Metoclopramid

Von , Apotheker, Arzt
Aktualisiert am
Benjamin Clanner-Engelshofen

Benjamin Clanner-Engelshofen ist freier Autor in der NetDoktor-Medizinredaktion. Er studierte Biochemie und Pharmazie in München und Cambridge/Boston (USA) und merkte dabei früh, dass ihm die Schnittstelle zwischen Medizin und Naturwissenschaft besonders viel Spaß macht. Deshalb schloss er noch ein Studium der Humanmedizin an.

Alle NetDoktor-Inhalte werden von medizinischen Fachjournalisten überprüft.

Der Wirkstoff Metoclopramidwird zur Behandlung von Übelkeit und Brechreiz eingesetzt. Weil er die Magen-Darm-Bewegung anregt, beschleunigt er zudem die Verdauung. Bei längerer und hochdosierter Anwendung kann es zu sogenannten Dyskinesien (bestimmten Formen von Bewegungsstörung) kommen. Daher haben 2014 zahlreiche hochdosierte Metoclopramid-Tropfen ihre Zulassung verloren. Hier lesen Sie alles Interessante zu Metoclopramid.

So wirkt Metoclopramid

Der Wirkstoff Metoclopramid (MCP) wirkt stimulierend auf die Magenentleerung und Dünndarmpassage (prokinetisch) sowie brechreizlindernd (antiemetisch).

Der menschliche Körper schützt sich mitunter durch Erbrechen vor der Aufnahme giftiger Substanzen über den Verdauungstrakt. Sobald über die Magen- oder Darmschleimhaut bestimmte Stoffe ins Blut gelangen, werden sie über den Blutkreislauf zum sogenannten verlängerten Rückenmark (Medulla oblongata) transportiert.

Hier befindet sich das Brechzentrum. Es weist einen besonderen Bereich auf: die sogenannte Chemorezeptoren-Triggerzone mit zahlreichen Andockstellen (Rezeptoren) für unterschiedlichste Botenstoffe. Schädliche Stoffe können hier direkt vom Brechzentrum registriert werden (in diesem Bereich existiert keine Blut-Hirn-Schranke). Der Körper reagiert darauf mit Übelkeit und Erbrechen, um eine weitere Aufnahme der schädlichen Substanz zu vermeiden.

Mithilfe bestimmter Arzneistoffe lassen sich Rezeptoren dieser Chemorezeptoren-Triggerzone hemmen und somit Übelkeit und Brechreiz unterdrücken. Zu diesen Wirkstoffen zählt Metoclopramid:

MCP hemmt die Dopamin-D2-Rezeptoren und in höherer Dosierung auch bestimmte Serotonin-Rezeptoren. Dopamin und Serotonin sind wichtige Nervenbotenstoffe.

Außerdem bewirkt Metoclopramid auch noch eine schnellere Magen-Darm-Passage, was beispielsweise bei bestimmten Kombinationspräparaten gegen Migräne ausgenutzt wird. Das sorgt dafür, dass der eigentlich schmerzstillende Wirkstoff schneller aus dem Magen in den Darm gelangt, wo er ins Blut aufgenommen werden kann.

Aufnahme, Abbau und Ausscheidung

Nach der Einnahme wird MCP schnell über die Darmwand ins Blut aufgenommen und erreicht die höchsten Blutspiegel nach etwa einer Stunde. Der Wirkstoff wird größtenteils über die Leber abgebaut und mit dem Urin ausgeschieden.

Auf diese Weise werden etwa 80 Prozent des Wirkstoffes aus dem Körper eliminiert. Bei Nierenfunktionsstörungen läuft dieser Prozess aber verlangsamt ab.

Wann wird Metoclopramid eingesetzt?

MCP wird angewendet zur:

  • Vorbeugung und Behandlung von Übelkeit und Erbrechen
  • Therapie von Störungen der Magen-Darm-Bewegung (Motilitätsstörungen)

Die Behandlungsdauer sollte so kurz wie möglich gehalten werden. Sie darf fünf Tage nicht überschreiten.

So wird Metoclopramid angewendet

Präparate mit Metoclopramid werden in vielen Darreichungsformen angeboten. Zum einen sind das oral anzuwendende Präparate (Tropfen, Tabletten, Kapseln). Erwachsene nehmen hierbei üblicherweise dreimal täglich zehn Milligramm vor den Mahlzeiten mit einem Glas Wasser ein.

Zum anderen lässt sich der Wirkstoff auch in Form von Spritzen (Injektionen) und Zäpfchen verabreichen. Das ist vor allem bei starkem Erbrechen von Vorteil - orale Präparate würde dann nämlich nicht lange genug im Körper verbleiben, um eine Wirkstoff-Aufnahme ins Blut zu ermöglichen.

Welche Nebenwirkungen hat Metoclopramid?

Unter der Therapie mit Metoclopramid (MCP) treten bei über zehn Prozent aller Behandelten Schläfrigkeit und Müdigkeit auf.

Zudem zeigen sich bei einem von zehn bis hundert Behandelten Nebenwirkungen wie Durchfall, Schwäche, Depressionen, niedriger Blutdruck und - vor allem bei Kindern - extrapyramidale Bewegungsstörungen (Dyskinesien). Das sind Bewegungsstörungen besonders im Gesichtsbereich, die in seltenen Fällen verzögert auftreten und irreversibel sein können.

Gelegentlich ist als Folge der MCP-Einnahme ein Absinken des Blutdrucks oder ein Überschuss der Prolaktinmenge im Blut (Hyperprolaktinämie) zu beobachten.

Was ist bei der Einnahme von Metoclopramid zu beachten?

