Rituximab

Von , Apotheker, Arzt
und , Apotheker und Pharmazie-Journalist
Benjamin Clanner-Engelshofen

Benjamin Clanner-Engelshofen ist freier Autor in der NetDoktor-Medizinredaktion. Er studierte Biochemie und Pharmazie in München und Cambridge/Boston (USA) und merkte dabei früh, dass ihm die Schnittstelle zwischen Medizin und Naturwissenschaft besonders viel Spaß macht. Deshalb schloss er noch ein Studium der Humanmedizin an.

Mag. pharm. Christopher Waxenegger

Christopher Waxenegger studierte Pharmazie an der Universität Wien. Es folgten die erfolgreiche Fachprüfung für den Apothekerberuf sowie die freie Mitarbeit in einer Arztpraxis mit dem Schwerpunkt Medikationsanalyse. Seit 2020 widmet er sich dem Fachjournalismus und verfasst Sachtexte zu verschiedenen Gesundheitsthemen. Im Urlaub erkundet Christopher gerne die schottischen Highlands und genießt die Ruhe der Natur.

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Rituximab ist ein Antikörper gegen bestimmte Zellen des Immunsystems. Als einer der ersten Wirkstoffe zur gezielten Krebstherapie  wird er bei Lymphomen und Leukämie angewendet. Ausserdem kommt Rituximab bei Autoimmunerkrankungen wie rheumatoider Arthritis zum Einsatz. Hier lesen Sie mehr über Wirkung und Anwendung von Rituximab, Nebenwirkungen und sonstige interessante Fakten.

So wirkt Rituximab

Rituximab ist ein therapeutischer Antikörper (therapeutisches Immunglobulin). Antikörper sind Proteine (Eiweisse), die natürlich im Körper gebildet werden und fremde oder schädliche Proteine (beispielsweise von Parasiten, Bakterien und Viren) erkennen und unschädlich machen sollen.

Im Allgemeinen ist ein Antikörper Y-förmig und hat zwei Arme, mit denen er die Oberflächenstrukturen (Epitope) von Proteinen spezifisch erkennen und binden kann. Über das andere Ende lockt er dann an Immunzellen, welche die so markierte Zielstruktur zerstören sollen.

Antikörper werden von B-Zellen (auch B-Lymphozyten genannt) produziert. Dabei handelt es sich um eine Zellart aus der Gruppe der weissen Blutkörperchen. Bei Kontakt mit einem Fremdstoff bilden sie passende Antikörper dagegen, welche den Eindringling attackieren.

Nach erfolgreicher Abwehr wandeln sich einige B-Zellen zu sogenannten Gedächtniszellen um, welche die „Erinnerung“ an den speziellen Eindringling in sich tragen. So kann bei einem späteren erneuten Angriff durch den gleichen Fremdstoff die Antikörper-Produktion viel schneller in Gang gesetzt werden als beim ersten Kontakt.

Wie viele andere Zellen haben auch B-Zellen Oberflächenproteine, über die sie sich identifizieren lassen: Das Protein CD20. Diese Tatsache wird bei der Behandlung von Krankheiten genutzt, die mit einer zu hohen Anzahl B-Zellen im Körper, mit überaktiven B-Zellen oder funktionslosen B-Zellen einhergehen.

Dazu gehören Blutkrebs-Erkrankungen (Leukämie), Lymphdrüsenkrebs (Lymphome) und Autoimmunerkrankungen wie rheumatoide Arthritis. Der speziell entwickelte Antikörper Rituximab heftet sich an das Antigen CD20 der B-Zellen und signalisiert so anderen Immunzellen, diese zu zerstören.

Die auch als „gezielte Krebstherapie“ bezeichnete Behandlung hat weitaus weniger schwerwiegende Nebenwirkungen als die herkömmlichen Therapien, bei denen Wirkstoffe angewendet werden, die unterschiedslos auf alle sich teilenden Zellen (Krebszellen und gesunde Zellen) wirken.

Aufnahme, Abbau und Ausscheidung

Nach Infusion oder Injektion in Blutgefässe (intravenös) oder unter die Haut (subkutan) verteilen sich die Rituximab-Antikörper im Kreislauf und erreichen den Ort, an dem sie wirken sollen.

