Tamsulosin

Von Lisa Hein
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Tamsulosin gehört zu den wichtigsten Wirkstoffen bei gutartiger Prostatavergrößerung (benigner Prostatahyperplasie). Die Prostata oder Vorsteherdrüse liegt ringförmig um die Harnröhre. Sie ist bei vielen Männern höheren Alters vergrößert und ruft dann zum Beispiel Probleme beim Wasserlassen hervor. Der Wirkstoff Tamsulosin lindert solche Beschwerden und verzögert das Fortschreiten der Krankheit. Hier lesen Sie alles Wichtige über Tamsulosin.

So wirkt Tamsulosin

Tamsulosin hat einen entspannenden Effekt auf die glatte Muskulatur des unteren Harntraktes. Es verbessert auf diese Weise die Symptome bei benigner Prostatahyperplasie (gutartiger Prostata-Vergrößerung).

Bei den meisten älteren Männern ist die Vorsteherdrüse (Prostata) gutartig vergrößert. Durch den Druck des neuentstandenen Gewebes auf die in unmittelbarer Nähe liegende Harnröhre kommt es in vielen Fällen zu Beschwerden beim Wasserlassen, häufigem nächtlichen Harndrang, Problemen beim vollständigen Entleeren der Blase bis hin zu Rückstauschäden mit Harnwegserkrankungen und Nierenfunktionsstörungen.

Der Wirkstoff Tamsulosin ist ein sogenannter alpha-1-Rezeptor-Blocker. Er bindet bevorzugt an die in der Prostata vorkommenden alpha1A-Bindungsstellen (Rezeptoren). Damit blockiert er diese für Botenstoffe wie Adrenalin.

In der Folge können die Botenstoffe nicht mehr binden und ihre Wirkung entfalten. Dadurch entspannt sich die Muskulatur im unteren Harntrakt. Das erleichtert deutlich den Harnabfluss. Im Vergleich zu anderen alpha-1-Rezeptor-Blockern wirkt Tamsulosin selektiver und löst somit weniger Nebenwirkungen aus.

Aufnahme, Abbau und Ausscheidung

Tamsulosin wird in "retardierter" Form verabreicht. Das bedeutet, dass der Wirkstoff aus der Arzneiform langsam und kontinuierlich im Darm freigesetzt wird. Dadurch wird ein gleichmäßiger Wirkstoffspiegel im Blut erzielt, und die Wirkung von Tamsulosin erstreckt sich über einen Zeitraum von bis zu 24 Stunden.

Von der gesamten verabreichten Wirkstoffmenge werden im Darm ungefähr 60 Prozent aufgenommen. Im Körper erfolgt dann teilweise ein Abbau des Wirkstoffs in der Leber; der größte Teil wird aber unverändert über die Nieren ausgeschieden.

Wann wird Tamsulosin eingesetzt?

Medikamente mit Tamsulosin werden bei gutartiger Vergrößerung der Prostata (benigner Prostatahyperplasie) eingesetzt. Anwendung findet der Wirkstoff vor allem bei vergleichsweise jungen Patienten und bei Patienten, bei denen keine operative Entfernung der Gewebewucherung gewollt oder möglich ist. 

So wird Tamsulosin angewendet

Die am häufigsten verwendeten Arzneiformen mit Tamsulosin sind Kapseln und Tabletten, die den Wirkstoff langsam und kontinuierlich freigeben. Dadurch wird gewährleistet, dass im Körper konstante Wirkstoffmengen für eine gleichmäßige Wirkung sorgen.

Die übliche Dosierung beträgt 0,4 Milligramm täglich. Die Kapseln oder Tabletten werden nach dem Frühstück beziehungsweise nach der ersten Mahlzeit des Tages eingenommen.

Kombination mit weiterem Wirkstoff

Tamsulosin wirkt nur symptomatisch der Verengung der Harnwege entgegen. Es wird daher oftmals mit einem weiteren Wirkstoff kombiniert, der sich direkt gegen die Ursache der Beschwerden – die Prostatavergrößerung – richtet.