Gegenanzeigen

Metoclopramid darf nicht verwendet werden bei:

  • Magen-Darm-Blutungen
  • Phäochromozytom (seltener Tumor des Nebennierenmarks)
  • bekannte extrapyramidale Bewegungsstörungen
  • Morbus Parkinson
  • Methämoglobinämie (erhöhte Blutmenge an Methämoglobin = Abkömmling von Hämoglobin, der im Unterschied zu diesem keinen Sauerstoff binden kann)

Wechselwirkungen

Metoclopramid darf nicht zusammen mit Wirkstoffen zur Behandlung von Dopaminmangelkrankheiten (wie Parkinson) angewendet werden, die zu höheren Dopaminspiegeln im Gehirn führen sollen. MCP würde nämlich deren Wirkung abschwächen.

Zentral dämpfend wirkende Arzneimittel wie starke Schmerzmittel, antiallergische Mittel, Beruhigungs- und Schlafmittel sowie Alkohol können die dämpfende Wirkung von Metoclopramid verstärken.

Die gleichzeitige Einnahme mit Antipsychotika (Arzneistoffe, die etwa bei Psychosen, Wahnvorstellungen und Schizophrenie verordnet werden) kann das Risiko für Dyskinesien erhöhen.

Wird MCP mit weiteren Wirkstoffen kombiniert, die zu erhöhten Serotonin-Spiegeln im Gehirn führen, kann es zu lebensbedrohlich hohen Serotonin-Spiegeln und zum sogenannten Serotonin-Syndrom kommen (akut lebensbedrohlicher Zustand mit Herzrasen, Fieber, Übelkeit, Erbrechen etc.). Das gilt etwa für Antidepressiva (v.a. SSRI), manche Schmerzmittel, Migräne-Mittel und Tryptophan (leichtes schlafförderndes Mittel).

Metoclopramid erhöht die Verfügbarkeit von Ciclosporin (Immunsuppressivum) und verringert die Verfügbarkeit von Digoxin (Mittel für Herzschwäche) und oralen Verhütungsmitteln ("Pille").

MCP wird in der Leber unter Beteiligung des Enzyms CYP2D6 abgebaut. CYP2D6-Hemmstoffe (z.B. Fluoxetin, Paroxetin) können daher die Wirkungen und Nebenwirkungen von Metoclopramid verstärken. Umgekehrt können CYP2D6-Induktoren (u.a. Dexamethason, Rifampicin) den Effekt von MCP abschwächen.

Altersbeschränkung

Metoclopramid-Tabletten sind ab einem Alter von neun Jahren zugelassen. Für Kinder ab einem Jahr stehen Tropfen und Zäpfchen zur Verfügung.

Schwangerschaft und Stillzeit

Mehrere zehntausend ausgewertete Schwangerschaftsverläufe unter Metoclopramid-Therapie zeigen weder ein erhöhtes Spontanabortrisiko noch eine erhöhte Gesamtfehlbildungsrate. Der Wirkstoff kann also während der Schwangerschaft eingenommen werden. Sicherheitshalber sollte die Dauer der Behandlung aber so kurz wie möglich gehalten werden.

MCP darf in der Stillzeit über kurze Zeit eingesetzt werden. Bei längerer Therapie besteht die Möglichkeit, dass der Wirkstoff in die Muttermilch übergeht und zu Nebenwirkungen beim Säugling führt (z.B. Blähungen, leicht erhöhte Prolaktinwerte).

So erhalten Sie Medikamente mit Metoclopramid

Alle Präparate mit dem Wirkstoff Metoclopramid sind in Deutschland, Österreich und der Schweiz verschreibungspflichtig. Seit 2014 sind hochdosierte MCP-Tropfen (4mg/ml) nicht mehr zugelassen. Niedriger dosierte Tropfen (1mg/ml) sind nach wie vor verfügbar.

Die in Deutschland erhältlichen Zäpfchen und Retard-Kapseln (Kapseln mit zeitlich verzögerter Wirkstofffreisetzung) sind in der Schweiz und Österreich nicht am Markt.

Seit wann ist Metoclopramid bekannt?

Metoclopramid wurde erstmals 1964 hergestellt. Die am längsten auf dem deutschen Arzneimittelmarkt befindlichen Präparate erhielten ihre Erstzulassung 1979. Mittlerweile gibt es zahlreiche Generika mit dem Wirkstoff.

Autoren- & Quelleninformationen

Jetzt einblenden
Aktualisiert am :
Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Autor:
Benjamin Clanner-Engelshofen
Benjamin Clanner-Engelshofen

Benjamin Clanner-Engelshofen ist freier Autor in der NetDoktor-Medizinredaktion. Er studierte Biochemie und Pharmazie in München und Cambridge/Boston (USA) und merkte dabei früh, dass ihm die Schnittstelle zwischen Medizin und Naturwissenschaft besonders viel Spaß macht. Deshalb schloss er noch ein Studium der Humanmedizin an.

Quellen:
  • Aktories, K. et al.: Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie, 11. Auflage, Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH, 2013.
  • Karow, T. et Lang-Roth, R.: Allgemeine und Spezielle Pharmakologie und Toxikologie, Thomas Karow Verlag, 29. Auflage, 2021.
  • Pharmakovigilanz und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie der Charité-Universitätsmedizin Berlin: Metoclopramid, unter: www.embryotox.de (Abruf: 15.07.2021).
Teilen Sie Ihre Meinung mit uns
Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie NetDoktor einem Freund oder Kollegen empfehlen?
Mit einem Klick beantworten
  • 0
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0 - sehr unwahrscheinlich
10 - sehr wahrscheinlich