Die Antikörper werden nur langsam abgebaut und weisen damit eine recht lange Verweildauer im Körper von durchschnittlich 29 Tagen auf. Dann wird Rituximab von Zellen des Immunsystems oder in der Leber abgebaut.

Wann wird Rituximab eingesetzt?

Rituximab wird zur Behandlung folgender Erkrankungen eingesetzt:

  • Non-Hodgkin-Lymphom (NHL, Krebs des Lymphsystems) – Einsatz in Kombination mit weiteren Wirkstoffen
  • Chronisch lymphatische Leukämie (CLL) - Einsatz in Kombination mit weiteren Wirkstoffen
  • Rheumatoide Arthritis – Einsatz in Kombination mit dem Wirkstoff Methotrexat
  • Granulomatose (Gewebeknötchen) mit Polyangiitis (Entzündung von Gefässen)

Die Anwendung von Rituximab erfolgt in mehreren Zyklen mit einem Abstand von Wochen bis Monaten. Ausserhalb der Zulassung wird Rituximab auch bei Multipler Sklerose eingesetzt ("Off-Label-Use").

So wird Rituximab angewendet

Die Behandlung mit Rituximab erfolgt üblicherweise als Infusion in den Blutkreislauf, verabreicht von einem Arzt. Zur Bestimmung der Dosierung wird über die Grösse und das Gewicht des Patienten die Körperoberfläche abgeschätzt.

Pro Behandlung werden so Wirkstoffmengen von etwa 500 bis 1000 Milligramm Rituximab verabreicht. Die Anzahl der Zyklen und der Abstand dazwischen werden ebenfalls vom Arzt festgelegt. Manche Patienten erhalten den Wirkstoff wöchentlich, andere in Zeitabständen von bis zu drei Monaten.

Bei der Behandlung von Krebserkrankungen mit Rituximab werden zusätzlich Chemotherapeutika verabreicht. So wird die Krankheit zeitgleich auf mehrere Arten behandelt, wovon man sich den grösstmöglichen Heilerfolg verspricht.

Welche Nebenwirkungen hat Rituximab?

Während der Behandlung mit Rituximab zeigen sich bei mehr als zehn Prozent der Patienten Nebenwirkungen wie bakterielle und virale Infektionen, verringerte Anzahl von weissen Blutkörperchen und Blutplättchen, allergische Reaktionen, teils mit Schwellungen (Ödeme), Übelkeit, Juckreiz, Ausschlag, Haarausfall, Fieber, Kopfschmerzen und Schüttelfrost.

Weitere mögliche Nebenwirkungen sind Pilzinfektionen, Entzündung der Nasennebenhöhlen, Blutarmut, Überempfindlichkeitsreaktionen, hohe Blutzuckerwerte, Gewichtsverlust, erhöhte Cholesterinwerte, erniedrigte Calciumwerte, Empfindungsstörungen, Schlaflosigkeit, Erregung, Schwindel, Angstgefühle und trockene Augen.

Auch Ohrenschmerzen, Herzrhythmusstörungen, hoher oder niedriger Blutdruck, Atemwegserkrankungen, Atemnot, Husten, Erbrechen, Bauchschmerzen, Verdauungsstörungen, Hauterkrankungen, Muskelschmerzen und Erkältungserscheinungen werden beobachtet. Solche Nebenwirkungen treten bei einem von zehn bis hundert Behandelten auf.

Zur Prophylaxe von Infusionsreaktionen wird in der Regel vor der ersten Verabreichung eine medikamentöse Prophylaxe mit einem Analgetikum (z.B. Paracetamol) und einem Antiallergikum durchgeführt.

Was ist bei der Anwendung von Rituximab zu beachten?

Gegenanzeigen

Rituximab darf nicht eingesetzt werden bei:

  • aktiven, schweren Infektionen
  • Patienten mit stark geschwächter Immunabwehr
  • schwerer Herzschwäche (Herzinsuffizienz)

Wechselwirkungen

Es sind keine Wechselwirkungen zwischen Rituximab und anderen Wirkstoffen bekannt.