Gut geeignet dafür sind Arzneistoffe aus der Gruppe der 5-alpha-Reduktasehemmer (z.B. Finasterid, Dutasterid). Diese hemmen die Umwandlung von Testosteron zu Dihydrotestosteron, das in hohen Konzentrationen an der Gewebewucherung beteiligt ist. Durch die Senkung des Dihydrotestosteron-Spiegels lässt sich also die Ursache der Prostatavergrößerung beseitigen und das Fortschreiten der Erkrankung deutlich verlangsamen.

Welche Nebenwirkungen hat Tamsulosin?

Tamsulosin ist aufgrund des vergleichsweise spezifischen Angriffs an seiner Andockstelle nebenwirkungsärmer als die anderen Vertreter dieser Wirkstoffklasse.

Trotzdem kann es nach der Einnahme bei ungefähr zehn Prozent der Behandelten zu Schwindel und Ejakulationsstörungen kommen. Seltener (das heißt bei weniger als einem Prozent der Patienten) ruft Tamsulosin Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, niedrigen Blutdruck, beschleunigten Puls, Nasenschleimhautentzündungen, Beschwerden des Magen-Darm-Trakts und Hautausschläge hervor.

Was ist bei der Einnahme von Tamsulosin zu beachten?

Gegenanzeigen

Tamsulosin darf nicht angewendet werden bei:

  • erniedrigtem Blutdruck (Hypotonie)
  • bekannter orthostatischer Hypotonie (Blutdruckabfall nach Lagewechsel, z.B. beim Aufstehen aus dem Liegen)
  • schweren Leberfunktionsstörungen

Wechselwirkungen

Die gleichzeitige Anwendung von mehreren alpha-1-Blockern kann zu verstärkten Nebenwirkungen wie Blutdruckabfall führen.

Verschiedene Wirkstoffe können die Ausscheidung von Tamsulosin beschleunigen und so dessen Wirkung vermindern. Zu diesen Wirkstoffen zählen Diclofenac (Schmerzmittel und Entzündungshemmer) sowie Warfarin (Gerinnungshemmer).

Tamsulosin wird in der Leber über das Cytochrom P450 3A4 Isoenzym (CYP3A4) verstoffwechselt. Starke Hemmer von CYP3A4 können daher den Abbau von Tamsulosin verzögern und so seine Wirkung verstärken. Beispiele für starke CAP3A4-Hemmer sind Ketoconazol und Itraconazol (Anti-Pilzmittel), einige Makrolid-Antibiotika (Clarithromycin, Telithromycin) und bestimmte HIV-Medikamente (z.B. Indinavir, Ritonavir, Nelfinavir).

Überdosierung

Bei einer Überdosis Tamsulosin (ab ungefähr fünf Milligramm) kann es zu einem akuten Blutdruckabfall kommen, der lebensbedrohlich sein kann.

Informieren Sie bei plötzlichem Blutdruckabfall sofort einen Arzt!

Verkehrstüchtigkeit und Bedienen von Maschinen

Der Wirkstoff Tamsulosin hat zwar keinen negativen Einfluss auf das Reaktionsvermögen, allerdings sollten Behandelte auf Schwindel als mögliche Nebenwirkung achten.

Vor der aktiven Teilnahme am Straßenverkehr und dem Bedienen von schweren Maschinen sollte zunächst immer die individuelle Reaktion auf die Behandlung abgewartet und beobachtet werden.

Altersbeschränkung

Die Sicherheit und Effektivität von Tamsulosin bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren ist nicht erwiesen.

Schwangerschaft und Stillzeit

Tamsulosin ist für die Behandlung von Frauen nicht indiziert.

So erhalten Sie Medikamente mit Tamsulosin

Medikamente mit Tamsulosin sind in Deutschland, Österreich und der Schweiz verschreibungspflichtig und nur mit einem Rezept vom Arzt in der Apotheke erhältlich. 

Autoren- & Quelleninformationen

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Quellen:
  • Geisslinger, G. et al.: Mutschler Arzneimittelwirkungen - Pharmakologie, Klinische Pharmakologie, Toxikologie, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart, 11. Auflage, 2020.
  • Herdegen, T.: Kurzlehrbuch Pharmakologie und Toxikologie, Georg Thieme Verlag, 2. Auflage, 2010
  • Karow, T. et Lang-Roth, R.: Allgemeine und Spezielle Pharmakologie und Toxikologie, Thomas Karow Verlag, 29. Auflage, 2021.
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