Piracetam

Von , Apotheker, Arzt
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Benjamin Clanner-Engelshofen

Benjamin Clanner-Engelshofen ist freier Autor in der NetDoktor-Medizinredaktion. Er studierte Biochemie und Pharmazie in München und Cambridge/Boston (USA) und merkte dabei früh, dass ihm die Schnittstelle zwischen Medizin und Naturwissenschaft besonders viel Spaß macht. Deshalb schloss er noch ein Studium der Humanmedizin an.

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Piracetam wird zur Behandlung von Demenz und hirnorganisch bedingten Leistungsstörungen eingesetzt. Da der Wirkstoff die Zucker- und Sauerstoffverwertung in den Nervenzellen des zentralen Nervensystems steigert, wird er auch bei Tinnitus und Hörsturz angewendet. Hier lesen Sie alles Wichtige zu Piracetam: Wirkung, Anwendung und mögliche Nebenwirkungen.

So wirkt Piracetam

Die Wirkung von Piracetam ist noch nicht vollständig und umfassend verstanden. Der positive Einfluss auf Gedächtnis, Konzentration und Aufmerksamkeit ist zumindest nicht an einen zentral stimulierenden Effekt gebunden.

Die Annahme, dass Piracetam bei Demenz und anderen Hirnleistungsstörungen die Symptome verbessert, basiert auf Tierversuchen: Bei Tieren mit einem herabgesetzten Hirnstoffwechsel kann der Wirkstoff den Stoffwechsel anregen, die Verwertung von Zucker zur Energiegewinnung steigern und die Produktion von Eiweissen stimulieren.

Ein weiterer, experimentell beobachteter Effekt des Wirkstoffes betrifft die Fliessfähigkeit und Gerinnung des Blutes:

Piracetam verbessert zum einen die Verformbarkeit von roten Blutkörperchen (Erythrozyten), wodurch diese besser durch kleine Blutgefässe gelangen. Zum anderen hemmt es das Zusammenlagern von roten Blutkörperchen und Blutplättchen (Thrombozyten) unter Bildung eines Gerinnsels und senkt die Viskosität des Blutplasmas (flüssiger Bestandteil des Blutes ohne rote und weisse Blutkörperchen sowie Blutplättchen). Durch die Gesamtheit dieser Effekte wird die Durchblutung kleiner Gefässe, wie sie auch zahlreich im Gehirn vorkommen, verbessert.

Weitere Studien bescheinigen dem Wirkstoff Piracetam einen therapeutischen Vorteil bei der Nachsorge von Schlaganfallpatienten sowie bei Kindern mit Dyslexie (Probleme beim Lesen und Schreiben von Wörtern bzw. zusammenhängenden Texten).

Die Einnahme zur Leistungssteigerung des Gedächtnisses beziehungsweise zur Verbesserung der Merkfähigkeit bei gesunden Patienten ist umstritten und nicht durch Studien belegt.

Aufnahme, Abbau und Ausscheidung

Nach der Einnahme über den Mund wird der Wirkstoff über die Darmschleimhaut ins Blut aufgenommen und erreicht dort bereits nach einer halben Stunde die höchsten Spiegel. Er kann die Blut-Hirn-Schranke überwinden und so ins Gehirn gelangen.

Etwa vier bis sechs Stunden nach der Einnahme ist die Hälfte des Wirkstoffs unverändert über die Nieren ausgeschieden (Halbwertszeit).

Wann wird Piracetam eingesetzt?

Piracetam ist zugelassen für:

  • Leistungsstörungen, die das Gehirn betreffen, mit den Symptomen Gedächtnis-, Konzentrations- und Denkstörungen, Antriebs- und Motivationsmangel (in diesem Bereich erfolgt die Anwendung vor allem bei Demenz)
  • die unterstützende (adjuvante) Behandlung von Myoklonus-Syndromen (kurzartige Kontraktionen eines Muskels), die ihren Ursprung in der Hirnrinde haben
  • die unterstützende Behandlung von Dyslexie bei Kindern ab acht Jahren im Rahmen eines therapeutischen Gesamtkonzepts

Die Einnahme erfolgt meist über einen längeren Zeitraum.

So wird Piracetam angewendet

Piracetam wird üblicherweise als Tablette eingenommen. Gängig sind Tagesgesamtdosen von bis zu 2,4 Gramm Piracetam, aufgeteilt auf dreimal täglich 800 Milligramm oder zweimal täglich 1,2 Gramm. Wenn der Patient nicht ausreichend auf die Behandlung anspricht, kann der Arzt die Tagesgesamtdosierung auf maximal 4,8 Gramm steigern.

Die Tabletten werden zu oder nach einer Mahlzeit mit einem Glas Wasser eingenommen.

