Paxlovid (Nirmatrelvir, Ritonavir)

Von , (Bio-)Chemiker
Dr. Maximilian Reindl

Maximilian Reindl studierte Chemie und Biochemie an der LMU in München und ist seit Dezember 2020 Mitglied der NetDoktor-Redaktion. Er arbeitet sich für Sie in medizinisch-naturwissenschaftliche und gesundheitspolitische Themen ein, um diese gut verständlich und nachvollziehbar aufzubereiten.

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Paxlovid ist ein Medikament, das speziell zur Covid-19-Behandlung entwickelt wurde. Es zählt zu den antiviralen Medikamenten. Paxlovid besteht aus zwei aktiven Substanzen. Diese Wirkstoffkombination bremst die Virusvermehrung im menschlichen Körper deutlich. In der Schweiz ist das Covid-Medikament derzeit noch nicht zugelassen. Was zu den Wirkstoffen bekannt ist, wie sie wirken und wann Ärzte Paxlovid in der Praxis einsetzen, lesen Sie hier.

Hand hält Tablette

Was ist Paxlovid?

Paxlovid ist ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel zur Covid-19-Behandlung. Es besitzt derzeit eine vorläufige (bedingte) Zulassung für den europäischen Markt. In der Schweiz ist Paxlovid noch nicht zugelassen. Das Zulassungsgesuch des Herstellers wurde jedoch bereits am 18.01.2022 eingereicht. Die Swissmedic prüft derzeit die eingereichten Daten auf Sicherheit, Wirksamkeit und Qualität.

Paxlovid zählt zu den antiviralen Medikamenten. Das heisst, es beeinträchtigt die Fähigkeit des Coronavirus sich im Körper zu vermehren. Es kann in Tablettenform eingenommen werden und besteht aus zwei aktiven Substanzen: Nirmatrelvir (PF-07321332) und Ritonavir.

Diese Kombination bremst die Vermehrung von Sars-CoV-2. Das verschafft dem Körper Zeit, das Coronavirus selbstständig zu bekämpfen. Dadurch mindert sich die Krankheitsschwere und die Krankheitsdauer wird verkürzt. Idealerweise kann so eine stationäre Krankenhausbehandlung von Risikopatienten abgewendet werden.

Der Hauptwirkstoff Nirmatrelvir ist ein sogenannter Protease-Inhibitor und stört die Funktion eines bestimmten viralen Eiweissmoleküls (Enzym), das für den Bau neuer Viruskopien in der menschlichen Zelle dringend benötigt wird.

Der Zusatzwirkstoff Ritonavir hingegen verlangsamt den Abbau von Nirmatrelvir in der menschlichen Leber (Inhibitor von Cytochrom P450 / CYP3A4). Dadurch können längere Zeit ausreichende Mengen Nirmatrelvir im Körper zirkulieren und wirken.

Im Vergleich zu anderen Behandlungsoptionen wie beispielsweise den Antikörpertherapien, besitzt Paxlovid einen grossen Vorteil: Das Medikament wirkt gegen alle Virus-Varianten von Sars-CoV-2. Das heisst der Wirkmechanismus ist unabhängig von der jeweiligen Coronavirus-Variante.

Wie wird Paxlovid angewendet?

Paxlovid ist für Personen ab 18 Jahren und älter gedacht, die ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf tragen. Dies betrifft insbesondere immungeschwächte, vorerkrankte oder ältere Patienten, bei denen die Wirkung einer Schutzimpfung (stark) herabgesetzt ist.

Mit einer Paxlovid-Behandlung sollte idealerweise innerhalb von fünf Tagen nach einer bestätigten Covid-19-Diagnose begonnen werden. Die Patenten nehmen das Medikament an fünf aufeinanderfolgenden Tagen ein. Die Tagesdosis umfasst zwei Tabletten Nirmatrelvir (jeweils 150 Milligramm morgens und abends) kombiniert mit einer Tablette Ritonavir (100 Milligramm).

Welche Nebenwirkungen treten auf?

Da Paxlovid in der EU erst seit kurzem verfügbar ist, können das Nebenwirkungsprofil und die Verträglichkeit noch nicht abschliessend beurteilt werden. Die Gesundheitsbehörden beobachten es daher engmaschig.

Aus den Zulassungsdokumenten der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA geht jedoch hervor, dass bei einer von zehn Personen, die eine Paxlovid-Behandlung erhalten haben, folgende typische Nebenwirkungen auftraten:

  • Veränderte Geschmackswahrnehmung bzw. Geschmacksstörungen (Dysgeusie)
  • Durchfall
  • Kopfschmerzen
  • Erbrechen

Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten möglich

Insbesondere der Teilbestandteil Ritonavir blockiert wichtige Abbauprozesse in der Leber. Daher vermuten Fachkreise Wechselwirkungen mit zahlreichen Medikamenten im Behandlungszeitraum. Auch darf Paxlovid nicht bei schweren Leber- und Nierenstörungen eingenommen werden.

