Medikamente - Wechselwirkungen

Von Melanie Iris Zimmermann, Apothekerin
Aktualisiert am
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Ein Medikament kann mit anderen Arzneimitteln, aber auch mit Lebensmitteln und Genussmitteln wie Alkohol in Wechselwirkung treten, wenn die Einnahme gleichzeitig oder kurz hintereinander erfolgt. Vor allem jene Menschen, die regelmäßig viele Medikamente einnehmen müssen (wie etwa ältere Menschen und chronische Kranke), sollten über mögliche Wechselwirkungen von Medikamenten Bescheid wissen.

Pillen; Tabletten; Kapseln; Medikamente

Was sind Wechselwirkungen?

Von Wechselwirkung spricht man, sobald ein Medikament in seiner Aufnahme oder Verteilung im Körper, seiner Proteinbindung im Blut, seinem Abbau oder seiner Ausscheidung durch andere Stoffe beeinflusst wird, sodass seine Wirkung und Nebenwirkungen verstärkt oder abgeschwächt werden.

Zum Beispiel können sich zwei Medikamente gegenseitig beeinflussen und dabei ihre Wirkungen oder Nebenwirkungen gegenseitig entweder verstärken oder abschwächen. Dies kann sich wie eine Über- oder Unterdosierung bemerkbar machen - beides kann für den Patienten gefährlich werden.

Aber auch handelsübliche Lebensmittel können einen wesentlichen Einfluss auf die Effektivität von Medikamenten haben.

Besonders häufig und gefährlich sind Wechselwirkungen, wenn Patienten viele Medikamente einnehmen müssen, etwa weil mehrere Erkrankungen gleichzeitig vorliegen. Aus diesem Zusammenhang ist ersichtlich, dass insbesondere ältere Menschen sowie jene mit schweren chronischen Erkrankungen für Wechselwirkungen prädistiniert sind.

Arzneistoffe mit enger therapeutischer Breite - hier liegt der Dosisbereich für Wirkung und Nebenwirkungen eng beieinander - bedürfen besonders grosser Aufmerksamkeit.

Wie kommt es zu Wechselwirkungen?

Die meisten Medikamente werden im Körper nach und nach von Enzymen in der Leber abgebaut und als kleinere Bestandteile wieder ausgeschieden. Doch auch für die Aufnahme und Verteilung, zum Erreichen des Wirkortes oder zur Ausschleusung aus den Zellen werden Enzyme, andere Proteine und Arzneistoff-Transporter benötigt. An allen genannten Stellen können demzufolge Wechselwirkungen auftreten.

Gehemmter Abbau

Wenn Medikament A das Enzym hemmt, das für den Abbau von Medikament B verantwortlich ist, liegt Medikament B in höherer Konzentration im Blut vor als gewünscht. Dadurch wirkt B stärker und/oder länger.

Auch die entsprechenden Nebenwirkungen können dann stärker und häufiger auftreten. Sogar Vergiftungen sind möglich. Wenn Sie beide Medikamente zur gleichen Zeit benötigen, muss Medikament B daher geringer dosiert werden.

Zu schneller Abbau

Wenn Medikament A die Menge des Enzyms erhöht, das für den Abbau von Medikament B verantwortlich ist, wird Medikament B schneller abgebaut, was seine Wirkung mindern kann. In diesem Fall muss die Dosis von Medikament B erhöht werden.

Andere Möglichkeiten der Wechselwirkung

Medikament A kann beispielsweise die Aufnahme von Medikament B aus dem Darm steigern oder verhindern. Die Konzentration im Blut fällt dann je nach Situation zu hoch oder zu niedrig aus. Ernsthafte Nebenwirkungen oder Wirkungsverlust sind die möglichen Folgen.

Einige Medikamente werden im Blut an Proteine (sogenannte Plasmaproteine) gebunden. Bindet Medikament B stärker an diese Proteine als Medikament A, kann es Medikament A von dem Protein verdrängen, wodurch sich dessen freier Anteil erhöht. Auf diese Weise können Wirkung und Nebenwirkung von Medikament A verstärkt werden.