Für Patienten mit Schluckstörungen oder Ernährung per Sonde gibt es auch flüssige Darreichungsformen (Lösung).

Welche Nebenwirkungen hat Piracetam?

Das Auftreten von Nebenwirkungen ist dosisabhängig - höhere Dosierungen führen zu einem vermehrten Auftreten von Nebenwirkungen.

Bei einem von zehn bis hundert Patienten entwickeln sich Nervosität, Aggressivität, Schlafstörungen, übermässiger Bewegungsdrang und Gewichtszunahme.

Gelegentlich kann es auch zu Nebenwirkungen in Form von Depressionen, Schläfrigkeit, Blutdrucksenkung oder -steigerung, Schwächegefühl und gesteigerter Libido kommen.

Was ist bei der Einnahme von Piracetam zu beachten?

Gegenanzeigen

Piracetam darf nicht eingesetzt werden bei:

  • Überempfindlichkeit gegenüber dem Wirkstoff oder einem der anderen Bestandteile des Medikaments
  • Hirnblutungen (zerebrale Blutungen)
  • Nierenfunktionsstörung im Endstadium (terminale Niereninsuffizienz)
  • Chorea Huntington (Erbkrankheit des Gehirns)

Wechselwirkungen

Da Piracetam im Körper nicht verstoffwechselt oder abgebaut wird, treten Wechselwirkungen mit anderen Wirkstoffen nur sehr selten auf.

Bei der Kombination von Piracetam mit Schilddrüsenhormonen zur Behandlung einer Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) wurde über eine erhöhte Reizbarkeit, Verwirrung und Schlafstörungen berichtet.

Die Wirkung von Medikamenten, die das zentrale Nervensystem stimulieren (wie Mittel zur Behandlung von Narkolepsie, ADHS, Asthma), kann möglicherweise durch Piracetam gesteigert werden. Das Gleiche gilt für die Wirkung von Medikamenten zur Behandlung einer Psychose oder Schizophrenie.

Vorsicht ist geboten, wenn Piracetam bei Patienten mit Blutgerinnungsstörungen angewendet werden soll. Durch die gerinnungshemmenden Eigenschaften des Wirkstoffs kann es zu einer verstärkten Blutungsneigung kommen. Aus dem gleichen Grund ist auch Vorsicht geboten bei der Einnahme von Piracetam vor Operationen und bei bestehenden Magengeschwüren.

Wird der Wirkstoff Piracetam zur Behandlung von Krampfleiden (Myoklonus-Syndrom) eingenommen, darf er nicht plötzlich abgesetzt werden. Anderenfalls kann es zu einem akuten Krampfanfall kommen.

Altersbeschränkung

Piracetam ist für Kinder unter acht Jahren nicht zugelassen.

Bei älteren Patienten (über 65 Jahre) und Patienten mit Nierenfunktionsstörungen muss die Dosierung gegebenenfalls verringert werden, da hier die Ausscheidung über die Nieren eingeschränkt ist. Zusätzlich sollte für die Dauer der Behandlung mit Piracetam die Nierenfunktion regelmässig kontrolliert werden.

Schwangerschaft und Stillzeit

Schwangere und Stillende sollten Piracetam nicht einnehmen, da zur Sicherheit und Wirksamkeit des Wirkstoffs bei diesen Patientengruppen keine Daten existieren.

So erhalten Sie Medikamente mit Piracetam

Präparate mit dem Wirkstoff Piracetam sind in Deutschland, Österreich und der Schweiz in jeder Dosierung und Packungsgrösse verschreibungspflichtig. Sie können nach Vorlage eines ärztlichen Rezepts über die Apotheke bezogen werden.

Seit wann ist Piracetam bekannt?

Erstmals entwickelt wurde Piracetam von Wissenschaftlern im Jahr 1964. Der führende Wissenschaftler Corneliu Giurgea schuf für den Wirkstoff die Bezeichnung "Nootropikum" aufgrund seiner die Gedächtnisleistung steigernden Wirkung.

Piracetam ist seit Mitte der 1970er Jahre im europäischen Raum als Arzneistoff zugelassen. 

Autoren- & Quelleninformationen

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Autor:
Benjamin Clanner-Engelshofen
Benjamin Clanner-Engelshofen

Benjamin Clanner-Engelshofen ist freier Autor in der NetDoktor-Medizinredaktion. Er studierte Biochemie und Pharmazie in München und Cambridge/Boston (USA) und merkte dabei früh, dass ihm die Schnittstelle zwischen Medizin und Naturwissenschaft besonders viel Spaß macht. Deshalb schloss er noch ein Studium der Humanmedizin an.

Quellen:
  • Aktories, K. et al.: Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie, 11. Auflage, Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH, 2013.
  • Fachinformation: Piracetam, unter: www.fachinfo.de (Abruf: 29.12.2021).
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