Wechselwirkungen werden vermutet mit bestimmten:

  • Prostatamedikamenten (bspw.: Alfuzosin)
  • Herzmedikamenten (bspw.: Amiodaron, Bepridil, Dronedaron, Propafenon, etc.)
  • Cholesterinsenkern (bspw.: Lovastatin, Simvastatin, Lomitapid, etc.)
  • Antihistaminika (bspw.: Astemizol, Terfenadin, etc.)
  • Gicht-Medikamenten (bspw. Colchicin)
  • Medikamenten gegen Erektionsstörungen (Sildenafil, Avanafil, Vardenafil, etc.)
  • Krebsmedikamenten (bspw.: Neratinib, Venetoclax, etc.)
  • Antibiotika (bspw.: Fusidinsäure, etc.)
  • Schmerzmitteln, Beruhigungsmitteln und Migräne-Medikamenten (bspw.: Pethidin, Diazepam, Midazolam, Dihydroergotamin, etc.)
  • Neuroleptika und Antipsychotika (bspw.: Lurasidon, Pimozid, Clozapin, etc.) und vielen mehr.

Diese Liste umfasst nur einen Teil an Medikamenten, bei denen Wechselwirkungen bestehen könnten. Das Thema der Medikamentenwechselwirkungen ist daher ein wichtiger Teil des ärztlichen Aufklärungsgesprächs im Vorfeld einer möglichen Paxlovid-Behandlung.

Zur systematischen Erfassung von möglichen Wechselwirkungen steht auf der Website des Herstellers ein Online-Tool zur Verfügung, das über einen QR-Code in der Produktinformation zugänglich ist.

Schwangerschaft und Stillzeit

Es liegen keine Daten zur Paxlovid-Behandlung in der Schwangerschaft vor. Daher ist nicht bekannt, ob das Ungeborene durch die Wirkstoffe geschädigt werden könnte. Vorläufige Tierversuche liefern nach aktuellem Kenntnisstand keine Anzeichen für embryotoxische Wirkungen des Hauptbestandteils Nirmatrelvir.

Allerdings steht der Nebenwirkstoff Ritonavir im Verdacht, möglicherweise schädlich zu wirken. Paxlovid sollte daher nicht während der Schwangerschaft angewendet werden.

Auch geht aus den Zulassungsdokumenten hervor, dass in der Zeit einer Paxlovid-Behandlung (plus einer Zeitspanne von zusätzlichen sieben Tagen nach dem Absetzen einer Behandlung) eine Schwangerschaft vermieden werden sollte.

Wirkstoff Ritonavir kann der die Wirkung der hormonellen Verhütung („Pille“) herabsetzen.

Es wurde nicht untersucht, ob Paxlovid in die Muttermilch übergehen kann. Aus einer geringen Zahl von Untersuchungen deutet sich an, dass zumindest Ritonavir in geringen Mengen dazu in der Lage sein könnte. Ein Risiko für das Neugeborene kann daher nicht ganz ausgeschlossen werden. Eine Stillpause im Behandlungszeitraum ist sinnvoll.

Immungeschwächte Patienten

Die Einnahme von Paxlovid könnte bei immungeschwächten Patienten (HIV/AIDS) möglicherweise die Wirksamkeit bestimmter HIV-Medikamente mindern. Klären Sie dies im Vorfeld einer möglichen Paxlovid-Behandlung mit Ihrer behandelnden Ärztin oder Ihrem Arzt ab, um einen individuellen Therapieplan auszuarbeiten.

Wie wirksam ist Paxlovid?

Erste verlässliche Angaben zur Wirksamkeit von Paxlovid beruhen auf Zwischenergebnissen der EPIC-HR-Zulassungsstudie. Demnach kann Paxlovid, schwere Verläufe oder einen tödlichen Krankheitsverlauf bei Risikopatienten sehr wirksam verhindern.

Dies gilt allerdings nur, sofern mit der Behandlung binnen fünf Tagen nach dem Einsetzen der ersten Symptome begonnen wird.

Die Zulassungsstudie schloss über 18-jährige Personen ein, die symptomatisch an Covid-19 erkrankten, keinen zusätzlichen Sauerstoffbedarf hatten und im Vorfeld weder geimpft noch genesen waren. Der Grossteil der Studienteilnehmer war mit der Delta-Variante des Coronavirus infiziert.