Wieder andere Medikamente werden über Arzneistofftransporter (sog. Effluxpumpen) aus einem Kompartiment (z.B. dem zentralen Nervensystem) ausgeschleust. Wird dieser Transporter von Medikament B blockiert, kann Medikament A nicht mehr entfernt werden und reichert sich zum Beispiel im zentralen Nervensystem an - mit unerwünschten Folgen.

Manchmal ist eine Wechselwirkung von Medikamenten aber auch erwünscht. So können sich verschiedene Medikamente in ihrer Wirkung verstärken, während die Nebenwirkungen der einzelnen Stoffe häufig schwächer ausfallen. Diese Erkenntnis nutzt man, indem man diese Wirkstoffe schon in festen Dosierungen etwa in einer Tablette kombiniert.

Medikamente, die Sie ohne Rezept in der Apotheke erhalten, sowie Nahrungsergänzungsmittel (wie Vitaminpräparate, Stärkungsmittel, Tees) können ebenfalls Wechselwirkungen verursachen.

Lebensmittel und Medikamente

Am besten nimmt man Medikamente immer mit einem grossen Glas (stillem) Wasser ein, denn hier gibt es keine Wechselwirkungen. Auf Milch und Fruchtsäfte (Beispiel: Grapefruitsaft) können Medikamente hingegen durchaus reagieren.

Im Fall von Grapefruitsaft hemmt dieser das Enzym CYP3A4. Arzneistoffe, die hauptsächlich über CYP3A4 abgebaut werden, wirken dann stärker. Schon ein einziges Glas Grapefruitsaft kann das CYP3A4-System für mehrere Tage lahmlegen und so gefährliche Medikamenten-Überdosierungen verursachen.

Bei Milch sind es vor allem die enthaltenen Magnesium- und Calciumionen, die mit einigen Arzneistoffen wechselwirken. Hierzu zählen unter anderem Antibiotika (wie Doxycyclin und Ciprofloxacin). Vollmilch gilt zudem aufgrund seines höheren Fettgehalts als "Mahlzeit", da sich fettlösliche Arzneistoffe darin lösen und im Darm besser aufgenommen werden können.

Aus dem gleichen Grund sollten bestimmte Medikamente vor oder nach dem Essen eingenommen werden. Die Angaben sind aber oft sehr irreführend und missverständlich. Viele Patienten nehmen die Medikamente dann direkt vor oder nach dem Essen ein. Dabei ist genau das Gegenteil gemeint:

Die Medikamente sollten auf nahezu leeren Magen, also mindestens zwei Stunden nach der letzten und mindestens eine Stunde vor der nächsten Hauptmahlzeit eingenommen werden. Denn Nahrung kann die Arzneien unwirksam machen oder ihren Wirkungseintritt verzögern. Ein wichtiges Beispiel dafür sind "magensaftresistente" Tabletten. Sie haben einen schützenden Überzug, der nur im leeren Magen stabil bleibt.

Ist im Beipackzettel von einer Einnahme "vor oder nach dem Essen" beziehungsweise von einer Einnahme "auf nüchternen Magen" die Rede, soll das Medikament eine Stunde vor einer Mahlzeit oder frühestens zwei Stunden danach eingenommen werden.

In anderen Fällen nimmt der Körper den Wirkstoff besser auf, wenn das Medikament zusammen mit einer Mahlzeit eingenommen wird. Der richtige Einnahmezeitpunkt ist hier direkt vor, während oder direkt nach dem Essen.

Ist im Beipackzettel von einer Einnahme "mit dem Essen" beziehungsweise "mit/zu einer Mahlzeit" die Rede, soll das Medikament unmittelbar vor, während oder unmittelbar nach dem Essen eingenommen werden.

In seltenen Fällen wird ausdrücklich empfohlen das Arzneimittel nach dem Essen einzunehmen, damit die Tablette gewissermassen auf dem Speisebrei zum Liegen kommt und somit länger Zeit hat, sich aufzulösen.

Ist im Beipackzettel von einer Einnahme "nach dem Essen" die Rede, soll das Medikament im Allgemeinen innerhalb einer Stunde nach der Mahlzeit eingenommen werden.

Nicht alle Arzneistoffe werden durch die gleichzeitige Nahrungsaufnahme beeinflusst. Wenn es keine Rolle spielt, wann das Medikament eingenommen wird, kann man sich den Einnahmezeitpunkt frei aussuchen.