Da Rituximab negativ auf die Funktion und Leistung des Herzens wirken kann, sollten Patienten mit Vorerkrankungen des Herzens während der Behandlung besonders gründlich beobachtet werden.

Patienten mit schweren Infektionen (wie Tuberkulose, HIV, Virus-Hepatitis) sollten nicht mit Rituximab behandelt werden, da dadurch das Immunsystem zusätzlich geschwächt wird.

Altersbeschränkung

Für bestimmte Indikationen sind Infusionen mit dem Wirkstoff bereits ab einem Alter von sechs Monaten zugelassen. Die Dosierung wird individuell festgelegt.

Die Sicherheit und Wirksamkeit von Rituximab als subkutane Injektion ist bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren nicht geprüft worden und damit nicht sicher erwiesen.

Schwangerschaft und Stillzeit

Rituximab wird üblicherweise bei einer geplanten Schwangerschaft vorzeitig abgesetzt beziehungsweise bei einer unerwarteten Schwangerschaft sobald diese bekannt wird. Daten der Herstellerdatenbanken konnten in der Mehrzahl der Fälle keine klinisch relevanten Symptome bei den Neugeborenen feststellen.

Eine B-Zell-Verringerung ist vorübergehend und erholt sich im Lauf von sechs Monaten wieder. Eine Therapie in der Schwangerschaft sollte wohl begründeten Einzelfällen vorbehalten sein.

Aufgrund der grossen Molekülmasse ist ein Übertritt von Rituximab in die Muttermilch unwahrscheinlich. Die Entscheidung für eine Behandlung in der Stillzeit wird in jedem Fall von Spezialisten getroffen.

So erhalten Sie Medikamente mit Rituximab

Die Behandlung mit Rituximab erfolgt meist direkt in einem Krankenhaus oder einer spezialisierten Klinik, welche den Wirkstoff dann Patienten-individuell zubereitet.

Seit wann ist Rituximab bekannt?

Der Antikörper Rituximab wurde im Jahr 1998 in der EU zugelassen. Es war der erste Antikörper, der zu Behandlung von Krebs zugelassen wurde (1997 in den USA).

Eine Zulassungserweiterung wurde in der EU im Jahr 2006 erteilt zur Behandlung von rheumatoider Arthritis und 2012 für Morbus Wegener. Das US-Patent lief im Jahr 2015 aus. Mittlerweile sind erste Biosimilars mit Rituximab am Markt.

Autoren- & Quelleninformationen

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Autoren:
Benjamin Clanner-Engelshofen
Benjamin Clanner-Engelshofen

Benjamin Clanner-Engelshofen ist freier Autor in der NetDoktor-Medizinredaktion. Er studierte Biochemie und Pharmazie in München und Cambridge/Boston (USA) und merkte dabei früh, dass ihm die Schnittstelle zwischen Medizin und Naturwissenschaft besonders viel Spaß macht. Deshalb schloss er noch ein Studium der Humanmedizin an.

Christopher Waxenegger
Mag. pharm.  Christopher Waxenegger

Christopher Waxenegger studierte Pharmazie an der Universität Wien. Es folgten die erfolgreiche Fachprüfung für den Apothekerberuf sowie die freie Mitarbeit in einer Arztpraxis mit dem Schwerpunkt Medikationsanalyse. Seit 2020 widmet er sich dem Fachjournalismus und verfasst Sachtexte zu verschiedenen Gesundheitsthemen. Im Urlaub erkundet Christopher gerne die schottischen Highlands und genießt die Ruhe der Natur.

Quellen:
  • Aktories, K. et al.: Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie, 12. Auflage, Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH, 2017.
  • Geisslinger, G. et al.: Mutschler Arzneimittelwirkungen - Pharmakologie, Klinische Pharmakologie, Toxikologie, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart, 11. Auflage, 2020.
  • Karow, T. et Lang-Roth, R.: Allgemeine und Spezielle Pharmakologie und Toxikologie, Thomas Karow Verlag, 29. Auflage, 2021.
  • Pharmakovigilanz und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie der Charité-Universitätsmedizin Berlin: Rituximab, unter: www.embryotox.de (Abruf: 29.09.2021).
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