Als ein zusätzliches Einschlusskriterium mussten die Patienten mindestens einen Risikofaktor für einen schweren Verlauf aufweisen: beispielsweise starkes Übergewicht, Diabetes, eine chronische Lungenkrankheit, ein geschwächtes Immunsystem oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Die Studienteilnehmer wurden zu gleichen Anteilen zufällig (randomisiert) zwei Gruppen zugewiesen: Die eine Gruppe erhielt eine Paxlovid-Behandlung, die dem oben beschriebenen Behandlungsschema folgte, die andere Gruppe erhielt ein Placebo. In Summe wurden so rund 2.200 Studienteilnehmer untersucht.

Wie wirkt Paxlovid?

Um den Wirkmechanismus von Paxlovid – genauer gesagt des eigentlichen Hauptwirkstoffs Nirmatrelvir – zu erläutern, ist es wichtig zuvor die einzelnen Schritte der Vermehrung des Virus in der menschlichen Zelle zu erläutern.

Die Virusreplikation (in der infizierten menschlichen Zelle) umfasst sehr vereinfacht– drei grundlegende Schritte:

  • Vervielfältigung des RNA-Erbguts des Virus.
  • Produktion aller Virusproteine (aus dem vorhandenen viralen Erbgut) in Form einer „langen Proteinkette“, bestehend aus Eiweiss-Einzelbausteinen (Aminosäuren).
  • Weiterverarbeitung: Spezialisierte Virus-Enzyme (Endoproteasen, konkret: die sog. 3CLpro-Endopeptidase) zerschneiden diese lange Aminosäurekette an „Sollbruchstellen“ in wohldefinierte Einzelkomponenten. Jedes dieser Eiweiss-Fragmente übernimmt dann eine spezifische Funktion im neu gebildeten Viruspartikel.

Die Natur und Evolution des Virus hat diese neu entstandenen verkürzten Eiweiss-Fragmente genau so konzipiert, dass sie sich spontan, passgenau zu neuen voll funktionsfähigen (infektiösen) Viruspartikeln zusammen lagern.

Diese fein aufeinander abgestimmten Prozesse bezeichnen Fachkreise als „konservierte Mechanismen“. Das heisst, sie sind bei allen Sars-CoV-2-Varianten absolut identisch – und damit ein ideales Ziel für die Arzneistoff-Entwicklung.

Und Paxlovid? Es greift genau in diesen konservierten Mechanismus ein und stört die Produktion dieser oben beschriebenen Virus-Strukturproteine grundlegend. Es blockiert zielgerichtet die Funktion der 3CLpro-Endopeptidase. Kann dieses virale Enzym nicht mehr die „lange Proteinkette“ in passgenaue Eiweiss-Fragmente schneiden, kommt die Virusreplikation zum Erliegen.

Was ist eine bedingte Zulassung?

Eine bedingte Zulassung ist eine „vorläufige beschleunigte europäische Marktzulassung“ unter strengen Vorgaben und Auflagen für den Hersteller.

Ein solcher Status wird nur dann von Gesundheitsbehörden erwogen, wenn ein dringender medizinischer Bedarf durch das Arzneimittel gedeckt wird – also im Falle von Paxlovid um die potenziell lebensbedrohliche Covid-19-Erkrankung zu behandeln.

In der Regel gilt ein solcher Zulassungsstatus für ein Jahr und muss jährlich erneuert werden. In diesem Zeitraum untermauert der Hersteller mit weiteren Sicherheitsdaten und laufenden Studien den Nutzen und die Sicherheit.

Sobald umfassende Daten zum Arzneimittel vorliegen und eine weiterhin positiven Risiko-Nutzen-Bewertung bestehen bleibt, geht diese bedingte Zulassung in einer reguläre Vollzulassung über.

Nach derzeitigem Kenntnisstand zeichnet sich ein positives Sicherheitsprofil des Hauptbestandteils Nirmatrelvir ab, das nur mit leichten allgemeinen Nebenwirkungen einhergeht.

Daher gelangte die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) – trotz bekannter Nebenwirkungen des Nebenbestandteils Ritonavir – zur derzeitigen Einschätzung, dass der Nutzen des Kombipräparats Paxlovid die Risiken deutlich überwiegt.

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Autor:

Maximilian Reindl studierte Chemie und Biochemie an der LMU in München und ist seit Dezember 2020 Mitglied der NetDoktor-Redaktion. Er arbeitet sich für Sie in medizinisch-naturwissenschaftliche und gesundheitspolitische Themen ein, um diese gut verständlich und nachvollziehbar aufzubereiten.

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