Ist im Beipackzettel von einer Einnahme "unabhängig von dem Essen" beziehungsweise "unabhängig von einer Mahlzeit" die Rede, kann das Medikament zu einem beliebigen Zeitpunkt eingenommen werden.

Alkohol und Medikamente

Alkohol

Als Faustregel gilt: Wer Medikamente einnehmen muss, sollte keinen Alkohol trinken. In jedem Fall sollten Sie aber Ihren Arzt fragen, ob es zwischen ihren Medikamenten und Alkohol zu Wechselwirkungen kommen kann.

Arzneimittel lassen sich in drei Gruppen einteilen, was ihre Wechselwirkung mit Alkohol betrifft.

1. Gruppe

Alkohol und manche Medikamente werden über das gleiche Entsorgungssystem der Leber abgebaut. Dieses ist dann aber mit dem Alkoholabbau schon so stark beschäftigt, dass der Arzneistoff weiter im Körper kreist und nicht ausgeschieden wird.

Dadurch verstärken und verlängern sich die Wirkungen, aber auch die Nebenwirkungen des Medikaments. Sogar Vergiftungen sind möglich. Bei diesen Medikamenten ist dringend vom Alkoholgenuss abzuraten.

2. Gruppe

Die zweite Gruppe von Arzneistoffen wirkt an den gleichen Angriffspunkten im Körper wie Alkohol. Dadurch verstärken sich ihre Wirkungen und Nebenwirkungen. Zu dieser Gruppe zählen vor allem Schlaf- und Beruhigungsmittel, Antidepressiva und andere Psychopharmaka.

Alkohol erweitert ausserdem die Blutgefässe und senkt den Blutdruck. In Kombination mit Medikamenten gegen Bluthochdruck kann die starke Blutdrucksenkung unter Umständen zum Kollaps führen.

3. Gruppe

Bei der dritten Gruppe von Arzneien kommt es in Kombination mit Alkohol zu keiner gegenseitigen Veränderung der Wirkungen - es gibt hier also keine Wechselwirkungen.

Tabak und Medikamente

Tabak (insbesondere Rauchen) ist ein weit verbreitetes - die eigene und die Gesundheit der Mitmenschen schädigendes - Genussmittel. Weniger bekannt ist, dass Rauchen auch zu ausgeprägten Wechselwirkungen mit einigen Arzneimitteln führen kann.

Der Grund hierfür liegt in der Induktion (Anregung) von CYP1A2 - ein Enzym, das viele Arzneistoffe abbaut. Ist es durch Rauchen stärker aktiv, beschleunigt sich der Abbau der betreffenden Arzneistoffe. Die Folge: Sie wirken nur noch eingeschränkt oder schlimmstenfalls gar nicht mehr.

Beispiele für Arzneistoffe, die bei Rauchern schneller abgebaut und in ihrer Dosierung womöglich erhöht werden müssen, sind:

  • Duloxetin (Antidepressivum)
  • Clozapin und Olanzapin (Antipsychotika)
  • Riluzol (Medikament bei Amyotropher Lateralsklerose; ALS)
  • Ropinirol (Dopaminagonist)
  • Theophyllin (Reservemedikament bei COPD)
  • Tizanidin (zentrales Muskelrelaxans)

Autoren- & Quelleninformationen

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Wissenschaftliche Standards:

Dieser Text entspricht den Vorgaben der ärztlichen Fachliteratur, medizinischen Leitlinien sowie aktuellen Studien und wurde von Medizinern geprüft.

Autor:
Melanie Iris Zimmermann
Quellen:
  • Eric Kreuzmann: Die wichtigsten Arzneimittelinteraktionen, Mindmaps Taschenbuch, 2017.
  • Geisslinger, G. et al.: Mutschler Arzneimittelwirkungen - Pharmakologie, Klinische Pharmakologie, Toxikologie, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft Stuttgart, 11. Auflage, 2020.
  • Karow, T. et Lang-Roth, R.: Allgemeine und Spezielle Pharmakologie und Toxikologie, Thomas Karow Verlag, 29. Auflage, 2021.
  • Lemmer, B. et Brune, K.: Pharmakotherapie, Springer-Verlag, 13. Auflage, 2007.
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