskelspannung jeglicher Ursache

So wurde Tetrazepam angewendet

Der Wirkstoff wurde vor allem in Form von Tabletten und Tropfen angewendet. Die Dosierung betrug zu Therapiebeginn 50 Milligramm pro Tag. Sie konnte dann langsam auf bis zu 400 Milligramm täglich gesteigert werden.

Bei Kindern, älteren Patienten sowie Patienten mit Leber- oder Nierenfunktionsstörungen musste die Dosis reduziert werden.

Steigerungen und Verminderungen der Dosis mussten bei Tetrazepam stets schleichend, das heisst schrittweise über einen Zeitraum von mehreren Wochen, erfolgen.

Welche Nebenwirkungen hat Tetrazepam?

Bei ungefähr einem bis zehn Prozent der Behandelten entwickelten sich nach der Einnahme Nebenwirkungen in Form von Schwindel, Benommenheit, Koordinations- und Sprachstörungen sowie Magen-Darm-Beschwerden. Diese Beschwerden klangen im Verlauf der Behandlung allerdings meistens ab.

Gelegentlich (bei 0,1 bis einem Prozent der Behandelten) traten allergische Hautreaktionen und Muskelschwäche auf. Noch seltener kam es zu schweren Hautreaktionen (Grund für die Marktrücknahme), Menstruationsstörungen bei Frauen und einer verminderten sexuellen Lust (Libido).

Schwere Hautreaktionen können unvorhergesehen und selbst nach jahrelanger Einnahme von Tetrazepam plötzlich auftreten.

Eine weitere mögliche Nebenwirkungen ist eine Wirkumkehr (paradoxe Tetrazepam-Wirkung): Obwohl der Wirkstoff eigentlich das Gegenteil bewirken sollte, kann er paradoxerweise auch eine Aktivierung des Nervensystems und in der Folge Erregungszustände mit Angst, Schlafstörungen, Aggressionen und Muskelkrämpfen auslösen.

Was war bei der Einnahme von Tetrazepam zu beachten?

Gegenanzeigen

Tetrazepam durfte nicht angewendet werden bei:

  • Überempfindlichkeit gegenüber dem Wirkstoff oder einen der anderen Bestandteile des Medikaments
  • Dekompensierte respiratorische Insuffizienz (Atemversagen)
  • Schlafapnoe-Syndrom
  • Kinder unter 1 Jahr

Wechselwirkungen

Tetrazepam kann die Wirkung anderer zentral wirksamer oder dämpfender Medikamente (u.a. Psychopharmaka, Schmerzmittel, Schlafmittel, Allergiemittel) verstärken. Auch die sedierende Wirkung von Alkohol wird durch Tetrazepam verstärkt, weshalb während der Einnahme von Alkoholkonsum abgeraten wird.

Die gleichzeitige Einnahme von Cisaprid (verstärkt die Darmmotorik), Omeprazol ("Magenschutz") und Cimetidin (Mittel gegen Sodbrennen) können den Effekt von Tetrazepam verlängern. Dies gilt ebenso für Neostigmin (Mittel gegen erhöhten Muskeltonus).

Verkehrstüchtigkeit und Bedienen von Maschinen

Der Wirkstoff Tetrazepam schränkt das Reaktionsvermögen deutlich ein. Nach der Einnahme wurde Patienten daher davon abgeraten, schwere Maschinen zu bedienen oder aktiv am Strassenverkehr teilzunehmen.

Altersbeschränkung

Tetrazepam ist bei Kindern unter einem Jahr kontraindiziert.

Schwangerschaft und Stillzeit

Schwangere durften nur nach strenger Nutzen-Risiko-Abwägung durch den Arzt Tetrazepam erhalten. Gerade im letzten Drittel der Schwangerschaft galt die Einnahme als kritisch, weil es dann nach der Geburt beim Neugeborenen zum "Floppy-Infant-Syndrom" kommen konnte.

Dabei handelt es sich um Schwächezustände des Neugeborenen mit Trinkschwäche, verlangsamter Atemfrequenz, verringertem Puls, Sauerstoffmangel und Muskelschwäche. Stattdessen sollte auf besser untersuchte Medikamente ausgewichen werden:

Ibuprofen und Diclofenac (bis zur 30. Schwangerschaftswoche) stellten hierbei wohlerprobte Alternativen dar. Falls erforderlich, konnte kurzzeitig auch das besser untersuchte Diazepam angewendet werden.

Wie alle Benzodiazepine geht Tetrazepam in die Muttermilch über. Während der Stillzeit war der Wirkstoff daher kontraindiziert oder es musste abgestillt werden. Selbst bei einer Behandlung über ein bis zwei Tage empfahl der Hersteller, das Stillen bis circa 48 Stunden nach der letzten Dosis zu unterbrechen, die Milch abzupumpen und zu verwerfen.

So erhielten Sie Medikamente mit Tetrazepam

Tetrazepam ist aufgrund der unvorhersehbaren, schweren Hautreaktionen in der EU nicht mehr erhältlich. Am 15. Juli 2021 sind die Zulassungen in Deutschland endgültig vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) widerrufen worden.

In der Schweiz ist der Wirkstoff ebenfalls nicht im Handel.

Seit wann ist Tetrazepam bekannt?

Tetrazepam ist als Arzneistoff aus der Gruppe der sogenannten Benzodiazepine schon relativ lange bekannt. Zunächst wurde das Medikament zur Beruhigung und zum Lösen von Angstzuständen eingesetzt.

Bald erkannte man zudem die muskelentspannende Wirkung des Wirkstoffs. Lange Zeit wurde Tetrazepam deshalb bei schmerzhaften Muskelverspannungen erfolgreich eingesetzt - bis man das seltene Risiko schwerwiegender Hautreaktionen entdeckte.

Autoren- & Quelleninformationen

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Quellen:
  • Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM): Bescheid zu Tetrazepam (15. Juli 2021), unter www.bfarm.de
  • Geisslinger, G. et al.: Mutschler Arzneimittelwirkungen - Pharmakologie, Klinische Pharmakologie, Toxikologie, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart, 11. Auflage, 2020.
  • Herdegen, T.: Kurzlehrbuch Pharmakologie und Toxikologie, Georg Thieme Verlag, 2. Auflage, 2010.
  • Hufschmidt, A. et al.: Neurologie compact, Georg Thieme Verlag, 2013.
  • Mutschler, E.: Arzneimittelwirkungen, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart, 10. Auflage, 2013.
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